Ja, Panik – Interview (1): „Wir haben uns natürlich schon gefragt: sind wir überhaupt noch Ja, Panik?“

Im ersten Teil unseres Ja, Panik – Interviews zur neuen Platte sprechen wir über das veränderte Songwriting, über den gänzlich neuen Klang von „Libertatia“ – und zwangsläufig damit auch über die Veränderungen im Bandgefüge. Tendenziell also eher ein Tiefeninterview über Bandumwälzungen, bei dem etwas Vorkenntnis nicht schadet – hier findet sich mit „Es gilt nach wie vor, eine Welt zu zerstören“ ein genereller Text zu Ja Panik, sollte es tatsächlich Popblog-Leser geben, die bisher nicht mit der Band stärker in Berührung gekommen sind.

Der zweite Teil des Interviews wird sich dann mehr mit Fragen nach Politik, Utopie und Kampf beschäftigen, sich auf die Textebene beziehen. Stay tuned, brothers & sisters.


Euer neues Album ist ja – mal wieder – ein ziemlicher Schnitt mit der Vergangenheit. Wart ihr nervös, wie es angenommen wird oder ist Euch das, nachdem ihr die Platte aufgenommen habt, eh egal?


Stefan Pabst (Bassist): Nach den ersten Reaktion war es ok. Es gibt immer den Moment, an dem man merkt: man ist über dem Berg. Es ist also zumindest nicht beschissen geworden. Während der Produktion geht man natürlich durch die Hölle und wieder zurück, aber wenn es gemischt und gemastert ist und man nichts mehr ändern kann, weiß man natürlich trotzdem noch nicht, wie es Externe finden.


Andreas Spechtl (Sänger): Das ist der Punkt, an dem man am wenigstens weiß, was man eigentlich gemacht hat. Mittendrin, während der Produktion, denkt man ja entweder „Das ist das Beste, was wir je gemacht haben!“ oder „Das ist wirklich das Beschissenste, was uns bisher eingefallen ist“. Aber dieses Mal muss ich schon sagen: ich bin so froh, dass es endlich fertig ist, dass es mir auch ein bisschen egal ist, wie es jetzt die anderen finden.


Hatte „Libertatia“ den bisher längsten Entstehungsprozess für eine Ja-Panik-Platte?


Andreas: ja, auf jeden Fall.


Stefan: …und längster Aufnahmeprozess! Im internationalen Vergleich ist das wahrscheinlich gar nicht so lang, aber für unsere Verhältnisse haben wir wirklich ewig aufgenommen.


Andreas: Bisher haben wir alle Platten in maximal zehn Tagen eingespielt, dieses Mal waren wir allein im Studio drei Monate und im Ganzen haben wir eineinhalb Jahre an „Libertatia“ gearbeitet.


Seht ihr „Libertatia“ als einen Einschnitt in der Ja-Panik-Geschichte oder ist das aus Eurer Perspektive eine völlig organische Entwicklung von den Indierock-Anfängen bis Heute?


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Andreas: Es ist für uns schon so etwas wie eine „zweite erste Platte“. „DMD KIU LIDT“ hatte ja auch sowas abschließendes, nach DMD hätten wir uns auch gut auflösen können. Gerade das letzte Stück von „DMD KIU LIDT“ sagt allem ab, ist fast schon apokalyptisch. Und wenn Du die personellen Veränderungen bei uns betrachtest, dann ist das schon allein deswegen so etwas wie ein zweites Debüt. Natürlich heißen wir – nach einiger Diskussion übrigens – immer noch Ja Panik, aber es ist etwas anders.


Ihr habt also sogar darüber diskutiert, Euch unter anderem Namen neu zu gründen ?


Stefan: Ja, die letzte Platte hat sich für uns auch wie ein gewisses Fazit angefühlt. Dann kam noch dazu, dass Thomas (der Gitarrist auf den vorherigen Ja,Panik-Platten, Anm.) nach Wien zurückgegangen ist und Christian (Keyboarder bei bisherigen Ja,Panik-Platten, Anm.) ankündigt hat, dass er mit „Libertatia“ nicht mehr auf Tour gehen könnte, weil er jetzt bald nach Dublin zieht, um dort zu studieren. Da haben wir uns natürlich schon gefragt: sind wir überhaupt noch Ja, Panik wenn es nur noch wir drei sind?


Der Song „Au Revoir“ hat ja auch so eine „how to disappear completely“– Stimmung. War für Euch auch zur Debatte gestanden, ob ihr überhaupt noch Musik macht oder auch ganz „verschwindet“?


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Sebastian Janata (Drummer): Es war immer klar, dass zumindest wir drei weiterhin Musik machen werden.


Stefan: In Diskussion stand eher ob wir zu dritt noch weiter unter Ja, Panik auftreten können oder sollten.


japanikneu


Wir haben zwar zwei zusätzliche Musiker, die Laura Landergott und den Jonas Poppe, der früher bei Kissogram war und jetzt auch in Oum Shatt spielt, für die Liveauftritte, aber die Platte haben wir wirklich auch nur zu dritt aufgenommen. Das war uns auch wichtig, schon allein um nicht zu suggerieren dass Thomas und Christian einfach ersetzbar, austauschbar wären.



Der Abschied von Thomas und Christian zerstört natürlich die tolle Liveperformance von Nevermind, bei der jedes Bandmitglied die nach ihm benannte Strophe selbst gesungen hat!


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Andreas: Ja, natürlich. Aber genau damit müssen wir halt auch umgehen. Es ist bis zu einem gewissen Grad auch traurig, dass wir nicht mehr die „alten“ Ja, Panik sind – aber wir hätten diese Platte auch nie mit den anderen so aufnehmen können. Wir waren als Band sowieso an einem schwierigen Punkt, auch ohne dass Thomas und Christian ausgestiegen wären. Aber dadurch dass „von außen“ noch mal zusätzlich Kräfte auf das Bandgefüge eingewirkt haben, war uns klar, dass wir auch musikalisch jetzt einen großen Schnitt machen, was sich dadurch sozusagen von selbst ergeben hat.

Es gibt Thomas’ Gitarren einfach nicht mehr – und das merkt man dieser Platte auch an. Wie geht man damit um, dass so ein zentrales Element des Ja-Panik-Sounds fehlt? – das war für uns die Frage. Und die Antwort ist für uns sicher nicht, dass ich Thomas’ Gitarrenparts in seiner Art nachspiele oder jemand anders Thomas imitiert. So gesehen ist der Wandel also organisch passiert und war keine Kopfentscheidung, dass wir unseren Sound ändern wollen.


Ist es legitim zu sagen, dass Thomas‘ Art Gitarre zu spielen, Ja Panik auch immer im klassischen Indie-Rock verhaftet hat?


Andreas: Ja. Wobei ich das jetzt nicht an Thomas fest machen will, sondern an den Antworten, die wir in unserem Spiel auf Thomas’ Gitarren gegeben haben. Thomas hätte aber über diese Platte auch wirklich nicht „seine“ Gitarren drüber spielen können bzw. wären wir mit Thomas in der Band auch niemals bei „Libertatia“ angekommen.


Sind alle Songs komplett neu entstanden für die Platte?


Andreas: Musikalisch ist alles komplett neu für „Libertatia“ geschrieben worden, textlich schleppe ich ja immer jahrelang Ideen mit mir herum – das war aber auch schon bei DMD so, dass ich dort Texte verarbeitet habe, die vorher nicht in unsere Lieder gepasst hatten.


Findet ihr dass man aus Euren Vorgängerplatten schon diesen Weg zu „Libertatia“ herauslesen konnte? Gibt es Anknüpfungspunkte?


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Andreas: Es ist hauptsächlich die Produktionsweise, aber ich denke dass man durchaus auch Songs von der „DMD KIU LIDT“ für „Libertatia“ hätte aufnehmen können. Wenn ich zum Beispiel „Trouble“ nehme, das hat einen leichten Disco-Beat, eine Orgel, etwas Falsett-Gesänge – nur haben wir es wie ein John-Cale-Stück behandelt.
Wir hatten schon recht poppige Stücke auf der DMD, die aber durch den Sound zurückgehalten wurden.


Ich habe mir das vor allem auch bei „Run From The Ones That Say I Love You“ gedacht, was ja in den Strophen mit seinem Handclaps-Beat schon etwas sehr funkiges hat – nur wird dann eben im Refrain immer die Noise-Wand auspackt.


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Andreas: Stimmt, „Run From The Ones“ hat fast was souliges, etwas gospelhaftes. Und für die neue Platte wurden diese Ideen eben ausformuliert, nicht nur angedeutet und dann doch wieder „klassisch“ gespielt.


Weil ihr jetzt schon häufiger auf die unterschiedliche Aufnahmesituation hingewiesen hat, erläutert das mal?



Sebastian: Bisher haben wir im Studio mehr eine Liveaufnahme eingespielt, wie das auch die klassische Arbeitsweise von Moses Schneider ist, der unsere letzten beiden Platten mit uns produziert hat. Jetzt mit Tobias Levin als neuem Produzent ist die Arbeitsweise völlig anders, viel mehr Tüftelei, viel mehr Arbeiten am Arrangement, am Computer, nachdem der Song aufgenommen wurde. Wir haben jetzt eben auch mal zwei Tage nur am „Groove“ eines Songs gearbeitet.


Henne-Ei-Frage: Seid ihr bewusst zu Tobias Levin, weil ihr wusstet, dass er so arbeitet, oder hat sich die Arbeitsweise so ergeben, weil ihr zu Tobias Levin seid?


Andreas: Es war eine bewusste Entscheidung. Wir wollten auf jeden Fall völlig anders aufnehmen und vor allem eben nicht mehr mit der Idee von Live-Takes arbeiten. Jeder von uns hat auch eine klare Vorstellung vom Instrument des jeweils anderen gehabt und daran mitgearbeitet. Wenn du dagegen bei Moses aufnimmst, bist du in einer Livesituation und so sehr mit deinem eigenen Part beschäftigt, dass du gar nicht die anderen „mitdenken“ kannst.
In der neuen Konstellation, also zu Dritt, hätten wir aber „Libertatia“ auch gar nicht mit Moses aufnehmen können. Es gibt uns ja praktisch erst jetzt zur Tour als Band wieder. Bei den Aufnahmen haben ja drei Leute so getan als wären sie fünf. Oder sechs.


Ich habe mal zusammengerechnet, dass ich Euch inklusive der kleinen Auftritte in Christiane Rösingers Flittchenbar acht- oder neunmal seit „DMD KIU LIDT“ gesehen habe. Und in der Zeit habt ihr so viele unterschiedliche Facetten aufscheinen lassen: ihr habt „Copkiller“ von Bodycount auf eine Art gecovert, dass das sicherlich das härteste/punkigste Stück von Ja Panik bisher wurde, seid aber andererseits z.B. in der Flittenchbar einmal als Early 80ies Electroband aufgetreten, im Gary Numan – Style.


Andreas: … da haben wir Billy Joel – Lieder so gespielt, wie sie klingen würden, wenn sie Gary Numan covert…


… das hat also für mich eine ziemliche Bandbreite an Möglichkeiten aufgespannt, wie die nächste Ja Panik – Platte also klingen könnte. Hattet ihr denn im Laufe der langen Entstehungsphase von „Libertatia“ auch schon andere Wege bestritten, andere Genres gedacht?


Andreas: Es gab diesmal von fast allen Songs verschiedene Versionen, wobei wir schon immer diese Richtung grob eingeschlagen hatten.


Das heißt 2034 könnt ihr dann für die „Libertatia“-Anthology schön eine zweite Platte mit alternativen Versionen veröffentlichen…


Stefan: Zu „Nevermind“ gibt’s übrigens auch eine Version mit der ganzen Band. Die ist aber wirklich schrecklich.


Sebastian: Die ist wirklich völlig zu recht nicht für das Album genommen worden, die kannst‘ keinem vorspielen.


Andreas: Aber für die „Libertatia“ gibt’s schon einige gleichwertige Versionen.


Sebastian: Bei der Platte ist es aber halt schon so, dass die anderen Versionen wirklich ’neue Songs‘ aus den Liedern machen. Der Text ist gleich, klar, aber die sind so anders gespielt, dass sie auch gar nicht auf „Libertatia“ gepasst hätten. Von „Chain Gang“ gibt’s zum Beispiel eine tolle andere Version, die aber einen ganz anderen Song daraus macht.

Exkurs: Bald erscheint das Compilation-Album „Keine Bewegung“, das Staatsakt (Mutterlabel von Ja, Panik) und das junge Hamburger Label Euphorie (die unter anderem Trümmer herausbringen), zusammen veröffentlichen. Auf „Keine Bewegung“ versammeln sich die besten neuen heimischen Bands der Stunde und werden auch Ja, Panik mit einem Song namens „01571“ vertreten sein. Dabei handelt es sich um genau solch eine „andere Version“, die aber tatsächlich weit über das Prinzip „Remix“ hinausgeht und das eher luftig-schwelgerische und bis auf den Refrain recht klassisch strukturierte „Alles leer“ von der „Libertatia“-Platte so richtig in die Disco entführt, viel stärker beatbetont ist, gar an Dub erinnert. Ein völlig eigenständiger Song, der, sagt es leise, dem Original sogar überlegen ist.



Wenn ihr irgendwann mal bei einem Major wie Universal unter Vertrag seid, dann könnt ihr wenigstens wie manch andere Band, sagen wir mal Tocotronic, alle drei Jahre ein neues Greatest-Hits-Album rausbringen, auf das ihr noch ’ne zweite Platte mit irgendwelchen Demos und Outtakes draufklatscht, wo man sich manchmal schon überlegt: wo kriegen die denn jetzt schon wieder irgendwelche „Alternativ-Versionen“ ihrer Songs her…


Stefan: Oder wir machen’s gleich wie Johnny Cash und veröffentlichen noch ein paar verschollene Platten, wenn wir schon tot sind.


Andreas: Was aber interessant ist an dem Möglichkeitsraum, den Du da gerade aufgespannt hast: das hat sich ja tatsächlich irgendwie in der Platte niedergeschlagen. Das Gary-Numan-hafte hast Du in der Musik, zum Beispiel durch die Synthies, und „Copkiller“ findest du als Anklang schon in den Texten wieder. „Libertatia“ ist textlich ohne Frage die direkteste Ja-Panik-Platte.


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Weil Du vorhin gesagt hast, dass „DMD KIU LIDT“ wie eine John Cale – Platte gespielt war, gibt es denn für „Libertatia“ auch eine klare Inspiration oder eine Band, die den Ausschlag gegeben hat, dass „Libertatia“ jetzt so klingt?



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Andreas: ich habe die eine Talk Talk Platte mit „Happyness Is Easy“ (Anm.: The Colour Of Spring) ganz oft gehört und natürlich nach wie vor viel „Sandinista!“ von The Clash. Aber auch High Life, eine Musikrichtung aus Ghana, die sich ein wenig in den Gitarren niederschlägt – aber natürlich haben wir jetzt keine „Weltmusikplatte“ gemahct, das liegt uns natürlich völlig fremd. Ich bin halt irgendwann am Frühstückstisch von FluxFM zu SpreeRadio gewechselt, das hört man *lacht*

Es ist einfach auch wieder mein altes Elton-John-Songwriting nach vorne gekommen, die letzte Platte war für mich dagegen im Songwriting eher eine Blues-Platte. Du musst Dir halt auch die Produktion „weghören“, also Dich nicht vom Oberflächenklang verleiten lassen, sondern ausgraben, was dahinter steckt. Ich habe mir ein viel analytischeres Musikhören angewöhnt – zum Beispiel Songs zu hören, bei denen meine erste Reaktion ist: das ist jetzt echt der abgedroschenste Mainstreamscheiss, aber das Songwriting das dahinter steht ist wirklich toll. Bisher hatten wir ja eher so ein Lou-Reed-Ding: drei, vier Akkorde und los. Ich bin nach wie vor ein Riesenfan von Lou Reed, aber bei der Aufnahme für die neuen eigenen Songs hat es mich nicht mehr so interessiert.




Im zweiten Teil des Interviews spreche ich mit Ja Panik über Blumfeld-Vergleiche, Drogen & den Hedonismus, utopistische Ideale, die Frage was Libertatia in diesem Sinne sein soll, eigene „lostness“ und das Book Of Love.
Bleib dran.



Ja, Panik im Popblog:
* Ja, Panik – Portrait: Es gilt nach wie vor, eine Welt zu zerstören.
* Interview mit Ja, Panik (1): “Es sind schon unschuldigere Menschen als Merkel und Sarkozy getötet worden”
* Interview mit Ja, Panik (2): “Das Konzept Rockband ist ein Auffangbecken für machoide, kleingeistige, trottelige, schwanzfixierte Idioten”
* Song des Jahres 2011: DMD KIU LIDT
* Album des Jahres 2011: DMD KIU LIDT
* Album des Jahres 2009: The Angst & The Money
* Plattenkritik zu Libertatia
* Plattenkritik zu Nevermind-EP
* Album des Monats September 2009
* 15 Fakten über das neue Ja, Panik – Album
* Andreas Spechtl bei Stermann & Grissemann
* My Favourite Records mit Ja, Panik

Ja Panik auf der Bühne:

Apr 20 DE Dresden
Apr 21 AT Wels
Apr 22 AT Graz
Apr 23 AT Salzburg
Apr 24 AT Innsbruck
Apr 25 CH St. Gallen
Apr 26 DE Heidelberg
Apr 28 DE Düsseldorf
Apr 29 DE Münster
Apr 30 DE Bremen
May 01 DE Bochum
May 02 DE Rostock
May 03 DE Hannover
May 13 DE Berlin
Jul 12 DE Rüsselsheim
Jul 19 DE Gräfenhainichen
Jul 31 DE Feldkirch
Aug 01 DE Freising