Heilige Kühe: Gegen das Nirvana-Album „MTV Unplugged in New York“

Im Rahmen der Hysterie um den zwanzigsten Todestag von Kurt Cobain ist mir ein lange verdrängtes Ärgernis wieder eingefallen: das „MTV Unplugged“-Album von Nirvana.

Warum wird eine Platte ohne neues Songmaterial wie Nirvanas MTV Unplugged Album mit so einer Aufmerksamkeit bedacht? Nicht selten bekommt man den Eindruck, dass hinter „Nevermind“ das „MTV Unplugged“ – Album sogar das zweitwichtigste im Nirvana-Ouevre wäre, auch wenn sich mancher dann doch noch erbarmt, das Schwierige und Gegendenstrichgebürstete von „In Utero“ anerkennend zu erwähnen.

Dabei ist MTV Unplugged doch ein sehr seltsamer Move im Rahmen der gut überlieferten Anti-Fame-Attitude von Cobain gewesen. Klar, Nirvana spielen kein „Smells Like Teen Spirit“ und die Wahl der gecoverten Songs reicht von eher obskurem Bowie-Material („The Man Who Sold The World“) über Indie-Pop-Heroen The Vaselines („Jesus Doesn’t Want Me for a Sunbeam“) zu Lead Bellys Folk-Klassiker „Where Did You Sleep Last Night“, also tendeziell randständigem Material.


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Aber dennoch wirkt die Setlist eher wie eine Konzession, um sich nicht den totalen Ausverkauf sich anrechnen lassen zu müssen. Denn: was ist ein MTV Unplugged – Album anderes als Nirvanas Songs coffetable-tauglich zu machen? Sie in verträglichen Dosen dem Mainstream, der egalen Masse zuzuführen?

Das Ziel des „Unplugged“-Albums, zumindest von Plattenfirmenseite, war, dass man nun auch den „normalen Radiohörern“ ein Nirvana-Album verkaufen konnte. „Unplugged“ ist das Nirvana-Album für jene, die „Nevermind“ zu krachig und „In Utero“ natürlich zu verstörend fanden. Es ist doch auch viel „schöner“ als In Utero! Und hier liegt auch das Problem an der recht elitistischen Coversongs-Auswahl: dieses Publikum interessiert es dann auch nicht, ob Leadbelly oder die Vaselines hinter dem einen oder anderen Song stehen.

Und am Ende bleibt die Musik: die Songs sind einfach öde. Ein schönes Beispiel ist der durchaus sehr lustige folgende Zusammenschnitt, in dem Kindern von heute Nirvana-Videoclips vorgespielt werden. Wo hat das vermaledeite „About A Girl“ denn hier eine Kraft und ein Verstörungspotential wie das zuvor gezeigte „Heart Shaped Box“?



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Und selbst wenn man nicht Akustik-Äpfel mit E-Gitarren-Birnen vergleichen will: wenn Nirvana aus sich selbst heraus mehr oder minder unplugged waren, also auf ihren Alben Folk-Songs wie „Polly“ oder „All Apologies“ integrierten, waren sie um so viel besser als alles, was im fürs MTV Publikum heruntergedimmten Unplugged-Umfeld geschah.


Wenn man Nirvana schon verehrt, dann bitte wegen „In Utero“ oder meinetwegen „Nevermind“, aber behandelt doch das Formatfernsehen-Livealbum nicht wie eine Niederkunft des Messias mit Gitarre!

Kommentare (5)

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  1. lausiger kommentar. da war einer einfach saugelangweilt davon, dass nirvana nicht ihre größten hits performt haben, sondern einfach mal was anderes wollten (da kurt die meissten singles eh zum halse raus hingen finde ich es super und total offen und ehrlich von ihm zu sagen, er kann auch andere lieder singen…mit den anderen jungs zusammen)

  2. Da spricht mir endlich mal jemand aus der Seele. Die ganze MTV Unplugged-Reihe war eine Anhäufung von Kommerzkacke. Musikalisch extremst uninteressant und uninspiriert! Im Falle Nirvana tatsächlich für die Leute gemacht, bei denen man in Folge des Charterfolgs von „Nevermind“, dessen Landgewinne im Mainstream-Publikum noch mal zu Geld machen wollte und die „In Utero“ einfach zu verstört zurückgelassen hätte…

    Grüße und schönes Restwochenende…

    miret
    33rpmpvc.de

  3. Also, zunächst mal ist der Grundansatz des Beitrages natürlich richtig, gleichwohl sind einige Analyseelemente zu debattieren:

    Der MTV-Auftritt war nicht aufgrund der Auswahl des Cover-Materials schlecht, sondern weil dieses lieblos und ohne Berücksichtigung der originären Spannungsbögen heruntergespielt wurde. So ist etwa „The Man Who Sold The World“ kein „randständiges, obskures Material“, sondern einer der drei besten Bowie-Songs (neben „Life On Mars“ und „Station To Station“). Das Problem dieser Unplugged-Sache lag somit in der Tat in der Ödnis der Umsetzung.

  4. Stimmt natürlich alles irgendwie – gleichzeitig berührt dieser ausgestellte Musik-Nerd-Purismus und kindische Anti-Opportunismus des Autors aber auch irgendwie seltsam. Kennt man ja: Die Kränkung des Kenners, wenn die hohle, dumpfe Masse fünf Jahre später etwas subjektiv Wertvolles ebenfalls für sich entdeckt – und dann auch noch aus ganz anderen, natürlich deutlich weniger durchdachten (respektive: den falschen) Gründen. Persönlich einigermaßen nachvollziehbar – aber eigentlich sollte man dergleichen doch mit spätestens Mitte 20 hinter sich lassen. Zumal der Text in diesem konkreten Fall die Bedeutung der Platte ja auch völlig verkennt: Denn die war ja nunmal – ob es einem nun gefällt oder nicht – neben dem Tod Cobains DER Hauptauslöser für dessen bis heute andauernden Ruhm. Oder glaubt jemand, heute die ganze Welt würde heute ebenfalls ein ’20 Jahre danach‘-Jubiläum begehen, wenn Nirvana immer konsequent mit ‚in Utero‘ Songs durch kleine und kleinste Clubs getingelt wäre?! Und schließlich: Mag ja sein, dass Cobain an seinem Ruhm zerbrochen ist – aber das heißt ja nicht, dass ihm die Platte nicht trotz ihrer Gefälligkeit auch als relevanter Ausdruck seines künstlerischen Schaffens erschienen ist. Nach allem, was man weiß, wusste er doch meistensteils, was er tat. Wer das Ding also liebt und Nirvana nur wegen der Stecker-raus-Platte verehrt, der soll doch. Allemal besser als ‚one direction‘ hören.

  5. Ich mochte das Album damals sehr. Normales Nirvana war mir immer zu luschig und zu mainstream, das lief ja sogar im Radio, jeder kannte es, jeder mochte es, das war eindeutig Musik für Mädchen. Aber das Zeug dann instrumental zu machen, fand ich interessant und nett und war mir neu und funktionierte ganz gegen meine Erwartungen ausgesprochen gut. Andere Musik für entspannte Stunden hatte ich nicht.