Songs des Jahres 2014

1. Trümmer – Revolte





Vielleicht ist „Revolte“ genau der Song, der entscheidet, wie man zu Trümmer steht. Natürlich kann man den Barrikadensturm der jungen Hamburger outdated finden und nur einem Rio Reiser zugestehen und selbstredend kann man den eingängigen Ba-ba-ba-ba-Refrain bei einem Kampfeslied irritierend finden. Aber andererseits: warum eigentlich verdammt noch mal nicht? Warum sollten Trümmer nicht diese Songs schreiben, wenn sie es einfach können?
Der beste Song des Jahres, auch weil er Eingängigkeit, Pop und Aufruhr vereint. Wirklich, England wäre derzeit froh, wenn sie eine Band hätten, die einerseits Potential jenseits kleinster Nischen mit einem politischen Ansatz verbände. Wären Trümmer aus England, der NME hätte mit ihnen in 2014 die Titelcover zugepflastert.

Ich weiß nicht mehr wohin
und ich weiß nicht mehr wo lang
und ich starte die Revolte
und ich setz das Land in Brand

und ich weiß nicht mehr wo lang
und nicht ganz genau wo hin
lieber ein offenes Ende
als ein Leben ohne Sinn

Lasst uns zur Sonne rennen
aus Worte werden Taten
ich will lieber verbrennen
als ewig hier zu warten



2. Wanda – Bologna


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Die Rückkehr des Austropop. Vielleicht ist es passend, dass in einem unverschämt starken österreichischen Musikjahr dann auch noch kurz vor Ende eine Band wie Wanda um die Ecke kommt, die sich auf klassische österreichische Vorgänger beruft. Wanda sind in gewisser Weise die Anti-Ja-Panik, denn unverkopfter kann man kaum noch texten als Michael Wanda – was nicht heißt, dass die Texte einfältig wären. „Amore“ ist ohne Zweifel der große Höhepunkt des Albums und hat den Refrain des Jahres.


3. Ja, Panik – Dance The ECB


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„Dance The ECB“ ist vielleicht noch mehr als der Titelsong „Libertatia“ das ganze Ja-Panik-Album in a nutshell. Als hätten Spechtl & Co. den frühen Prince entdeckt, Heaven 17s Idee von Pop gegen den Kapitalismus neu übersetzt und dabei den besten Text des Jahres geschrieben. Wer zu „Shake the government / Shake its fucking police / Dance the ECB / Swing die Staatsfinanzen / Sing ihnen ihre Melodien / Zwing sie zum tanzen“ nicht mit gestreckter Faust auf den Dancefloor gegen das System antanzen will, dem ist auch nicht mehr zu helfen.


4. Parkay Quarts – Pretty Machines


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Seit die Parquet Courts vor zwei Jahren auf den Plan getreten sind, wird gern aufgrund der Kombination von New York und Gitarren von den neuen Strokes geraunt. War aber eigentlich immer Quatsch, weil die Parquet Courts sich viel mehr auch in Richtung Post-Punk orientierten als das die Strokes je taten. Doch mit „Pretty Machines“ vom zweiten Album aus diesem Jahr (in kleinerer Besetzung und unter dem Alias-Namen Parkay Quarts) haben sie nun tatsächlich einen solchen Lou-Reed/Velvet-Underground-Song geschrieben wie ihn auch die Strokes in ihren besten „Modern Age“ – Zeiten nicht besser hinbekommen hätten. Dass Andrew Savage dazu auch noch mal so nebenbei die Frage im Text abhandelt, ob counter culture nicht immer auch zur commodity wird und sich so mit dem Kapitalismus vereint anstatt ihn zu bekämpfen, ist allerdings schon ein Unterschied zu den Strokes-Lyrics, die meist eher gut klingen als viel sagen.

Punk songs, I thought that they were different
And I thought that they could end it
No, no it was a deception
Well, the number of tears
And the number of beers were dried out and accounted
For a number of years
But these days I fear that my window was just a reflection
Still, you think that you’re not a servant
You think that you can avoid
The stylish institution, worshiping illusions
Things you thought you could destroy
Oh, crowded loud and crimson was my view from the pit
I was wild, I was weird, I was shackled to it



5. La Roux – Sexotheque


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Elly Jackson hat sich fünf Jahre Zeit gelassen für ihre Rückkehr seit sie mit „Bulletproof“ und „In For The Kill“ eine Pop-Sensation geworden war. Zudem stand noch die Trennung von ihrem damaligen Songwriting-Partner an – umso erstaunlicher also, dass sie direkt an ihr hervorragendes Debütalbum anknüpfen kann, den Sound etwas modernisiert und dennoch absolut La Roux bleibt.


6. The Vacant Lots – Make The Connection


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Ein zehnminütiges Monster in Feedback-Schleifen gewickelt. Näher als The Vacant Lots mit „Make The Connection“ ist schon lange niemand mehr an das erste Suicide-Album herangekommen. Die Gitarrenlinien werden aufeinandergeschichtet, darüber mehr gesprochen als gesungen und als ewiges Mantra der Satz „Eyes wide awake / watching life disappear“ intoniert.


7. Schnipo Schranke – Pisse





Noch nicht einmal eine Single haben die zwei Hamburger Mädels von Schnipo Schranke veröffentlicht, sondern lediglich einen Beitrag auf dem tollen „Keine Bewegung“-Sampler von Staatsakt geliefert – was aber zur allgemeinen Verblüffung tatsächlich zu einem Platz 1 in den Kritiker-Charts des Intro-Magazins geführt hat! Auch bei uns findet sich „Pisse“ in den Top10, dessen manchmal grenzwertiger Text auf seine ganz eigene Art eben auch wieder an den richtigen Stellen schmerzt. Bei aller melodieseligen Fäkalsingerei schaffen’s Schnipo Schranke eben, diesen gewissen Verstörungspunkt zu setzen.
Fand übrigens auch YouTube, denn das dazugehörige Video wurde dort aus Anstandsgründen gelöscht. Dabei sieht man doch nur die beiden Damen frühstücken.


8. Alvvays – Archie Marry Me


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Am Anfang hielt ich Alvvays lediglich für geschickte Best-Coast-Kopisten und auch wenn der Vergleich zur Band von Bethany Cosentino (die mit „When I’m With You“ auch schon mal den Song-des-Jahres-Award im Popblog gewonnen hatten) natürlich nicht von der Hand zu weisen ist, tut man Alvvays unrecht, würde man sie nur darauf reduzieren. Auf einem Album, das laut „Sommer!“ schreit, ist „Archie Marry Me“ der große Höhepunkt. Wer übrigens aufgrund des Titels eine Zuckerüberdosis und Romantikquatsch befürchtet, der sei beruhigt, beginnt der Song doch mit den Zeilen: „You’ve expressed explicitly your contempt for matrimony / You’ve student loans to pay and will not risk the alimony“…


9. Parkay Quarts – Uncast Shadow Of A Southern Myth


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Und tatsächlich noch einmal die Parquet Courts in ihrer Zweitfunktion als Parkay Quarts. Diesmal mit dem Abschlußtrack ihres zweiten Albums aus 2014, das nun wiederum die alten Pavement-Vergleiche rechtfertigt. Aber auch hier gilt wie beim oben erwähnten „Pretty Machines“ dass Andrew Savages Lyrics einen musikalisch schon beeindruckenden Song auf eine andere Ebene heben. Von der „verbrannten Erde“-Politik von General Sherman im amerikanischen Bürgerkrieg über Elvis-Referenzen („Lying face down in the throes of atonement / Checked out of the Heartbreak Hotel“) gelangt Savage zu einem Statement gegen die „Stand Your Ground“-Selbstverteidigungspolitik:

„Black male standing around 6 foot something
Ebbs through the waves of small town blight
A minute coldly from southern affection
Collides secretly into night

Forgive those who trespass against us
Began as the dead intruders plea
Into the very muzzle I’d once peered into
He gives the last words he will speak

But that broken glass supports forced entry
Reminds his lawyer through the phone
What southern judge do you know, comforting gently
Who jails white men who defend their home“



10. Andrew Jackson Jihad – Linda Ronstadt


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After a year of hiding all my feelings
I totally lost my shit in that museum
All from a video installation of Linda Ronstadt

I almost made it through a year of choking down my fears
But they’re gone for now
All thanks to Linda Ronstadt




11. Trümmer – Wo ist die Euphorie
12. Parquet Courts – Duckin‘ and Dodgin‘
13. Jens Friebe – (I’m Not Born For) Plot-Driven Porn
14. Ja, Panik – Eigentlich wissen es alle
15. Parquet Courts – Instant Disassembly
16. Fat White Family – It’s Raining In Your Mouth
17. Die Nerven – Nie wieder scheitern
18. Fat White Family – Garden Of The Numb
19. Ja, Panik – 01571 (Demo von Alles leer)
20. Trümmer – Morgensonne
21. Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen – Rock/Pop National


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22. Isolation Berlin – Alles Grau
23. Ja, Panik – Au Revoir
24. Damon Albarn – Hollow Ponds
25. Jamie T – Zombie


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26. Fat White Family – Bomb Disneyland
27. Gruff Rhys – American Interior
28. Human Abfall – Überkatze
29. The Rentals – Traces Of Our Tears
30. Die Heiterkeit – Factory

31. Jamie T – Rabbit Hole
32. Die Heiterkeit – Pauken & Trompeten
33. Jenana – 2 Seconds
34. Die Nerven – Eine Minute scheitern
35. Erobique – Careless Pimper
36. Ex Hex – Hot & Cold
37. Snoffeltoffs – Elb-Delta Blues
38. Karies – Paradies
39. The Amazing Snakeheads – Here It Comes Again


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40. GWAR – West End Girls / People Who Died
41. Julian Casablancas & The Voidz – Human Sadness
42. Parquet Courts – Sunbathing Animal
43. Cherry Glazerr – Had Ten Dollaz
44. Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen – Kennst Du Werner Enke?
45. Slow Club – Number Ones
46. Baxter Dury – Wintery Kisses
47. Tobias Jesso jr. – True Love
48. Julian Casablancas & The Voidz – Dare I Care
49. Diamond Version feat. Neil Tenannt – Were You There
50. Blue Angel Lounge – In Distance



Vorjahresgewinner:
* 2013: The Strokes – One Way Trigger
* 2012: Kavinsky – Nightcall
* 2011: Ja, Panik: DMD KIU LIDT
* 2010: Best Coast: When I’m With You
* 2009: Girls: „Lust For Life“ und „Hellhole Ratrace“ (geteilter erster Platz)
* 2008: Crystal Castles vs. HEALTH: Crimewave
* 2007: The Cribs feat. Lee Ranaldo: „Be Safe“
* 2006: The Strokes: „Heart In A Cage“

Und 2013?

1. The Strokes – One Way Trigger
2. Daft Punk – Giorgio By Moroder
3. King Krule – Easy Easy
4. Wild Billy Childish & CTMF – All Our Forts Are With You
5. Chuckamuck – Hitchhike
6. Messer – Neonlicht
7. Daughter – Youth
8. Gabriel Bruce – Cars Not Leaving
9. Big Sean featuring Kendrick Lamar & Jay Electronica – Control
10. The Julie Ruin – Run Fast
Mit Text? hier

Und 2012?

1. Kavinsky – Nightcall
2. Bonnie ‚Prince‘ Billy – I See A Darkness
3. Pond – You Broke My Cool
4. Die Nerven – Irgendwann geht’s zurück
5. Chromatics – These Streets Will Never Look The Same
6. Var – In Your Arms
7. This Many Boyfriends – Tina Weymouth
8. Peace – California Daze
9. Kid Kopphausen – Das leichteste der Welt
10. Bleeding Knees Club – Teenage Girls
Mit Text? hier

Und 2011?

1. Ja, Panik: DMD KIU LIDT
2. The Rapture: How Deep Is Your Love
3. Ja, Panik: Nevermind
4. Locas In Love: Manifest
5. Tyler, The Creator: Yonkers
6. Metronomy: The Bay
7. WU LYF: Such A Sad Puppy Dog
8. The Strokes: Under Cover Of Darkness
9. Noah & The Whale: L.I.F.E.G.O.E.S.O.N.
10. Die Heiterkeit: Die Liebe eines Volkes hat mich zur Königin gemacht


Mit Text? Hier

Und 2010?

1. Best Coast: When I’m With You
2. Blur: Fool’s Day
3. The Drums: Down By The Water
4. Magic Kids: Hey Boy
5. Kath Bloom: Heart So Sadly
6. The Smith Westerns: Be My Girl
7. Girls: Substance
8. Clinic: Baby
9. CEO: Come With Me
10. Belle & Sebastian: I Want The World To Stop

Und 2009?

1. Girls: „Lust For Life“ und „Hellhole Ratrace“ (geteilter erster Platz)
2. Element Of Crime: “Kaffee und Karin”
3. The Horrors: “Who Can Say”
4. We Were Promised Jetpacks: “It’s Thunder And It’s Lightning”
5. Jamie T: “Sticks & Stones”
6. The Wave Pictures: “Tiny Craters In The Sand”
7. The Maccabees: “No Kind Words”
8. Julian Casablancas: “11th Dimension”
9. Fehlfarben: “Nichts erreicht meine Welt” (live)
10. Felice Brothers: “Penn Station”

Mit Text? Hier


Und 2008?

1. Crystal Castles vs. HEALTH: Crimewave
2. Glasvegas: Daddy’s Gone
3. Wild Billy Childish & The Musicians Of The British Empire: He’s Making A Tape
4. Hot Chip: Ready For The Floor
5. MGMT: Kids
6. HEARTSREVOLUTION: C.Y.O.A.
7. 1000 Robota: Ich blicke an dir vorbei
8. The Mae-Shi: Run To Your Grave
9. Be Your Own PET: Becky
10. Mystery Jets feat. Laura Marling: Young Love

Mit Text? Hier


Und 2007?

1. The Cribs feat. Lee Ranaldo: „Be Safe“
2. Emmy The Great: “Easter Parade”
3. M.I.A.: “Paper Planes”
4. Babyshambles: “There She Goes (A Little Heartache)”
5. Die Türen: “Indie Stadt”
6. The Indelicates: „Julia, we don’t live in the 60ies“
7. Tocotronic: “Kapitulation”
8. Joe Lean & The Jing Jang Jong: “Lucio Starts Fires”
9. Black Lips: “Bad Kids”
10. Glasvegas: “It’s My Own Cheating Heart That Makes Me Cry” (demo)

Mit Text? hier

Und 2006?

1. The Strokes: „Heart In A Cage“
2. Love Is All: „Spinning & Scratching“
3. Dirty Pretty Things: „Bang Bang You’re Dead“
4. Guillemots: „Trains To Brazil“
5. Clap Your Hands Say Yeah: „Upon This Tidal Wave Of Young Blood“

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