http://blogs.taz.de/popblog/wp-content/blogs.dir/1/files/2018/01/Bildschirmfoto-2018-01-31-um-08.26.47.png

vonChristian Ihle 03.11.2015

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

Mehr über diesen Blog

Ziemliche Begeisterung hat die Verleihung des Georg-Büchner-Preises, der renommiertesten deutschen Literaturauszeichnung, an Rainald Goetz ausgelöst.

Als Goetz am Wochenende den Preis entgegennahm, hielt er eine halbstündige Dankesrede, die wunderbar irrichternd war und „Jugend“ als zentrales Motiv hatte. In diesem Zusammenhang hat Goetz das neue Album der Fehlfarben zitiert und tatsächlich mit dem – gesungenen! – „Bologna“-Refrain von Wanda geendet, siehe auch hier als Video.

Richard Kämmmerlings von der Welt interpretiert diesen Verweis auf Wanda übrigens als eine Art Antwort auf Navid Kermanis Auftritt in der Paulskirche, der seine Rede nicht mit einem Song, sondern einer Aufforderung zu einem stillen Gebet beendete – eine Vermutung, die nicht ganz von der Hand zu weisen ist, da Goetz auch Kermani im Laufe seines Auftritts erwähnt.

„Wie wollen wir leben? Irr, fanatisch, destruktiv schreit die Schrift, böse, ideal und realistisch kaputt. Was muss ich denken, um richtig zu verstehen, was ich fühle, wenn ich sehe, was passiert? Gar nichts! Hass, Delirien der Negativität!

Die Diktatur der Schrift regiert ein Reich der Finsternis. Thomas Bernhard hat diese Urwahrheit in seiner Büchner-Rede benannt, hat zwanzigmal Tod, Verrücktheit und infame Lüge gesagt, fertig war die kürzeste und denkbar schönste Rede hier. Das war 1970, darüber macht man sich heute eher lustig. Ich finde das falsch.

Jugend hat die Gesellschaft erobert, verwandelt, verbessert und ist selbst dabei zu Grunde gegangen, immer wieder. Peter Hein im neuen Fehlfarben-Video: „Davon geht die Welt nicht unter, dass man sie zerstört“ – und zeigt beim Singen sein unfassbar zerstörtes, eigenes Gesicht vor, das an die Houellebecq’sche Selbstzerstörungsdemonstration heranreicht. „Schau dir an Gesellschaft“ sagen die Gesichter dieser Künstler, „was aus dem Ich hier wird: der totale Ruin“.

(…)

Wie wollen wir leben? Die letzte Anrufung soll der Stadt meiner Väter, Wien, gelten. Was ist das Ergebnis dieser Rede, Wanda? Wenn jemand fragt, wofür du stehst?
Wenn jemand fragt, wofür du stehst, sag für Amore, Amore!“



Das Deutschland-Radio hat die komplette Rede online gestellt, hier zum Nachhören




Und hier das angesprochene Fehlfarben-Video:


YouTube Preview Image


Mit Dank an Joachim für den Hinweis auf den Welt-Artikel.


Hinweis in eigener Sache:

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/popblog/2015/11/03/rainald-goetz-rede-zum-buechnerpreis-mit-thomas-bernhard-fehlfarben-und-wanda-referenzen/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.