A Year In Pictures: Die Filme des Jahres 2015

1. Victoria (Regie: Sebastian Schipper)


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Ohne Zweifel die Sensation des Kinojahres. 16 Jahre nach seinem „Absolute Giganten“-Meisterwerk, das eine ganze Jugend (oder zumindest den in der Subkultur verhafteten Teil davon) geprägt hat, kehrt Sebastian Schipper mit „Victoria“ zurück. 140 Minuten in Echtzeit erzählt und ohne Schnitt gefilmt lässt einen „Victoria“ atemlos und geschafft zurück. All die Highs und Lows dieser Zwei Stunden Plus, die Freude, das Leben, die Tragik und der Tod, sie sind auch deshalb so nah und dicht, weil Schippers Kamera nie von den Figuren weicht, immer mittendrin ist – und weil die beiden zentralen Figuren Laia Costa (Victoria) und Frederick Lau (Sonne) fabelhaft spielen.
Victorias Reise durch eine Nacht in Berlin und hinein in den anbrechenden Tag ist auch für den Zuschauer kräftezehrend wie eine durchfeierte und abgefuckte Nacht, aber im gleichen Moment eben genauso euphorisierend. Ein wilder Schuß Adrenalin für das deutsche Kino mit einem Frederick Lau, der wie der große Frank Giering damals vor 16 Jahren für Schipper die Rolle seines Lebens spielt. Was. Für. Ein. Film.


2. B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin (Regie: Hoppe/Maeck/Lange)


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„B-Movie“ ist nicht einfach eine Dokumentation über die Punkjahre im Westberlin der 80er, sondern dank des Kunstgriffs, dieses Jahrzehnt über die zeliggleiche, reale Figur des Manchester-Exilanten Mark Reeder zu erzählen, ein Schelmenroman in der Form eines Punkfilms, der gegen Ende seiner Geschichte auch der nachfolgenden Generation die Hand reicht und die Entstehung des Techno als Punk mit anderen Mitteln feiert, als die neue Subkultur, die die Spinnweben des Alten hinausbläst.


3. A Most Violent Year (Regie: J.C. Chandor)


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Ein sehr eleganter Film, der im New York der ausgehenden 70er spielt, aber trotz seiner stilistischen Detailversessenheit nie zu einem Ausstattungsstück verkommt (Hallo, „American Hustle“!). „A Most Violent Year“ ist dabei zurückgenommen, genügt sich in Andeutungen und benötigt nicht einmal ein spektakuläres Umfeld – geht es doch um Business-Praktiken im Müllabfuhr-Milieu des alten New York. Doch in wunderbaren Kameraeinstellungen erzählt J.C. Chandor eine Geschichte von Macht und Erfolg und davon, zu was Menschen fähig sind, wenn sie mit dem Rücken zur Wand stehen. „A Most Violent Year“ spielt dabei nicht zufällig in den 70ern, sondern wirkt tatsächlich wie ein Rückgriff auf jene Zeit des Prä-Blockbuster-Kinos Amerikas, auf das New Hollywood, auf die goldene Zeit des Filmemachens. Ein größeres Lob kann man einem immer noch recht jungen Regisseur kaum machen.


4. LOVE (Regie: Gaspar Noé)


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In gut zwanzig Jahren hat Gaspar Noé gerade einmal vier Filme gedreht. Doch von „Menschenfeind“ über „Irreversible“ zu „Enter The Void“ war jeder für sich genommen ein Meisterwerk. „Love“ erreicht vielleicht nicht ganz diese Höhen und legt seinen Fokus etwas zu sehr auf explizite Sexszenen, dank derer Noé von vielen wieder einmal als Berufsprovokateur abgehakt wurde, ist aber tatsächlich ein mächtiges Werk über Liebe und Vergänglichkeit, über Entscheidungen und Konsequenzen, über das Leben, das sich jeder mit jedem Tag, mit jeder Minute selbst erschafft. Und das ist selbst bei fast drei Stunden Spielzeit kein kleines Kunststück, spielt doch der ganze Film im Grunde nur in den Gedanken eines Morgens.


5. World Of Kanako (Regie: Tetsuya Nakashima)


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Der verrückteste Film dieser Liste. Kein Vergnügen, sondern mehr ein einziger Trip. Ultrabrutal, wirr strukturiert, wild geschnitten und erbarmungslos erzählt Tetsuya Nakashima („Geständnisse“) die Geschichte eines gefallenen Cops, der seine Tochter retten will. Mit welcher Rücksichtslosigkeit uns Nakashima in diese Geschichte wirft, verstört und verärgert zunächst. „World Of Kanako“ scheint im ersten Moment unfertig und zerfahren. Doch bleiben so viele Bilder von diesem Film, der wirkt, als hätte Sion Sono, der große verrückte Mann des japanischen Kinos, „Oldboy“ verfilmt. Oder wie es der Austin Chronicle treffend zusammenfasst: „It’s a rush, albeit a dark and ever more disturbing one, kind of like taking some bad acid and mainlining Seijun Suzuki’s greatest hits while being battered about the face and neck by a gang of yakuza thugs rolling hard on equally awful ecstasy. Yeah, come to think of it, that’s The World of Kanako in a hyperviolent, nihilistic nutshell.“


6. Birdman (Regie: Alejandro Gonzalez Inarritu)


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Eigentlich hatte man Inarritus Karriere nach einigen Fehlschlägen wie „Babel“ und „Biutiful“ schon abgeschrieben, aber mit „Birdman“ und dem nächste Woche startenden „The Revenant“ hat er die beiden womöglich besten Filme seiner Karriere gedreht (auch wenn der tieftraurige „21 Grams“ immer noch ein Höhepunkt seiner Filmographie bleibt). „Birdman“ ist im Vergleich zu den erdschweren Inarritu-Dramen von früher überraschend verspielt, offen, ja verrückt und lebt von Inarritus flirrender Regie genauso wie von Michael Keatons unerwartet toller Performance.


7. Sicario (Regie: Denis Villeneuve)


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Denis Villeneuve ist einer der wenigen Regisseure, der im Arthouse und Mainstreamkino gleichermaßen funktionieren kann. Noch arbeitet er mehr (Enemy) oder weniger (Prisoners) stark im Arthousebereich, doch spätestens mit Sicario hat sich Villeneuve als Nachfolger für Hochglanz-Thriller-Epen wie „Heat“ empfohlen. Auch wenn der Plot manchmal holpert und nicht jede Charakterwendung überzeugend hergeleitet ist, hat sich Sicario allein für die brillant ausgeführte Attentatsszene auf einem Grenzübergang zwischen den USA und Mexiko seinen Platz in den Jahres-Top-10 verdient.


8. Gefühlt Mitte Zwanzig aka While We’re Young (Regie: Noah Baumbach)


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Spätestens dieser Film hat “Star Wars: The Force Awakens” kaputt gemacht. Wer Adam Driver nach seiner “Girls”-Rolle hier auch noch als Prototyp des Brooklyn-Hipsters erlebt hat, kann ihn als Darth Vader – Nachfolger Kylo Ren einfach nicht mehr ernst nehmen. Abgesehen davon (aber hey, welchem Film ist es sonst in diesem Jahr gelungen, Star Wars eine Zacke aus der Krone zu schlagen?!) ist Noah Baumbach mit „While We’re Young“ auf Höhe seines “Frances Ha”- Meisterwerks gelungen. War “Frances Ha” seine Version der Nouvelle Vague, ist “While We’re Young” sein Woody Allen. Neben Driver glänzen Ben Stiller, Naomi Watts und der alte Beastie Boy Adam Horowitz in einem pointiert geschriebenen Film.


9. Alles steht Kopf aka Inside Out (Regie: Docter / Del Carmen)


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„Monster AG“, „Findet Nemo“, „Wall-E“ und jetzt „Inside Out“: in der großen Ahnenreihe der Pixar-Filme hat sich „Inside Out“ schon jetzt seinen Platz verdient. „Inside Out“ ist einer der originellsten Filme des Jahres, schreiend komisch, berührend und auch noch mit einer Message, die man dem Pixar-Mutterhaus Disney so nicht unbedingt zugetraut hätte. Um Meilen besser als alle Minions, Ice Ages oder Shrecks, die ungerechterweise in Deutschland immer die höheren Einspielergebnisse einfahren!


10. Inherent Vice (Regie: Paul Thomas Anderson)


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„Inherent Vice“ war gerade deshalb eine willkommene Entdeckung, weil er für einen Paul Thomas Anderson, den modernen Meister des Großpathos (There Will Be Blood, Magnolia), überraschend luftig, fahrig und verstrahlt war. Die WestCoast-Detektiv/Drogen-Geschichte nach einem Roman von Thomas Pynchon war ein „The Big Lebowski“ für die Neuzeit – mit einem noch komplizierteren Plot, der noch egaler war. Ein wunderbar lässiges Fuck You an ein Arthouse-Publikum, das sich nach bedeutungsschwangeren Geschichten sehnt, mit dem besten Joaquin Phoenix seit ungefähr ever.


11. The Program (Regie: Stephen Frears)
12. Das ewige Leben (Regie: Wolfgang Murnberger)
13. The Walk (Regie: Robert Zemeckis)
14. Coherence (Regie: James Ward Byrkit)


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15. Ich seh, Ich seh (Regie: Fiala / Franz)
16. Herz aus Stahl (Regie: David Ayer)
17. Ex Machina (Regie: Alex Garland)
18. Une Jeunesse Allemande – Eine deutsche Jugend (Regie: Jean-Gabriel Périot)
19. Out Of Nature / Mot Naturen (Regie: Ole Giæver)
20. Me, Earl & The Dying Girl (Regie: Alfonso Gomez-Rejon)


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21. Whiplash (Regie: Damien Chazelle)
22. Cinema Perverso – Die wunderbare und kaputte Welt des Bahnhofskinos (Regie: Oliver Schwehm)
23. Star Wars: The Force Awakens (Regie: JJ Abrams)
24. Slow West (Regie: John Maclean)
25. Wir sind jung, wir sind stark (Regie: Burhan Qurbani)


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26. James Bond: Spectre (Regie: Sam Mendes)
27. 45 Years (Regie: Andrew Haigh)
28. Leviathan (Regie: Andrey Zvyagintsev)
29. Der Marsianer (Regie: Ridley Scott)
30. Blackhat (Regie: Michael Mann)

31. Observance (Regie: Joseph Sims-Dennett)
32. Bube Stur (Regie: Moritz Krämer)
33. The Guest (Regie: Adam Wingard)
34. Hedi Schneider steckt fest (Regie: Sonja Heiss)
35. Selma (Regie: Ava DuVernay)

Die Vorjahressieger:


2014: Boyhood (USA, Regie: Richard Linklater)

2013: Upstream Colour (USA, Regie: Shane Carruth)

2012: Drive (USA, Regie: Nicolas Winding Refn)

2011: Submarine (UK, Regie: Richard Aoyade)

2010: Bad Lieutenant: Port Of Call – New Orleans (USA, Regie: Werner Herzog)

2009: Inglorious Basterds (USA, Regie: Quentin Tarantino)

2008: No Country For Old Men (USA, Regie: Joel & Ethan Coen)

2007: Ex Drummer (Belgien, Regie: Koen Mortier)

2006: Match Point (USA, Regie: Woody Allen)

Kommentare (3)

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  1. Ups, tatsächlich! Mad Max ist durchgerutscht. Hatte ich ebenfalls für gut befunden und ist von den drei Blockbustern tatsächlich der Beste. Durchgängig begeistert war ich bei Mad Max allerdings auch nicht, weil das letzte Drittel mich nicht überzeugt hatte.
    Wird aber auf Platz 21 eingereiht.
    Zu den anderen Filmen:
    * Spectre: fand ich tatsächlich gelungener als die meisten anderen, mir erschließt sich nicht, warum Skyfall gefeiert und Spectre geteert wird. Finde ich beinah auf Augenhöhe und vor allem beide viel besser als den fürchterlichen Ein Quantum Trost.
    * Star Wars: seh ich genauso. Ordentliche Unterhaltung, aber mehr ein Best-Of-Remake als ein eigener Film. Dafür aber um Meilen besser als Episode 1-3
    * It Follows: habe ich (wie auch Babadook) bereits in 2014 gesehen, also wäre er dieses Jahr nicht dabei gewesen. Hat aber tatsächlich auch letztes Jahr nicht den Sprung geschafft. It Follows sieht großartig aus, aber ich finde den Film in sich nicht schlüssig genug. Tarantino hatte das auch mal gut zusammengefasst, was mich an It Follows gestört hat.

    „It was the best premise I’ve seen in a horror film in a long, long, long time. It’s one of those movies that’s so good you get mad at it for not being great.
    The movie keeps on doing things like that, not holding on to the rules that it sets up. Like, okay, you can shoot the bad guys in the head, but that just works for ten seconds? Well, that doesn’t make any fucking sense. What’s up with that? And then, all of a sudden, the things are aggressive and they’re picking up appliances and throwing them at people? Now they’re strategizing? That’s never been part of it before. I don’t buy that the thing is getting clever when they lower him into the pool. They’re not clever.

    Also, there’s the gorgeously handsome geeky boy — and everyone’s supposed to be ignoring that he’s gorgeous, because that’s what you do in movies — that kid obviously has no problem having sex with her and putting the thing on his trail. He’s completely down with that idea. So wouldn’t it have been a good idea for her to fuck that guy before she went into the pool, so then at least two people could see the thing? It’s not like she’d have been tricking him into it. It’s what I would’ve done.“

    Bessere Beispiele aus dem Bereich Arthouse/Horror wären für mich Ich Seh Ich Seh (2015: #15), Under The Skin (2014: #12) oder auch Here Comes The Devil (2014: #11): http://blogs.taz.de/popblog/2015/01/02/a-year-in-pictures-die-filme-des-jahres-2014/

  2. Interessante Auswahl, aber von allen Blockbustern ausgerechnet den wohl besten Actionfilm der letzten 10 Jahre (Mad Max: Fury Road) nicht zu erwähnen (dafür aber den schnarchigen und hoffentlich letzten Craig-Bond Spectre und das kreuzbrave Stars Wars Reenactment, grenzt ja fast schon an ein Sakrileg… Der beste Horrorfilm des Jahres (It Follows) fehlt außerdem auch noch;)

  3. Spannende Liste, guter Geschmack und „Ex Drummer“ als Sieger 2007 – Respekt!
    Allerdings…inwiefern war „Babel“ denn ein Karrierefehlschlag (oder nur kommerziell?)? Für mich der beste Film von Iñárritu. Klar, man kann ihm eine gewisse Kontruiertheit/Gewolltheit durchaus vorwerfen, aber die hatte „21 Gramm“, der hier als Höhepunkt steht, ebenso an sich. Gewaltig und eindringlich sind beide Filme. Durchaus gleichauf.