Songs des Jahres 2015

1. Isolation Berlin – Isolation Berlin


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Der große Höhepunkt des diesjährigen Minialbums von Isolation Berlin ist Schluß- und Titelsong “Isolation Berlin” – ärger kann man nicht in der Gosse liegen, um die Sternen anzusingen.
Eine U-Bahn-Fahrt nach Pankow, wieder zurück an den Zoo & dort mit’m Strick aufs Damenklo – weder Pathos noch Schmutz sind Isolation Berlin fremd und all das kulminiert aufs Eindringlichste in eben diesem Song. Sänger Tobias Bamborschke hat schön diese abgefuckte Rocknrollheit im Blut, die man sonst doch eher aus England kennt. Mehr Doherty war im deutschen Indierock selten.


2. Die Nerven – Barfuß durch die Scherben


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Obwohl auf dem neuen Nerven-Album die Songstrukturen offener wurden, ist „Barfuß durch die Scherben“ wohl ihr erster richtiger Hit, der auch in Discos laufen könnte, was mit Sicherheit auch daran liegt, dass das Bassspiel von Julian Knoth den Song beherrscht. Dazu ein tolles Video und starke, verstörende Lyrics verschaffen den Jahreslistenabonennten von den Nerven eben auch in 2015 wieder einen Spitzenplatz in den Popblog-Charts.


3. Ezra Furman – Pot Holes





Das Ezra Furman – Album besticht eher durch die Dichte an hervorragenden Songs als durch den einen alles überragenden Hit. Meiner Meinung nach ist die eigentliche Single („Restless Year“) bei aller hübschen Jonathan-Richman-haftigkeit sogar der schwächste Song des ganzen Albums. „Pot Holes“ vereint treibenden Rocknroll mit Doo Wop und ist der vielleicht unverschämt melodischste Song der ganzen Liste.


4. Mile Me Deaf – Digital Memory File


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Im Rahmen der österreichischen Rockwelle, die im letzten Jahr auch hiesige Breiten überschwemmt hat, wundert fast, wie wenig Mile Me Deaf besungen wurden, ist die Band um Wolfgang Möstl im Heimatland doch einer der wichtigsten Indiegruppen überhaupt. Auf einem guten Album war Opener „Digital Memory File“ der Killertrack – ein Song, wie ihn die späten Pavement einst geschrieben hätten!


5. Tocotronic – Prolog


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Hut ab vor Tocotronic, die die zunehmende Erstarrung der letzten Jahre radikal aufbrachen und nun Tocotronic Phase 3 eingeleitet haben. „Prolog“ war dazu der perfekte Teaser: kein richtiger Refrain, irritierend „elektronisch“ und textlich zwar noch deutlich in von Lowtzow’schen Breiten unterwegs, aber dennoch irgendwie anders, weirder, weniger mystisch raunend. Tocotronic sind nicht tot zu kriegen und haben damit die dritte spannende Dekade der Bandgeschichte eingeleitet.


6. Sophie – Just Like We Never Said Goodbye





Konzeptpop erster Kajüte. In jedem Moment wirken Sophies (übrigens der Künstlername des jungen britischen Produzenten Samuel Long) Tracks als könnten sie auch 1:1-Eurotrash-Banger sein, aber in der nächsten Sekunde bleept und chrrrrt wieder ein fremder Sound von der Seite, um jede offensichtliche Chartfreundlichkeit zu dekonstruieren. Es gab ja vor einem Jahrzehnt einmal ein bizarres Coveralbum von Indiestars, die ein Album von Blümchen neu aufnahmen – so ungefähr fühlt sich auch SOPHIE an, nur als hätte sich eben Aphex Twin einer Euro-Dance-Compilation angenommen.


7. Locas In Love – Blackbox


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Zwei Alben in einem Jahr – Locas In Love lagen wirklich nicht auf der faulen Haut in 2015. Dass auch noch beide richtig gut geworden sind und mit „Ultraweiss“, „Oh“ und eben „Blackbox“ gleich drei formidable Hits vorzuweisen haben, macht es nur noch schöner, dass die alten Rösser des deutschen Indiepop so frisch weiterreiten. „Blackbox“ ist dabei textlich so etwas wie die Essenz von Björn Sonnenbergs Lyrics der letzten 15 Jahre: eine vom Punk geprägte Weltliebe, ein Umarmen der Widersprüche, ein Sehnen nach dem Besseren – aber eben auf die eigene Art:

„All die schüchternen Revolutionäre, die nicht laut sind, sondern leise,
euer Widerstand ist spürbar, selbst wenn wir ihn nicht hören.
Und what’s so funny about peace and love and understanding,
sag mal ehrlich: was ist komisch daran, Dinge gut zu finden
wie Freundlichkeit, Gerechtigkeit anstatt davon zu singen
welche Exzesse man erlebt hat oder Privates preiszugeben?“



8. Wave Pictures – Great Big Flamingo Burning Moon


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„Great Big Flamingo Burning Moon“ der Wave Pictures wurde von der Do-It-Yourself-Legende Wild Billy Childish produziert – und das hört man! Die beiden Arbeitspferde der britischen DIY-Szene sind natürlich ein match made in heaven – den Wave Pictures tut Childishs schroffe Produktion gut, „Great Big Flamingo Burning Moon“ ist einer ihrer besten Songs seit Jahren.


9. Car Seat Headrest – Something Soon





Der „Bedroom-Producer“ wird ja gern als Marketingklischee überstrapaziert. Bei Will Toledos Car Seat Headrest trifft es aber nun mal wirklich zu. Unfassbare 12 (!) Alben hat Toledo in den letzten fünf Jahren bereits über die Bandcamp-Plattform rausgehauen und „Something Soon“, der große Hit der in diesem Jahr auch vom Matador-Label veröffentlichten Platte „Teen Styles“, hatte in einer anderen Version seinen ersten Internetauftritt bereits in 2011 – aufgenommen im Schlafzimmer von Toledo und featuring die linkischste Tanzperformance seit „Napoleon Dynamite“:


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10. Bully – I Remember





Ich bin nicht unbedingt ein Freund von allen Bully-Songs, aber „I Remember“ hat eine Wucht, die an die besten Singles der Riot Grrrl – Ära erinnert. „I Remember“ bedient sich dabei eines Ansatzes, den Joe Brainard in seinem Weirdo-Klassiker „I Remember“ als Buch auf 192 Seiten ausgewalzt hatte: jeder Satz beginnt mit „I Remember“ und führt so als stream-of-consciousness-Erzählung weiter. Bully nehmen diese Idee auf, vereinen sie mit ihrem harschesten Sound und schaffen so einen der unangenehm berührendsten Breakup-Songs seit langer Zeit:

I remember
I remember my old habits
I remember getting too fucked up
And I remember throwing up in your car
I remember
I remember showing up at your house
And I remember hurting you so bad
And I remember the way your sheets smelt



11. Ezra Furman – Haunted Head
12. Isolation Berlin – Swantje
13. Blur – Ice Cream Man
14. The Libertines – You’re My Waterloo
15. Blur – Ong Ong
16. Locas In Love – Ultraweiss
17. Zugezogen Maskulin – Plattenbau O.S.T.
18. Ezra Furman – Can I Sleep In Your Brain
19. Isolation Berlin – Annabelle


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20. The Burning Hell – Fuck The Government
21. Pete Doherty – Flags Of The Old Regime
22. Chris Stapleton – Whiskey Tennessee
23. Ezra Furman – Lousy Connection
24. Christopher Owens – I Love You Like I Do
25. Pisse – Biertitten
26. The Libertines – Gunga Din


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27. Fehlfarben – So hatten wir uns das nicht vorgestellt
28. Kendrick Lamar – The Blacker The Berry
29. Spector – West End
30. Belle & Sebastian – Nobody’s Empire
31. Zugezoge Maskulin – Agenturensohn


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32. Desaparecidos – The Left Is Right
33. Nathaniel Rateliff & The Night Sweats – S.O.B.
34. Bernd Begemann – St. Pauli hat uns ausgespuckt
35. Courtney Barnett – Pedestrian At Best
36. Sleep – Sister Sleep
37. Kendrick Lamar – King Kunta
38. HEALTH – Stonefist


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39. Nino Aus Wien feat. Ernst Mölden – Ganz Wien
40. Pisse – Scheiß DDR
41. Locas In Love – Oh!
42. The Libertines – Barbarians
43. Protomartyr – Why Does It Shake
44. Sleater/Kinney – No Cities To Love
45. I Have A Tribe – No Countries
46. Oscar – Forget Me Not
47. Rat Boy – Sign On
48. Blur – New World Towers
49. Lera Lynn – My Leat Favorite Life
50. Fidlar – 40Oz On Repeat


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Vorjahresgewinner:
* 2014: Trümmer – Revolte
* 2013: The Strokes – One Way Trigger
* 2012: Kavinsky – Nightcall
* 2011: Ja, Panik: DMD KIU LIDT
* 2010: Best Coast: When I’m With You
* 2009: Girls: „Lust For Life“ und „Hellhole Ratrace“ (geteilter erster Platz)
* 2008: Crystal Castles vs. HEALTH: Crimewave
* 2007: The Cribs feat. Lee Ranaldo: „Be Safe“
* 2006: The Strokes: „Heart In A Cage“

Und 2013?

1. The Strokes – One Way Trigger
2. Daft Punk – Giorgio By Moroder
3. King Krule – Easy Easy
4. Wild Billy Childish & CTMF – All Our Forts Are With You
5. Chuckamuck – Hitchhike
6. Messer – Neonlicht
7. Daughter – Youth
8. Gabriel Bruce – Cars Not Leaving
9. Big Sean featuring Kendrick Lamar & Jay Electronica – Control
10. The Julie Ruin – Run Fast
Mit Text? hier

Und 2012?

1. Kavinsky – Nightcall
2. Bonnie ‚Prince‘ Billy – I See A Darkness
3. Pond – You Broke My Cool
4. Die Nerven – Irgendwann geht’s zurück
5. Chromatics – These Streets Will Never Look The Same
6. Var – In Your Arms
7. This Many Boyfriends – Tina Weymouth
8. Peace – California Daze
9. Kid Kopphausen – Das leichteste der Welt
10. Bleeding Knees Club – Teenage Girls
Mit Text? hier

Und 2011?

1. Ja, Panik: DMD KIU LIDT
2. The Rapture: How Deep Is Your Love
3. Ja, Panik: Nevermind
4. Locas In Love: Manifest
5. Tyler, The Creator: Yonkers
6. Metronomy: The Bay
7. WU LYF: Such A Sad Puppy Dog
8. The Strokes: Under Cover Of Darkness
9. Noah & The Whale: L.I.F.E.G.O.E.S.O.N.
10. Die Heiterkeit: Die Liebe eines Volkes hat mich zur Königin gemacht


Mit Text? Hier

Und 2010?

1. Best Coast: When I’m With You
2. Blur: Fool’s Day
3. The Drums: Down By The Water
4. Magic Kids: Hey Boy
5. Kath Bloom: Heart So Sadly
6. The Smith Westerns: Be My Girl
7. Girls: Substance
8. Clinic: Baby
9. CEO: Come With Me
10. Belle & Sebastian: I Want The World To Stop

Und 2009?

1. Girls: „Lust For Life“ und „Hellhole Ratrace“ (geteilter erster Platz)
2. Element Of Crime: “Kaffee und Karin”
3. The Horrors: “Who Can Say”
4. We Were Promised Jetpacks: “It’s Thunder And It’s Lightning”
5. Jamie T: “Sticks & Stones”
6. The Wave Pictures: “Tiny Craters In The Sand”
7. The Maccabees: “No Kind Words”
8. Julian Casablancas: “11th Dimension”
9. Fehlfarben: “Nichts erreicht meine Welt” (live)
10. Felice Brothers: “Penn Station”

Mit Text? Hier


Und 2008?

1. Crystal Castles vs. HEALTH: Crimewave
2. Glasvegas: Daddy’s Gone
3. Wild Billy Childish & The Musicians Of The British Empire: He’s Making A Tape
4. Hot Chip: Ready For The Floor
5. MGMT: Kids
6. HEARTSREVOLUTION: C.Y.O.A.
7. 1000 Robota: Ich blicke an dir vorbei
8. The Mae-Shi: Run To Your Grave
9. Be Your Own PET: Becky
10. Mystery Jets feat. Laura Marling: Young Love

Mit Text? Hier


Und 2007?

1. The Cribs feat. Lee Ranaldo: „Be Safe“
2. Emmy The Great: “Easter Parade”
3. M.I.A.: “Paper Planes”
4. Babyshambles: “There She Goes (A Little Heartache)”
5. Die Türen: “Indie Stadt”
6. The Indelicates: „Julia, we don’t live in the 60ies“
7. Tocotronic: “Kapitulation”
8. Joe Lean & The Jing Jang Jong: “Lucio Starts Fires”
9. Black Lips: “Bad Kids”
10. Glasvegas: “It’s My Own Cheating Heart That Makes Me Cry” (demo)

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Und 2006?

1. The Strokes: „Heart In A Cage“
2. Love Is All: „Spinning & Scratching“
3. Dirty Pretty Things: „Bang Bang You’re Dead“
4. Guillemots: „Trains To Brazil“
5. Clap Your Hands Say Yeah: „Upon This Tidal Wave Of Young Blood“

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