Österreich, Fußball, Pop & Josef Hader

Da heute Abend Österreich – Ungarn spielt („Aha, Herr Magister. Und gechaa weeen?„) wollen wir doch die Gelegenheit nutzen, einen Blick auf österreichische Fußball-Lieder zu werfen.

Das österreichische Label Las Vegas Records hat gerade eine Compilation mit dem schönen Titel „Lieber ein Verlierer sein“ (jaja, die immer leicht depressive österreichische Selbstironie ist nun mal ein Klischee, das tatsächlich zutrifft) veröffentlicht, auf der unter anderem auch der unkaputtbare Fußballnerd-Klassiker „Fuasboischaun“ von Nino Aus Wien enthalten ist:


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lieber chef, bin leider schnupfen
kann heut ned in’t hackn hupfen
mutti wird mir supperl kochen
bis ich gsund bin, in 4 wochen

doktor sagt: bloß nicht bewegen
sonne meiden, und auch regen
bierli zwitschern, schnitzel fressen
fieber und dann blutdruck messen

endlich wieder fuasboi schaun
fuasboi schaun, fuasboi schaun
von frua bis spet nur fuasboi schaun
fuasboi schaun, fuasboi schaun

wirtschaftskrise? brauch i ned
fuasboi schaun, fuasboi schaun
klimawandl? eh scho zschpät
fuasboi schaun, fuasboi schaun

Kleiner Exkurs an dieser Stelle: der nimmermüde Schlurfi Nino Aus Wien hat übrigens gerade auch schon wieder eine neue Platte veröffentlicht („Adria EP“), die dank des „Praterlied“ einen weiteren modernen Wien-Klassiker dem Nino-Ouevre hinzufügt:


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Selbst Ninos „Simple Twist Of Fate“ Cover von Bob Dylan – mit neuem Wien-Text unter dem Titel „Der Mai ist vorbei“ – ist gelungener als das bei einem solchen Klassiker sein dürfte.





Doch zurück zum Fußball. Auf „Lieber ein Verlierer sein“ sind gleich zwei Songs David Alaba, dem nun fünfmaligen (!) österreichischen Fußballer des Jahres gewidmet.
Mirac geht dabei voll Hip-Hop-Bling-Bling mit „Alaba“ (sample lyrics: „Ein Tausender vom Bankomat / zum Frühstück Kaviar / …Trinkpause, zehn Stamperl Wodka / Wer trainiert weiter? David Alaba!“)


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In einem genre of their own sind dagegen 5/8erl in Ehr’n (allein für solche Bandnamen muss man die Österreicher ja lieben) mit „Alaba, How do you do?“ und einem tollen, leicht irren Text:

I kum aus am Land
Wo ma stolz is dass Hermann Maier ned homophob is
I kum aus am Land
Wo ma froh is dass Niki Lauda no ned tot is
I kum aus am Land
Wo da Hickersberger glaubt, dass er a Scheich is



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Der „Alaba how do you do / Yes he do / Yes we does“ – Refrain bezieht sich übrigens auf zwei Vorkommnisse rund um Alaba. Das „Yes we does“ stammt aus einem Videogrußwort Alabas (ganz am Ende des obigen Videoclips zu sehen) und mit „how do you do?“ wurde Alaba einst vom Tiroler Landeshauptmann der ÖVP, Günther Platter, begrüßt, der sich scheinbar nicht vorstellen konnte, dass man mit Alabas Aussehen auch Deutsch verstehen kann. Soviel zur Integration in Österreich – Alaba konterte allerdings in seiner ihm üblichen Ruhe „Danke, gut. Sie können ruhig Deutsch mit mir reden, ich bin Österreicher“, was entfernt übrigens an die berühmte Alaba/Ribery-Anekdote von Uli erinnert:


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Wen die ganze EM und das Fahnenschwenken aber zu sehr auf die Nerven geht, auch für den hat „Lieber ein Verlierer sein“ noch einen Song parat, Clara Luzias „Colours“:




The place I was born
is nothing that I’m proud of
it’s chance not competence
So put away your flag

So put away
your colours
they make you look like an idiot



Bonus Track:


Ein sehr schönes Interview mit Josef Hader zum Thema Österreich und Fußball ist übrigens gerade bei 11Freunde erschienen, in der er sich unter anderem auch auf oben beschriebenen „How do you do“-Vorgang bezieht:


Josef Hader: Alaba antwortete: »Danke, gut. Sie können ruhig Deutsch mit mir reden, ich bin Österreicher.« Die Landeshauptleute in Österreich sind generell nicht die intellektuellen Speerspitzen unserer Politik. Wir wären froh, wenn sie nur von Fußball keine Ahnung hätten.

Die politische Auseinandersetzung spielt sich bei uns nicht auf der sachlichen Höhe ab, die man in Deutschland gewohnt ist. Sie müssen sich das Ganze vorstellen wie Bayern, nur noch viel schlimmer. Also Politiker, die ungeniert ihre Schlitzohrigkeit zur Schau stellen, weil sie wissen, es schadet ihnen nicht.

11 Freunde: Horst Seehofer wäre aber schlecht beraten, wenn er Sami Khedira oder Mesut Özil bei einer öffentlichen Veranstaltung auf Englisch begrüßen würde.

Hader: Bei uns war das auch keine gute Idee, aber richtig geschadet hat’s ihm auch nicht, er ist immer noch Landeshauptmann. Gott sei Dank, weil vorher war er Innenminister, da hat er mit Leuten anderer Hautfarbe viel schlimmere Sachen angestellt, als sie in der falschen Sprache zu begrüßen.

Auch sonst sind im Hader-Interview etliche Perlen zu finden:

11 Freunde: Gibt es etwas, das der Kabarettist Hader an der österreichischen Nationalelf generell zum Lachen findet?

Hader: Gehen Sie einmal zu einem Spiel. Da liegen die Fähnchen einer Bierfirma, die man vor dem Anpfiff im Takt zu Rainhard Fend­richs »I Am From Austria« schwenken muss. Danach kommt dann der Radetzkymarsch, was insofern bemerkenswert ist, weil das ursprünglich ein Kriegsmarsch war, der ist nach der Schlacht von Custozza entstanden. Das war, glaub’ ich, die letzte Schlacht, die wir überhaupt gewonnen haben. Im Krieg sind wir noch schlechter als im Fußball.

11F: Was ist mit dem Team, das in der WM-Qualifikation 1999 gegen Spanien mit 0:9 verlor?

Hader: Das Beste daran war der Satz von Toni Pfeffer, der bei 0:5 zur Halbzeit auf die Frage, was vom Spiel noch zu erwarten sei, antwortete: »Hoch werd’n wir’s nimmer g’winnen.« Der Spruch hat Stil, der könnte von Ernst Happel sein.

11F: Wie sehen Sie das hinsichtlich des österreichischen Abschneidens bei der EM?

Hader: Ich wünsch mir in dem Fall aber lieber einen Hollywoodfilm, so eine Art Märchen, wo wir Europameister werden. Ich rechne jedoch lieber mit dem Schlimmsten, da hab ich größere Chancen, dass ich positiv überrascht bin

11F: Sie kennen die Fußballgeschichte und sind demütig.

Hader: Ja, nach außen demütig, aber es ist eine falsche, hinterlistige Demut. Weil in Wirklichkeit glaub’ ich natürlich, dass wir sehr weit kommen.

11F: Was, wenn Österreich doch nach der Gruppenphase ausscheidet?

Hader: Dann gibt es als Nächstes die WM. Und wir sehen noch ein paar gute Spiele, wo man dann ganz unbelastet zu der Mannschaft halten kann, die schöner spielt.

11F: So einfach?

Hader: Wir Österreicher sind so was gewohnt. Wir müssen ja oft notgedrungen eine Gourmethaltung einnehmen.
Wir lehnen uns zurück, schauen uns das ganze Turnier an wie ein Theaterstück. Das ist für Deutsche natürlich unvorstellbar, weil Ihre Mannschaft immer so weit kommt und wenn sie doch einmal vorzeitig ausscheidet, sind alle furchtbar traurig und können nichts mehr genießen. Wir sind dagegen gut im Fremdgenießen, bleibt uns ja nichts anderes übrig.

11F: Kann Deutschland den Titel holen?

Hader: Das läuft ja immer nach demselben Strickmuster ab: In den Testspielen tun sie sich schwer. Deutsche tun sich immer schwer, wenn’s um nix geht. Österreich spielt in solchen Fällen meist besonders gut, die haben eher das Problem, wenn’s um was geht. Die Deutschen verlieren dann auch im Turnier ein Match, bei dem es eh wurscht ist. Dann kommt die große Krise, aus der sie gestärkt hervorgehen und wieder alles gewinnen. Gott sei Dank ist der Zweite Weltkrieg nicht so verlaufen. Man kann echt froh sein, dass das den Deutschen nur im Fußball gelingt.

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