Die erste Verleihung des Preises für Popkultur

Am letzten Freitag hatte der Preis für Popkultur seine Premiere. Und mit einer Verleihung im Berliner Tempodrom, das zuletzt zum Beispiel Morrissey messiasgleich bespielt hatte, zeigt sich der Ehrgeiz der Veranstalter, mehr zu sein, als nur eine nerdige Nischenveranstaltung, sondern tatsächlich zu der großen deutschen Preisverleihung für Popkultur zu werden, zum Kunstpreis, zum Anti-Echo. Der Echo, eine Jahr für Jahr ärgerlicher werdende Veranstaltung der Plattenindustrie, die nach kommerziellen Gesichtspunkten (Verkaufszahlen) Preise vergibt und zuletzt folgerichtig zu Helene-Fischer-Festspielen verkam und sich nicht einmal dafür schämte, den Südtiroler Volksrockern Freiwild eine große Bühne zu bieten, ist verhasst wie wenig sonst in der deutschen Musiklandschaft. Allein deshalb muss man den Popkultur-Machern schon dankbar sein, dass hier eine Gegenstimme formuliert wird, die bewusst aus den Fehlkonstruktionen des Echo lernen will.

Das erinnert an die Geburt der Brat Awards in England, die der NME ausrichtete und als Gegenbewegung zu den konventionellen Brit Awards gedacht war – und ursprünglich anderen Bands eine Bühne bieten wollte. Der Preis für Popkultur beruht demzufolge auch nicht auf den Verkaufszahlen wie der Echo, sondern wird von einer 400köpfigen Jury von Popkultur-Schaffenden gewählt.

Aufzeichnung vom Preis für Popkultur als Stream

Hut ab vor der Idee, diese erste Verleihung mit einem Kurzkonzert von Isolation Berlin zu beginnen, die dem versammelten Premierenpublikum in einem schön wild-krachenden Auftritt auch gleich mal die passende Ansage mit auf den Weg gaben: „Ich bin ein Produkt / ich will, dass ihr mich schluckt / dass ihr mich konsumiert / euch in mir verliert!“.
Die Worte von Isolation Berlin sollten sich in den Preisen widerspiegelen: Dass sich auch der Popkultur-Preis nicht von den Marktgegebenheiten freimachen kann, zeigte sich an den prämierten Künstler letztendlich doch.

Dennoch, Auftritte von Isolation Berlin und die Moderation durch den großen Entertainer Bernd Begemann heben den Popkultur-Preis von Echo & Konsorten ab. Gerade Begemann war ein erfrischend anarchisches Element, ein Gegenentwurf zu Helene Fischer oder Barbara Schöneberger. Dass Begemann eben ein großer Performer, aber kein Moderator ist, war nicht zu übersehen und so holperte es hier und da, brachte aber Verstörung in ein sonst allzu gefälliges Premierenjahr und war allein dafür mehr als notwendig. Richtig ist auch die Idee, pro Unternehmen nur eine gewisse Zahl an Stimmberechtigten zuzulassen und mit einer (geplanten) Veröffentlichung der Mitgliederliste dem Transparenzgedanken Rechnung zu tragen.

Edit: nach einer Facebook-Diskussion zu diesem Artikel noch präzisierend hinzugefügt:
Ich hätte mir, wie im Text „angedeutet“, auch progressivere Auszeichnungen gewünscht. Am Ende hat Bernd Begemann aber natürlich recht mit seiner Aussage:

es sind bisher ca.400 wahlberechtigte mitglieder. 13 kategorien (wo war „bester produzent/in z.b.?). es ist der anfang einer chance einer möglichkeit. oder teufelsinstrument des patriarchalisch-industriellen komplexes, wenn man doktorella folgen mag, was ich in diesem fall aber ablehne. diese 400 mitglieder haben diese vorlieben/interessen. du und ich könnten, wie alle musiknahen personen, mitglieder werden und von innen etc. demokratie ist schwer.

Vielleicht ist das auch illusorisch, da eine Auszeichnung durch eine größere Menge an Stimmberechtigten sich eben dann doch automatisch in Richtung Mainstream bewegt. Deshalb finde ich es auch wichtig, dass angekündigt wurde, dass die Mitglieder veröffentlich werden (am besten mit Funktion), damit man ein Gefühl bekommt, wer hier eigentlich hauptsächlich abstimmt (Musikindustrie, Indiesektor, Journalisten, etc pp?).
Die Alternative wäre ja nur ein bewusst kleineres „Expertengremium“, womit dann auch eine größere Wahrscheinlichkeit für „andere“ Gewinner vorhanden wäre.
Von der Struktur her ist der Popkulturpreis mit den Oscars vergleichbar. Dort stimmen circa 6.000 Filmschaffende ab. Ergebnis sind Auszeichnungen, die sehr wohl vom großen kommerziellen Konsens abweichen, aber als künstlerische Wahl dann doch im Zweifel lieber nicht zu verrückt wählen. Deshalb kommt sowas wie „Spotlight“ häufiger vor als „No Country For Old Men“, gewinnt „Forrest Gump“ gegen „Pulp Fiction“ – aber ist halt auf der anderen Seite wenigstens „Transformers“ chancenlos, was in dieser Analogie die Helene Fischer des Echo wäre.

Die Nominierten in den Kategorien, Sieger gefettet:

1. Lieblings-Solokünstlerin

Alice Phoebe Lou
Helena Hauff
Mine
Miss Platnum
Peaches (zwei Acts ausgezeichnet, da Stimmengleichheit)
Sara Hartman

2. Lieblings-Solokünstler

Bosse
DJ Koze
Drangsal
Nils Frahm
Udo Lindenberg

3. Lieblingsband

AnnenMayKantereit
BOY
K.I.Z
Moderat
Turbostaat

4. Lieblingslied

AnnenMayKantereit – Oft gefragt
Beginner feat. Gzuz & Gentleman – Ahnma
Casper feat. Bilxa Bargeld, Dagobert & Sizarr – Lang Lebe Der Tod
Grossstadtgeflüster – Fickt euch Allee
K.I.Z feat. Henning May – Hurra, die Welt geht unter

5. Lieblingsvideo

Beginner feat. Gzuz & Gentleman – Ahnma
Drangsal – Allan Align
Get Well Soon – It’s Love
K.I.Z feat. Henniny May – Hurra, die Welt geht unter
POL1Z1STENSOHN a.k.a. Jan Böhmermann – Ich hab Polizei
Von Wegen Lisbeth – Meine Kneipe

6. Beeindruckendste Live-Show

Beatsteaks
Casper
Deichkind
K.I.Z
Rammstein

7. Hoffnungsvollste/r Newcomer/in

AnnenMayKantereit
Drangsal
Isolation Berlin
Milliarden
Von Wegen Lisbeth

8. Schönste Geschichte

Daniel Koch (Intro Magazin) – Warum seid ihr so scheiße leise?
Jan Böhmermann & Dendemann – Eine deutsche Rapgeschichte
Jan Böhmermann – Schmähkritik
Jan Böhmermann – Schwiegertochter gesucht #Verafake
Stefanie Sargnagel (Süddeutsche Zeitung) – Wanda – das letzte verzweifelte Schwanzrausholen
Oliver Schwabe (WDR) – Keine Atempause – Düsseldorf, der Ratinger Hof und die neue Musik

9. Spannendste Idee / Kampagne

AnnenMayKantereit – Wanderzirkus
FC St. Pauli & Deezer – Musik ist bunt
K.I.Z – Hurra, die Welt geht unter Albumkampagne
Plus 1 – Refugees Welcome
PxP Festival

10. Gelebte Popkultur

Golden Pudel Club – Hamburg
Haldern Pop Festival – Haldern
HOERPROBE – München
PxP Festival – Berlin
Reeperbahn Festival – Hamburg

11. Lieblingsalbum

AnnenMayKantereit – Alles Nix Konkretes
Bosse – Engtanz
Drangsal – Harieschaim
K.I.Z – Hurra, die Welt geht unter
Moderat – III