Buch: „Unknown Pleasures“ von Peter Hook (Joy Division & New Order)

Es gibt genügend Gründe, dem Ex-New-Order- und -Joy-Division-Bassisten Peter Hook gewisse Tendenzen zur Leichenfledderei vorzuwerfen. Guilty heißt das Urteil, wenn man vor allem seine „Solotouren“ betrachtet, bei denen Hook die alten Joy Division – Alben nachspielt. Eine Tatsache, die die andere Manchester-Bass-Legende Mani (Primal Scream & Stone Roses) vor ein paar Jahren zu diesem unsterblichen Tweet verleitet hat:

„3 things visible from space:
Great Wall of China,
Peter Hooks wallet stuffed with Ian Curtis blood money,
Man Citys empty trophy cabinet!“

Und womöglich könnte man auch erwarten, dass Hooks Bücher über Joy Division, die Hacienda & Factory Records ebenfalls nur dem Ausschlachten alter Legenden dienen. Sein 2013er Buch „Unknown Pleasures – Inside Joy Division“ ist allerdings tatsächlich ein wertvoller Beitrag zur Joy-Division-Erzählung. Nicht nur, weil mit Hook nun mal wirklich jemand aus dem allerinnersten Kreis spricht (im Grunde hatte Hook ja die Grundlagen für Joy Division gemeinsam mit dem damaligen best buddy Barny Sumner bereits gelegt, bevor Ian Curtis überhaupt zur Band gestoßen war), sondern auch WIE Hook über Joy Division spricht.

Es gibt wohl keine Band aus der Punkrevolution, die eine derartige Überhöhung und Mystifizierung erfahren hat, wie die Miesepeter aus Manchester, was natürlich vor allem an Frontmann Ian Curtis lag. Curtis war das lyrische Genie der Punkzeit. Seine Texte sind bis heute von erschütternder bleakness, was Greil Marcus einst sehr treffend zusammenfasste: „Joy Division’s music had always communicated chaos, despair, doubt, and fear: [Albert Camus‘] „The Myth Of Sisyphus“ with the pages why you shouldn’t kill yourself ripped out.“.

So war Curtis eben immer Projektionsfläche für alle Borderliner, ein Posterboy des Niedergangs, eine Ikone für die Verzweiflung an der Welt und ihren Umständen. Dieses Narrativ wurde durch seine Lyrics begründet, durch seinen Selbstmord verstärkt und in den Folgejahren an praktisch jeder Stelle wieder aufgegriffen, ob im Buch seiner Witwe („TouchingFrom A Distance“) oder in Anton Corbijns Film „Control“.


Der erste Fernsehauftritt ever von Joy Division. Von Tony Wilson angekündigt, spielen Joy Division „Shadowplay“. Später gründet Tony Wilson Factory Records und Joy Division wird seine wichtigste Band werden.

Und gerade deshalb ist es so erfrischend, was Hook hier mit Curtis und Joy Division macht: man kann es eigentlich nur eine liebevolle Entmystifizierung nennen. Peter Hook ist ein Proll vor dem Herrn und gerade dieser Gegensatz zum scheinbar über den Dingen schwebenden Curtis macht diese Erzählung so interessant. „Sein“ Ian Curtis ist nämlich durchaus auch ein „lad“, der mit Sumner und Hooky um die Häuser zieht, den Frauen hinterherschaut und das Rocknroll-Leben genießt. Peter Hook beschreibt Ian Curtis als ein soziales Chamäleon, das sich seinen Umständen anpasst: mit der belgischen Freundin werden Bücher von Albert Camus gelesen und die Zeit in Kunstgalerien verbracht, mit den Kumpels aus Manchester aber ein Fass aufgemacht, die Nächte durchgefeiert und den Buzzcocks Zahnpasta unter die Türklinke geschmiert.

Diese Diskrepanz macht auch „Unknown Pleasures“ aus – die gleichen Geschichten aus einem Rocknroll-Leben wären nur halb so interessant, wäre Hook Mitglied bei Oasis gewesen. Dort wird es erwartet, hier überrascht es.

Worauf Hook zurecht hinweist: die bisher einzige Erzählung eines anderen Ian Curtis als des großen Leidenden gab es nur in Michael Winterbottoms brillantem Film „24 Hour Party People“, der die Geschichte der Musikszene Manchesters nachzeichnete. Wer das wilde bunte Leben aus „24 Hour Party People“ spannender fand als die ehrfurchtsvolle Verneigung Corbijns in „Control“, der wird auch seinen Gefallen an Hooks „Unknown Pleasures“ finden.

Kommentare (3)

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  1. natürlich macht Hook einen job, und will kohle machen.
    Inzwischen spielt sein Sohn in der Band.

    aber die art und weise auf der Bühne ist eher
    zurückhaltend, ich habe das so empfunden,das
    er eher bedächtigt mit dem Erbe umgeht.

    Musik und Sound kommen super rüber, der Gesang
    biedert sich nicht an. Bei Joy Division sind neben
    Ian Curtis auch Musik „Bass“ wichtig, das hat
    zweimal Emotionen ausgelöst. Es waren Festivals in
    Benicassim und Barcelona.

  2. Ich habe es mir live tatsächlich nie gegeben, weil ich fand, dass sich das *falsch* anfühlt und ich mir Joy Division ohne Curtis‘ Stimme auch gar nicht so recht vorstellen kann/will.

    Im Buch geht Hooky übrigens auch darauf ein und begründet das durchaus, warum er es gemacht hat.
    For The Record: ich denke übrigens nicht, dass Hook der Böse in dem Ganzen ist, sondern sicherlich Barney Sumner da keinen Deut besser.

  3. habe Hook zweimal „Unknown Pleasures“ live
    spielen sehen und dabei die frage gestellt:

    … darf der das ?

    ja er darf. Die Art und weise ist ok !