Interview mit Hendrik Otremba von Messer: „Eine andere Art der Kommunikation als „alles ist geil!“ – weil: es ist nicht alles geil.“

Ich treffe Hendrik Otremba, Sänger der Gruppe Messer, multibegabter Künstler (Musiker, Maler, Autor, Journalist) & nicest man in german punk rock, zum Gespräch im Filterhouse, einer schönen Bar im Kreuzberger Gräfekiez. Die folgenden zwei Stunden drehen sich neben den hier abgedruckten Parts um Werner Herzog, The Fall und andere Randthemen. Uns erzählt Hendrik aber nun von den verschiedenen Gästen auf der neuen Messer-Platte (u.a. Stella Sommer von Die Heiterkeit, Micha Acher von The Notwist und Jochen Arbeit von den Einstürzenden Neubauten), der Entstehungsgeschichte ihrer Songs und den Rahmenbedingungen, in denen die Gruppe Messer sich entschieden hat, zu leben. Otremba ist das für diesen Popblog seltene Beispiel eines Interviewten, der tatsächlich mehr spricht als yours truly und das auch noch Satzkaskade um Satzkaskade druckreif. Heute stellen Messer ihr neues, sehr gutes Album „Jalousie“ zum ersten Mal in Berlin vor.

Wie kam’s eigentlich dazu, dass Stella von Die Heiterkeit auf eurem Album mitgesungen hat?

Die Hälfte der Messer-Platte wurde auf einem alten Rittergut zwischen Münster und Bielefeld aufgenommen, auf dem wir uns zwei Wochen eingeschlossen hatten, um intensiv an der Platte zu arbeiten. Ich hatte bei dem Song „Schwarzer Qualm“ die ganze Zeit schon das Gefühl, dass ich dazu jemanden brauche. „Schwarzer Qualm“ ist ein Experiment, ganz anders als unsere übrigen Stücke. Davon gibt es sogar zwei völlig unterschiedliche Versionen, bei denen die Band bis zuletzt regelrecht zerstritten war, welche wir nun veröffentlichen sollten.

In meinem normalen Schreibverfahren für Lyrics arbeite ich mit Geduld über eine lange Zeit an Fragmenten, die ich immer wieder neu kombiniere, im Versuch, der Sprache ihre Macht zu überlassen. Bei „Schwarzer Qualm“ habe ich mich aber bewusst hingesetzt und den Text heruntergeschrieben. Ich konnte ihn aber trotzdem nie singen und war schon kurz davor den Song ganz zu verwerfen, bis Stella zu Besuch kam, wir zusammen Rotwein getrunken und ich ihr angeboten habe, mitzusingen. Wir haben uns dann auch entschlossen, den Song komplett parallel zu singen, also nicht abzuwechseln – bis auf das Wort „Deutschland“, das ich alleine gesungen beziehungsweise auch nur gestottert habe! Stella wollte dieses Wort „Deutschland“ überhaupt nicht sagen – und ich konnte es nur stottern.

Der zweite Song mit Stella ist „So sollte es sein“, der auch eine komplizierte Entstehungsgeschichte hat. Die Melodie wurde von Pogo (Bassist Pogo McCartney, Anm.) komplett auf der Orgel geschrieben und wir wussten zunächst nicht so recht, wie wir sein Stück zu einem Lied ausformulieren können. Erst als wir letztes Jahr „So sollte es sein“ bei einem Auftritt in der Berghain-Kantine zum ersten Mal live gespielt haben, hat es „klick“ gemacht. Auch wenn der Song am Anfang der Platte steht, geht es für mich übrigens um ein „Ende“. Vielleicht eben um das Ende des Davors, ein Rundblick und ein Start in die Zukunft.

Wie spielt ihr das nun bei Liveauftritten?

Ich weiß es ehrlich gesagt noch nicht! Wir haben ihn seitdem erst einmal auf dem „Jenseits von Millionen“-Festival gespielt, bei dem die Heiterkeit auch aufgetreten sind und so konnte Stella bei uns mitsingen. Entweder müssen wir die Stella nun eben auf Tour mitnehmen oder Pogo muss noch ein paar Gesangsübungen einlegen!

Bei „Im Jahr der Obsessionen“ singt übrigens Katarina Maria Trenk von Sex Jams mit. Ursprünglich hatte ich den Song alleine, aber zweifach eingesungen, einmal mit meiner normalen und einmal mit einer elektronisch verfremdeten Stimme, die sozusagen ich als Frau sein sollte. War auch echt eine interessante Erfahrung, dich selbst als Frau zu hören. Wie du siehst, sind die Songkollaborationen immer bei Liedern, bei denen wir uns auf dünnes Eis gewagt haben. Ich denke, die Unterstützung von Anderen gab hier mehr Sicherheit.

Micha Acher haben wir einfach dazu geholt, weil er ein toller Trompeter ist. Wir wollten dieses Film Noir – Gefühl, wollten dass eine Trompete die Songs trägt oder zumindest begleitet. Mit Jochen Arbeit auf „So sollte es sein“ und „Kachelbad“ dagegen war’s eher kurios: den hat unser neuer Gitarrist Milek als eine Art Mitgift mitgebracht, denn seine frühere Band „Dein Rauschen“ hatte mit Jochen Arbeit von den Neubauten ab und an etwas zusammen gemacht. Ich habe Jochen Arbeit, nachdem er bei unserer Platte mitgearbeitet hatte, auch nur ein, zweimal wiedergetroffen. Ich glaube aber, der weiß gar nicht mehr, wer ich bin. Ich habe ihn begrüßt und er meinte nur „Ja, Ja? Großartig! Ich such‘ die Bar!“ und ist wieder weggelaufen. *lacht*

Wie wichtig sind Dir eigentlich Plattenkritiken?

Ich bin einfach ein Fan von Musikjournalismus. Der deutsche Musikjournalismus hat zwar eine hohe Selbstreferentialität und dreht sich stark um sich selbst, aber Plattenkritiken sind ein wichtiger Resonanzraum für eine Band. Ich lese auch immer noch gern deinen Blog oder die Spex.
Ich bin übrigens auch mit negativen Reviews gar nicht so unzufrieden, denn ich stehe auf Sachen, die mich zum Nachdenken bringen. Wir waren die ersten zwei Platten sehr verwöhnt mit guten Rezensionen und das ist für eine Band auch gar nicht so gut, weil man dadurch leichtsinnig oder selbstgefällig werden kann. Wenn dagegen eine Rezension gegen einen argumentiert und nachvollziehbar Kritik aufbringt, die einen zunächst irritiert, löst das einen Prozess in einem selbst aus. Ich selbst schreibe ja auch negative Kritiken, mit dem Wunsch, dass auch eine andere Art der Kommunikation zustande kommt als mit „alles ist geil!“ – weil: es ist nicht alles geil.

Ich hatte allerdings kürzlich ein riesiges Problem mit einer Talkrunde bei Radio 1, „Soundcheck“. Die war wirklich niveaulos, obwohl mit Torsten Groß (Ex-Chef der Spex, Anm.), Andreas Borcholte (Stammrezensent von Spiegel Online, Anm.), der Musikchefin von Radio 1 und noch einem weiteren Journalisten gut besetzt. Das war wirklich schlimm. Ich war nicht um unsrer wegen beleidigt, sondern vom Musikjournalismus enttäuscht. Wir können das durchaus verkraften, wenn wir mal verrissen werden und sind ja nun auch wirklich nie mit dem Anspruch angetreten, Musik zu machen, die allen gefällt. Aber dort war das Motto nur „verstehen wir nicht, finden wir nicht gut“ – und am schlimmsten war der Journalist, dessen Namen ich jetzt vergessen habe, dessen Position „deutschsprachige Musik braucht immer eine klare Message! Da muss immer eine deutliche Botschaft sein, sonst ist es nicht gut!“ war – da denk ich mir dann: Hey Leute, ihr sitzt da zu viert, seid zum Teil wirklich prominente Figuren des deutschen Popdiskurs und solche Sätze winkt ihr einfach durch?

…nachvollziehbar, sonst könnten wir auch sagen: deutsche Musik beginnt und endet mit Ton Steine Scherben…

Mir geht’s da auch wirklich nicht um uns als Band, sie hätten genauso gut Isolation Berlin verreißen können. Es geht um die Art des Diskurses. Und der war einfach schlecht. Es wäre doch auch interessanter, eine solche Position auszudiskutieren, aber stattdessen saß da eine vierköpfige Jury, winkt so etwas durch – und wir stehen auf der anderen Seite und können uns nicht dazu äußern.

Ihr habt Euer Label gewechselt. Die ersten beiden Platten sind auf This Charming Man veröffentlicht worden, „Jalousie“ erscheint jetzt bei Trocadero. Was waren dafür die Beweggründe?

Wir wollten einfach Veränderung…

Das klingt jetzt aber wie bei einem Fußballer: „Ich will neue Sprachen kennenlernen…“ und so….

… das This Charming Man Label ist eben auch ein Ein-Mann-Betrieb von Chris Weinrich und trotzdem haut er gefühlt jede zweite Woche eine neue Platte raus. Ich denke, er vermisst uns auch nicht. Wir sind schon eine Band, die eine große Aufmerksamkeit einfordert, die er uns bei seiner Last gar nicht geben konnte. Uns bedeutet Messer so viel und so brauchen wir auch jemanden, dem die Band ähnlich viel bedeutet und der mehr Zeit, Geduld und Energie investieren kann. Wir haben mit vielen Labels gesprochen, aber Rüdiger Ladwig von Trocadero hat uns beeindruckt. Es gab finanziell lukrativere Angebote, aber Ladwig kam zum Beispiel zu einem Treffen und hatte zu jedem Song viele Notizen mitgebracht und uns seine Interpretation der Lieder geschildert. Das war für uns wichtig, dass hier jemand sitzt, der nicht einfach eine Band will, um die es einen gewissen Hype gab und mit der man vielleicht ein wenig Geld machen kann, sondern der uns versteht, uns ernst nimmt und unsere Kunst sieht.

Die Nerven sind ja auch von This Charming Man weggegangen.

Was haben Dir denn Die Nerven erzählt, warum sie gegangen sind?

Die Nerven haben es dadurch begründet, dass sie mehr im Ausland machen wollen und ihr neues Label Glitterhouse außerhalb der deutschsprachigen Region besser vernetzt ist. Funktioniert ja auch, sie spielen deutlich mehr im Ausland, Ende des Jahres erscheint auch das Doppel-Live-Album der Nerven „In Europa“.

Voll gut! Die Nerven sind auch wirklich eine Band, die über ihre Energie wahrgenommen wird. Ihre Texte finde ich auch relevant, wichtig und ich lese die auch immer – aber wenn ich Die Nerven live sehe, höre ich kaum noch auf die Texte, sondern schaue mir diese Wucht an. Deshalb können Die Nerven auch international funktionieren, ähnlich wie die Neubauten, bei denen es auch um eine Gewalt geht. Den gleichen Anspruch haben wir bei Messer übrigens auch: wir sind keine Textband, wir sind eine Soundband, bei der es um Energie und Kraft geht.

Ein gutes Beispiel für eine andere deutschsprachige Band, die über ihre Gewalt funktioniert, sind übrigens Kreisky. Die sind so tight und krass wie Shellac und der Sänger ist ein fucking genius. Bei Konzerten stehen Kreisky in einer Reihe und wissen: wir haben einen geilen Schlagzeuger, einen geilen Bassisten, einen geilen Gitarristen und einen geilen Sänger, der auch noch megageile Texte schreibt. So will ich es auch bei Messer, dass es kein Konkurrenzverhältnis zwischen Text und Sound gibt, sondern beides gleich wichtig ist. Ich könnte nicht schreiben – zumindest könnte ich *das* nicht schreiben – ohne diesen Sound und auch die Jungs beim Songwriting sind abhängig von der Atmosphäre, die ich textlich mitgeprägt habe. Unser Selbstverständnis ist: wir sind eine Band.

Ihr habt mal gesagt, dass ihr die Band nicht als Job seht und dass ihr davon nicht leben müsst…

…könnten wir auch gar nicht *lacht*…

…ich habe zuletzt mit Isolation Berlin gesprochen und da war schon der Anspruch „wir möchten die nächsten 20 Jahre davon leben können“ vorhanden.

Isolation Berlin ist aber auch eine Band, die auf dem Preis für Popkultur spielt, auf vielen Festivals auftritt – und das ist eben auch eine Entscheidung. Unsere war eine andere.

Wobei man fairerweise schon sagen muss, dass Isolation Berlin auch klar ausgeschlossen haben, bestimmte Sachen zu machen, zum Beispiel Bundesvision Song Contest.

Ich will auch gar nicht sagen, dass die alles mitnehmen würden. Wobei, wenn man 20 Jahre im Musikbusiness stecken will, dann macht man am Ende auch sowas mit, wenn man das Geld braucht.
Ich kann da ja auch nur über uns sprechen. Wenn ich uns mal distanziert zu betrachten versuche, dann merke ich schon, dass wir zu viel mehr Sachen Nein sagen als dass wir zustimmen. Vielleicht auch, weil wir natürlich immer noch einen politischen Anspruch haben und nicht auf der einen Seite etwas sagen wollen, dann aber doch bei etwas mitmachen, was wir als falsch empfinden. Es gibt genug Bands in Deutschland, die sagen, sie seien politisch, aber ihre Taten stehen dazu im Widerspruch. Und das will ich nicht.
Dadurch wird es fast unmöglich, eine kommerzielle Musikkarriere zu starten. Sicher steht auch unser Sound und unser Anspruch an Musik dem Ganzen im Wege. Wir hätten auch nie den Plan entwerfen können, erfolgreich zu werden. Wenn überhaupt, muss sich das langsam ergeben: Dass wir geschätzt werden für das, was wir sind. Nämlich Künstler, die machen was sie wollen, und keine, die sich eingliedern, die Erwartungshaltungen gerecht werden wollen. Wenn wir je davon leben können, dann weil wir dafür geschätzt werden, dass wir uns treu bleiben und nicht anbiedern.

Klar kann sich der Grundentscheid, dass wir nicht davon leben wollen, auch einmal ändern, aber gerade seh ich es eher sogar mehr denn je so. Denn wenn ich beobachte, wie sich manche Künstlerinnen und Künstler verbiegen müssen, ihre Lust an der Musik und am Musikmachen verlieren, wie sie sich untereinander auch in Bands zerstreiten, wie fertig sie sind, weil Rocknroll auch ein hartes Leben ist manchmal – dann denke ich mir erst recht: Gut, dass wir nicht alles auf eine Karte gesetzt haben und weiter jeder in der Band für sich sein eigenes Ding machen kann und so Messer ein Freiraum bleibt, der mit einer kreativen Lust statt eines Kalküls zu tun hat.

Stimme Dir da zu, denn wenn dein Lebensunterhalt von deiner eigentlichen Herzenssache abhängt, dann wirst du früher oder später korrumpiert, weil ein Kind zu ernähren ist, eine Miete zu bezahlen ist.

Ich will, dass es mit der Band noch lange weiter geht und dass sie mir noch so viel bedeutet wie jetzt. Und da muss man dafür sorgen, dass nicht alles zu schnell verbrennt.

Und da seid ihr euch in der Band einig?

Nee, wir sind uns innerhalb der Band eigentlich nie einig. Wir sind ein basisdemokratisches Gebilde, in dem alles ausgestritten wird, aber glücklicherweise so gut verbunden und so gute Freunde, dass wir das aushalten. Aber im Kern haben wir hier sicher die gleiche Meinung. Wenn wir nun ein Angebot bekommen würden, dass wir die nächsten zehn Jahre alle von der Band leben könnten, müsste man das sicher noch einmal neu in der Gruppe ausdiskutieren. Ich finde aber: Es muss sich langsam ergeben, sonst macht es etwas Falsches mit dir. Außerdem habe ich auch das Gefühl, dass es gut ist, sich an verschiedenen Projekten auszuprobieren.
Es gibt sicher individuelle Settings in denen das funktioniert: Künstlerinnen und Künstler die immer schon einen l’art pour l’art Ansatz hatten und die ihre politischen Bezüge hier unterbekommen. Aber die waren auch schon wo und haben eine bestimmte Reife – dafür fühle ich mich noch viel zu dumm, unsicher und unfertig. Es schadet sicher nicht, wenn man noch einen Bezug hat zu dem Leben, das der Rest der Menschheit lebt.

(Interview: Christian Ihle)

Auf Tour:

03.11.16 Berlin, Frannz
04.11.16 Gießen, MuK
05.11.16 Stuttgart, Zwölfzehn
06.11.16 Wien, B72
07.11.16 München, Kranhalle
08.11.16 Dresden, Groovestation
09.11.16 Leipzig, Naumanns
10.11.16 Jena, Kassablanca
11.11.16 Hannover, Café Glocksee
12.11.16 Hamburg, Molotow
03.12.16 Münster, Gleis 22

Kommentare (3)

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

  1. Pingback: GEWALT-Interview Teil 2: „Der entscheidende Unterschied zwischen jetzt und vor 15 Jahren: Die sind nicht so wahnsinnig dumm wie wir damals. Die Sterne, Tocotronic, Surrogat, Mutter… wir waren alle totale Vollidioten.“ | Monarchie &

  2. wenn ich dazu komme, mach ich mal noch ne „outtakes“-runde. gerade die werner herzog diskussion war sehr interessant, weil Otremba da wirklich gut tief im thema drin ist.

  3. netter, schlauer mensch – da hätte man den randthemen-werner-herzog-part doch auch gern gelesen…