Song der Woche: Ja, Panik – Futur II

Madam Monsieur
Es geht noch immer um die paar Lebendigen
in einer mausetoten Welt

Endlich wieder ein Lebenszeichen von unseren liebsten Burgenländern im Berliner Exil! Seit dem hervorragenden „Libertatia“-Album (was ja auch standesgemäß Album des Jahres hier im Popblog war) haben Ja, Panik nur Konzerte gespielt, aber keine Songs mehr veröffentlicht. Sänger Andreas Spechtl war auf Solopfaden unterwegs und hat das ebenfalls gelungene „Sleep“-Album geschrieben, Drummer Sebastian Janata sogar gleich zwei Platten mit seinem Vater als „Worried Man & Worried Boy“ herausgebracht. Nun erscheint keine neue Platte, sondern ein Buch, das zehn Jahre Ja, Panik beleuchtet. „Feiert“ kann man nämlich nicht sagen, zu sehr ist das Buch doch von Zweifeln durchzogen – dazu aber an anderer Stelle mehr und ausführlicher, denn dieses Buch ist so phänomenal, dass es eine eingehendere Betrachung verdient. Parallel zum Buch erscheint aber auch recht überraschend ein neuer Track gleichen Namens: „Futur II“.

Ja, Panik sind einen langen Weg von ihren Indierock-Anfängen zum sophisticated Sound des Libertatia-Albums gegangen – ein Sound, der daran erinnert, wie man 1982 im „Summer of Pop“ einmal für den Herzschlag der Geschichte glaubte, Politik und Pop, Breitenwirkung und Nischenmeinung würden sich nicht generell ausschließen, sondern könnten eine glückliche Heirat schließen. Wie wir wissen: es war ein Trugschluss, Pop bleibt zumeist der kleinste gemeinsame Nenner, insbesondere wenn es um Texte geht. „Futur II“ knüpft nun einerseits an Libertatia an, klingt mehr synthetisch als handgemacht, und mit Sicherheit nicht weniger politisch als das letzte Album. Doch gleichzeitig wirkt „Futur II“ eben wenger sophisticated, weniger produziert, sondern schnell und wütend herausgehauen. Wo man bei „Libertatia“ noch leichten Fußes um die europäische Zentralbank herumtänzelte („Dance The ECB“), wird hier mit wütendem Fuß aufgestampft und nicht gesäuselt, sondern beinah Spoken-Word-haft Satz an Satz gereiht.

Hier ist übrigens zum ersten Mal der alte Reflex deutscher Musikbesprechungen von österreichischen Künstler gerechtfertigt: man kann tatsächlich an Falco denken, wie uns Spechtl hier mit seinen Lyrics im österreichischen Sprechgesang überfällt. Näher liegt aber dennoch der Gedanke an die späten The Clash, an „This Is Radio Clash“ oder „Magnificient Seven“, die Attitude mit Funk verheirateten, verbunden mit Distelmeyer’schen „L’Etat Et Moi“ Textcollagen („So finally cast a stone / in my direction / Durch mich in mir / History beats itself to perfection“)

Ja, Panik erinnern mit „Futur II“ daran, wie anders und wichtig sie für die hiesige Musikszene sind. Es gibt einfach immer noch keine andere Band, die das Politische und das Poppige so gut verbindet wie die vier ÖsterreicherInnen. Sie sind sie selbst, die paar Lebendigen in einer mausetoten Welt.


Ja, Panik im Popblog:
* Ja, Panik – Portrait: Es gilt nach wie vor, eine Welt zu zerstören.
* Interview mit Ja, Panik 2011 (1): “Es sind schon unschuldigere Menschen als Merkel und Sarkozy getötet worden”
* Interview mit Ja, Panik 2011 (2): “Das Konzept Rockband ist ein Auffangbecken für machoide, kleingeistige, trottelige, schwanzfixierte Idioten”
* Interview mit Ja, Panik 2014 (1): „Wir haben uns natürlich schon gefragt: sind wir überhaupt noch Ja, Panik?
* Interview mit Ja, Panik 2014 (2): „Die ‚lostness‘ wird nicht mehr akzeptiert, jeder sucht mit einem wahnsinnigen Zwang seinen Platz in dieser Welt“
* Album des Jahres 2014:: Libertatia
* Song des Jahres 2011: DMD KIU LIDT
* Album des Jahres 2011: DMD KIU LIDT
* Album des Jahres 2009: The Angst & The Money
* Plattenkritik zu Libertatia
* Plattenkritik zu Nevermind-EP
* Album des Monats September 2009: The Angst & The Money
* 15 Fakten über das neue Ja, Panik – Album
* My Favourite Records mit Ja, Panik

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