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vonChristian Ihle 29.11.2016

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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In der FAZ ist gestern ein Text von Tobias Rüther über das Verhältnis von Deutschland zu den USA in Zeiten Trumps erschienen, der verblüffenderweise Bernd Begemann in seinem Zentrum hat. Hier der Begemann-Part:

„Es gibt ein Lied von Bernd Begemann, „Deutsche Hymne ohne Refrain“, es erzählt von einer Jugend in der alten Bundesrepublik, davon, etwas zu lieben, mit dem man gleichzeitig fremdelt. „Unsere Stadt ist weder groß noch klein“, singt Begemann, „wir haben ein Kino, ein paar Banken, ein paar Eisenbahnschranken, so gemütlich, so gemein, doch stumme Tränen, stummer Hass, davon erfährt niemand was, und unsere Fußgängerzone ist so sauber, man kann fast darin wohnen, wir machen Witze und wir sitzen rum, bloß manchmal bleibe ich stumm, weil es mir vorkommt wie ein Gefängnis – aber wann ist die Strafe um?“ Begemann singt sich dann aus der Klaustrophobie von Bratkartoffeln und Altpapiercontainern hinaus in den Wald (Deutsche suchen die Wahrheit immer im Wald, selbst wenn sie Buddy-Holly-Fans sind wie Begemann), und das Ganze endet mit dem leise trotzigen Ausruf: „Denn ich will dieses Land verstehen. Ich will dieses Land verstehen.“

Etwa zu der Zeit, als ich schießen lernte, habe ich dieses Lied College-Studenten vorgespielt. Sie waren kaum zwanzig und überfordert, aber vielleicht auch nur müde, weil auf ihrem Horrorstundenplan der Pflichtkurs German 303 eher abgerissen als erfüllt wird. Sie verstanden jedenfalls nicht, was sie mit Begemanns Unentschiedenheit anfangen sollten, mit diesem Heimweh nach etwas, vor dem man lieber abhauen möchte.

Aber dann fingen sie an, Begemanns Hymne umzuschreiben. Ersetzten Fußgängerzonen mit Strip Malls. Bratkartoffeln mit Kool-Aid. Altpapiercontainer mit Schnellrestaurants. Und plötzlich wurde es eine amerikanische Hymne ohne Refrain.

Trump verstehen oder bekämpfen?
Begemann, der aus der linken Subkultur kommt, ist von dort heftig kritisiert worden, als sein Song 1993 erschien – zu einer Zeit, als nach der Wiedervereinigung die rassistische Gewalt heftig um sich schlug, Es gehe doch nicht darum, dieses Land zu verstehen, hielt man Begemann vor, es gehe darum, es zu bekämpfen.

Und genau darum scheint es jetzt auch zu gehen, wenn man, seit der Wahlnacht, in Zeitungen und Zeitschriften schaut, ins Fernsehen und ins Internet: Soll man versuchen, Trumps Amerika zu verstehen – oder es bekämpfen?“

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