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vonChristian Ihle 15.12.2016

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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1981 entstand der Kurzfilm „Das Leben des Sid Vicious“. Gedreht hatten den zehnminütigen Film Nikolaus Utermöhlen von der Band „Die Tödliche Doris“ und Max Müller, Bruder von Tödliche Doris – Kopf Wolfgang Müller und später selbst Sänger von „Mutter“. Ihr „Das Leben des Sid Vicious“ ist ein wunderbares Kuriosum, das die Vicious’sche Provokationstaktik spiegelt und dabei auf die Spitze treibt. Vicious, wilder Punk der ersten Stunde und später dann auch Sex-Pistols-Bassist, war – wie einige englische Punks – dafür bekannt, Klamottem mit Hakenkreuz zu tragen, was wohl ein Mittelfinger für das englische Establishment sein sollte, das eben noch im zweiten Weltkrieg die Nazis besiegt hatte und nun von der Jugend ihren Dank einforderte.

Müller & Utermöhlen stecken nun ein kleines Kind (den zweieinhalb Jahre alten Sohn der Doris-Drummerin Dagmar Dimitroff) in die Sid-Vicious-Uniform und filmen es bei seinen tappsigen Schritten im roten Hakenkreuz-Shirt auf einem Pariser Boulevard. Später darf das Vicious-Balg dann auch noch die mythenumrankte Mordnacht von Sid & Nancy nachstellen. Wie man in den Archiven nachlesen kann, war diese Kurzzusammenfassung von Sid Vicious‘ Leben  – fesches Aussehen, kindlicher Spaß an Provokation, Spritzen, Tod & Heulen – natürlich geeignet, das Publikum zu polarisieren: »Gleich als der Film zum ersten Mal im Berliner Arsenal-Kino lief, war die Provokation groß. Die Hälfte der Punks sahen ihr Idol zumindest altersmäßig allzu stark reduziert. Die Akademikerhälfte äußerte ideologische Bedenken. Alle anderen wurden Doris-Fans, weil die Geste, mit der der Film sich Sachen aneignet und sie für eigene Zwecke in Betrieb genommen hat, Mut macht und Spaß«, so der TIP Berlin 1983. In England dagegen war die Begeisterung groß: die „umwerfend einfache Metapher einer unbewussten Kinderseele. Ein Meisterwerk!“ (NME) und „Das Leben des Sid Vicious schildert das Punk-Idiom besser als Tausende von Wegwerfprodukten, die erschienen sind, seitdem es Punk gibt.“ (Sounds).

Dennoch für alle Snowflakes da draußen lieber vorab die Warnung: eventuell verstörender Inhalt (oder halt: Kunst!):

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kommentare

  • Das ist doch ein schönes Vor-Weihnachtsgeschenk. Neben diesen diversen ewiggleichen Punk-Dokus, die aktuell so kursieren, endlich mal eine dreckige, direkte Bestandaufnahme aus einem glaubwürdigen Blickwinkel.

  • Die Sex-Pistols sind wirklich nur pubertärer Kinderkram. IMHO sind sie einer der Gründe dafür, daß Punk immer infantil und pubertär geblieben ist. Aber was will man schon groß akademisiseren, wenn es um spaßfreie jugendliche Testosteronbomben Anfang 20 geht. Zum Fremdschämen sind allerdings immer wieder Altpunks, die so langsam um die 50 sind, aber immer noch den rebellischen Teenager geben.

    Was die Verfilmung betrifft, gibt es eine sehr witzige Episode von den Simpsons (Sid and Nancy). Da geht es eigentlich nur um Schokolade. Da haben sie recht. Im Grunde geht es nur um Candy.

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