A Year In Pictures: Die Filme des Jahres 2016

1. Green Room (USA, Regie: Jeremy Saulnier)

Bereits mit seinem letzten Film „Blue Ruin“ hatte Jeremy Saulnier unter Beweis gestellt, dass es derzeit niemanden gibt, der das Genre des harten, existentialistischen Thrillers so beherrscht wie er. Die Geschichte einer Punkband, die in einem Nazischuppen auftritt, und sich in der Folge in ihrem Backstageraum verschanzen muss, erzählt Saulnier mit der bitteren Konsequenz eines John Carpenter in „Assault On Precinct 13“. Selbst seine Helden, oder besser: die Überlebenden, verspüren keine Befreiung, nichts Leichtes ist in diesen Figuren, wenn sie Menschen aus Notwehr und Selbstschutz abschlachten müssen. Auch das Überleben, das „Gewinnen“, hat bei Saulnier Konsequenzen: keine Figur ist am Ende die Gleiche, weil Saulnier sie so unerbitterlich in einen Abgrund blicken lässt, bis der Abgrund zurückschaut.

Vorherige Platzierung des Regisseurs:
2014: #3 Blue Room

2. Toni Erdmann (Regie: Maren Ade)

Wenn es die nächsten Jahre gut mit uns meinen, wird man in der Zukunft vielleicht auf „Victoria“ (unseren letztjähriger Gewinner) und „Toni Erdmann“ als die Geburt eines neuen deutschen Kinowunders zurückblicken. Der Moment, als sich das deutsche Kino emanzipierte von der Autorenfilmervergangenheit, die Berliner Schule abgeschlossen hat und leichthändig Genre, Witz, Esprit und Arthouse verband. Maren Ades „Toni Erdmann“ wurde zurecht in Cannes gefeiert, ist für den Golden Globe nominiert und jeden seiner 162 Minuten Laufzeit wert. „Toni Erdmann“ ist skurril, lustig, tragisch und traurig, dabei gleichzeitig auf eine eigene Art auch sehr deutsch und dennoch international.

3. Son Of Saul (Regie: László Nemes / Debütfilm)

Der härteste Film des Jahres. Nachdem man „Son Of Saul“ gesehen hat, weiß man gar nicht mehr, wie andere Holocaust-Filme diesseits von Resnais‘ „Nacht & Nebel“ überhaupt funktionieren konnten, wo sie doch wegsahen, wo „Son Of Saul“ nicht mal zwinkerte, sondern das Grauen in seiner vollen Tiefe erfasste. Kein Film in der Geschichte hat die Maschinerie des Mordens, die Fabrikation der Vernichtung so eingefangen wie Laszlo Nemes in seinem (unfassbar!) Debütfilm. Dabei erzählt Nemes pathosfrei, matter of fact -haft, zeigt viele der schrecklichsten Szenen nur verschwommen, beinah beiläufig im Hintergrund und erzeugt dennoch ein Faust-im-Magen-Gefühl wie kaum ein anderer Film. Nach gut einer Stunde kulminiert die Erzählung in einer Szene, in der fließbandgleich erschossen und verbrannt wird, weil die „Duschen“ und Öfen die Menge des zu vernichtenden Lebens nicht mehr fassen können. Ein Bild direkt aus der Hölle. Hieronymus Bosch, aber im echten Leben. Wenn man vom Holocaust in einem Spielfilm erzählen will, dann so.

4. The Neon Demon (Regie: Niclas Winding Refn)

Nicolas Winding Refn wandelt auf einem schmalen Grat, in dem er Genre-Erzählungen mit überstilisierten Bildern verbindet, sich dabei aber einen Dreck um Plot oder Charaktere schert. In „Drive“ schuf er sein Meisterwerk, legte mit dem Folgefilm „Only God Forgives“ dann allerdings auch prompt die Leere in seinen betörenden Bildern offen. „The Neon Demon“ wirkt auf den ersten Blick wie „Only God Forgives“: eine faszinierend schöne Meditation über Wasauchimmer, aber mit einigem Abstand kristallisieren sich Themen heraus, bleiben Szenen hängen und brennen sich Bilder ins Gedächtnis ein. Niclas Winding Refn ist der Dario Argento der Neuzeit.

Vorherige Platzierung des Regisseurs:
2013: #39 Only God Forgives
2012: #1 Drive
2009: #8 Bronson

5. Nocturnal Animals (Regie: Tom Ford)

Schon „A Single Man“, das Debut des Modedesigners Tom Ford, war ein stilistischer Triumph. In seinem zweiten Film beweist Ford erneut sein Händchen für Style, erzählt aber komplexer und gleichzeitig dringender. Es überlappen sich fiktionale mit realen Erzählebenen genauso wie eine jetzige Timeline mit Flashbacks aus der Vergangenheit. Ein erstaunliches Konstrukt, das uns auf der fiktionalen Ebene einen 1a Thriller und im Realen eine erstaunliche Betrachtung über Lebensirrtümer & Sadness liefert.

Vorherige Platzierung des Regisseurs:
2010: #7 A Single Man

6. The Revenant (Regie: Alejandro Gonzales Inarritu)

Eine über zweistündige Erzählung unendlichen Leidens, eine Passionsgesichte in der äußeren Form eines Westerns in einer Eiswüste. Inarritu zeigt die unnachgiebige Härte der Wildnis wie ein Werner Herzog in seinen existentialistischsten Mensch-gegen-die-Natur-Momenten aus „Aguirre“ oder „Fitzcarraldo“. Die Bilder des Terence-Malick-Kameramanns Emmanuel Lubezki kleiden diesen (Über-)Lebenskampf in – trotz aller Schroffheit – beinah außerweltliche Schönheit und trotzdem ist „The Revenant“ kein Vergnügen, sondern eine anstrengende zweieinhalb Stunden währende Darstellung von Leid auf Schmerz auf Leid und ähnlich wie Mel Gibsons „Passion Christi“ nie weit entfernt von einer Art Schmerzensporno. Vor allem im dialogfreien vierzigminütigen Mittelteil folgt Schmerzens-Set-Piece auf Schmerzens-Set-Piece, ein Torture Porn, bei dem die Natur den Folterer gibt.

Vorherige Platzierung des Regisseurs:
2015: #6 Birdman

7. The Big Short (Regie: Adam McKay)

Manchmal muss man Hollywood schon bewundern, wie die Filmindustrie es schafft, aus einer unverfilmbaren Tragödie wie der des Bankencrashs und des Finanzmarktirrsinns gleich mehrere hervorragende Filme zu kreieren (Margin Call, Too Big To Fail, Wolf Of Wallstreet und Big Short)! The Big Short ist leichtfüßig und zugleich überkomplex und scheut sich angenehmerweise überhaupt nicht, den Zuschauer von vorn bis hinten zu überfordern – und bleibt dennoch erzählerisch so eindringlich, dass The Big Short sowohl als Film funktioniert als auch als Crashkurs in Finanzmarktvoodoo dient.

8. Arrival (Regie: Denis Villeneuve)

„Arrival“ mag mit Aliens und über Städten schwebenden Riesenraumschiffen wie ein „Independence Day“ aus einer alternativen Realität aussehen, könnte aber natürlich nicht weiter von Emmerichs Zerstörungsorgien entfernt sein. „Arrival“ steht dagegen in einer in Vergessenheit geratenen Tradition: die des bewundernd nach oben schauenden Science-Fiction-Films. Hier ist das Außen das Überlegene, aber eben auch Bessere, Reifere. Ein bisschen fühlt sich Villeneuves „Arrival“ manchmal an, als hätte Terence Malick den „Perry Rhodan“-Auftakt verfilmt – oder wie „Die Unheimliche Begegnung der Dritten Art“ ohne Spielbergkitsch. „Arrival“ ist sehr ruhig, entwickelt aber auf seine Art mehr Wucht als 100 gesprengte Freiheitsstatuen.

Vorherige Platzierung des Regisseurs:
2015: #7 Sicario
2014: #28 Enemy
2013: #10 Prisoners

9. The Invitation (Regie: Karyn Kusama)

Ich bekenne: von allen bescheuerten Filmgenreerfindungen ist mir „Mumblegore“ eine der liebsten. Entstanden aus den Ultra-Lo-Fi-Beziehungs-Realismus-Erzählungen der Mumblecore-Szene stellt Mumblegore eine Art Abzweigung ins Horrorgenre dar. Auch hier reden alle andauernd viel, kostet der Film praktisch nichts und zeigt sich dann eben doch, dass Cleverness und Witz mehr Wert sind als 100 Millionen Dollar Special Effects Budget. „The Invitation“ ist ein sich langsam aufbauender Thriller über eine Einladung zum Abendessen, an deren Ende die Hügel in Los Angeles mit roten Lichtern von der Apokalypse künden.

10. Oasis – Supersonic (Regie: Mat Whitecross)

Besser als eine Banddoku sein dürfte! Mat Whitecross fördert nicht nur Archivmaterial zu Tage, das selbst Hardcore-Oasis-Fans die mächtige Augenbraue hochziehen lässt, sondern schafft es, einen Moment in der Musikgeschichte einzufangen, der so wohl für immer verloren ist: als eine Band wie Oasis ein ganzes Land in einen wilden Taumel stürzte, als Hunderttausende zu einem Konzert nach Schottland pilgerten und zwei durchgeknallte Brüder die wichtigsten Köpfe des Landes waren. Was „Supersonic“ dazu noch hilft: die beiden Hauptdarsteller sind nun mal regelrechte One-Liner-Maschinen – Noel bewusst, Liam eher unbewusst.

Ebenfalls empfehlenswert:

11. The Witch (Regie: Robert Eggers / Debütfilm)
12. Alles was kommt / L’Avenir (Regie: Mia Hansen-Løve)
13. Maggies Plan (Regie: Rebecca Miller
14. The Hateful 8 (Regie: Quentin Tarantino)
15. Ich, Daniel Blake (Regie: Ken Loach)

16. Louder Than Bombs (Regie: Joachim Trier)
17. Marshland / La Isla Minima (Regie: Alberto Rodríguez)
18. Wild (Regie: Nicolette Krebitz)
19. The Lobster (Regie: Yorgios Lanthimos)
20. Under The Shadow (Regie: Babak Anvari / Debütfilm)
21. Devil’s Candy (Regie: Sean Byrne)
22. Tschick (Regie: Fatih Akin)

23. Verfluchte Liebe deutscher Film (Dokumentation, Regie: Dominik Graf & Johannes Sievert)
24. Another Evil (Regie: Carson D. Mell / Debütfilm)
25. Ilegitim (Regie: Adrian Sitaru)
26. Safari (Regie: Uli Seidel)

27. Zero Days (Dokumentation, Regie: Alex Gibney)
28. Dr. Strange (Regie: Scott Derrickson)
29. Sand Storm / Sufat Chol (Regie: Elite Zexer / Debütfilm)
30. Zoomania (Regie: Byron Howard, Rich Moore)
31. Hail Caesar (Regie: Joel & Ethan Coen)
32. Bauernopfer (Regie: Edward Zwick)
33. Weiner (Dokumentation, Regie: Josh Kriegman, Elyse Steinberg / Debütfilm)
34. The Ones Below (Regie: David Farr / Debütfilm)

35. David Brent: Life On The Road (Regie: Ricky Gervais)
36. Where To Invade Next (Regie: Michael Moore)
37. Bastille Day (Regie: James Watkins)
38. Eddie The Eagle (Regie: Dexter Fletcher)
39. The Neighbor (Regie: Marcus Dunstan
40: 10, Cloverfield Lane (Regie: Dan Trachtenberg / Debütfilm)

Die Vorjahressieger:


2016: Victoria (D, Regie: Sebastian Schipper)

2014: Boyhood (USA, Regie: Richard Linklater)

2013: Upstream Colour (USA, Regie: Shane Carruth)

2012: Drive (USA, Regie: Nicolas Winding Refn)

2011: Submarine (UK, Regie: Richard Aoyade)

2010: Bad Lieutenant: Port Of Call – New Orleans (USA, Regie: Werner Herzog)

2009: Inglorious Basterds (USA, Regie: Quentin Tarantino)

2008: No Country For Old Men (USA, Regie: Joel & Ethan Coen)

2007: Ex Drummer (Belgien, Regie: Koen Mortier)

2006: Match Point (USA, Regie: Woody Allen)

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