Berlinale-Vorschau

Knapp 400 Filme laufen im Rahmen der Berlinale, die meisten davon Uraufführungen, Weltpremieren und Sonstnochniegesehenzeugs – dementsprechend schwer ist es, eine verlässliche Prognose zu treffen, welche Filme man nicht verpassen sollte.

Im Folgenden einige Filme, die entweder durch ihr Thema oder auch durch vorherige Werke der Regisseure spannend sein dürften für die Popblog-Leser:

1. Musikfilme

Eine Reihe von Filmen, die sich mit Bands beschäftigen, sind auch diesmal auf der Berlinale zu finden. Der britische Regisseur Michael Winterbottom eröffnet das Panorama mit „On The Road“, einer Mischung aus Doku und Fiction. Er begleitet die britische Indierockband Wolf Alice und erzählt daneben eine fiktive Beziehungsgeschichte – also ein Film in der Art von „Bored Teenagers“, Wolfgang Bülds Punk-Romanze um eine Adverts-Tour in Deutschland von 1977. Oder wer es moderner mag: „Keine Lieder über Liebe“ mit Heike Makatsch, Jürgen Vogel und Thees Uhlmann.

Daneben finden sich noch Dokus über Tangerine Dream („Revolution Of Sound“) und, etwas überraschend, Union Youth („Könige der Welt“) – eine deutsche Indierockband, die vor gut 15 Jahren dank MTV zu kurzem Ruhm gelangt war. Romuald Karmakar folgt in „Denk ich an Deutschland in der Nacht“ Techno-DJs in die Dunkelheit, featuring unter anderem Ricardo Villalobos.
Eine ungewöhnlichere Form findet „The Bomb“: ein Experimentalfilm zu Livemusik von The Acid über die Atombombe. Der Trailer wirkt auf den ersten Blick wie ein beeindruckendes, assoziatives Musikvdeo, mal sehen ob das über eine Stunde Laufzeit trägt. Ebenfalls ungewöhnlich ist „2+2=22 [The Alphabet]“ von Klaus Emigholz, eine Art filmisches Essay über Tiflis und die Band Kreidler, gesprochen von Natja Brunckhorst.

2. Fassbinder

Gleich zwei Wiederaufführungen von Fassbinder-Werken sind im Programm zu finden. Erstens die lange ersehnte, leider selten ausgestrahlte Fernsehserie „8 Stunden sind kein Tag“ (Namensgeber für einen Song von Jetzt!) und zudem, hier ist RWF nur Schauspieler, „Kamikaze 1989“, einen 82er Film in New Wave Ästhetik von Wolf Gremm.

3. Regisseursempfehlungen

Weirdos von Bruce McDonald. Sorgte einst mit dem schizophrenen „Tracey Fragments“ für eine Offenbarung auf der Berlinale. Weirdos spielt in den End70ern, ist schwarzweiß und sieht wunderbar aus.
Ulrike’s Brain und The Misandrists von Bruce La Bruce. Unser liebster Trash/Gay/Porn-Exzentriker Bruce La Bruce kehrt auch auf die Berlinale zurück, diesmal gleich mit zwei Filmen. „Ulrike’s Brain“ verspricht dabei mit seinem Kampf zwischen zwei Frankensteinwesen der Rechtsradikalen und Linksextremen einen ungewöhnlichen Unterhaltungsfaktor auf der doch oft spröden Berlinale.
Tiger Girl von Jakob Lass. Der Vorreiter des German Mumblecore. Love Steaks war brillant in seinem Minimalismus.
Golden Exits von Alex Ross Perry. Mit „Listen Up Philipp“ vor einigen Jahren auf sich aufmerksam gemacht, zuletzt mit „Queen Of Earth“ auf der Berlinale. Mit Emily Browning und Chloe Sevigny sehr interessant besetzt.
Call Me By Your Name von Luca Guadagnino. Luca Guadagnino drehte zuletzt „A Bigger Splash“ und steckt in der Post-Produktion seines „Suspiria“-Remakes (!). „Call Me By Your Name“ hat in Amerika durch die Bank begeisterte Kritiken geerntet.
The Lost City Of Z von James Gray. Seit „Little Odessa“ ist James Gray ein Geheimtipp des amerikanischen Kinos.
Offene Wunde Deutscher Film von Dominik Graf. Die Fortsetzung zu „Verfluchte Liebe Deutscher Film“ und allein deshalb Pflichtprogramm für alle Freunde des Genrekinos.

4. Wettbewerb

T2 Trainspotting von Danny Boyle. Keine Worte nötig! Wenn doch, siehe hier: Trainspotting, revisited.
Wilde Maus von Josef Hader. Hader als Schauspieler, Autor und Regisseur. Kann ja nur gut werden.
Helle Nächte von Thomas Arslan. Berliner Schule auf der Berlinale.
The Other Side Of Hope von Aki Kaurismäki. Finnischer Neorealismus, eine Legende des europäischen Arthouse-Kinos seit den 80ern.
Beuys von Andres Veiel. Rückkehr von Veiel zum Dokumentarfilm, was ihm auch besser gelingen sollte als seine Spielfilm-Exkursion „wer wenn nicht wir“.
Return To Montauk von Volker Schlöndorff. Schlöndorff erneut („Homo Faber“) auf den Spuren von Max Frisch.
Ana Mon Amour von Calin Peter Netzer. Das immer verlässlich gute rumänische Kino kehrt in Form von Calin Peter Netzer zurück in den Wettbewerb. Bei seiner letzten Teilnahme gewann Netzer mit „Mutter & Sohn“.

5. Sonstige Empfehlungen

Mein wunderbares West-Berlin von Jochen Hick. Nostalgie aus dem 70er/80er Jahre LBGT-Berlin!
Casting JonBenet von Kitty Green. Experimentaldoku, in den USA heftig gefeiert.
From The Balcony von Ole Glaever. Glaevers letzter Berlinalebesuch „Mot Naturen“/“Out Of Nature“ war ein unbesungener Triumph. Auteur-Kino, das sich nicht im Artifiziellen verliert, aber dennoch (deshalb?) viel über das Leben und das Individuum zu erzählen weiß.
I Am Not Your Negro von Raoul Peck. Eine experimentelle Beleuchtung des Rassismus-Themas, gesprochen von Samuel L Jackson.
Freak Show von Trudie Styler
My Entire High School Sinking Into The Sea von Dash Shaw. Außenseiter-Zeichentrick, gesprochen von Jason Schwartzman und Lena Dunham
Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes von Julian Radlmeier. Der ohne Frage beste Filmtitel der Berlinale kommt aus der Perspektive deutsches Kino und wird von den Kollegen bei critic.de heftig gelobt.

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