T2 – Trainspotting (Regie: Danny Boyle)

1. Der Film in einem Satz:

Chose Life. Chose Sequel.

2. Darum geht‘s:

20 Jahre sind vergangen seit Renton seine alten Buddies Spud, Begbie & Sick Boy um die Einnahmen aus einem Drogendeal betrogen hat und auf Nimmerwiedersehen verschwunden ist. Nach zwei Jahrzehnten in Amsterdam kehrt Renton nach Edinburgh zurück und trifft dort die Ex-Kumpels wieder. Spud hängt immer noch an der Nadel, Sick Boy ist Zuhälter/Erpresser mit einem serious cocaine habit und Begbie sitzt ein, bricht aber just zur Zeit von Rentons Rückkehr aus – und hat nur eines im Sinn: Rache zu nehmen.

Eine Neuauflage von „Trainspotting“, dem neben „Pulp Fiction“ wohl popkulturell wichtigsten Film der 90er, war ein gewagtes Unterfangen. Aber der in der Zwischenzeit oscarprämierte Regisseur Danny Boyle trommelte die ganze alte Crew zusammen und so standen die Vorzeichen zumindest nicht schlecht: Ewan McGregor, Robert Carlyle, Ewen Bremner und Johnny Lee Miller als Besetzung, erneut ein Buch von Irvine Welsh als Vorlage und – vielleicht am wichtigsten – John Hodge als Drehbuchautor, der das manische Gibberish aus Walshs Büchern in ein verständliches Narrativ überführen soll, ohne die rauhen Kanten dabei zu verlieren. Doch was Hodge im ersten Trainspotting so unvergleichlich gut gelang, holpert nun doch recht vor sich hin. Zwar hat das Drehbuch viele gute Momente – beispielsweise eine erstaunlich wirkungsvolle „Chose Life“ – Neuinterpretation Rentons, dessen Original-rant damals „Trainspotting“ so bemerkenswert eröffnete – doch statt der wilden Achterbahnfahrt des ersten Teils steuert „T2“ nun auf eine nicht ganz glaubwürdig herausgearbeitet Konfrontation von Renton mit Begbie zu.

Im Kern des Films steht weniger der Plot als die Beschäftigung mit der Vergangenheit. Unzählige Male spielt der Film mit Verweisen auf den Vorgänger, mal gelungener (eine Ein-Sekunden-Sequenz von Iggy Pops „Lust For Life“), mal weniger. Aber trotzdem würde es zu kurz greifen, reduzierte man „T2“ auf ein reines Nostalgiefest, denn im Grunde ist „T2“ eben gerade kein Film, der sich in Nostalgie suhlt, sondern mehr ein Film über Nostalgie, über das Vergangene, das unwiderbringlich Verlorene. Folglich fehlt dem Film auch – schlüssig – jene überbordende Energie der Jugend, die „Trainspotting“ 1996 so wild, so furchtlos wirken ließ. An die Stelle dieses Jungseins ist die verzweifelte Erinnerung daran getreten, ein Festhalten an Erinnerungen, weil das Leben im Heute nichts bietet, was nicht scheisse ist. Auch wenn früher viel kaputt war: als Belohnung gab es wenigstens noch das High. Doch Höhen erklimmt in diesem Film keiner mehr, jeder ist froh, nicht völlig in der Tiefe des eigenen verpfuschten Lebens zu versinken. Demzufolge kann man „T2“ wohl auf zweierlei Art beurteilen: dem 2017er Trainspotting geht das Vitale, das Begeisternde und Umstürzlerische seines 1996er Bruders ab und damit auch viel von seiner Leichtigkeit, Geschwindigkeit. Aus diesem Blickwinkel wirken die Reminiszensen, die unzählbaren Querverbindungen zum Original schal, ja, die ständig hineingeschnittenen Szenen des 96er Films beinah verblüffend platt für einen so versierten Regisseur wie Danny Boyle. Und das zwingt geradezu die zweite Sichtweise auf: ja, all diese Verweise und Gimmicks, sie sind genau so gemeint, weil sie die Hilflosigkeit der sich an die Geilheit der Jugend klammernden Protagonisten auf filmischer Ebene spiegeln. Boyle stellt das Nostalgiefest ostentativ heraus, nicht um Nostalgie zu feiern, sondern um sie zum Metathema des ganzen Films zu machen. Das ist zwar weniger mitreissend als erhofft, trifft aber doch – gerade in der Figur des Spud – immer wieder einen emotionalen Kern, der auf Plotebene nur behauptet bleibt.


3. Der beste Moment:

Eine Reminiszenz an die berüchtigte Toilettenszene aus dem Original führt zur ersten Begegnung von Renton und Begbie.

Was dagegen schade ist: war der Soundtrack des 96er Trainspottings damals ein kleines kulturelles Erdbeben, so bleiben die stärksten Tracks des neuen Films im Abspann versteckt: warum die nicht nur für sich hervorragenden, sondern eben gerade auch in diesen Film so gut passenden „Whitest Boy On The Beach“ der Fat White Family und „Only God Knows“ der Young Fathers keinen prominenteren Platz in „T2“ gefunden haben, wird Boyles Geheimnis bleiben.

4. Diese Menschen mögen diesen Film:

Weniger wer die Wildheit des 96er Films auffrischen will, sondern mehr den Lauf der Zeit und ihre unweigerliche Zerstörung allen Enthusiasmus erleben möchte.

* Regie: Danny Boyle
* imdb

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