IFA Wartburg: Wir nannten es »russischen Pop«

IFA Wartburg waren die vielleicht skurrilste Band des Hamburger Labels Plattenmeister: Zwei Schweden, die auf Deutsch pseudo-sozialistischen Swingpop darboten. Ihr größter, nun ja, Hit: Frau Gorbatschowa tanzt Bossanova.

Ein Interview mit Magnus Michaeli, dem IFA-Schlagzeuger:

Es ist ziemlich schwer, halbwegs zuverlässigen Informationen über IFA Wartburg zu bekommen. Könntest du vielleicht erklären: Wer waren IFA Wartburg?

IFA Wartburg wurde 1984 von mir, Magnus Michaeli, und von Nils Lundwall gegründet, während unseres ersten Jahr im Gymnasium. Wir sind beide in Upplands Väsby aufgewachsen, einem nördlichen Vorort von Stockholm, der für die Herstellung von „Marabou“, der schwedischen Milchschokolade, bekannt ist. Zu dieser Zeit war unsere Heimatstadt auch berüchtigt für seine Heavy Metal-Szene, aber das war für uns von begrenztem Interesse. IFA Wartburg war im Grunde ein Duo, ich war der Schlagzeuger und Nils der Pianist. Am Anfang waren noch ein paar andere Leute dabei, Lars am Bassist und Torgny der Trompeter, aber Nils und ich waren die Songwriter und Köpfe der Band. Wir haben die Nachmittage nach der Schule damit verbracht, unendlich viele Tassen Twining’s EarlGrey-Tee zu trinken, unsere neuesten Kompositionen einander am Klavier vorzuspielen und die Pläne für die Zukunft von IFA Wartburg zu schmieden.

Ist es wahr, ihr durch den Deutschunterricht an DDR-Schulbücher geraten seid und mit Hilfe dieser Bücher eure Texte geschrieben habt?

Wir nannten es „russischen Pop“. Und da wir früher sprachig miteinander sprachen, dachten wir, dass ein propagandistisches DDR-Bild der Musik entsprechen würde. So uncool, dass es fast cool war. Den Namen IFA Wartburg haben wir gewählt, weil wir gehört hatten, dass dieses Fahrzeug wirklich besser sein sollte als der Trabant. Mein Gymnasiallehrer zeigte uns Beispiele aus ostdeutschen Schulbüchern. Ich erinnere mich an Ernst Thälmann und etwas über ein Marineschiff namens Frieden. Es war wirklich urkomisch! Ich habe noch Kopien einiger dieser Seiten irgendwo. Sowas funktionierte sehr, sehr gut als Inspiration. Schließlich haben wir die Texte mit Hilfe des deutschen Reimwörterbuchs von Willy Steputat ausgearbeitet. Es gab damals aber auch das weit verbreitete Missverständnis in den Texten über IFA Wartburg, das aus dem von der Plattenfirma bereitgestellten Werbematerial herrührte, dass ich riesige Mengen an Büchern aus der DDR besaß. Das war natürlich nicht wahr. Allerdings besitze ich viele alte deutsche Bücher, aber die sind viel älter als die DDR.

Zweites Gerücht: Ist es wahr, dass ihr die Musik ganz in deiner Wohnung aufgenommen hast und einige Instrumente wegen der Nachbarn in deinem Schrank?

Als wir nicht mehr bei unseren Eltern lebten und keinen Zugang mehr zu deren Garage hatten, wo wir rumlärmen konnten, zogen wir in eigene Wohnungen (nicht zusammen!). Und mussten dadurch von echtem Schlagzeug, Klavier und was auch immer auf Sequenzer und Sampling umsteigen. Die Musik war zu komplex geworden, wir hätten das sowieso nicht mehr spielen können. Das Album „Im Dienste des Sozialismus“ wurde mit wenigen Ausnahmen in meiner Wohnung in Stockholm zwischen 1992-1998 aufgenommen. Das Studio hieß als „Gorbyland“. Und die Vocals haben wir wirklich in meinem sehr (sehr!) kleinen Schrank aufgenommen, für den Muting-Effekt durch die ganzen Kleider – und auch aus der Sorge um die Nachbarn. Komplett ohne Licht.

Wie kam es zu den Veröffentlichungen auf de, Hamburger Label Plattenmeister?

1994 haben wir auf Empfehlung eine Demokassette an den Radiojournalisten Achim Bogdahn beim Bayerischen Rundfunk geschickt. Ein Jahr später kontaktierte er uns und sagte, er habe unsere Musik in seiner Radiosendung gespielt. Bogdahn hatte positives Feedback erhalten und wollte uns helfen, einen Plattenvertrag zu bekommen, was er auch tat. Plattenmeister schien motiviert mit uns zu arbeiten.

War das eure erste Veröffentlichung?

Vermutlich kann man sagen, dass der Sampler „Sozialamt bezahlt doch“ tatsächlich unser erster offizieller Release war. Wir erschienen damals auf vielen weiteren Samplern mit ein oder zwei Tracks, aber genau weiß ich es nicht mehr. Einer der Sampler war „Medikamentendose“ von Plattenmeister, die den bisher unveröffentlichten Track „Sorbisches Fischerlied“ beinhaltete.

Auf Plattenmeister erschienen dann das Album „Im Dienste des Sozialismus“, unter anderem als Picture Disc mit Honecker und Königin Silvia – und „Der Berliner“ als EP.

Hast du eine Ahnung, wie viele verkauft wurden?

Das Album „Im Dienste des Sozialismus“ erschien im September 1998 als 14-Track- CD und auch eine Picture Disc mit weniger Titeln. Ich weiß nicht, wie viele Exemplare verkauft wurden, aber ich erinnere mich daran, dass die Zahlen zwischen 5000 und 7000 gelegen haben sollen. Eine Vierspur-EP mit leicht bearbeiteten Songs über Berlin wurde ebenfalls veröffentlicht. Die Plattenfirma wollte damals dringend eine schwedische Verbindung, um die Geschichte zu verkaufen. Wir waren nicht besonders amüsiert mit der Idee, Königin Silvia in die Album-Artwork einzubeziehen. Nicht deswegen, weil wir eine besondere Verbindung zum schwedischen Königshaus hätten, sondern weil es unserer Meinung nach gar nicht zu unserem Konzept passte.

1999 seid ihr nach Deutschland auf Tour gekommen, auch nach Ostdeutschland. Wie waren die Reaktionen neun Jahre nach dem Ende der DDR?

Wir hatten keine Ahnung, wie ein deutsches Publikum auf unsere Musik reagieren würde. Obwohl man das Konzept und die Texte schon umstritten finden konnte, gab es selten negative Reaktionen. Zu unserer Erleichterung lachten viele Leute mit uns. Das hat uns wirklich überrascht. Das war ja während einer Zeit, als so genannte „Ostalgie-Parteien“ üblich waren. Nur einmal, als wir in einer kleinen Punk-Szene in Freiburg spielten, schien das Wort „Armee“ aus den Texten eines unserer Lieder eine Frau im Publikum zu stören (dies war während des Krieges im ehemaligen Jugoslawien). Ich erinnere mich aber auch auch daran, dass wir versucht die Musik nicht der älteren DDR-Generation vorzuspielen.

Wann habt ihr IFA Wartburg aufgelöst und warum?

Nicht lange nach der Tour 1999. Es gab eine Reihe von Gründen, darunter auch der zunehmende Drang, einen kleinen bürgerlichen Lebensstil zu pflegen, aber und auch persönliche Meinungsverschiedenheiten. Nils und ich haben gelegentlich Kontakt, aber seit 1999 nicht zusammen Musik gemacht. Heute arbeite ich als Lehrer und schultere die Familienpflichten, darunter die Kinder zu ihren sportlichen Aktivitäten zu bringen und die Hypothek abzubezahlen, und das nimmt die allermeiste Zeit ein. Ab und zu mache ich zur Unterhaltung von Familie und Freunden noch Musik. Letztes Jahr habe ich tatsächlich mal wieder etwas ostdeutsche Musik gemacht. Ich sang Bass in Johann Sebastian Bachs Johannespassion in einem Stockholmer Chor.

Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

(Interview: Daniel Erk)

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