Twin Peaks S03 E07 / 08: David Lynch gets political

Nachdem insbesondere die Folgen 5 und 6 eher das geduldzermürbende Aufderstelletreten zelebrierten und hart am Rand waren, die Dougie-Inkarnation von FBI Agent Dale B Cooper zum Jar Jar Binks von Twin Peaks werden zu lassen, überraschten Episode 7 und 8. Und zwar jede auf ihre Weise.

Episode 7 entschied sich urplötzlich dafür, verschiedene, bisher nur angerissene Plotlines nach vorne zu treiben (wieviele Storys verstecken sich eigentlich im neuen Twin Peaks, die es wert wären, erzählt zu werden? Wieviele Stunden und Staffeln von David Lynch bräuchten wir, um diesen Kosmos angemessen auszuleuchten?) und erstmals auch im Städtchen Twin Peaks selbst Entscheidendes passieren zu lassen, das über die Reminiszenz an alte Charaktere hinausgeht. Die in der Originalserie nie entdeckten, herausgerissenen Seiten aus Laura Palmers Tagebuch (ein McGuffin sondersgleichen!) finden sich auf einmal in der Polizeistation, der Hotelschlüssel von Cooper landet nach 25 Jahren im Great Northern und Doc Hayward macht (via Skype!) unheilvolle Andeutungen über die letzte Sichtung von Cooper in Twin Peaks: nachdem Cooper aus der Schwarzen Hütte zurückgekehrt (und – wie wir wissen – bereits von BOB besessen) war, besucht er die bettlägrige Audrey Horne im Krankenhaus für eine lange Stunde. Könnte es also sein, dass der junge Richard Horne der Bastardsohn einer Vereinigung aus dem bösen Cooper-Doppelgänger und good old Audrey ist? Das Alter würde passen, seine maliziösen Züge darin ihre Begründung finden.

Angenehmerweise dreht Episode 7 zudem die Dougie-Time nach unten und wir sind nicht mehr in endlosen Sequenzen mit einer retardierten Cooper-Inkarnation gefangen. Es mehren sich glücklicherweise die Anzeichen, dass Dougie sich Stück für Stück zum „alten“ Cooper entwickelt (erst der Kaffee, dann der Anzug, nun die einem FBI-Agenten würdige Vereitelung eines Attentats). Wird auch wirklich Zeit.

Wo Episode 7 also den Plot auf Vordermann bringt und erstmals Twin Peaks selbst wieder ins Zentrum rückt, war die dieswöchige Episode 8 ein Exkurs, wie ihn das Fernsehen wohl noch nie gesehen hat.

Wir beginnen mit dem aus dem Gefängnis ausgebrochenen Cooper-Doppelgänger, der auf der Flucht von seinem Komplizen erschossen wird – nur um von außerweltlichen Figuren („Woodsmen“ scheint die korrekte Bezeichnung zu sein) ins Leben zurückgeholt zu werden. Wir sehen einen Nine Inch Nails Auftritt im Roadhouse, die Auferstehung des Cooper-Doppelgängers und dann – New Mexico, 16. Juli 1945!

Der Trinity-Test, die erste Zündung einer Atombombe. Twin Peaks gleitet in die Vergangenheit, in dunkles Schwarzweiß. Die Bombe explodiert und mit ihr diese Serienstunde.
Pendereckis „Threnody to the Victims of Hiroshima“. Farbmetamorphosen. Kubricks 2001 „Jupiter“-Sequenz mit den filmischen Mitteln von Guy Maddin nachgestellt. Die Geburt des Bösen aus Menschenhand als eine apokalyptische Gegenvision zu Terrence Malicks Gott- & Schöpfungsfantasien aus „Tree Of Life“.

In der folgenden halben Stunde sehen wir im Grunde die Genese von „Twin Peaks“ – die widerstreitenden Kräfte des Bösen wie Guten und wie sie in die Welt kamen. Vergleichsweise unmissverständlich signalisiert Lynch, dass die Atombombenexplosion das sich aus Furcht speisende Böse (das BOB in der Serie repräsentiert) in die Welt gebracht hat. Wie die allumfassende Angst vor der atomaren Vernichtung Furcht auf einer globalen Ebene erfand und mit ihr das absolut Böse, das maximal Destruktive entstand.
In einer Folgesequenz sehen wir aber auch die guten übernatürlichen Kräfte und ihre Antwort: die Schöpfung von Laura Palmer als Gegenentwurf zur destruktiven Macht von BOB.

Wir kehren auf die Erde zurück und treffen auf dunkle Gestalten (erneut die Woodsmen?), die nach Feuer und Vernichtung suchen. Gleich zweimal finden wir zudem Anklänge an Abraham Lincoln (das Aussehen des Woodsman & die von einem Mädchen gefundene Münze mit Lincoln-Konterfei) – geht Lynch hier so weit, dass er den Trinity-Test als den Wendepunkt der amerikanischen Geschichte sieht? Als den Moment, in dem das gute Amerika des Abraham Lincoln zum destruktiven Amerika der Neuzeit wurde? Bezeichnend jedenfalls, dass Woodsman-Lincoln letztendlich in eine Radiostation eindringt, den Diskjockey ermordet während The Platters „My Prayer“ läuft und das Mikrofon ergreift: „This is the water, this is the well, drink full and descend; the horse is the white of the eyes and dark within“. Die durch das Massenmedium Radio verbreitete Nachricht betäubt in der Folge die Hörer und führt letztlich dazu, dass eine Kreatur sich des nun bewusstlosen Mädchens, das zuvor die Lincoln-Münze gefunden hatte, bemächtigen und es infizieren kann.

Die Atombombe als das Böse schlechthin und Massenmedien zur weiteren Infektion als Symbol des Niedergangs einer einstmals guten Nation und des Beginns ihrer dunklen Zeit.

Bisherige Betrachtungen über Twin Peaks:
* Twin Peaks S03 E03/04: „Brings back some memories“.
* Twin Peaks S03E01/02: Ist David Lynch soft geworden? Den Teufel ist er.

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