Revisiting „Twin Peaks – Fire Walk With Me“ (again).

„So, you wanna fuck the homecoming queen?“ – will man den Unterschied zwischen der Originalserie „Twin Peaks“ und seinem späteren Prequel-Kino-Film auf den Punkt bringen, ist es dieser Satz von Ballkönigin Laura Palmer. „Fire Walk With Me“ ist krasser, wilder, sexueller, ärger, härter, abstrakter, gemeiner und nerviger als seine Mutterserie. An die Stelle des liebevoll skurrilen Humors treten Meta-Witze wie der in der Eröffnungsszene mit einer Axt zerschlagene Fernseher oder die „Blue Rose“ – Missionsbeschreibung mittels Pantomime, die die mystische Verklärung aus der Serie bis zum Witz überspitzt und – Lynch sich selbst? Oder doch den Zuschauer? – krude verhohnepiepelt . Für die Teenie-Soap-Opera-Bestandteile bekommen wir ein heimisches Missbrauchsdrama mit extrem unangenehmer Atmosphäre. Für die Tagebuchandeutungen einer Teenagerin offen gezeigte Gruppensexsequenzen im Drogenrausch.

Oft fällt ja der Satz, ein Film oder eine Serie sei seiner Zeit voraus gewesen, aber „Fire Walk With Me“ tritt den empirisch Beweis dafür an. War die Original-Twin-Peaks-Serie ein kulturelles Erdbeben, hat auf erzählerischer Ebene das Fernsehen nichts weniger als revolutioniert und bildet den Ground Zero von allem, was das sogenannte golden age of television 10-15 Jahre (!) später aufzunehmen begann, so blieb sie dennoch zumindest atmosphärisch zugänglich, öffnete genug Türen für den Mainstream, um sich in seine Figuren zu verlieben. Der Film jedoch wurde von der zeitgenössischen Kritik gehasst (Metascore: 28/100, Buhrufe in Cannes) und ist kommerziell desaströs gefloppt.
Doch nun, 25 Jahre später, läuft die dritte Staffel von „Twin Peaks“ im Fernsehen und lässt Stammzuschauer wie Kritik – bei aller Polarisierung – Purzelbäume vor Begeisterung schlagen. Lynch (& Autorkompagnon Frost) gelingt es zum zweiten Mal: das Fernsehen von Grund auf anders zu denken, jede erdenkliche Grenze im Massenmedium TV zu pulverisieren und seinen Zuschauern eine 18stündige Odyssee zu präsentieren, die mit NICHTS vergleichbar ist.

Außer eben: mit „Fire Walk With Me“. Im 2017er „Twin Peaks: The Return“ steckt so viel mehr von „Fire Walk With Me“ als der Originalserie, dass man eigentlich von einem Spin-Off-Sequel zum Film statt einer Fortsetzung der Original-Serie sprechen müsste. Das beginnt beim Inhaltlichen: der von David Bowie in „FWWM“ gespielte FBI Agent Phillip Jeffries ist (Stand Episode 14) die große mythenumrankte Figur im Hintergrund aller Ereignisse der neuen Staffel – wird aber in der Originalserie nicht einmal erwähnt. Doch der Inhalt allein ist es gar nicht, was „FWWM“ zur Mutter der neuen Serie macht, sondern die Art des Erzählens, den Willen zur Verstörung und das mutwillige Ausschließen aller einfachen Zugänge für den casual Fernsehzuschauer. „The Return“ wie „FWWM“ wollen eben nicht gefallen, auch nicht nebenbei. Beide sind reine Auteur-Werke, die keinen Anspruch nach außen haben als der Weltidee von David Lynch gerecht zu werden – und die sich damit genügen.

Ich habe erst vor einem Jahr „FWWM“ noch einmal neu gesichtet und war überrascht, wie viel besser mir dieses „Prequel“ gefallen hat, als ich es von damals in Erinnerung hatte. Nun, im Kontext der neuen Staffel und nach einem neuerlichen Durchgang, verstärkt sich dieser Eindruck sogar noch. „FWWM“ ist wie die neue Staffel ein düsteres, abstraktes Meisterwerk, das verstört und nervt, das den Zuschauer an seine Grenzen bringt, aber immer auch Momente von so schlagender Schönheit und beeindruckender Wucht enthält, dass beide als singuläre Werke in der Film- und Fernsehgeschichte stehen (sollten).

Donna: Do you think that if you were falling in space… that you would slow down after a while, or go faster and faster?

Laura: Faster and faster. And for a long time you wouldn’t feel anything. And then you’d burst into fire. Forever… And the angel’s wouldn’t help you. Because they’ve all gone away.

1 Kommentar

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

  1. Mochte den Film auch. Finde ich auch nur konsequent, die düstere Welt Lauras düster und offensiv darzustellen. Lauras düsteres Leben bleibt alleine in der Serie mehr Behauptung, hier bekommt es endlich ein richtiges Gesicht. Oder sagen wir mal Fratze.

    Schöner Link übrigens auch zur aktuellen Staffel!