„Blade Runner 2049“ von Denis Villeneuve mit Ryan Gosling und Harrison Ford

Im Los Angeles des Jahres 2049 lebt der Replikant K (Ryan Gosling). Seine Aufgabe ist die Beseitigung seinesgleichens, die Liquidierung anderer Replikanten. Als K einen lange gesuchten Gegner erledigt, stößt er auf ein tief in der Erde vergrabenes Geheimnis, das das mühsam austarierte Verhältnis zwischen Mensch und Replikant, Herr und Arbeitssklave aus dem Gleichgewicht bringen könnte. Von seiner menschlichen Chefin (Robin Wright) wird K zur Beseitigung gedrängt, vom Replikanten-Produzenten mit Gottkomplex (Jared Leto) des Geheimnis wegen gejagt und von den anderen Replikanten aufgrund seines Berufs verachtet.

In der Geschichte des Science-Fiction-Films gibt es wohl nur eine handvoll Werke, die hinsichlich ihres stilistischen Einflusses mit Ridley Scotts „Blade Runner“ von 1982 vergleichbar sind. Fritz Langs „Metropolis“, Kubricks „2001“ – aber was noch? Set Design und visuellen Stil von „Blade Runner“ kann man in seinen Auswirkungen auf die nächsten 35 Jahre Genrefilm gar nicht überschätzen. Daraus folgt natürlich, dass jedes Anknüpfen an diesen unverrückbaren Meilenstein des Kinos ein Wahnsinn in sich ist, eine Aufgabe, die eigentlich nicht bewältigbar scheint. Dass nun die späte Fortsetzung „Blade Runner 2049“ ausgerechnet bei den größten Stärken des Original-Blade-Runner reüssiert, nötigt großen Respekt ab.

Regisseur Denis Villeneuve hat im letzten Jahr mit „Arrival“ (Kritik hier) eine passende Visitenkarte abgegeben: ein intelligenter Science-Fiction-Film, der sich den üblichen Genregegebenheiten verweigert, der im Erzählton Arthouse ist, aber in der Präsentation „Independence Day“ sagt. Großes Kino für große Leinwände, Bilder die einschüchtern und erschlagen, aber eine Erzählung, die eben nicht auf Krach und Lärm setzt. Gerade deshalb war Villeneuve die richtige, vielleicht einzig mögliche Wahl, um „Blade Runner 2049“ zu inszenieren. Erzählerisch ist „2049“ nämlich wie sein Vorgänger eine Antithese zum Blockbusterkino: Eine Geschichte ums Menschsein in einer kalten technoiden Welt, um die Frage nach einer Seele, nach einer Bestimmung und nach einem Grund, dieses Leben zu leben. Wie bereits im Ur-Blade-Runner glänzt Action nur durch seine Abwesenheit – bis auf zwei, drei späte Sequenzen. Im Gegenteil: „Blade Runner“ – Original wie spätes Sequel – sind existentialistische Betrachtungen, die in all ihrer Kühle doch immer wieder zurückverweisen auf die eine Frage: was bedeutet es, Mensch zu sein?

Die Bilder, die Scott 1982 und nun Villeneuve 2017 mit seinem Kameramann Roger Deakins dafür gefunden haben, überwältigen in all ihrer brutalistischen Schönheit. Diese Städte sind Wüsten aus Stein, bewohnt von einem Gewimmel aus Menschen und Replikanten. Desolat und in all ihrer Übervölkerung stadtgewordene Einsamkeit. Der alte „Blade Runner“ hallt in Bild- wie Sounddesign, in Charakterzeichnung und Grundfragen wie ein Echo durch den neuen und so gelingt einerseits eine durchweg gelungene Anknüpfung an die filmische Architektur des Originals, ohne dabei Kopie zu werden, und darüber hinaus eine sorgfältige Weiterformulierung dieser Bilder in eine Zukunft der Zukunft: „2049“ entführt uns auch in Gebiete außerhalb der Megalopolis des zukünftigen Los Angeles. So viel sei verraten: auch dort wird die Einsamkeit und das Zurückgeworfensein auf das Selbst, das Dasein ohne Halt durch Andere, nicht geringer. Villeneuve findet Bilder von solcher Brillanz und überwätigt mit seinem Scope, dass „Blade Runner 2049“ tatsächlich das Undenkbare schafft: nicht nur das Niveau des Originals zu halten, sondern einen neuen Meilenstein in der Bildfindung des Science-Fiction-Genres zu setzen. Auf Jahre hinaus wird niemand mehr ernsthafte Science-Fiction-Filme drehen können, ohne sich an diesen Bildern messen lassen zu müssen – wie auch der Guardian schön zusammenfasst:

„With this visually staggering film, director Denis Villeneuve brings us to a kind of Ozymandias moment. It just has to be experienced on the biggest screen possible. Blade Runner 2049 is a narcotic spectacle of eerie and pitiless vastness, by turns satirical, tragic and romantic. Its mind-boggling, cortex-wobbling, craniofacial-splintering images are there to trigger awe or even a kind of ecstatic despair at the idea of a post-human future, and what it means to imagine the wreck of our current form of homo sapiens. Evolution has not finished yet, any more than it was finished 100,000 years ago. As so often in literature and cinema, we are reminded that science fiction is there to tackle big ideas, and makes realist genres look flimsy and parochial. This film delivers pure hallucinatory craziness that leaves you hyperventilating.“

„Blade Runner 2049“ ist ein Film für die größten Leinwände. Wer „Blade Runner 2049“ nicht im Kino schaut, sondern auf einem Laptop streamt, gehört lebenslanges Filmverbot auferlegt.

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*