GEWALT-Interview Teil 2: „Der entscheidende Unterschied zwischen jetzt und vor 15 Jahren: Die sind nicht so wahnsinnig dumm wie wir damals. Die Sterne, Tocotronic, Surrogat, Mutter… wir waren alle totale Vollidioten.“

Im Hauptteil unseres GEWALT-Interviews hatten wir mit Patrick Wagner und Helen Henfling über das Prinzip GEWALT, die Verweigerung gegenüber der Plattenindustrie und die Dekonstruktion von Rocknroll gesprochen. Im Addendum noch ein kurzer Ausflug zu den Referenzen der Band und ein Vergleich zwischen der deutschen Musikszene heute und früher – zu Zeiten von Wagners GEWALT-Vorgängerband Surrogat.

Das Artwork eurer Singles ist fantastisch – und mit Referenzen in die Filmgeschichte gespickt: Fassbinders „Angst essen Seele auf“ und „Die Ehe der Maria Braun“ oder Zulawskis Berlin-Horror „Obsession“. Eure „Ein Jahr GEWALT“-Feier hieß „Festen“ nach Thomas Vinterbergs Dogma-Film – ist dann „Szene Einer Ehe“ eigentlich nach dem Ingmar Bergman Film benannt?

Patrick: Ja und nein. Die Referenz war natürlich mitgedacht, aber im Gegensatz zu Bergmans „Szenen einer Ehe“ singe ich ja über eine „Szene einer Ehe“, deshalb Singular.
Wir haben sogar noch eine andere Referenz an Bergman eingebaut – unsere „Presseinfo“ ist eine Filmkritik zu „Das Siebte Siegel“ von 1962, bei der wir den Text komplett gelassen haben, nur eben immer „Das Siebte Siegel“ mit GEWALT austauschten. Passt unfassbar gut. (siehe ganz unten am Ende des Textes)
Das Video zu „So geht die Geschichte“ nimmt wiederum Bezug auf Tarkowski.

Ich sehe das so: es ist alles schon da, es ist alles schon so kräftig. Man schöpft aus sich, aber man nimmt sich auch. Wenn man das erste Mal Bergman gesehen hat, ist man ja auch ein anderer Mensch. Dafür ist Kunst auch da. Die einzige Berechtigung, die Kunst hat, ist, dass sie einen Eingriff in die Persönlichkeit des Anderen darstellen kann: Musik, Malerei, Film. Alles andere greift dich nicht an, ändert dich nicht.
Für mich bedeutet es deshalb auch am meisten, wenn mir jemand sagt, dass GEWALT einen Moment in seinem Leben darstellt, etwas mit ihm macht.
Ich habe kein Problem mit Kommerzdenken, aber es ist mir einfach egal. Mich interessiert Geld einfach nicht. Das ist alles irrelevant, solang man ein Dach über den Kopf hat. Das hat nicht den gleichen Eingriff in dein Wesen wie Kunst.

Wer hat das Video zu „Szene einer Ehe“ eigentlich gemacht? Das ist so hervorragend, was die Materialauswahl und den Schnitt zur Musik angeht!

Patrick: Die Szenen haben Helen und ich gesucht und dann habe ich tatsächlich alles selbst geschnitten. Dabei hatte ich vorher noch nie mit einem Schnittprogramm gearbeitet.

A propos Musikvideos: das legendäre Surrogat-Video, in dem ihr Paul Weller verprügelt…

Patrick: René Weller!

Hah. Ja. Ok, das wäre natürlich noch schöner, wenn ihr Paul Weller dafür gewonnen hättet, sich in einem Video verprügeln zu lassen, aber natürlich: es war die Boxerlegende René Weller, „der schöne René“. War die Idee zu dem Videoclip von Euch?

Patrick: Ja, das war meine Idee. Ich habe ihn auch aus dem Knast geholt, damit er das Video drehen konnte.

Also ein Tag Freigang für das Video?

Patrick: Genau. Und am Ende vom Tag kam er zu mir her und meinte „Und, wo ist mein Geld?“ – und ich: „Eh, welches Geld?“ – Weller: „Ich will 1.400 €. Jetzt.“. Und es war drei Uhr nachts. Ich sagte zunächst, ich könne ihm jetzt mitten in der Nacht nicht einfach so über 1.000 Euro besorgen, aber er hatte einen Bekannten dabei, der nur zu mir meinte „Du wirst das Geld schon auftreiben, oder…?“.

Ich musste dann also um 3 Uhr nachts bei Universal anrufen und sagen: „Ich brauch‘ JETZT 1.400€!“, woraufhin mein Typ bei der Plattenfirma nachts aufgestanden, zur Bank gegangen und bei uns vorbei gefahren ist, um Weller die 1.400€ in die Hand zu drücken.

Was war René Weller denn für ein Typ?

Patrick: Er ist sicher nicht die hellste Kerze auf der Torte. Er spricht immer in Reimen. Dieses Zitat „Wo ich bin, ist oben, falls ich mal unten bin, ist unten oben“ ist bei ihm eben keine Ausnahme, sondern Alltag. Er spricht die ganze Zeit so! Ich dacht mir nur: Das kann nicht wahr sein! Dazu ist er sehr belehrend, die Lebenserfahrung in Tüten. Beim Dreh kam auch die Boulevard-Presse und RTL, weil sie ihn mal wieder außerhalb vom Knast greifen konnten, um ein Interview zu machen. Da kam René zu mir her: „Patrick, was machst du hier? Die musst du abkassieren! Ich bin René Weller und wenn die mit mir reden wollen, dann musst du 2.000 € verlangen. So mach ich das immer.“.
Am Ende hat er natürlich Recht: das ist ja auch ein scheißkorruptes System. Übrigens Christian…

Eh ja was?

Na, Geld? *lacht*

Wechseln wir mal das Thema! 2008 hast Du in einem Interview gesagt

„letztens „hell in hell“ im Radio und direkt danach kam Tomte, eine unfassbar schlechte Band, die aus unerfindlichen Gründen bis vor Kurzem sogar irgendwelche Leute interessiert hat.
Diese zwei Stücke hintereinander zu hören, hat einfach nur aufgezeigt, wie übel sich die Musik ganz allgemein in den letzten Jahren entwickelt hat. Im Moment gibt es, glaub ich, nur zwei gute deutschsprachige Künstler – Tocotronic und 206 aus Leipzig – die durchaus das Erbe von Surrogat antreten können und ähnlich scharf und hartnäckig sind.“

Jetzt war Kevin Kuhn von den Nerven bei euch mit auf der Bühne und hat Bongos gespielt. Max Gruber aka Drangsal hat bei Tier mitgesungen. Siehst du in der aktuellen Generation mehr „Brüder & Schwestern im Geiste“?

Helen: Auf jeden Fall!
Patrick: „Friends Of Gas“ zum Beispiel sind der komplette Irrsinn! Wir gehen nächstes Jahr zusammen auf Tour und das wird sehr schön, weil die auch wirklich irre sind. Those are people! Echt verrückt.
„Human Abfall“ sind auch super. Auf deren Konzert gab es nur ein einziges mittelmäßiges Lied – alles andere war unglaublich!
Helen: Das war das erste Konzert seit langem, bei dem ich so richtig zugehört habe.

Jetzt wo du Human Abfall erwähnst: er ist tatsächlich textlich gar nicht so weit weg von Dir. Ebenfalls harsch und Reduktion wie Repetition als Stilmittel.

Patrick: Oder Drangsal ist ein richtiges Faszinosum, er ist auch ein Popstar. Immer anders, immer verändert.
Helen: Voll die Type.
Patrick: Der entscheidende Unterschied zwischen jetzt und vor 15 Jahren: Die sind nicht so wahnsinnig dumm wie wir damals. Und mit „wir“ meine ich: Die Sterne, Tocotronic, Surrogat, Mutter… wir waren alle totale Vollidioten, weil wir alles viel zu ernst genommen haben. Die jetzige Szene und die Typen wie Kevin (Kuhn), Max (Gruber), die Friends Of Gas – so viel offener im Umgang miteinander. Der Gruber hat eben keine Angst dass der Rieger (von Die Nerven, Anm.) ihm die Butter vom Brot nimmt. Früher dagegen war es ein gegenseitiges Abchecken: was macht der jetzt für einen Move? Wer hat welchen Umgang mit dem Medien? Das hat mich damals verrückt gemacht.

Ich habe ähnliches übrigens auch schon von einer anderen Band gehört. Ja, Panik haben diesen Zustand mit der älteren Szene sogar verklausuliert in einem Text aufgenommen, die Stelle in DMD KIU LIDT „Die Champagner-Revoluzzer und die Barden ganz in weiß / Ihr lächerlichen Söldner, ihr habt meinen ganzen Hohn“ schaut ja in Richtung Blumfeld und Tocotronic.
Andreas Spechtl hat mir erzählt, dass Distelmeyer sie völlig ignoriert hat, obwohl sie Tür an Tür aufgenommen haben. Und Dirk von Lowtzow hat mir einmal geschrieben, dass ich eine Stelle aus einem Ja, Panik-Interview nicht unkommentiert lassen möge, weil Tocotronic nicht als Exkulpation für die Fehler jüngerer Kollegen bereit stünden. Hintergrund war, dass Ja, Panik einer Schülerzeitung ein Interview gegeben hatten, die aus dem rechtskonservativen/-extremen Spektrum kommt, was ihnen nicht bewusst war. Spechtl hatte diesen Fehltritt in einem Interview mit mir so begründet, dass sie nur kurz deren Homepage angeschaut haben und dort eben auch Tocotronic entdeckt hatten. Das war aber nur eine Plattenkritik, kein Interview, weswegen von Lowtzow dann wollte, dass ich diese Interviewstelle nicht unkommentiert lasse (Ja, Panik – Interview „Es sind schon unschuldigere Menschen als Merkel und Sarkozy getötet worden“ & Tocotronic-Kommentar findet sich hier).

Patrick: Ja, das kann ich mir bei Dirk von Lowtzow schon vorstellen.
Die Generation heute weiß aber, dass das alles Schmu ist. Die sind lockerer, man macht zusammen was, geht auf die Konzerte des anderen, schickt seine Kumpels hin. Die Heute sind im Jetzt, die schießen aus der Hüfte. Max Rieger ist vielleicht noch derjenige, der am ehesten einen Karriereplan hat. Wobei man auch sagen muss, dass wir Max Rieger auf eine etwas unangenehme Art kennengelernt haben.

Wird das jetzt eine off-the-record-Geschichte?

Patrick: Nee, die ist on the record *lacht*
Für unseren allerersten Auftritt hieß es: „wir brauchen Pressefotos“. GEWALT macht aber keine Bandfotos. Ich habe dann nach einer Alternative gesucht und bin ich darauf gestoßen, dass Die Nerven ein Plakat mit einem Bild von George Michael für ihr Konzert hatten. Da dachte ich mir: super Idee, machen wir auch. Nehmen auch irgendeinen Künstler und schreiben GEWALT drüber. Aber andererseits: das ist ja irgendwie auch zu einfach, wenn wir jemand wie Madonna nehmen. That’s cheap! Lass uns doch stattdessen Die Nerven nehmen! Also haben wir ein Bild von Die Nerven genommen und GEWALT drüber geschrieben!

Stimmt, ich kann mich an das Plakatfoto erinnern!

Helen: Ja, du hast mich sogar angeschrieben und gefragt, ob die Nerven auch spielen! *lacht*

Patrick: Es hat also funktioniert, es gab Verwirrung! Aber dann ging’s los – Max Rieger hat mir geschrieben: „ich bin ein großer Fan Deiner Band! Ich würde mir das aber mit dem Bandnamen noch mal überlegen, ich wollte mich auch schon Gewalt nennen, aber es gibt in München eine Nu-Metal-Band namens GWLT und die sind schnell mit dem Anwalt. Und übrigens: ich wäre euch dankbar, wenn ihr nicht unser Foto für Eure Werbung benutzen würdet!“ – Ich habe ihm zurückgeschrieben: „Bei allem Respekt, es wäre natürlich leichter, unser Konzert mit Fotos von GEWALT zu bewerben, aber wir dachten, ihr würdet Euch freuen, dass wir Eure tolle Idee mit dem George-Michael-Foto aufnehmen. Und dachten: Mensch, da nehmen wir gleich Euch als Foto!“, er fand es aber nicht so lustig und wollte dass wir das Foto herunternehmen. Ich habe ihm geantwortet: „Ok, ich bin jetzt überrascht. Wir sind aber GEWALT, wir können das nicht herunternehmen. Ich kann Dir anbieten: ich male Eure Gesichter mit Edding zu“.

Er hat sich dann für die Edding-Variante entschieden.

Wie kam es dann dazu, dass der Die-Nerven-Kevin bei Euren Rolling-Stones-Covern die Bongos gespielt hat?

Patrick: Kevin hat uns angesprochen, wann wir an diesem „Beatles vs Rolling Stones“ – Abend (Anfang 2017 im Bassy in Berlin, Anm.) auftreten. Ich habe ihn dann gleich gefragt, ob er Lust hat mitzuspielen, wenn wir „Sympathy for the Devil“ aufführen, da könnten wir noch nen Bongo-Typen brauchen? Kevin war gleich dabei. Und das meinte ich vorhin: alles einfach easy, keiner hat ein Problem mit dem Anderen.

Für eine Berliner Zeitung sollte ich übrigens zu der Zeit des Nerven-Plakats als Promo ein „Wochenendtagebuch“ schreiben. Die meisten in der Reihe schreiben langweiligen Scheiß, wo sie fein essen waren etc. Ich dagegen: Pornokino, Start-Up-Meet&Greet – ich habe eben die Berliner Orte der Hölle beschrieben. Für diese „Kolumne“ wollte die Zeitung dann ein Foto von uns – wir haben ja keine, deshalb habe ich auch das Die-Nerven-Foto geschickt. Das Foto war dann über eine halbe Seite in der Zeitung abgedruckt, mit den tiefschwarzen Edding-Streifen quer drüber. Geil.

So soll es doch auch sein: solche Sachen muss man mit den Mitteln der Kunst lösen!

Hier findet sich der erste Teil des GEWALT-Interviews

Fotocredit: Michael Lamertz (inklusive weiterer Fotos von einem GEWALT-Gig

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