vonChristian Ihle 25.12.2017

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Kaum etwas hat mich in diesem Jahr mehr gefreut, als dass Tapete Records die bisher nur als Demo, auf Kassettensamplern oder einer Split-EP vorhandenen Lieder der Bad Salzuflener Band JETZT! veröffentlicht hat. Ich habe hier im Blog schon vor Jahren manche dieser praktisch verschollenen Songs vorgestellt und war deshalb besonders erfreut, dass mich Tapete gebeten hat, neben Frank Spilker von Die Sterne die Liner Notes zur ersten JETZT!-Platte zu schreiben.

Am 28. & 29.12. findet das JETZT!-Jahr seinen gebührenden Abschluss: Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen – die Band um Ex-Superpunk Carsten Friedrichs, der auch diese JETZT!-Platte kompliliert hat – tritt in Hamburg und Berlin auf und hat JETZT!-Kopf Michael Girke überredet, zum ersten Mal seit vielen vielen Jahren wieder seine Lieder auf einer Bühne zu spielen! Gleich noch einmal Weihnachten!

denn da ist nichts über das glück, das wir suchen
an vergessenen orten in den häuserschluchten
und nichts über die lügen, die wir finden
und nichts über das leben, das wir leben
… die deutsche musik ist tot.
(es war einmal in Deutschland, JETZT!)

Als in Bad Salzuflen, in einem Dorf am Ende der Welt im nordrheinwestfälischen Kreis Lippe, Mitte der 80er begonnen wurde, in deutscher Sprache über Politik und Liebe zu singen, war die NeueDeutscheWelle über alle Errungenschaften der hiesigen Punk-Szene hinweggerauscht und hatte sie diskreditiert. Die deutsche Musik war tot. Die Künstler des Fast-Weltweit-Labels suchten aufs Neue nach Ausdrucksmöglichkeiten im Pop, auf deutsch. Ausgerechnet in einem Ort, der nicht weniger nach Pop klingen könnte wie Bad Salzuflen sollte der Grundstein gelegt werden für die aufregendste Zeit deutschsprachiger Musik der letzten drei Jahrzehnte.

Für das Fast Weltweit Label, das in erster Linie Kassetten-Sampler veröffentlicht, wirken Bernd Begemann, Frank Spilker (Die Sterne), Jochen Distelmeyer (Blumfeld), Bernadette Hengst und: Michael Girke. Girke ist die zentrale Figur, der große Songwriter dieser Gruppe von Künstlern, die in den 90ern die Musikszene in Hamburg revolutionieren und von dort aus Deutschland neu definieren werden. Doch Girke schreibt zwar für das Label Fast Weltweit die wichtigsten Songs über Deutschland, Verzweiflung, Widrigkeiten und die Liebe, veröffentlicht aber nie auch nur ein einziges Album. Selbst als er später die Kassetten-EP „Liebe in GROSSEN Städten“ aufnimmt und nach Berlin geht, folgt keine Wiederentdeckung. Die Demos bleiben ewig verschollen. Dieser große Entwurf von deutschsprachigem Pop wird nicht einmal richtig veröffentlicht. Dabei gelingt es keinem in den 80ern so treffend, den C86-Sound von Wedding Present und Style Councils Agitprop-Pop nach Deutschland zu transferieren.

Auf der ersten Split-EP schreibt Girke ein antikapitalistisches Manifest und wollte den Sozialismus siegen sehen ohne dabei auf die Sloganhaftigkeit und das Hippietum eines – von ihm hochgeschätzten – Rio Reiser zurückgreifen zu müssen. Dem großen Peter Hein hatte er voraus, dass er dessen Schnoddrigkeit die Härte nahm und so über Politik wie Liebe gleichermaßen singen konnte. Und so zugänglich wie Girke zu Jetzt!-Zeiten war, wurde Jochen Distelmeyer erst wieder in seiner späten Phase. Doch Girkes Gruppe JETZT! bleibt die große verlorene Band der deutschen Musikgeschichte. Girke ist der Texter seiner Generation – jemand, der eigentlich in einer Reihe mit Rio Reiser, Peter Hein, Distelmeyer oder von Lowtzow stehen müsste, der aber mangels regulärer Veröffentlichungen in jeder Ahnengalerie fehlt. Am Ende resigniert Girke anscheinend, in einem seiner letzten Songs namens „Ein Lied, in dem alle Fiesen sterben“ textet er eine Übergabe des Staffelstabs: „das ist ein Lied, das ich nicht schrieb / von einem traurigen Heimweg / von einer bohrenden Wut / von einer Welt, in der es grausam lächelnde Chefs gibt / von einer viel zu teuren Wohnung mit feuchten Wänden / es sollte ein Aufruf werden / es sollte ein Kampflied werden“ (…) „Bernd Begemann wird kommen / schreibt euch ein Lied / das es von mir nicht gibt“

Nur Eingeweihte sehen in den folgenden Jahren die kleinen Hinweise auf JETZT!. Jochen Distelmeyer wird auf der epochalen Blumfeld-Platte „Old Nobody“ einen Song von JETZT! neu aufnehmen – und es ist auch Zeichen für die Güte von Girkes Songwriting, dass „Kommst Du mit in den Alltag“ selbst auf Blumfelds Jahrzehnt-Album noch der herausragende Song ist. Es gibt die Ausstellung „Stadt.Land.Pop. Popmusik zwischen westfälischer Provinz und Hamburger Schule“. Die „Liebe in GROSSEN Städten“ Kassetten-EP wird ein paar Jahre später im Internet hochgeladen. Das Tapete Label widmet der deutschen Mod/Power-Pop-Phase der Mitt-80er zwei Compliations („Falscher Ort, Falsche Zeit“), auf denen natürlich auch JETZT! nicht fehlen darf. Endlich wird nun erstmals eine Werkschau der Könige von Bad Salzuflen veröffentlicht, denn
„Nieder mit den Umständen! Es lebe die Zärtlichkeit!“

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