vonChristian Ihle 31.12.2017

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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1. RAW (Frankreich, Regie: Julia Ducournau)

Der rauheste und konsequenteste Streifen des Jahres. „RAW“ ist ein kleiner, dreckiger Film, der schnell zubeisst, die Zähne in dich bohrt und nicht mehr loslässt. Für einen Debütfilm ist Julia Ducournau ein Meisterwerk gelungen: so selbstsicher, genau inszeniert und kompromisslos in your face!
Die mutigen Performances von Garance Marillier und vor allem Ella Rumpf (die in diesem Jahr auch schon in Jakob Lass‘ TIGER GIRL beeindruckte) müssen ebenso unbedingt hervorgehoben werden. Ducournaus „Raw“ wirkt wie ein früher Gaspar-Noe-Film, aber aus weiblicher Perspektive – und genau das hebt „RAW“ von allen Genre-Kollegen ab. „RAW“ ist in seinem Willen zur unbedingten Transgression sicher keine leichte Kost, aber ein so wildes Stück Kino, dass man ihn gesehen haben muss.

2. Blade Runner 2049 (USA, Regie: Denis Villeneuve)

Ich kann durchaus alle Kritikpunkte an „Blade Runner 2049“ nachvollziehen und doch bleibt: für solche Filme wurden Kinos gebaut, Leinwände errichtet, meterhohe Soundsysteme installiert. Visuell und im Sounddesign ist Villeneuves Blade Runner next level shit, noch nie gesehenes, gehörtes Kino. Ich unterschreibe Peter Bradshaws Guardian-Kritik voll und ganz:

„With this visually staggering film, director Denis Villeneuve brings us to a kind of Ozymandias moment. It just has to be experienced on the biggest screen possible. Blade Runner 2049 is a narcotic spectacle of eerie and pitiless vastness, by turns satirical, tragic and romantic. Its mind-boggling, cortex-wobbling, craniofacial-splintering images are there to trigger awe or even a kind of ecstatic despair at the idea of a post-human future, and what it means to imagine the wreck of our current form of homo sapiens. Evolution has not finished yet, any more than it was finished 100,000 years ago. As so often in literature and cinema, we are reminded that science fiction is there to tackle big ideas, and makes realist genres look flimsy and parochial. This film delivers pure hallucinatory craziness that leaves you hyperventilating.“

3. The Square (Schweden, Regie: Ruben Östlund)

Der amüsanteste Film des Jahres. Arthouse-Kino, das tatsächlich LOL-Momente am laufenden Band produziert und dabei dennoch seine Aussage nicht vergisst. Ein extrem unbequemer Film, der überhaupt keine einfachen Antworten liefert, sondern Fragen um Fragen aufwirft, wie Gesellschaft als Konstrukt funktioniert und was das Individuum in der Gesellschaft kann oder eben: können sollte.
Bemerkenswert, wie „The Square“ Macht und Männlichkeit thematisiert, dabei dekonstruiert, aber dennoch nicht einfach zum Abschuss freigibt, sondern immer wieder ein hinterfragendes Moment bietet, das auch dieser Ebene eine Vielschichtigkeit gibt, die eben nicht beim preaching to the converted verharrt. Östlund schafft es den ganzen Film hinweg überdeutlich (die Themen werden manchmal verbal angekündigt!) und subtil (die Entwicklung der Szenen nimmt eben nicht den Verlauf, den man als Zuschauer erwartet) zugleich zu sein.

4. A Ghost Story (USA, Regie: David Lowery)

Der berührendste Film über die Vergänglichkeit von Zeit seit langem. In Format wie Ausführung ungewöhnlich und sicher nicht für jeden zugänglich – und ohne Frage ein Film, der im Kino gesehen werden muss. Nicht der Bilder wegen (die sind auch toll), sondern aufgrund des Zwangs, sich auf ihn einzulassen. A Ghost Story kann nicht funktionieren, wenn ihr Twitter checkt, WhatsApp durch die Welt jagd oder euch auf Facebook in Sicherheit markiert.

5. Atomic Blonde (USA, Regie: David Leitch)

Der große Mainstream-Action-Film des Jahres, zu wenig besungen in seiner kühlen 80ies Ästhetik und beeindruckenden Performance von Charlize Theron. Überhaupt ist hier das progressive Herz dieses Retro-Streifens versteckt: in Bild und Struktur ist Atomic Blonde zwar ein Rückgriff auf den (guten) Actionfilm der Vergangenheit, aber in seinem Zentrum steht eine Frau, die diesen Film regiert und mehrfach subversiv mit der althergebrachten Rolle der Frau im Actionkino bricht.

6. The Killing Of A Sacred Deer (USA, Regie: Yorgos Lanthimos)

Lanthimos beweist auch mit seinem neuesten Film, dass er der spannendste junge Regisseur around ist. Unbarmherzige zwei Stunden über – ja was eigentlich??
Lanthimos näheste Verwandte sind Michael Haneke (der kühle Blick) und Lars von Trier (der Wille zur Transgression), aber er ist noch schwerer als diese beiden festzunageln auf eine „Aussage“ irgendeiner Art. Wer das akzepztieren kann, bekommt faszinierende Studien der Unmenschlichkeit.

7. Elle (Frankreich, Regie: Paul Verhoeven)

Ähnlich verwirrend wie „Killing Of A Sacred Deer“: es fällt schwer, zu begreifen, was genau „Elle“ war. Dass ausgerechnet der nicht für allzu große Subtilität bekannte Verhoeven einen Vergewaltigungsfilm dreht, der sich jeder einfachen Antwort verschließt und dabei auch noch die Franzosen in seiner charmanten Geschwätzigkeit outfranzosed, lässt einen verblüfft zurück. Isabelle Huppert beweist erneut, dass sie die beste Schauspielerin ihrer Generation ist und ist untrennbar mit dem Gelingen des Films verknüpft. Mit „Elle“ wagt Verhoeven viel und gewinnt dank Huppert alles.

8. Personal Shopper (Frankreich, Regie: Olivier Assayas)

Ich bin nicht immer ein Freund von Assayas, der oft in seinen Filmen zu viele Abzweigungen nimmt und der Selbstgefälligkeit anheim fällt, aber mit „Personal Shopper“ dreht er den besten Film seiner Karriere. Ein durchweg faszinierendes, genreübergreifendes Werk, das Ghostmystery, Thriller, Drama und Satire in einem ist. Auch hier gilt wie für „Elle“: ohne Kristen Stewarts brillante Performance würde dieses Wagnis scheitern.

9. Die Taschendiebin (Südkorea, Regie: Chan-Wook Park)

Der südkoreanische Großmeister Chan-Wook Park (Oldboy) zurück in heimischen Gefilden mit einem langen, vertrackten, aber überaus eleganten Film über Täuschung, Doppeltäuschung und doppelter Doppeltäuschung.

10. Dunkirk (USA, Regie: Christopher Nolan)

Durchaus ein zwiespältiges Erlebnis: ein schlimmes letztes Viertel, das dem vorangegangenen Film widerspricht und mit Pathos und Überdeutlichkeit zukleistert, was vorher so schön angerissen blieb, zerstört viel vom hervorragenden Eindruck des Vorangegangenen. Dort jedoch zeigt Nolan, dass große Filme durchaus das Publikum fordern dürfen und setzt sowohl Sounddesign wie Special Effects in einer Weise ein, von der man sich erhofft, dass der Rest von Hollywood in Zukunft stehlen wird.

11. Körper & Seele (Ungarn, Regie: Ildikó Enyedi)
12. Aus dem Nichts (Regie: Fatih Akin)
13. Get Out (Regie: Jordan Peele)
14. Siebzehn (Regie: Monja Art)
15. Hostages (Regie: Rezo Gigineishvili)
16. Casting JonBenet (Regie: Kitty Green)

17. Animals – Stadt, Land, Tier (Regie: Greg Zglinski)
18. 20th Century Women (Regie: Mike Mills)
19. Weirdos (Regie: Bruce McDonald)
20. Lo & Behold, Reveries Of The Connected World (Regie: Werner Herzog)
21. Bunch Of Kunst (Regie: Christine Franz)

22. T2 – Trainspotting (Regie: Danny Boyle)
23. La La Land (Regie: Damien Chazelle)
24. Hell Or High Water (Regie: David Mackenzie)
25. Planet der Affen: Survival (Regie: Matt Reeves)
26. Die andere Seite der Hoffnung (Regie: Aki Kaurismäki)
27. Manchester By The Sea (Regie: Kenneth Lonergan)

28. Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes (Regie: Julian Radlmaier)
29. Baby Driver (Regie: Edgar Wright)
30. Kong: Skull Island (Regie: Jordan Vogt-Roberts)
31. Life (Regie: Daniel Espinosa)

32. Wilde Maus
33. Tiger Girl
34. I Am Not Your Negro
35. Tokyo Night Sky Is Always the Densest Shade of Blue
36. A Cure For Wellness

37. Logan
38. Star Wars – Die letzten Jedi
39. Spider-Man: Homecoming
40. Mother!
41. Golden Exits

42. It Comes At Night
43. Christine
44. Call Me By Your Name
45. Eine fantastische Frau
46. Split

47. Colossal
48. Die Verführten
49. Moonlight
50. Goodnight Brooklyn – The Story Of Death By Audio

Groß, aber nicht gut:
55. Alien: Covenant
65. Rückkehr nach Montauk
67. Silence
68. Mord im Orient Express
69. Es
71. Einfach das Ende der Welt
76. Guardians Of The Galaxy 2
79. Valerian
81. Wonder Woman
83. John Wick 2
92. Der dunkle Turm

Die Vorjahressieger:


2016: Green Room (USA, Regie: Jeremy Saulnier)

2015: Victoria (D, Regie: Sebastian Schipper)

2014: Boyhood (USA, Regie: Richard Linklater)

2013: Upstream Colour (USA, Regie: Shane Carruth)

2012: Drive (USA, Regie: Nicolas Winding Refn)

2011: Submarine (UK, Regie: Richard Aoyade)

2010: Bad Lieutenant: Port Of Call – New Orleans (USA, Regie: Werner Herzog)

2009: Inglorious Basterds (USA, Regie: Quentin Tarantino)

2008: No Country For Old Men (USA, Regie: Joel & Ethan Coen)

2007: Ex Drummer (Belgien, Regie: Koen Mortier)

2006: Match Point (USA, Regie: Woody Allen)

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