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vonChristian Ihle 02.01.2018

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Spring Breakers

Der alte Arthouse-Schreck Harmony Korine versammelt Disney-Sternchen und dreht einen Hochglanzfilm über den Spring Break – und täuscht das Publikum gleich mehrfach: weder war Spring Breakers ein Girls Gone Wild – Verschnitt für High School Musical – Freunde noch eine Bloßstellung seiner zuckersüßen Stars oder gar eine von Trier’sche Provo-Aktion – kaum fassbar, was Korine hier genau macht, aber er bürstet wirklich alle Erwartungen gegen den Strich (und zwar sowohl die Mainstream-Erwartungen als auch die der Arthouse-Crowd oder eben der Provokationsgeilen). Am Ende bleibt ein fast zärtliches Bild weiblicher Selbstermächtigung übrig. Faszinierend.
Und im Vorübergehen gelingt es Korine auch noch, Britney Spears Kitschoper „Everytime“ zu rehabilitieren:

Eine der schönsten (und wahnsinnigsten) Filmkritiken der vergangenen Jahre hat Dietmar Dath anlässlich von Spring Breakers geschrieben: „“Verpeilte sitzen daher jetzt im Kinodunkel und denken, dieser Film feiere die suizidale Unzurechnungsfähigkeit junger Übergeschnappter als solche. Noch Verpeiltere wollen in derlei filmischer Simulation von Exzessen eine besonders subtile Kapitalismuskritik erkennen. Die Allerverpeiltesten schließlich unterstellen dem Regisseur, er sei in Wahrheit weder Rauschtrottel noch Bedenkenträger, sondern Zyniker und wolle mithin vor allem provozieren, da es für einen Künstler ja bekanntlich nichts Schöneres gibt, als wenn ihm ein rezensierendes Mauerblümchen beim Bistumsblatt von St. Pfäffle übelnimmt, dass er mit den rostigen Folterwerkzeugen seiner Kunst unermüdlich zählebige Moralvorstellungen, Sehgewohnheiten und Hirnrinden zerpflückt.“ (in Gänze lesenswert, hier)

Die versunkene Stadt Z

Bereits mit seinem bedrückenden und todtraurigen Debütfilm „Little Odessa“ von 1994 hat sich James Gray als ein Auteur des US-Kinos vorgestellt. Etwas überraschend ist nach vielen mehr oder weniger großen Kammerspielen nun die Zuwendung zu einem in Zeit und Fläche ausufernden Expeditionsfilm wie „Die versunkene Stadt Z“, der von der wahren Geschichte des Soldaten und Forschers Percival Fawcett erzählt. Die Besetzung ist prominent: Fawcett wird von Charlie Hunman, dem Jaxx aus „Sons Of Anarchy“ (der in diesem Leben kein großer Schauspieler mehr werden wird), gespielt und sein Kompagnon von „Twilight“-Teenie-Schwarm Robert Pattinson. Pattinson tritt mit absurdem Zauselbart und Wunde im Gesicht im offensichtlichen Wunsch auf, der Kitsch-Schublade zu entfliehen und nach seiner skurrilen Lawrence von Arabien – Darstellung in Werner Herzogs „Queen Of The Desert“ eine weitere erratische Rolle seiner Filmographie hinzuzufügen.

Belle De Jour

Bunuels kühles Erotik/S&M-Drama ist schwer zu greifen, aber nicht so surreal wie seine Gesellschaftssatiren aus dieser Zeit. Dennoch bleibt natürlich die Bourgeoisie sein Thema – Catherine Deneuve spielt eine bürgerliche Frau in einer erstickten Ehe, die sich in S&M-Szenen tagträumt und letztendlich in einem Bordell zu arbeiten beginnt.

Der letzte Exorzismus

Einer der wenigen bemerkenswerten Beiträge aus dem Found Footage Subgenre stammt vom deutschen Regisseur Daniel Stamm und war ein bemerkenswert erfolgreicher Film im US-Kino mit 41 Millionen Einspiel bei Produktionskosten von nur 1,8 Millionen. Das Ende ist angemessen düster und durchaus überraschend, was ja wenigen Horrorfilmen gelingt.

Bube, Dame, König, GrAs

Nach „Trainspotting“ war Guy Ritchies „Bube Dame König GrAs“ der zweite Mega-Erfolg für das unabhängige britische Kino in den 90ern. Hier entwickelte Ritchie seinen Blueprint, den er im Folgenden mehrfach selbst kopierte (am deutlichsten in „Snatch“). „Lock, Stock & Two Smoking Barrels“ (so der Originalititel) ist so schnell wie lustig, verwickelt wie wild. Die Mutter aller britischen Gangster-Filme der nächsten zwanzig Jahre.

Die Klapperschlange

Ein unzerstörbarer Klassiker des 80er Jahre Kinos aus John Carpenters imperialer Phase. Die Dystopie um ein Manhattan der Zukunft, das zu einem riesigen Knast ausgebaut wurde, ist auch heute noch beeindruckend und Snake Plisken eine der besten Figuren des 80er Actionfilms.

Vier im roten Kreis

Jean-Pierre Melville ist der Großmeister des französischen Polizeifilms der 60er/70er und „Le cercle rouge“ neben „Un Flic“ (beide mit Alain Delon in der Hauptrolle) makellos ausgeführte, kühle Katz-und-Maus-Spiele zwischen Gangster und Polizisten.

Hearts Of Darkness

Die Dokumentation über die legendär kaputten Dreharbeiten zu „Apocalypse Now“ ist sogar kurzweiliger als Coppolas Vietnam-Epos und wie ein Zwillingsfilm zu „Burden Of Dreams“, der Doku über die Dreharbeiten zu Werner Herzogs „Fitzcarraldo“ (auch auf Amazon Prime). Auch passend: der Wahnsinn in „Hearts of Darkness“ ist geschäftsmäßiger, größer – bei Herzog aber innerlicher, kompletter, weirder.

Der Staat gegen Fritz Bauer

Auch wenn der Nebenstrang über Homosexualität sich etwas zu sehr in den Mittelpunkt drängt, bleibt „Der Staat gegen Fritz Bauer“ ein interessanter Film über einen zu wenig besungenen Helden der deutschen Nachkriegszeit, der von Burghart Klaußner gespielt wird.

Blood Simple

Der Debütfilm der Coen Brothers war die Grundlage für die lange und bis heute andauernde Karriere von Joel & Ethan Coen – und hat hier eigentlich schon alle Elemente, die später von „Fargo“ bis „No Country For Old Men“ die Coens bis zu Oscar-Ehren führte.

Bronson

In „Bronson“ verheiratet der dänische Regisseur Niclas Winding Refn seinen Drang zum Überstyle mit Guy-Ritchie-hafter Brit-Coolness und bietet vor allem Tom Hardy in der Hauptrolle des (realen) Schlägers und Ewighäftlings Bronson eine Plattform, die Hardy in jeder Sekunde zu nutzen weiß. Die Biographie des berüchtigsten Gefängnisinsassen Großbritanniens gibt sich brutal nah und künstlich zugleich.

Ebenfalls einen Blick wert:

Woyzeck (Werner Herzog)
Shutter Island (Martin Scorsese)
Jarhead (Sam Mendes)
American Gangster (Ridley Scott)
Die 3 Tage des Condor (Sydney Pollack)
Suffragete (Sarah Gavron)
Geschenkt ist noch zu teuer (Richard Benjamin)
Hurt Locker (Kathryn Bigelow)
Snowpiercer (Bong Joon Ho)

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