vonChristian Ihle 05.04.2018

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

Mehr über diesen Blog

Gewalt bleiben auch weiter bei der bei uns im Interview verkündeten Idee, sich einem Album zu verweigern und stattdessen Single um Single auf verschiedenen Labels zu veröffentlichen. Wir sind ja bekanntermaßen bereits seit dem Debüt „Szene einer Ehe“ große Freunde von Gewalt, doch die beiden nun im Doppelschlag auf This Charming Man Records respektive Sounds of Subterrania veröffentlichten 7inches übertreffen alle bisherigen Releases.

„Wir sind sicher“ wurde schon länger auf Konzerten gespielt und ist angesichts der Noise- und Riff-Attacken, die Gewalt üblicherweise auffahren, eine ungewöhnliche Single. Ein ruhiger, sich langsam aufbauender Song, in dem Patrick Wagner verschiedene (Irr-)Wege zu einem Sicherheitsgefühl besingt – nur um am Ende mit dem achtzehnfach manisch wiederholten Satz „Wir sind sicher“ alle Bestrebungen zu konterkarieren und so die Unmöglichkeit eines aus Umständen – statt aus sich selbst – geborenen Sicherheitsgefühls herauszuarbeiten.

Auch die zweite Single „Limiter“ – produziert von Klez.Es Tobias Siebert – weicht ab von den bisherigen Gewalt-Singles, ist hymnischer, dringender als die Band es jemals war. „Limiter“ kann man als aggressives Lob auf einen Naturzustand lesen, als ein wütendes Nein zu allen Konventionen, die den Menschen einhegen, einpegeln, einschneiden. So ist „Limiter“ also gerade auch eine Antwort auf den in der Parallelsingle „Wir sind sicher“ besungenen, verunsicherten und deshalb nach Sicherheit dürstenden Mensch in der Gesellschaft wenn Wagner textet:

Als wir kamen
Wir waren ungebrochen
Als wir kamen
Wir waren unverdrossen
Als wir kamen
Wir waren frei von Angst
Als wir kamen
Wir waren schön wie Gott
Wir waren schön wie Gott
Wir waren schön wie Gott
Wir waren schön wie Gott

Und a propos Naturzustand: wenn jemand wie Patrick Wagner nicht dafür geboren wurde, um den Satz „wir waren schön wie Gott“ mit größter Dringlichkeit zu singen, dann weiß ich auch nicht mehr.

Für mehr Gewalt im Popblog:
* Interview: „„In mir wütet eine große Zerstörungskraft“, aber „ich weiß nun auch, dass meine Verletzlichkeit eine Waffe ist“
* Interview: „Der entscheidende Unterschied zwischen jetzt und vor 15 Jahren: Die sind nicht so wahnsinnig dumm wie wir damals. Die Sterne, Tocotronic, Surrogat, Mutter… wir waren alle totale Vollidioten.“* Song der Woche: Szene einer Ehe
* Song/Video der Woche: Tier

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

http://blogs.taz.de/popblog/2018/04/05/songs-der-woche-gewalt-limiter-und-wir-sind-sicher/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.