vonChristian Ihle 27.04.2018

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Keine Spotify-Algorithmen, keine Promoeinladung, keine Empfehlung aus dem NME (RIP!) – wie ich International Music für mich entdeckt hatte, war auf dem ursprünglichsten Weg überhaupt: die Band aus Essen spielte einen unangekündigten Supportgig im Rahmen der Release-Show des Friends Of Gas – Albums irgendwann im Herbst 2016, dem ich deshalb mehr oder weniger zufällig beiwohnte. Und schon hier wurde mir klar, dass International Music trotz des absurd generischen Bandnamens etwas sehr Ungewöhnliches auf die Bühne stellten.

Obwohl durchaus etliche Referenzpunkte zu erkennen sind, ist die Art, wie International Music diese Querverweise platzieren und aufgreifen, so anders, dass keine Schublade tatsächlich passen mag. Von den mittleren Velvet Underground scheinen die Drums und die Konstruktion mancher Songs zu stammen, von Jesus & Mary Chain zuweilen die Gitarren, von den Monks der stoische, treibende und doch stockende Beat, von F.S.K. der Wille, all diese internationalen Einflüsse zu internalisieren und als etwas Eigenes zu präsentieren.

International Music eröffnen bei diesem Ritt durch die Rock’n’Roll-Geschichte einen Möglichkeitsraum, den die deutsche Musik sehr selten findet. Sie liefern zugleich dessen Dekonstruktion mit, ist das wie hier doch ebenso wichtig wie das was gespielt wird. Untrennbar damit verbunden sind selbstverständlich die Lyrics dieser Lieder. Jeder dieser Songs besteht aus einem minimalistisch-naiven Text, der am Ende doch immer so leicht verdreht erscheint, dass er unterschwellig eine kritische, eine passiv-aggressive oder auch eine zweifelnd-existentialistische Ebene mitliefert und im Moment des Ausgesprochenwerdens durch die ihm innewohnende Absurdität in ein schwer greifbares Spannungsfeld der Uneindeutigkeit versetzt wird.

Im Kontext mit der Musik werden die einfachsten Zeilen zu schlagenden Slogans, die niemals skandiert, sondern immer gemurmelt werden sollten:

„Knie kaputt / Frisur ist scheiße /
Die besten Jahre sind vorbei.“

„Das Restaurant war wunderschön gelegen /
Aber wunderschön war mir nicht genug /
Mama, Warum bekomm ich’s immer so wie ich es bestellt hab?“

„Man braucht Kohle und Kometen / um ein Mädchen zu entführen /
Man braucht Rosen und Raketen / Man braucht gute Manieren“

„Ich bin der Kopf der Band / Ich denke Stunden, Tage vor mich hin /
Wenn ich dann noch nicht betrunken bin / Dann geb ich einen aus.“

„Ich sag Goodbye / Mein Daddy ist rich /
Du sagst auf Wiedersehen /
Schau mir ins Gesicht / Mein Daddy ist rich.“

Und dennoch gelingt es der Band aus Essen, die so laut „Ruhrgebiet!“ sagt und doch nur zugezogen ist, Hymnen des Zurückgelehntseins und der passiven Verweigerung zu schreiben, steckt in diesen Songs doch so viel müde gestreckte Faust und verhaltenes Aufstampfen, dass ich gar nicht nicht mitgerissen sein kann. Allein für „Du Hund“ möchte ich wieder 17 sein und Abitur machen müssen, nur um Zeilen wie „Was hat der Rektor mir denn schon zu sagen? / Ich geh nicht in die Schule! / Du Hund / hast mich an der langen Leine.“ auf dem Nachhauseweg hören zu können.

International Music schaffen mit „Die besten Jahre“ ein durch und durch bemerkenswertes Album, das so verblüffend gut, anders und doch vertraut ist, dass sich 2018 ganz schön wird strecken müssen, um eine bessere Platte hervorzubringen.
„Die besten Jahre“ ist eine Sternstunde heimischer Musik.

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