vonChristian Ihle 07.06.2018

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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The Big Sick

Dem in den USA bekannten, pakistanisch-amerikanischen Stand-Up-Comedian Kumail Nanjiani ist hierzulande noch recht wenig Beachtung geschenkt worden. Sein Debütfilm war die große Sensation beim letztjährigen Sundance-Festival und wurde von Amazon für eine der höchsten Summen in der Festivalgeschichte (12 Millionen Dollar) eingekauft, was letztendes auch mit einer Oscarnominierung für das beste Drehbuch belohnt wurde. „The Big Sick“ ist dabei eine überraschend zärtliche Liebesgeschichte unter den Vorzeichen einer Culture Clash – Komödie, die auf den realen Vorkommnissen um die schwere Erkrankung von Nanjianis Freundin Emily Gordron (dargestellt von der tollen Zoe Kazan) beruht. „The Big Sick“ hat eher spärliche LOL-Momente (mein Favorit: What’s my stance on 9/11? Oh um, anti. It was a tragedy, I mean we lost 19 of our best guys.“), strahlt dafür aber eine humanistische Warmherzigkeit ausstrahlt, die man selten in Komödien findet.

Der Fan

Ein Klassiker des weirden deutschen Films und Startschuss zur Karriere von Desiree Nosbusch. Im Rückblick ist „Der Fan“ sogar bemerkenswerter als gedacht, da die Geschichte um einen jungen Backfisch, der sich unsterblich – und mit schlechten Folgen für alle Beteiligten – in einen Musiker verliebt, zwar nach Stangenware klingt, aber in seiner Umsetzung hervorragend den Spirit der New-Wave-Ära der frühen 80er einfängt. „Der Fan“ muss sich keineswegs vor legendären Filmen der gleichen Zeit wie Bessons „Subway“, Beineix‘ „Diva“ oder Zulawskis „Obsession“ verstecken, sondern erreicht in seiner kühlen Abstraktion eine Wucht, die den sehr langsam erzählten Film gegen Ende überraschend eindrucksvoll werden lässt. Der Sänger von Rheingold, Bodo Steiger, spielt mehr oder weniger sich selbst und die NDW-Band hat auch den fantastischen Soundtrack geliefert, der mehr ist als nur der bekannte (und immer noch tolle) Hit „Fan Fan Fanatisch“:

The Party

Eine linksliberale Selbstzerfleischungsorgie in Schwarzweiß. Wer an Polanskis „Gott des Gemetzels“ seinen Spaß hatte, dürfte auch an Sally Potters „The Party“ Gefallen finden. Angenehm schlank inszeniert und durch die Bank gut besetzt (u.a. Emily Mortimer, Timothy Spall, Bruno Ganz, Cilian Murphy, Kristin Scott Thomas, Patricia Clarkson), hat „The Party“ auch ein gewisses Nervpotential, aber eben auch schön affektiert geschriebene Dialoge wie:

APRIL: “Martha, you’re a first-class lesbian and a second-rate thinker. Must be all those women’s studies.”
MARTHA: “I am a professor specializing in domestic labor, gender differentiation and American utopianism.”
APRIL: “My point exactly.”

The Villainess

„The Villainess“ beeindruckt einerseits mit überbordendem Stilwillen und überhebt sich andererseits an zu großem Ehrgeiz, will er doch offensichtlich nicht nur Actionfilm sein, sondern auch ein Shakespeare’sches Drama der „Oldboy“-Kategorie. Dafür präsentiert Regisseur Byung-gil Jung aber eine zu simple Geschichte, die nur unnötig kompliziert mit vielen Rückblenden, Gesichtsoperationen und doppelbödigen Charakteren erzählt wird. Die Action ist einerseits meisterhaft choreographiert, aber auch so over the top dass sie in ihrem wortwörtlichen Overkill an Bedeutung verliert. (Zudem hoffe ich inständig, dass die offensichtlich von „Hardcore Henry“ geklaute Egoshooter-Perspektive sich nicht in Zukunft bournemäßig in alle Actionfilme einnistet. Das ist nämlich außerhalb eines Überkonzeptfilms wie „Hardcore Henry“ praktisch nicht zu ertragen. Dagegen ist die gute alte Wackelkamera mit einsekündiger Schnittfolge Balsam für die Augen. Aber genug old man talking!)
„The Villainess“ ist – als reines Kampfszenenspektakel wie „The Raid“ verstanden – durchaus sehenswert, hat für mich aber die interessanteren Momente, wenn der ganze Irrsinn etwas zur Ruhe kommt.

Halloween

Ein ewiger Klassiker des Horrorfilms und so einflussreich wie nur wenige Filme des Genres überhaupt. „Halloween“ ist neben „Texas Chainsaw Massacre“ wohl der Film des großen Jahrzehnts des Horrorfilms und das auch aus heutiger Sicht zurecht. Vor allem die Anfangssequenz mit subjektiver Kamera ist ein Meisterwerk John Carpenters und verliert auch mit der heutigen Sehprägung nichts von seiner Eindrücklichkeit.

Der junge Karl Marx

Mit „I Am Not Your Negro“ ist Raoul Peck im letzten Jahr zurecht große Aufmerksamkeit zuteil geworden – mehr oder weniger parallel ist Pecks Spielfilm „Der junge Karl Marx“ erschienen, der mit August Diehl in der Hauptrolle und Vicky Krieps (die gerade in „Der seidene Faden“ für Aufsehen gesorgt hat) gut und überraschend deutsch besetzt ist. „It shouldn’t work, but it does, due to the intelligence of the acting and the stamina and concentration of the writing and directing.“, so Peter Bradshaw im Guardian.

Abgedreht

„Abgedreht“ ist so etwas wie Michel Gondrys Karriere in a nutshell: eine große Liebe zum Kino, gern mit Pappmaché nachgestellt und Indiehumor erzählt. „Be Kind Rewind“ (so der Originaltitel) erreicht dabei nicht die emotionalen Höhen von Gondrys Meisterwerk „Eternal Sunshine Of The Spotless Mind“ (deutsch: „Vergiss Mein Nicht“ – offensichtlich hasst der deutsche Verleih Michel Gondry, anders sind diese bescheuerten deutschen Verleihtitel ja nicht zu erklären), lässt sich aber mit seiner kindlichen Liebe zur Filmhistorie schön wegschauen.

Side Effects

„Side Effects“ ist ein leidlich spannender Krimi, wenn sich Regisseur Steven Soderbergh nach der Hälfte der Spielzeit endlich dazu bequemt, das Thrillerrad anzuwerfen und die Politfingerzeige bleiben lässt. Leider ist das Buch aber dermaßen an den Haaren herbeigezogen, dass man sich bei aller guten Unterhaltung als Zuschauer durchaus ein wenig veralbert vorkommen kann. Der für Soderberghs Verhältnisse straight gedrehte Krimi um die Machenschaften der Pharmaindustrie, hat so viele Plottwists, dass wir Schwindelgefühle beim Zuschauer diagnostizieren, ist aber wie immer bei Soderbergh natürlich gut besetzte, kompetente Unterhaltung. Ein früher Film für Rooney Mara, die hier schon ihre kommende große Karriere andeutete.

Bound

Bevor die Wachowski-Geschwister mit „Matrix“ ihren großen Durchbruch feierten, drehten sie diesen kleinen, dreckigen Thriller, der ungefähr zeitgleich zu Coen Brothers‘ „Fargo“ erschien und damals, 1996, eben neben dem Coenschen Absurditätsmeisterwerk der andere große Krimi des Jahres war. Erstaunlich eigentlich, dass „Bound“ so in Vergessenheit geraten ist!

Neue Serie:
American Crime

Anthologie-Serie, die in jeder Staffel ausgiebig eine Geschichte erzählt und sich Zeit nimmt, die Umstände und die die Folgen eines Verbrechens auch im gesellschaftlichen Kontext zu beleuchten. „American Crime“ ist dabei mindestens so sehr Drama wie Thriller und angenehm bemüht, zurückgenommen zu erzählen. Nicht zu verwechseln mit der zeitgleich gedrehten Anthologieserie „American Crime Story“, übrigens.

Ebenfalls einen Blick wert:
Memento: Moderner Klassiker, Startschuß für Christopher Nolans Hollywood-Karriere.
Die Jagd: Drama von Thomas Vinterberg über Verdächtigungen und sozialen Druck. Etwas unschlüssig gegen Ende.
The Purge: Election Year: Mehr Actionfilm als Horror, halbwegs kompetent und marginal besser als Teil 2.
Shivers: Früher Body-Horror von David Cronenberg.
The Player: Die Wiedergeburt des Robert Altman in den 90ern: klassisches Ensemble-Stück mit unfassbar vielen Stars in einer Meta-Hollywood-Komödie.

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