vonChristian Ihle 27.12.2018

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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#1 International Music – Die besten Jahre

International Music sind die Band, die die schönsten Fragen stellt: Warum krieg ich’s immer so, wie ich es bestellt hab? Was hat der Rektor mir denn schon zu sagen? Warum schreibst du den Hasen nicht mit H?
Ihre Fragen beantworten sie mit den Drums der mittleren Velvet Underground, den Gitarren von Jesus & Mary Chain, dem stoischen, treibenden und doch stockenden Beat der Monks und dem Willen von F.S.K., all diese internationalen Einflüsse zu internalisieren und als etwas Eigenes zu präsentieren. Die Band aus Essen, die so laut „Ruhrgebiet!“ sagt und doch nur zugezogen ist, schreibt Hymnen des Zurückgelehntseins und der passiven Verweigerung wie keine andere Gruppe in diesem Jahr. Wenn 2018 solche Debütdoppelalben schafft, kann nicht alles schlecht gewesen sein. Knie kaputt, Frisur ist scheiße, die besten Jahre sind vorbei? Von wegen.

#2 Idles – Joy As An Act Of Resistance

Wenn es eine Band für diese Zeit, diesen Moment gibt, dann sind es die Idles. Der Band aus Bristol gelingt es wie keiner anderen Gruppe, die Schmerzen, die Probleme, die Fragen des Jetzt in Lieder zu packen, die Stellung beziehen, aber dennoch nicht weiter entfernt sein könnten vom verkopften Diskurs. IDLES wettern gegen den Brexit (GREAT) und für die Migration (Danny Nedelko), schreien gegen toxic masculinity (Samaritans) und für die Gemeinschaft und den Kampf um das bessere Leben (I’m Scum). So könnte ich das restliche Album durchdeklinieren oder einfach jetzt den Laptopstift fallen lassen und mit gestreckter Faust und dem Wunsch nach „Unity“ im Herzen zu diesem Album tanzen.
IDLES sind die wichtigste, größte Band des Moments:

This snowflake is an avalanche

#3 Der Nino Aus Wien – Der Nino Aus Wien

Neues Jahr, neues Nino-Album. Auch das zehnte Album des Wiener Liedermachers in zehn Jahren ist ein erneuter Triumph, vielleicht sogar sein bestes Album überhaupt. Schon die Frage nach dem herausragenden Lied ist kaum zu beantworten: „Bevor Du Schläfst“, die österreichische Antwort auf „Don’t Look Back In Anger“? Oder „Wach“, das an Leonard Cohens Werke in den frühen 70ern erinnert? „Unentschieden gegen Ried“, mit dem der Rapid-Wien-Supporter die Unmöglichkeit des gelungenen Fußballsongs widerlegt? Oder doch einfach „Jukebox“, die Hymne auf den nächsten, den übernächsten und den jetzt aber wirklich allerletzten G’spritzn im Beisl?

#4 Die Nerven – Fake

Die Stammgäste in meinen Album-Jahrescharts (konstant wie keine andere Band: 2012: #2, 2014: #2, 2015: #3) haben in diesem Jahr auch erstmals die kommerziellen Charts geknackt und ihr erstes Top-15-Album feiern können. Was natürlich allein aufgrund der beiden ersten fantastischen Singles „Frei“ und „Niemals“ mehr als verdient ist, die auch schön die Bandbreite zwischen Noise- und Punk-Rock aufspannen, für die die Band steht.

Bei all der musikalischen Meisterschaft geht manchmal unter, wie sehr es den Nerven gelingt, in maximaler Reduktion Texte zu schreiben, die treffen, ohne zu konkret zu werden. Die eine Projektionsfläche bleiben, aber dabei trotzdem immer die Ahnung vermitteln, sehr genau zu wissen, was gesagt werden muss.
Auch hier sind beide Singles beispielhaft:

Immer nur dagegen
Immer nur dagegen
Nie wirklich da
Immer nur dagegen
Immer nur dagegen
Aber gegen was?

und

Finde niemals zu dir selbst
Finde niemals zu dir selbst
Finde niemals zu dir selbst
(Niemals, niemals, niemals)

#5 Farce – Heavy Listening

Eine herausragend produzierte Art-Pop-Platte, die klingt als hätte die Retro-Königin La Roux ein Chillwave-Album aufgenommen. Auf dem fantastischen „I Hate Berlin II“ bringt die Wiener Künstlerin Veronika J. König in Zusammenarbeit mit Blaqtea – alias Ebow von den Gaddafi Gals – sogar ein Hip-Hop-Break unter, das an die frühen Höhepunkte von Uffie erinnert. Falls sich noch jemand an Uffie erinnert.

#6 Ezra Furman – Transangelic Exodus

Als ich auf Ezra Furmans letztem Berlin-Konzert eine Mütze mit der Aufschrift „Punk isn’t dead. It just sounds shit now“ trug, sprach mich Furman darauf an: „I disagree with your hat. There was *always* shitty punk music.“
Furman ist Punk in der Haltung, der ewige Außenseiter und Misfit. „Transangelic Exodus“ ist sein Manifest des Andersseins, eine wütend-melodische Hymne auf das Recht, sein eigenes Leben leben zu dürfen.

They’ll never find us if we turn off our phones
We’re off the grid, we’re off our meds
We’re finally out on our own
Now I see colour coming back in your cheeks
Angel, don’t fight it
To them you know we’ll always be freaks

#7 The Good, The Bad And The Queen – Merrie Land

Nach zwei nicht hundertprozentig überzeugenden Gorillaz-Alben kehrt Damon mit dem heimlichen Lieblingsprojekt zu alter Form zurück. Neben Blurs „Magic Whip“ Albarns bestes Werk seit, nun ja, dem letzten „The Good The Bad & The Queen“ – Album!
(was übrigens 2007 unsere Album-Des-Jahres-Wertung gewonnen hatte!)

#8 Parquet Courts – Wide Awake

Die von DangerMouse produzierte neue Platte der New Yorker Post-Punks war stilistisch breiter als je zuvor: von Southern Rock („Freebird II“) bis zu No Wave („Wide Awake“). Lynyrd Skynyrd und !!! (Chk Chk Chk) auf einer Platte zu vereinen, muss man auch erstmal schaffen

#9 Suede – The Blue Hour

Dass Suede mit ihrem besten Album seit „Coming Up“ zurückkehren, hätte ich wirklich nicht erwartet. Fantastisch produziert ist The Blue Hour aber mehr ein Bruder des ausladenden „Dog Man Star“ als der Britpophitmaschine „Coming Up“. Hits gibt’s dennoch: „Life Is Golden“!

#10 Beak>: >>>

Ein makelloses Neo-Krautrock-Album der Band um Geoff Barrow von Portishead. Herzstück ist das siebenminütige, vocal-freie Motorikbeast „Allé Sauvage“.

11. The Big Howard – Will
12. Chemtrails – Calf Of The Sacred Cow
13. Viagra Boys – Street Worms
14. Tocotronic – Die Unendlichkeit
15. Isolation Berlin – Vergifte Dich
16. Acht Eimer Hühnerherzen – Acht Eimer Hühnerherzen
17. Lafote – FIN
18. Baxter Dury, Etienne DeCrecy, Delilah Holiday – B.E.D.
19. Shame – Songs Of Praise
20. Spiritualized – And Nothing Hurt

21. Hookworms – Microshift
22. Wooden Shijps – V.
23. Courtney Barnett – Tell Me How You Really Feel
24. Karies – Alice
25. Jens Friebe – Fuck Penetration
26. Arctic Monkeys – Tranquility Base Hotel & Casino
27. Michaela Meise – Ich bin Griechin
28. Theodor Shitstorm – Sie werden dich lieben
29. Swutscher – Wilde deutsche Prärie
30. Bodega – Endless Scroll

31. Tony Molina – Kill The Lights
32. Molly Burch – First Flower
33. Sam Vance-Law – Homotopia
34. Insecure Men – Album
35. Dream Wife – Dream Wife
36. Art Brut – Wham! Bang! Pow! Let’s Rock Out!
37. Brian Jonestown Massacre – Something Lese
38. Kaufmann Frust – Aus Wachs
39. LUMP – LUMP
40. Albert Hammond Jr. – Francis Trouble

41. Josh T Pearson – Straight Hits
42. IceAge – Beyondless
43. MGMT – Little Dark Age
44. L.A. Salami – The City Of Bootmakers
45. The Voidz – Virtue
46. Ash – Islands
47. Let’s Eat Grandma – I’m All Ears
48. Manic Street Preachers – Resistance Is Futile
49. Born Ruffians – Uncle, Duke & The Chief
50. Our Girl – Stronger Today


Vorjahresgewinner:
* 2017: JETZT! – Liebe in GROSSEN Städten
* 2016: Isolation Berlin – Und aus den Wolken tropft die Zeit
* 2015: Ezra Furman – Perpetual Motion Peopl
* 2014: Ja, Panik – Libertatia
* 2013: Waxahatchee – Cerulean Salt
* 2012: This Many Boyfriends – This Many Boyfriends
* 2011: Ja, Panik – DMD KIU LIDT
* 2010: The Smith Westerns – The Smith Westerns
* 2009: Ja, Panik – The Angst & The Money
* 2008: Laura Marling – Alas I Can’t Swim
* 2007: The Good, The Bad & The Queen – The Good, The Bad & The Queen
* 2006: Love Is All – 9 Times The Same Song


und … und 2017?


1. JETZT! – Liebe in GROSSEN Städten
2. Klez.E – Desintegration
3. Sleaford Mods – English Tapas
4. LCD Soundsystem – American Dream
5. Laura Marling – Semper Femina
6. Baxter Dury – Prince Of Tears
7. Belgrad – Belgrad
8. Zimt – Glückstiraden
9. Nino Aus Wien – Wach
10. Alvvays – Antisocialites

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und … und 2016?


1. Isolation Berlin – Und aus den Wolken tropft die Zeit
2. Friends Of Gas – Fatal Schwach
3. Leonard Cohen – You Want It Darker
4. Oum Shatt – Oum Shatt
5. Whitney – Light Upon The Lake
6. Die Heiterkeit – Pop & Tod
7. LUH. – Songs For Spiritual Lovers To Sing
8. King Creosote – Astronaut Meets Appleman
9. Pete Doherty – Hamburg Demonstrations
10. David Bowie – Blackstar

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und … und 2015?


1. Ezra Furman – Perpetual Motion People
2. Blur – The Magic Whip
3. Die Nerven – Out
4. Isolation Berlin – Körper EP
5. The Libertines – Anthems For Doomed Youth
6. Pisse – Mit Schinken durch die Menopause
7. Zugezogen Maskulin – Alles brennt
8. HEALTH – Death Magic
9. Protomartyr – The Agent Intellect
10. Courtney Barnett – Sometimes I Sit And Think, And Sometimes I Just Sit

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und 2014?



1. Ja, Panik – Libertatia
2. Die Nerven – Fun
3. Trümmer – Trümmer
4. Parquet Courts – Sunbathing Animal
5. Amazing Snakeheads – Amphetamine Ballads
6. Parkay Quarts – Content Nausea
7. Die Heiterkeit – Monterey
8. La Roux – Trouble In Paradise
9. Jens Friebe – Nackte Angst zieh dich an, wir gehen aus
10. Fat White Family – Champagne Holocaust

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und 2013?



1. Waxahatchee – Cerulean Salt
2. Gabriel Bruce – Love In Arms
3. Chuckamuck – Jiles
4. Parquet Courts – Light Up Gold
5. Foxygen – We Are The 21st Century Ambassadors Of Peace & Magic
6. Messer – Die Unsichtbaren
7. The Julie Ruin – Run Fast
8. Nick Cave & The Bad Seeds – Push The Sky Away
9. FIDLAR – FIDLAR
10. Babyshambles – Sequel To The Prequel

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und 2012?



1. This Many Boyfriends – This Many Boyfriends
2. Die Nerven – Fluidum
3. Pond – Birds, Wives, Denim
4. Howler – America Give Up
5. Toy – Toy
6. Mystery Jets – Radlands
7. Chromatics – Kill For Love
8. Crocodiles – Endless Flowers
9. Die Heiterkeit – Herz Aus Gold
10. Django Django – Django Django

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und 2011?




1. Ja, Panik – DMD KIU LIDT
2. WU LYF – Go Tell Fire To The Mountain
3. Chuckamuck – Wild For Adventure
4. Girls – Father, Son, Holy Ghost
5. The Smith Westerns – Dye It Blonde
6. Finn. – I Wish I Was Someone Else
7. Locas In Love – Lemming
8. Black Lips – Arabia Mountain
9. The Rapture – In The Grace Of Your Love
10. Josh T Pearson – Last Of The Country Gentlemen

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und 2010?




1. The Smith Westerns: The Smith Westerns
2. Girls: Broken Dreams Club EP
3. Manic Street Preachers: Postcards From A Young Man
4. 1000 Robota: UFO
5. Sleigh Bells: Treats
6. LCD Soundsystem: This Is Happening
7. Wave Pictures: Susan Rode The Cyclone
8. Laura Marling: I Speak Because I Can
9. Television Personalities: A Memory Is Better Than Nothing
10. Christiane Rösinger: Songs Of L. & Hate


und 2009?



1. Ja, Panik – The Angst & The Money
2. The Horrors – Primary Colours
3. Girls – Album
4. Pet Shop Boys – Yes
5. Emmy The Great – First Love
6. The Wave Pictures – If You Leave It Alone
7. Manic Street Preachers – Journal For Plague Lovers
8. Let’s Wrestle – In The Court Of The Wrestling Let’s
9. La Roux – La Roux
10. Peter Doherty – Grace/Wastelands

und 2008?




1. Laura Marling – Alas I Can’t Swim
2. Glasvegas – Glasvegas
3. No Age – Nouns
4. Crystal Castles – Crystal Castles
5. Vampire Weekend – Vampire Weekend
6. Love Is All – A Hundred Things To Keep Me Up At Night
7. 1000 Robota – Er Nicht Du Nicht Sie Nicht
8. Johnny Flynn & The Sussex Wit – A Larum
9. Hot Chip – Made In The Dark
10. Santogold – Santogold

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und 2007?




1. The Good, The Bad & The Queen – The Good, The Bad & The Queen
2. Die Türen – P-O-P-O
3. LCD Soundsystem – Sound Of Silver
4. Babyshambles – Shotters Nation
5. Tocotronic – Kapitulation
6. The White Stripes – Icky Thump
7. Jamie T – Panic Prevention
8. The Cribs – Men’s Needs, Women’s Needs, Whatever
9. Friska Viljor – Bravo!
10. The Rakes – Ten New Messages

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