vonChristian Ihle 14.10.2019

Monarchie & Alltag

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Ist „Joker“ der beste Superheldenfilm ever?
Ja und Nein – mit Sicherheit übertrifft Todd Phillips Erzählung einer ewigen downward spiral eines Lebens alle Marvel- und DC- Movies der Vergangenheit. Und, ja, er ist auch besser als Nolans „The Dark Knight“.
Aber ist „Joker Movie“ überhaupt ein Superheldenfilm, sprechen wir hier ernsthaft noch über dieses Genre?

Nichts an „Joker“ orientiert sich an Superheldentropes, selbst wenn „Joker“ eine „Origin Story“ erzählt. Weit stärker lehnt sich Todd Phillips an Martin Scorseses Glanzzeit an und versucht in Bild wie Ton das Kino des „New Hollywood“ auferstehen zu lassen. Im Grunde ist sein „Joker“ eine Coverversion von Scorseses „King Of Comedy“ (was er mit der Besetzung des King-Of-Comedy-Hauptdarstellers Robert de Niro auch noch einmal nickend anerkennt), gekreuzt mit „Taxi Driver“ (wieder de Niro), in dem Scorsese eben auch den Weg eines vom Leben Getretenen in den Terrorismus zeichnet.

„Joker“ ist ein durch und durch unangenehmer Film und deshalb auch ein Wagnis auf diesem Multiplex-Level. Phillips exerziert den Weg nach unten mit unablässigem Nachdruck, ohne witzige Erleichterungen oder unrealistische Abzweigungen. „Joker“ bleibt von Beginn bis Ende auf Realismus getrimmt und gelingt damit etwas, das all seinen „Vorgängern“ fehlt: die Härte des Lebens wird spürbar, die Verletzungen und die Verzweiflung. Phillips zeigt allerdings auch keine Alternative zum Driften in den Wahnsinn und den Terror. Aus seinem „Joker“ spricht die Unausweichlichkeit des Aufruhrs, fehlt ihm ein „Nieder mit den Umständen, es lebe die Zärtlichkeit“, das beispielsweise David Finchers „Fight Club“ als alternativen Ausweg aus der Beschissenheit des Daseins anbot. Die Möglichkeit einer Katharsis ist hier nirgendwo zu sehen und wenn, dann eben wirklich nur durch den Mord, der das System tanzen lässt, die Welt brennen sehen will.

Deshalb ist natürlich der clownsgeschminkte Elefant im Vorführraum die Frage, ob „Joker“ nun eine Vorlage für den Kampf gegen das „Establishment“ bietet und damit alt.right-Stimmen trompetet. Ich denke: knapp nein. Im letzten Akt droht Phillips sein Film zu entgleisen, aber es gelingt ihm gerade noch, ausreichend Empathie für den getretenen Hund Joaquin Phoenix (tatsächlich sensationell) zu erzeugen, ohne die Heroisierung-Karte wirklich auszuspielen.
In seinem festen Willen, „Joker“ so zu erden dass er nebenan im Zimmer deines unsanierten Mietshauses geschehen könnte, fällt Phillips aber kein Wort des Trostes oder zum Aufbruch in ein besseres Leben ein.
„Is it just me, or is it getting crazier out there?“

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https://blogs.taz.de/popblog/2019/10/14/joker-der-taxi-driver-unter-den-superhelden/

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kommentare

  • Danke für die Empfehlung. Ich hatte gedacht, „Joker“ sei banale Mainstream-Ware.
    Durch die Codes Taxi-Driver/DeNiro/Scorsese aktiviert, werde ich ihn mir anschauen.

  • Dieser Film wirkt nach. Ich habe ihm am Sonntag im O-Ton gesehen, ging mit großen Erwartungen hinein – etwas, dass ich mir über Jahre der 08/15-Filme abgewöhnt haben wollte, gerade nach den Star Wars Debakeln – und kam mit übertroffenen Erwartungen wieder heraus.
    Was ich erwartet hatte war ein Film, der ein gesellschaftskritisches 1-Personen-Drama verkörperte und dabei meinem persönlichen Lieblingsbösewicht eine Backroundstory geben würde, die den diversen verschiedenen bekannten Versionen der Jokerfigur gerecht würde. Während in ‚The Dark Knight‘ der Joker auf dem Grat zwischen gut geplanter Boshaftigkeit (vorbereitete Überfälle, Verbreiten einer ‚Message‘, usw.) und Anarcho-Eskalation („some men just want to watch the world burn“) wandelte, orientiert sich der hier vorgestellte Charakter in erster Linie am Innenleben eines Menschen, der durchs Raster gefallen ist – durch alle. Genau das finde ich sehr gelungen, bedenkt man, als was für eine korrupte und kaputte Stadt Gotham seit jeher gilt. Während andere Batmanfilme zwar immer wieder wieder erzählen, wie schlecht Gotham doch sei, wird es hier in fast jeder Szene deutlich. Selbst Thomas Wayne, die sonst so heroische Vaterfigur auf die nie ein schlechtes Licht fiel, bekommt sein Fett weg, als die Emotionen mit ihm durchgehen und er seinem nicht-Sohn auf der Toilette eins auf die Nase gibt.
    Wieder und wieder wird der Joker enttäuscht, seine Hoffnungen und Anstrengungen mit Füßen getreten und er mit sich alleine gelassen, bis er schlussendlich durch dreht und sich von jeglicher Moral befreit.
    Insbesondere der charaktereigene Hang zur Selbstinzenierung erinnerte mich dabei immer wieder daran, dass es sich um einen Bösewicht handelt, um jemanden, der egozentrisch agiert, alles für sich tut und dem die ganze Welt, nachdem er auch den letzten Anschluss an sie verloren hat, egal ist – hauptsache Beachtung und Rampenlicht. Zugegeben – ich musste mehr als ein mal an Trump denken.
    Die innewohnende Gesellschaftskritik teile ich persönlich; In der schnelllebigen Welt der flüchtigen Moderne ist kein Platz zum Innehalten, für Empathie und Zivilcourage und ich denke, dass der Regiesseur damit das Lebensgefühl einer großen Gruppe Heranwachsender und junger Erwachsener wiedergibt, die sich zynisch über ihre eigene Situation – inklusive Depressivität, Einsamkeit und Abgehängt-sein – lustig macht. Dass der Joker daran zerbricht, mag der ‚Unterschicht‘ ebenso als Warnung dienen, wie anderen Mitgliedern ihrer als Glorifizierung, von einem ins-Gesicht-spucken habe ich nichts mitbekommen (vielleicht bin ich zu alt dafür). Gerade dass der Film keine Antworten liefert, macht ihn für mich sehenswert, gerade die Diskussion um ihn und die verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten geben ihm die Tiefe, die ich mir wünschte und gerade das Ausbleiben eines Happy Ends lässt mich den Hut vor ihm ziehen. Nach Watchmen einer meiner neuen Lieblingsfilme – insofern man das nach einmal anschauen sagen kann.

  • Ihre tendency für english writing ist echt downwoards spiraling.

    Sowas kann sich echt niemand antun, vielleicht sollten Sie mal über Ihren Sprachwust nachdenken, mich hat es jedenfalls davon abgehalten ihren Artikel zu lesen.

  • „So wenig wie die Gamer-Szene all die Einzeltäter-Nazis produziert, so wenig produziert „Joker“ die Lone-Wolf-Angreifer.“

    …oh, ne, Missverständnis: An so was glaube ich ebenfalls nicht. Ich wollte damit eher sagen: Das ausgerechnet dieser Film zurzeit so einen Nerv zu treffen scheint, kann einen schon beklommen machen. Ich behaupte mal, dass das gleiche Werk noch vor zehn Jahren eher beiläufig rezipiert worden wäre.

    Egal, einen schönen Abend.

  • Ich kann Teile der Kritik durchaus nachvollziehen. Würde allerdings widersprechen, dass die Performance von Phoenix inkonsistent ist, der Showman ist schon von Beginn in ihm angelegt und das Durchdrehen wird ja nun wirklich über zwei Stunden ausführlichst hergeleitet. Im Grunde besteht der Film ja aus nichts anderem als der Herleitung zum Durchdrehpunkt.

    Zum letzten Absatz noch: Ich finde, dass man diese eineindeutige Positionierung des Films nicht wirklich aus ihm heraus lesen kann und eine rein inhaltliche Reduzierung wäre mir auch als filmischer Blick zu eindimensional.
    Zudem: So wenig wie die Gamer-Szene all die Einzeltäter-Nazis produziert, so wenig produziert „Joker“ die Lone-Wolf-Angreifer.

  • Weiß nich’… ich war nicht ganz so begeistert.

    Als Psychogramm des Erzbösewichts Joker taugt der Film mal genau nichts – weil dieser Arthur einfach so rein gar nichts in sich trägt, was ihn zum später planvoll und clever agierenden Über-Gangster qualifizieren würde.

    Noch schlimmer wird es, wenn man sich den Comic-Überbau wegdenkt, um das Ganze als Gesellschafts-Analyse zu lesen: Dann spuckt der Film nämlich auch noch mit Anlauf auf die Unterschicht. Denn wenn man diesen Unsinn ernst nimmt, kann aus Armut und Abgehängtheit halt nur blutrünstiger Wahnsinn entstehen.

    Dazu legt J. Phoenix noch eine ziemlich inkonsistente Performance hin: Die meiste Zeit ist er ein geschundener Kretin mit einem gefühlten IQ von 80, dann kurz mal ein tuckiger Showman und schließlich der knallharte Durchdreher.

    Der Höhepunkt an Blödsinnigkeit ist der Showdown im TV-Studio: Da werden gloriose Konsequenzen einer sinnlosen Bluttat imaginiert, wie das Anders Brejvik oder der Typ aus Aurora wahrsch auch nicht stumpfer und realitätsferner hingekriegt haben.

    Einerseits.

    Andererseits hat er durchaus seine Momente und kann in anderer Stimmung auch sicher ganz anders rezipiert werden. Auf keinen Fall uninteressant. Toller Cello-Soundtrack. Tolle Zazie Beetz.

    Aber die Tatsache, dass dies nun ja wohl das Filmereignis des Jahres ist: kann einem schon Angst machen.

    Da wünscht man sich doch fast die unschuldigen „Jurassic Park“-, „Pretty Women“- oder „Tatsächlich Liebe“-Zeiten zurück.

    Es kommen schlimme Dinge auf uns zu – das Kino hat schließlich immer Recht.

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