vonChristian Ihle 26.12.2019

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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1. Midsommar (Regie: Ari Aster)

Mit „Midsommar“ ist Ari Aster nach seinem hervorragenden Debütfilm „Hereditary“ (unser Film des Jahres 2018) nun das zweite Spektakel gelungen, das zudem vom Scope der Erzählung und seinen Bildern einen Quantensprung zu seinem Debüt darstellt.

Wenn in „Midsommar“ der erste Hammerschlag die zweite Hälfte des Films einleitet, ist es gerade nicht die Überraschung darüber dass und was passiert, sondern wie Aster diese Szene einfängt: eine bedrückende, anderweltliche Schönheit in der Vernichtung, die wir mit dem gleichen Staunen wie die amerikanischen Fremden erleben.
Shot um Shot, Szene um Szene gelingen Aster hier Bilder, die selbst den offensichtlichen „Wicker Man“ – Vergleich in den Hintergrund treten lassen.

„Midsommar“ ist ein Film, an dem sich Regisseur Ari Aster sein Leben lang wird messen lassen müssen und ein Werk, das in 20 Jahren noch als Ereignis gelten wird.

2. Parasite (Regie: Joon-ho Bong)

Joon-ho Bong ist mit „Parasite“ eine trotz seiner Zweistundenplus-Laufzeit immer unterhaltsame, oft amüsante und manchmal spannende Groteske über die Auswirkungen des Kapitalismus auf das Individuum gelungen.
Auch visuell ist „Parasite“ auf höchstem Niveau: sowohl die bedrückende Enge der Souterrain-Wohnung der Armen als auch die kühle Eleganz der brutalistischen Reichen-Villa sind beeindruckend.
„Parasite“ ist mit Sicherheit der beste Film in Bongs Laufbahn – und der erste der mich durchgehend überzeugt, da ich weder „Snowpiercer“ noch „Mother“ oder „Memories Of Murder“ stringent genug fand, von Flops wie „Okja“ mal ganz zu schweigen.

3. Lara (Regie: Jan Ole Gerster)

Jan Ole Gersters erster Film seit „Oh Boy“ ist ein Spiegelbild seines Debüts. Auch hier streift eine Person durch West-Berlin und erzählt ihre Lebensgeschichte durch Begegnungen mit anderen, nur dass Tom Schillings Über-Slacker aus „Oh Boy“ hier einer vom Lebensfrust hart gemachten Corinna Harfouch weicht. Entfremdung und Verzweiflung, die sich in Verhärtung gewandelt hat, bestimmen Laras Leben und machen es ihr unmöglich, eine ausgestreckte Hand anzunehmen oder selbst Zuneigung zu zeigen. Auch in besten Absichten schlägt ihr Lebensfrust in eine beinah soziopathische Abneigung gegen ihre Mitmenschen um. Erst spät erkennen wir die Verletzungen durch zerstörte Lebensträume, die sie wiederum an ihren Sohn weitergegeben hat und so als Getriebene ihrer eigenen Vergangenheit die Gegenwart der Menschen in ihrem Umfeld zerstört.
„Lara“ ist wunderschön gefilmt und akkurat ausgerichtet in symmetrischen Tableaus wie in besten Ulrich Seidl – Filmen und der Blick auf eine verhärtete Bourgeoisie spiegelt einen lebensnäheren Chabrol wieder. Sieben Jahre hat es gedauert, bis Gerster endlich wieder gedreht hat, aber auch mit „Lara“ gelingt ihm erneut einer der besten Filme des Jahres.

4. The Lighthouse (Regie: Robert Eggers)

Robert Eggers ist wirklich ein fabelhafter Regisseur hinsichtlich des Zusammenspiels von Ton, Bild und Schauspiel – und es freut mich so dermaßen, dass ein Film über zwei sad bastards auf einem Leuchtturm ohne Plot und Verstand in schwarz-weiß und quadratischem Bildformat finanziert wird und seinen Weg ins Kino findet!
Sounddesign, Score und Bilder sind – neben „Midsommar“ – die besten des Jahres, Robert Pattinson und Willem Dafoe spielen ohne jede Bremse und lassen dem Primaten im Schauspieler größten Auslauf. Brillant.

Inhaltlich lässt mich The Lighthouse allerdings ein wenig rätselnd zurück: ich bin mir noch nicht sicher ob es zu viel Subtext gibt – oder gar keinen. Querverweise zur griechischen Mythologie von Prometheus bis Poseidon gibt es zuhauf, aber welche Unterfütterung für das Gesehene bieten sie? Passiert hier alles oder nur manches oder gar nichts, passiert es einem oder beiden oder keinem? Sag mir, was kann es bedeuten?

5. Once Upon A Time In Hollywood (Regie: Quentin Tarantino)

Tarantino dreht diesmal so schöne Bilder und Kamerafahrten wie vielleicht nie zuvor und die lange vorbereitete Schlußeskalation ist dann letztendlich auch mitreissend und – auf seltsame Art zugleich – überbrutal, lustig und anrührend. „Once Upon A Time“ ist besser als „Hateful Eight“ und „Django Unchained“ (da „Django“ gegen Ende abbaut, wo „Once Upon A Time“ hier erst all die vorher gesetzten emotionalen wie narrativen Momente gewinnbringend einlöst und zu einem wunderbaren Finale kommt), aber für mich dennoch nicht vergleichbar mit dem Rausch, dem Mitgerissensein das „Inglorious Basterds“ bei mir noch auslöste.

6. Dragged Across Concrete (Regie: S Craig Zahler)

Man kann kaum behaupten, dass Dragged Across Concrete keine Längen hat, aber nach einer ersten Stunde, in der S Craig Zahler seine aus „Bone Tomahawk“ bekannte gemächliche Geschwätzigkeit sehr auslebt, folgt die intensivste, spannendste zweite Stunde des Filmjahrs. Ein existentialistischer Nervenzerrer der obersten Kategorie. Dass das Ende dann antiklimatisch wirken muss, geschenkt.

7. Marriage Story (Regie: Noah Baumbach)

Ingmar Bergmans „Szenen einer Ehe“ ist natürlich die offensichtliche Referenz für „Marriage Story“, aber Regisseur Noah Baumbach – den man in frühen Phasen seiner Karriere auch als Woody Allen des Mumblecore gesehen hat – gelingt es schon, noch ein spielerisches Element beizubehalten, um diese Geschichte einer Scheidung nicht völlig hundsdeprimierend zu machen. „Marriage Story“ ist dabei mindestens so sehr ein Film über New York vs Los Angeles und das amerikanische Rechtssystem wie ein Beziehungsdrama.
(ein Netflix-Film)

8. Joker (Regie: Todd Phillips)

„Joker“ ist praktisch eine Coverversion von Scorseses „King Of Comedy“ gekreuzt mit „Taxi Driver“, in dem Scorsese eben auch den Weg eines vom Leben Getretenen in den Terrorismus zeichnet.
„Joker“ ist ein durch und durch unangenehmer Film und deshalb auch ein Wagnis auf diesem Multiplex-Level. Er bleibt von Beginn bis Ende auf Realismus getrimmt und gelingt damit etwas, das all seinen Comicfilm-„Vorgängern“ fehlt: die Härte des Lebens wird spürbar, die Verletzungen und die Verzweiflung. Regisseur Phillips zeigt allerdings auch keine Alternative zum Driften in den Wahnsinn und den Terror. Aus seinem „Joker“ spricht die Unausweichlichkeit des Aufruhrs, fehlt also ein „Nieder mit den Umständen, es lebe die Zärtlichkeit“, das beispielsweise David Finchers „Fight Club“ als alternativen Ausweg aus der Beschissenheit des Daseins anbot. Die Möglichkeit einer Katharsis ist hier nirgendwo zu sehen und wenn, dann eben wirklich nur durch den Mord, der das System tanzen lässt, die Welt brennen sehen will.

9. Monos (Regie: Alejandro Landes)

Einer der erstaunlichsten Filme der Berlinale: eine Gruppe Jugendlicher wird zu „Kindersoldaten“ in einem nicht näher definierten südamerikanischen Land ausgebildet.
Auf dem Gipel eines Berges, bei einer alten Bunkerlandschaft, leben und lernen die acht Teenies. Sie sind immer noch herumtollende Kinder, aber zugleich um sich schießende Soldaten. Dann geschieht ein Unglück, der Krieg kommt näher und die Gruppe zieht in den Urwald, den Kampf erwartend. Die Szenen werden flirrender, abstrakter, fiebriger (und ja: herzogiger).
Gerade visuell ist „Monos“ wirklich faszinierend, es gibt so viele großartige Bilder, ob Pyro auf Berggipfeln, die ganz knapp aus der Wolkendecke herausragen, Unterwasseraufnahmen in reissenden Bergflüssen oder Luftbilder des unendlichen Dschungels. Regisseur Alejandro Landes werden wir nicht zum letzten Mal begegnet sein…

10. The Favourite (Regie: Yorgos Lanthimos)

Ein wenig überraschend war das schon, dass der griechische Arthouse-König Yorgos Lanthimos (Dogtooth! Killing Of A Sacred Deer!) ausgerechnet mit „The Favourite“, seiner Hommage an Peter Greenaways Absurditätsfeier „Der Kontrakt des Zeichners“, auf einmal Oscar-Nominierungen en masse und Mainstream-Aufmerksamkeit noch und nöcher einsammelte. „The Favourite“ glänzt mit scharfzüngigen Dialogen und einer herausragenden Besetzung. Der wunderschöne und ziemlich überraschende Oscar-Gewinn für die große Olivia Coleman ist dafür deutlichstes Zeichen.

11. The Souvenir – Part 1

Das Großbritannien der frühen 80er als Autobiographie: Joanna Hogg, die Kunst, die Liebe und das Heroin.

12. Hole In The Ground

Der bessere „Babadook“, weil „Hole In The Ground“ die Atmosphäre der kaputten Verunsicherung über die 1:1-Manifestierung innerer Konflikte stellt.

13. Us

Jordan Peele geht mit dem Nachfolgefilm zu seinem gefeierten und sensationell erfolgreichen „Get Out“ nicht den einfachen Weg, sondern wagt einen – je nach Perspektive – wilden Genremischmasch oder ständig morphenden Film, der sich mit den Grenzen des Horrorfilms nicht zufrieden gibt.

14. Der Boden unter den Füßen

Stellt Fragen über Lebenssinn und Machtstrukturen, Druck und Erfolg im Gewand eines Psychothrillers und erinnert so aufs Angenehmste an Christian Petzolds bis heute besten Film „Yella“.

15. Fyre

„Fyre“ ist ein Film zwischen Kopfschütteln und Verzweifeln, Schadenfreude und Betroffenheit. 90 Minuten, die mindestens so unterhaltsam wie lehrreich/beängstigend sind. Will die Zukunft einmal diese, unsere Jahre verstehen, kann „Fyre“ als Lehrfilm dienen.

16. Mid90s

Jonah Hill hat mit seinem Debütfilm einen Crowdpleaser im besten Sinn gedreht – und mich dennoch überrascht, weil „Mid90s“ angenehm rauh ist und einen Indiespirit verströmt, den ich bei Hills Stellung in Hollywood nicht erwartet hätte.

17. Portrait Of A Lady On Fire

Naturalistisches Kostümdrama um Freiheit, Unterdrückung und Begehren. Hervorragend gefilmt, oft in Tableaus wie Gemälde angerichtet, und sehr gut gespielt (inbesondere von Adèle Haenel).

18. Official Secrets

Spannendes Polit- und Journalismus-Kino, das dem Spielberg-Film „The Post“ („Die Verlegerin“) sicher nicht nachsteht und mit Keira Knightley als mauerblümelnde Whistleblowerin eine überraschend vielschichtige (und überzeugend gespielte) Figur in ihrem Zentrum hat.

19. Brexit: The Uncivil War

Als Film an sich, als Politdrama mit zum Teil ins karikatureske neigenden Charakteren, ist „Brexit – The Uncivil War“ höllisch unterhaltsam und flott inszeniert, zuweilen ein „A Clockwork Orange“ der britischen Politik. Leider der prophetischste Filme des Jahres.

20. One Cut Of The Dead

Erst in Akt Drei und dem Blick hinter die Kulissen, kommt „One Cut Of The Dead“ wirklich zu sich – und wird eine Liebeserklärung an das Guerilla-Filmemachen und zu einer Feier des DIY-Denkens aller Künstler mit schmalem Budget.

21. Vice
22. Piercing
23. The Irishman
24. Burning
25. Lowlife
26. The Report
27. Destroyer
28. Blindspotting
29. Trautmann – Geliebter Feind
30. Fourteen

31. American Animals
32. Upgrade
33. Das melancholische Mädchen
34. Glass
35. By The Grace Of God
36. Terrified
37. The Clovehitch Killer
38. Roll Red Roll
39. Beale Street
40. Long Shot

41. The Tale
42. Holiday
43. The Perfection
44. Green Book
45. Asche ist reines Weiß
46. Fahrenheit 11/9
47. Shoplifters
48. Prospect
49. Colette
50. Sorry To Bother you

Die Vorjahressieger:

2018: Hereditary (USA, Regie: Ari Aster)

2017: RAW (F/BEL, Regie: Julia Ducournau)

2016: Green Room (USA, Regie: Jeremy Saulnier)

2015: Victoria (D, Regie: Sebastian Schipper)

2014: Boyhood (USA, Regie: Richard Linklater)

2013: Upstream Colour (USA, Regie: Shane Carruth)

2012: Drive (USA, Regie: Nicolas Winding Refn)

2011: Submarine (UK, Regie: Richard Aoyade)

2010: Bad Lieutenant: Port Of Call – New Orleans (USA, Regie: Werner Herzog)

2009: Inglorious Basterds (USA, Regie: Quentin Tarantino)

2008: No Country For Old Men (USA, Regie: Joel & Ethan Coen)

2007: Ex Drummer (Belgien, Regie: Koen Mortier)

2006: Match Point (USA, Regie: Woody Allen)

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