Manche Geschichten können sich noch so lange andeuten und im Untergrund brodeln, letzten Endes überrascht es doch, wenn eine gewisse Massenwirkung einsetzt.

The Summer Of Lo-Fi 2010
So auch mit unserem liebsten Genre der letzten Jahre, dem hilflos bandübergreifend betitelten Lo-Fi- Sound. Zwar hatten wir schon in der Vergangenheit von Bands wie No Age und Girls geschwärmt (von Love Is All als skandinavischem Vertreter und Popblog Album des Jahres 2006 ganz zu schweigen) und in diesem Januar beinah ausschließlich Lo-Fi-Bands in der Gitarrenecke unserer „next big thing“ – Jahresvorausschau präsentiert, doch wie sehr dieser Sommer von krachigen Gitarren, schwächlicher Produktion und dahinter gut versteckten Hymnen beherrscht war, hat auch uns überrascht.
We’ve Got a Fuzzbox and We’re Gonna Use It
Dabei ist Lo-Fi auch noch ein bemerkenswert wenig konkreter Genrebegriff. Worauf kann man sich einigen? Die Bands bevorzugen es, ihre im Grunde an Melodien reichen Songs nicht auszustellen, sondern mehr hinter scheinbar schäbiger Produktion zu verstecken und das Gitarrengeschrammel gerne zu überdrehen bis die Regler am Mischpult dunkelrot ausschlagen.
Doch schon bei den Einflüssen treten Schwierigkeiten auf: die meisten der Lo-Fi-Bands scheinen sich auf die Idee der Ramones, Phil-Spector- und Girl-Group-Hymnen in zweiminütigen Krachattacken auf ihre Essenz zu reduzieren, einigen zu können.
Ein anderer Teil der Lo-Fi-Bands um die Pains Of Being Pure At Heart beruft sich eher auf die vorwiegend britischen Kollegen des C-86-Indiepops und auf Wedding Present (die Crocodiles dagegen auf Jesus & The Mary Chain), eine Band wie The Drums hat gar die Post-Punk-Basslinien aus der Factory Records – Zeit nach 2010 gerettet, ohne sich dabei dem vorherrschenden Post-Punk-Sound der letzten Jahre via Gang Of Four zu ergeben.

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Daneben gelingt es den Minimalisten von Ty Segall zu Sleigh Bells hauptsächlich über Monsterriffs in größtmöglicher Verzerrung ihre Songs zu leiten und somit sich den DIY-Ursprüngen der White Stripes zu nähern, auch wenn das dort vorherrschende Blues-Songwriting-Ideal für die neuen Protagonisten kein Thema ist. Dass Jonathan Richman und seine Modern Lovers nicht fehlen dürfen, wenn über Lo-Fi gesprochen wird, daran haben spätestens The Soft Pack (formerly known as The Muslims) mit Nachdruck erinnert. Sogar noch ältere Vorbilder kann man in den Surf-Rock-Gitarren von Best Coast und den Crocodiles verorten, während der junge wilde Kiffer Nathan Williams aka Wavves im Grunde ein Nirvana-Grunge-Songwriting bevorzugt, seine Songs aber in beinah unanhörbarer Verzerrung aufnimmt, so dass Cobain’sche Feinheiten nur wie eine ferne Erinnerung durchklingen.
City On Drugs

Die Saat für die amerikanische Lo-Fi-Faszination wurde im „The Smell” Club in Los Angeles vor einigen Jahren gelegt. Insbesondere No Age mit ihrem Ambient-Punk dürfen als Könige der Smell-Szene gelten, haben sie doch auf ihrem ersten Album dem „The Smell” Club Referenz erwiesen, in dem sie sein trostloses Äußeres aufs Cover hoben. Dort spielten neben No Age auch Abe Vigoda, The Mae-Shi, Times New Viking oder Mika Miko, die allesamt zwar eine Lo-Fi-Ästhetik bevorzugen und den DIY-Gedanken hochhalten, aber im … weiter lesen