Posts Tagged ‘Berlinale’

23.02.2011 von Christian Ihle
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Berlinale Rückblick 2011

von Christian Ihle

Dem einhelligen Tenor, dass die diesjährige Berlinale nicht nur wenig auf dem Glamour- und Starsektor zu bieten hatte, sondern auch nur vereinzelt Arthouse-Highlights setzen konnte und Regisseurgroßmeister auffahren ließ, kann man schwer widersprechen.
Dennoch ein kurzer Rückblick auf die Popblog-Berlinale – was war sehenswert, welche Filme sollten gemieden werden:

Exzellent:

* Submarine (Regie: Richard Ayoade): Harold & Maude meets Hallam Foe unter der Regie von Wes Anderson.
* The Future (R.: Miranda July): I’ve seen The Future, baby: it is Hipster.
* Khodorkovsky (R.: Cyril Tuschi, Dokumentation): Oligarchopoly: komme Putin in die Quere, gehe ins Gefängnis, begebe dich direkt dorthin.
* The Advocate for Fagdom (R.: Angélique Bosio, Dokumentation): Die Underground-Trash-Gay-Porn-Horror-Legende Bruce LaBruce und ihr küstlerisches Wirken.
* Utopia Ltd. (R.: Sandra Trostel, Dokumentation): Musikbusiness brennt.

Empfehlenswert:

* Die Vaterlosen (R.: Marie Kreutzer): Halt dich an deiner Familie fest. Nicht.
* Tomboy (R.: Céline Sciamma): Girls will be boys.
* The Unjust (R.: Seung-Wan Ryoo OT: Bu-dang-geo-rae): Wenn jeder jeden betrügt, gewinnt keiner.
* Unknown (R.: Jaume Collet-Serra): Wer bin ich – und wenn ja wieviele?
* Dom (R.: Zuzana Liová): Schweige, schweige, Häusle baue.
* True Grit (R.: Joel & Ethan Coen): A Western for old men.
* Cave of Forgotten Dreams (R.: Werner Herzog, Dokumentation): “The Descent” mit dem besten Geschichtenerzählonkel der Welt.

Erträglich:

* Into The White Night (R.: Yoshihiro Fukagawa, OT: Byakuyakô): Früh übt sich, wer ein Massenmörder werden will.
* Tropa De Elite 2 – Elite Squad 2 (R.: José Padilha): Die schlimmsten Verbrecher sind die Verbrechensbekämpfer.
* Made in Poland (R.: Przemyslaw Wojcieszek): I fought the law, ich weiß nur nicht, warum und wozu.
* Scenes From The Suburbs (R.: Spike Jonze): Das Aufwachsen in der Vorstadt, the horror, the horror.
* The Stool Pigeon (R.: Dante Lam, OT: Sin yan): Das Verpfeifen im Großstadtwalde.
* Viva Riva! (R.: Djo Munga): Money. That’s what I want.
* Rundskop (R.: Michael R. Roskam): Wie ein wilder Stier, in Belgien, in der Hormonmafia.
* Kommt Regen, kommt Sonnenschein (R.: Yoon-ki Lee, OT: Saranghanda, saranghaji anneunda): Schweigend dem Beziehungsende entgegen.

Enttäuschend: … weiter lesen

25.02.2010 von Christian Ihle
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Schmähkritik (301): Berlinale und der Film “The Killer Inside Me”

von Christian Ihle

“Mit einem frauenfeindlichen Fickfilm unterster Kajüte ist am Freitagnachmittag der Wettbewerb der 60. Internationalen Filmfestspiele Berlin zu Ende gegangen. In seinem neuen Werk “The Killer Inside Me” erzählt Michael Winterbottom in schön gestalteten Retrobildern und zu heiter dahingesungenen Honkytonkschlagern die Geschichte eines psychopathischen Vergewaltigers und Frauenquälers, der nebenbei auch noch als Polizist in einer texanischen Kleinstadt der Fünfzigerjahre arbeitet. (…)
“The Killer Inside Me” ist ein Vergewaltigungsporno unter dünnem Arthouse-Mäntelchen. Wie konnte ein derart selbstgefälliger, kunstloser und unreflektierter sexistischer Dreck bloß in den Wettbewerb der Berlinale gelangen? Es ist ein kaum noch zu entschuldigender Fehlgriff, der geeignet ist, den Ruf dieses Festivals und der verantwortlichen Auswahlkommission dauerhaft zu lädieren.”
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24.02.2010 von Christian Ihle
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Berlinale-Rückblick 2010

von Christian Ihle

Unverzichtbar:

Ya

* Ya (I Am): Ein russischer Bilderrausch aus Wahnsinn, Drogen, White Trash, Flamboyanz, Tod, Punk, Kreuzigung und „Maria Magdalena“. Punk in Geist und Attitude: Verschwende deine Jugend in Zelluloid. Der wildeste Film des Jahres vom größten Regietalent Europas, Igor Voloshin.
* Au Revoir Taipei: Wong Kar Wais “Chungking Express” im taiwanesischen Teenager-Slapstick-Modus via Godards „ Bande à Part” und 30er Jahre Screwballkomödien! Der von Wim Wenders produzierte Debütfilm des US-Taiwanesen Arvin Chen war der schönste Film der Berlinale.
* Winter’s Bone: Der ganz harte Stoff: White Trash, Crystal Meth, Tod, Verderben und Countrytraditionals. Aber so dicht dran, so echt, so verdammt hart, dass man mitgerissen wird. Zurecht Gewinner auf dem Sundance-Festival und auch der beste Film der Berlinale.
* Blank City: No Wave in No York! Sehr gute Doku über die No-Wave-Zeit in New York Ende der 70er – und zwar diesmal über die Filmemacher (Jim Jarmusch) und Schauspieler (Steve Buscemi, Vincent Gallo), aber mit der klaren Verbindung zu den Musikern (Lydia Lunch steht im Mittelpunkt, auch Thurston Moore, James Chance und Debbie Harry werden durchgehend interviewt). Ohne Abstriche empfehlenswert.
* Exit Through The Gift Shop: Banksy Superstar. Ein einziger Wahnsinn, ein unterhaltsamer zudem. Man weiß bis jetzt noch nicht, was stimmt und was nicht, was aber im Grunde auch egal ist, weil sich die Fragen darüber, was Kunst eigentlich ist, wie sehr das wiederum objektiv bemessbar wäre und wie schmal der Grat zu Kitsch ist, sich so oder so stellen lassen.
* Eastern Drift: Von der Unmöglichkeit ‘nein’ zu sagen, ohne sich umzubringen.
* The Oath: Osama bin Ladens früherer Leibwächter Abu Jandal gewährt sehr persönliche Einblicke in die Welt des Jihad-Terrorismus.

Empfehlenswert: … weiter lesen

22.02.2010 von Christian Ihle
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Berlinale (7): Ya (I Am), Au Revoir Taipei, The Kids Are All Right

von Christian Ihle

Ya (I Am)

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1. Der Film in einem Satz:

Ein russischer Bilderrausch aus Wahnsinn, Drogen, White Trash, Flamboyanz, Tod, Punk, Kreuzigung und „Maria Magdalena“.

2. Darum geht‘s:

Die einzige Möglichkeit, der Einberufung zur Armee zu entgehen, ist es, sich im Irrenhaus Schizophrenie attestieren zu lassen. Da es für Jungs nichts schlimmeres als die Zucht und Ordnung – Ideale des russischen Heeres gibt, ist die Selbsteinweisung in das Irrenhaus definitiv die zu bevorzugende Option.
Die semiautobiographische Geschichte Igor Voloshins, die er mit „Ya“ verfilmt, klingt dünn – und das ist vollkommen egal, denn wie schon in seinem letzten Film „Nirvana“ ist Voloshin kein Erzähler, sondern ein Meister der Bilder. So richtig weiß man nie, ob man gerade erlebte Realität, Drogenwahn oder Traumgebilde sieht. Die Ebenen verschwimmen, werden undeutlich, sind aber durchweg mit beeindruckender Wucht inszeniert. Die mysteriöse Figur des „Rome“, eine Art Vorbild und zum Mythos stilisierter Misfit, der von den Jungs vergöttert wird, ist dabei eine der beeindruckendsten Rollen, die man seit langem im Kino gesehen hat. Wenn er – Jesus nicht unähnlich – mit einer Armada leichter Mädchen im Arm die dunklen Straßen entlang schreitet, während der Soundtrack Sandras „Maria Magdalena“ spielt, Rome Pillen und Pulver in die Luft wirft und alle gemeinsam die Nacht zum Tag machen, gelingt es Voloshin die Wildheit der Jugend in mitreißenden Bildern einzufangen. In der letzten Szene des Films zieht ein Hund elend langsam einen ans Kreuz geschlagenen jungen Mann über den Asphalt, auf der Tonspur hören wir – auch in der russischen Originalversion! – auf Deutsch eine Stimme „was soll das?“ flüstern; Wir wissen es nicht, wir haben keine Ahnung, was eigentlich in diesem Film passiert ist und sind doch bewegt, erschüttert, mitgerissen von diesem Bild einer Jugend am Abgrund.

Neben einer merkwürdigen Schönheit im Schmutz ist immer Gevatter Tod ein stiller Begleiter, was in einem wunderbar gefilmten Epilog auf herzzerreißende Art deutlich wird: auf einer Insel sitzen zwischen verfallenen griechischen Säulen die Weggefährten des jungen Voloshins und in einer stummen Szene blendet Voloshin die Daten ihres Dahinscheidens ein. Soviel verschwendetes Leben, so viel junger Tod! Die Figuren erstarren zu Stein und zerbröseln zu Staub, aus.

Der erst 35-jährige Igor Voloshin zeigt mit seinen ersten beiden Filmen „Nirvana“ und „Ya“, dass er der beeindruckendste Bilderstürmer unter den jungen europäischen Regisseuren ist. Seine Bildsprache ist nicht weniger originell als die eines Alejandro Jodorowsky und wie beim alten Chilenen liegt die Geschichte in den Bildern.

3. Der beste Moment:

Jene bereits angesprochene “Maria Magdalena” – Szene, nach der man sofort aus dem Kino rennen will, um sich den backcatalog von Sandra zu besorgen! … weiter lesen

19.02.2010 von Christian Ihle
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Berlinale (6): Winter’s Bone, Jud Süss, Boxhagener Platz

von Christian Ihle

Jud Süss – Film ohne Gewissen

suess

1. Der Film in einem Satz:

Man hat’s nicht leicht als Schauspieler.

2. Darum geht‘s:

Regisseur Oskar Roehler erzählt die Genese von “Jud Süß”, des berüchtigsten antisemitischen Nazipropagandafilms. Im Zentrum der Geschichte stehen zwei Männer: Jud-Süß-Hauptdarsteller Ferdinand Marian (dargestellt von Tobias Moretti) und NS-Propagandaminister Joseph Goebbels (Moritz Bleibtreu). Marian wehrt sich zunächst gegen das Angebot von Goebbels, Jud Süß zu spielen, gibt aber letzten Endes doch klein bei und erliegt dem Selbstbetrug, seinen Jud Süß so anzulegen, dass er nicht für Propagandazwecke missbraucht werden könnte. Das Gegenteil geschieht … weiter lesen

17.02.2010 von Christian Ihle
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Berlinale (5): Blank City, Welcome To The Rileys, Fin (The End)

von Christian Ihle

Blank City

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1. Der Film in einem Satz:

No Wave in No York!

2. Darum geht‘s:

“If you were prepared to live somewhere that looked like Beirut, and where heroin was easier to buy than groceries, Lower East Side was paradise” schreibt Simon Reynolds in seinem Post-Punk-Buch “Rip It Up” über New York. Genau dieses Zeitfenster fängt “Blank City” ein und zeigt wie eng Kunst, Musik und Film in diesen Jahren verwoben waren. Gerne spricht man ja als Punkhistoriker vom Year Zero durch die Sex Pistols, aber in “Blank City” wird deutlich, dass jenes Jahr Null, jener komplette Neustart nirgendwo notwendiger, logischer und deutlicher war als im New York der ausgehenden 70er, beginnenden 80er. … weiter lesen

16.02.2010 von Christian Ihle
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Berlinale (4): Howl über Allen Ginsberg, Greenberg, Red Hill

von Christian Ihle

Howl

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1. Der Film in einem Satz:

“Howl” – das berühmteste Gedicht von Allen Ginsberg, seine Entstehung und seine Verwicklung in eine Obszönitätsanklage.

2. Darum geht‘s:

Das Spielfilmdebüt von Rob Epstein (Regisseur der Harvey Milk – Dokumention) und Jeffrey Friedman besteht aus drei miteinander verwobenenen, abwechselnd weiter verfolgten Erzählsträngen: einmal ein Vortrag des Gedichts selbst, dann ein nachgespieltes, aber wohl auf Originalmitschrift beruhendes Interview mit Ginsberg über seine frühe Karriere und die Genese von “Howl” sowie zuguterletzt die Gerichtsverhandlung, die die Beschlagnahmung von “Howl” und Anklage wegen Obszönität zum Gegenstand hat. … weiter lesen

15.02.2010 von Christian Ihle
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Berlinale (3): Banksys Exit Through The Gift Shop, Martin Scorseses Shutter Island, Submarino

von Christian Ihle

Exit Through The Gift Shop

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1. Der Film in einem Satz:

Banksy Superstar.

2. Darum geht‘s:

Im Grunde ist “Exit Through The Gift Shop” mindestens zwei Filme: zunächst eine Dokumentation über StreetArt und ihre wichtigsten Protagonisten der letzten zehn Jahre (vor allem Space Invader, Shepard Fairey sowie Banksy), der es hauptsächlich mit Archivmaterial gelingt, die Aufregung und den Adrenalinrausch der nächtlichen StreetArt-Aktionen zu vermitteln. Die Figur, die im Mittelpunkt des ganzen Films steht, ist allerdings weder Fairey noch Banksy sondern der in L.A. lebende Franzose Thierry Guetta der (wohl) sämtliches Archivmaterial gedreht hat. Nachdem Banksy im Film Guetta trifft, dreht sich das Leben des Franzosen wie der Inhalt des Films. Inspiriert von Banksy wird Guetta selbst zu einem StreetArt Künstler, zu Mr. Brainwash. Wer von den Besten lernt, will natürlich gleich hoch hinaus: statt sich auf der Straße Spaß und Erfahrung zu holen, startet MBW mehr oder minder gleich mit der größten StreetArt-Ausstellung, die Los Angeles je gesehen hat. Die fehlende Street Credibility holt er sich durch zwei Zitate von Fairey und Banksy, mit denen er seine Ausstellung bewirbt – und wird durch jene Stellvertreterqualität aus dem Nichts zum Coverstar, seine Ausstellung zu einem unfassbaren Hit und Guetta verkauft Werke im Wert von einer Million Dollar innerhalb der ersten Monate.

… wenn denn alles stimmt, was wir hören – denn, und dies mag in dem an Guerilla-Aktionen und Medienmanipulationen reichen Leben Banksys die Meisterleistung sein: was wenn Mr Brainwash nichts anderes als eine Banksy-Kunstfigur ist, wenn auch eine zugegebenermaßen sehr elaborierte? Dann wird der Film nicht nur eine tolle StreetArt-Doku, sondern vielmehr ein brillantes, raffiniertes Statement über den Kunstmarkt, die Medien und den Wert bzw. die Definition von Kunst an sich. Banksy hätte dann gezeigt, wie einfach sich der Kunstmarkt und die Medien manipulieren ließen – er hätte auch aufgezeigt, wie das Prinzip der Kopie arbeitet, wie Kitsch und Kunst untrennbar miteinander verbunden sind, wie es keinen objektiven Maßstab für Kunst geben kann, wie sie immer dem Kontext unterworfen ist und hätte zugleich noch die ewige Frage nach Authentizität und ihren Wert im Rahmen von Kunst gestellt. Und Damien Hirst eine Breitseite verpasst… Kurz: dann wäre Exit Through The Gift Shop einer der wichtigsten (und unterhaltsamsten!) Filme über Kunst überhaupt. … weiter lesen

14.02.2010 von Christian Ihle
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Berlinale (2): Candy Darling, Roman Polanskis Ghost Writer, Sex & Drugs & Rock & Roll

von Christian Ihle

Ghost Writer

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1. Der Film in einem Satz:

Ein meisterhaft inszenierter Mainstream-Politthriller und zweistündiges Tony-Blair-Bashing.

2. Darum geht‘s:

Ein junger Autor wird damit beauftragt, das Biographie-Skript des jüngst abgetretenen britischen Premier Minister zu überarbeiten, weil dessen langjähriger Vertrauter und eigentliche Ghostwriter bei einem Unglück ums Leben gekommen ist. Wie immer ist nichts wie es scheint und ein Unglück nie nur ein Unglück, wenn wir uns in Politthrillersphären bewegen.

Besondere Relevanz gewinnt die unverholene Tony-Blair-Anspielung natürlich durch die zum Berlinale-Start gut getimten Aussagen Blairs vor einem britischen Untersuchungsausschuß, denn auch in “Ghost Writer” geht es im Grunde um die Frage, inwieweit ein britischer Premier, der sich derart der amerikanischen Außenpolitik verschreibt, seinem eigenen Volk noch dienen kann.

“Ghost Writer” erfindet sicherlich das Genre des Politthrillers nicht neu und mag manchmal hinsichtlich des Storytelling gar betulich, aus der Zeit gefallen unaufgeregt wirken, profitiert aber von zweierlei: einmal das brillante Casting, das nicht unbedingt die weltbesten Schauspieler versammeln mag, aber jeden Typ passsgenau besetzt. Brosnan als politisch dünner, aber gut aussehender und charismatischer Politiker ist ebenso überzeugend wie Ewan McGregors junger, im Grunde zunächst an Politik gänzlich desinteressierter Autor. Die Nebenrollen – von Olivia Williams zu einem wieder einmal szenenstehlenden Tom Wilkinson – tun ihr übriges.
Gerade weil aber das Skript in Zeiten von Politfilmen wie der Bourne-Trilogie (die Actionvariante) bis “In The Loop” (die Comedy-Variante) kaum explosiv wirkt, ist es Polanskis meisterhafter, flüssiger Regie zu verdanken, dass “Ghost Writer” dennoch von Anfang bis Ende überzeugt.

3. Der beste Moment:

Als Ewan McGregor Tom Wilkinson aufsucht, noch nicht wissend, ob Wilkinson sein “Deep Throat” oder sein Untergang werden wird.

4. Diese Menschen mögen diesen Film:

Freunde von Verschwörungstheorien, die noch dicke Bücher und nicht “das Internet” lesen. (Christian Ihle)

* Regie: Roman Polanski
* imdb

Sex & Drugs & Rock & Roll
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12.02.2010 von Christian Ihle
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Berlinale (1): Tuan Yuan (Apart Together), Eastern Drift, Kanikôsen

von Christian Ihle

Tuan Yuan (Apart Together)

tuanyuan

1. Der Film in einem Satz:

„Doktor Schiwago“ meets „Das große Fressen“.

2. Darum geht‘s:

Familienzusammenführung auf Chinesisch: Das Drama „Tuan Yuan“, Eröffnungsfilm der 60. Berlinale, erzählt die Geschichte der Teilung eines Landes. Mehr als 50 Jahre nach der Errichtung der Volksrepublik China darf Liu Yansheng, Soldat der Volkspartei Kuomintang, erstmals aus Taiwan zurück in seine Heimat Shanghai reisen. Als er seine damals zurückgelassene Geliebte Qiao Yu’e besucht, flammen bei beiden die alten Gefühle wieder auf. Doch Qiao Yu’e hat eine Familie mit Mann und Kindern. Trotz lautem Protest von Seiten ihrer Angehörigen beschließt sie, mit Liu nach Taiwan zu gehen und ihre versäumte Liebe nachzuholen. Doch dann erleidet ihr Noch-Ehemann einen Schlaganfall, und sie bleibt.

Unerfüllte Liebe versus Vernunft und Regierung: Die Story von “Tuan Yuan” hat großes Kitschpotenzial. Dank kleiner Momente voller Lakonie und Witz hat es Regisseur Wang Quan’an (er gewann 2007 für “Tuyas Hochzeit” den Goldenen Bären) geschafft, dem Pathos aus dem Weg zu gehen. Zum Beispiel überrascht die Reaktion des Ehemannes: Als er von den Trennungsplänen seiner Frau erfährt, reagiert er fröhlich lachend und mit absurdem Verständnis. Der Film ist in jeder Hinsicht zurückhaltend. Die tiefen Gefühle zwischen den gewaltsam Getrennten lassen sich allenfalls erahnen, und Wang Quan’an lässt an keiner Stelle seiner Geschichte durchblicken, wie er über die politische Vergangenheit seines Landes denkt.
Schlag- und Tobsuchtsanfälle, 50-jährige Trennungen – alles kein Problem, so lange noch genügend Essen auf dem Tisch steht. Diesen Eindruck vermittelt “Tuan Yuan” jedenfalls. Der gemeine Chinese kann offenbar nur Entscheidungen treffen oder Gespräche führen, wenn er dazu Teigtaschen, frittiertes Gemüse oder Fischbällchen in sich hineinschaufelt. Ethnische Stereotypen von diesem Ausmaß darf wohl wirklich nur ein Landsmann verbreiten. Die oftmals etwas langatmigen Momente der Nahrungsaufnahme werden von den drei Hauptfiguren an anderer Stelle ausgebügelt. Im Moment größter Verzweiflung stehen sie auf, um zu singen, und als sich Soldat Liu Yansheng für immer von seiner Geliebten verabschiedet, gibt er ihr den Rat, stets ordentlich zu essen. Ein Liebesfilm mit Senioren, mehr distanziert als emotional, der nicht einen in Europa bekannten Star vorweisen kann – und trotzdem überraschend anrührend ist.

3. Der beste Moment:

Als Qiao Yu’e und ihr Mann sich scheiden lassen wollen, stellen sie fest, dass sie noch gar nicht ordnungsgemäß verheiratet sind: Ihnen fehlt die Hochzeitsurkunde. Um die zu kriegen, müssen sie noch einmal standesamtlich trauen lassen. Als das Hochzeitsbild gemacht wird, gucken beide belämmert, während der Fotograf verzweifelt versucht, sie “an diesem freudigen Tag” aufzuheitern.

4. Diese Menschen mögen diesen Film:

Wer gerne isst und anderen gern beim Essen zusieht. Und alle Gegner des Method Acting. (Silvia Weber)

* China
* Regie: Wang Quan´an
* imdb

Eastern Drift

easterndrift

1. Der Film in einem Satz

Von der Unmöglichkeit ‘nein’ zu sagen, ohne sich umzubringen.
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