Posts Tagged ‘Ja Panik’

08.02.2012 von Christian Ihle
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Blind Date (3): Die Sterne über Ja Panik, Chuckamuck, Ecke Schönhauser und andere

von Christian Ihle

spilker

Normalerweise ist ja Sinn und Zweck dieser Rubrik, ausländischen Künstlern deutsche Acts vorzuspielen. Für Die Sterne machen wir eine Ausnahme – da Ende Januar das Album “Für Anfänger” erschienen ist, auf dem die Sterne eigene alte Songs noch einmal neu einspielen, wollten wir Die Sterne zu ihrer Meinung über fünf “Anfänger”-Bands fragen – wobei Anfänger hier von nochüberhauptnichtsveröffentlicht (Ecke Schönhauser, die neue Band des Herpes-Sängers) bis zu eigentlichschonetabliert (Ja, Panik) geht… Frank Spilkers Antworten:


Chuckamuck – Gestern traf ich Dan Treacy (2011)



Soundcloud-Link



Neulich habe ich auf Facebook ein frühes Interview mit Pink Floyd gepostet, wo die Repräsentanten der Band, Syd Barret und Roger Waters, einem reaktionären Musikjournalisten gegenübersitzen. Während dieser auf jede verbale Falle des Journalisten eingeht, meint man bei jenem zu erkennen, wie er sich vor laufender Kamera in die innere Emigration verabschiedet. Nur noch mal zur Erklärung: Pink… weiter lesen

23.01.2012 von Christian Ihle
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German Blind Date (3): We Were Promised Jetpacks über Tocotronic, Ja Panik, Blumfeld und 1000 Robota

von Christian Ihle

Nach Los Campesinos! und den Walkabouts haben wir nun die schottischen Indierocker We Were Promised Jetpacks genötigt, sich fünf deutsche Songs anzuhören und um ihre Meinung gebeten:


1. Tocotronic – Let There Be Rock (1999):


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Oh they’ve used the final countdown riff. they clearly want everyone to talk about that or they wouldn’t have bothered, so let’s do that: that’s a weird thing to do. But it doesn’t make the song interesting at all, it just makes me want to pretend i’m Gob Bluth or watch old Bryan Danielson matches:



2. Ja, Panik – Nevermind (2011):


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Slow start but that’s a nice reverb sound on the guitar so it’ll do for now. Unfortunately I’ve no idea what… weiter lesen

17.01.2012 von Christian Ihle
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German Blind Date (2): The Walkabouts über Tocotronic, Ja Panik, Hans Unstern etc

von Christian Ihle

Nachdem wir mit den Indiepop-Aufsteigern Los Campesinos! unsere neue Rubrik “German Blind Date” eröffnet haben, sind dieses Mal mit den Walkabouts Klassiker des Alt.Country zu Gast. Wieder spielen wir unseren ausländischen Freunden fünf deutsche Songs vor und sind gespannt, wie Bands wie Tocotronic oder Ja, Panik klingen, wenn man im Grunde nichts über die Band weiß.



1. Tocotronic – Let There Be Rock (1999)


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I am vaguely aware of Tocotronic, though I can’t say that I have knowingly heard much of their music over the years. I do have some German friends who love them dearly though. That said, this song leaves me a little bit cold. I even checked out the English version of the song to make sure that I was “getting it.” I guess I don’t really like the ironic touches: the synthy… weiter lesen

29.12.2011 von Christian Ihle
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Die zehn besten Alben 2011

von Christian Ihle

10. Josh T Pearson: Last Of The Country Gentlemen

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Bei aller Ähnlichkeit (monströser Bart, minimalistischer Folk) ist Josh T Pearson auf eine Art der Anti-Will-Oldham: während Oldham als Bonnie Prince Billy in geradezu manischer Arbeitswut ein Album nach dem nächsten herausfeuert (so auch in diesem Jahr wieder mit “Wolfroy Goes To Town”), war Pearson für Jahre in der wilderness verschwunden. Doch sein Rückkehralbum war phänomenal: nur sieben Songs, die Hälfte davon aber zwischen 10 und 13 Minuten lang und äußerst spartanisch instrumentiert. Pearson, eine Akustik-Gitarre und Texte, von einer Heftigkeit und Offenheit, die einen erschaudern lassen. Sollte jemand ein zweites Sequel zum Alten Testament schreiben wollen, bitte unbedingt Josh T Pearson mit einbeziehen.




9. The Rapture: In The Grace Of Your Love

Natürlich wird auf diesem Album alles von “How Deep Is Your Love” überstrahlt, aber auch ohne diesen Überhit sind The Rapture nach fünf Jahren Pause mit einem guten Album zurückgekommen, das die schmutzigen Gitarren diesmal in die Ecke stellt und stattdessen deutlich mehr Discokugelgeilheit besitzt. Sicher kein “Sound Of Silver”, aber wie immer bei Rapture mit mehr Hits als Fehlschüssen.




8. Black Lips: Arabia Mountain … weiter lesen

06.12.2011 von Christian Ihle
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German Blind Date (1): Los Campesinos! über Tocotronic, Blumfeld, Ja Panik

von Christian Ihle

Eine neue Rubrik im Popblog! “German Blind Date” – ausländische Bands wagen sich auf deutsches Soundterrain und sprechen aufgrund ihrer gänzlichen Unkenntnis der deutschen Musikszene frei von Vorwissensbalast über heimische Bands!
In der ersten Folge die walisischen Tweecore-Heroen Los Campesinos! über tocotronic, blumfeld und andere!



1. Tocotronic – Let There Be Rock


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Besides the slightly incongruous ‘Final Countdown’ synth part that threatens to ruin the song, I quite like this. Sounds like Pavement covering Green Day’s ‘When I Come Around’ or something, and the brass in the chorus is rather lovely. There should be more vocoders in pop music too. Hopefully there’s a version without the Europe riff, somewhere…




2. Mikrofisch – The Kids Are All Shite


Mikrofisch – The Kids Are All Shite


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25.10.2011 von Christian Ihle
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Ja, Panik – Interview (2): “Aber ich will gar nicht, dass das System gerettet wird, ich will ja, dass alles untergeht!”

von Christian Ihle

Der zweite Teil unseres Interviews mit Andreas Spechtl, dem Sänger und Songwriter von Ja, Panik. Haben wir in Teil 1 vor allem darüber gesprochen, wie eine Band sich im Musikbusiness bewegen kann, ohne ihren eigenen Idealen untreu zu werden, sprechen wir nun mit Spechtl über die Art, wie er Texte schreibt, welche Referenzen er in seinen Lyrics zieht und welchen politischen Standpunkt er einnimmt:

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Der größte Unterschied zwischen den Aufnahmen eurer neuen Platte und ihrer Livepräsentation ist, dass bei „Nevermind“ von jedem Bandmitglied „seine Strophe“ gesungen wird. Woher kam diese Idee? Und warum hast auf Platte doch du alle Strophen übernommen?

Andreas Spechtl (Sänger und Songwriter von Ja, Panik): Die Idee war von Hans Unstern, der bei unseren Konzerten das Licht macht. Am Anfang waren wir skeptisch, weil es ja eigentlich auch keinen Sinn ergibt, denn jedes Bandmitglied singt ja über sich – also in der dritten Person…

…sozusagen Lothar Matthäus Style!

Spechtl: …aber wir haben festgestellt, dass es live toll funktioniert. Es ist beinahe wie bei einem Jazz-Konzert, bei dem jeder nach seinem Solo Szenenapplaus bekommt.

Denkst Du dann im Rückblick, dass ihr das auch auf Platte das schon so hättet aufnehmen sollen?

Spechtl: Das ist schon ein arges Liveding, weil man das Gesicht zur Stimme vor sich hat – da ist es dann auch weniger wichtig als auf Platte, wenn die anderen Bandmitglieder nicht alle wie ein Lercherl singen können.

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Die Großstadt und die Vereinzelung ist ein beherrschendes Thema auf der Platte – ist das für euch in Berlin spürbarer, erfahrbarer geworden als eurer vorherigen Heimatstadt Wien?

Spechtl: Das Interessante an der Vereinzelung durch die Großstadt ist ja die Gleichzeitigkeit des Versprechens von Nähe, dieses Riesenhaufens von Menschen, die sich aber immer fremder werden und dass die moderne Gesellschaft immer mehr Möglichkeiten zum Rückzug bietet. Es ist eine Dialektik der Kommunikation: einerseits kannst du immer alle erreichen, mit jedem immer reden, aber du musst dafür niemanden mehr treffen. Du sitzt zuhause und hast mehr Kontakt mit Menschen, hast aber im selben Moment weniger physischen Kontakt. Es kommt zusammen und zerfällt gleichzeitig.
Man darf aber auch nicht romantisch aufs Dorf schauen. Wenn ich heim ins Burgenland fahre, nach Deutschjahrndorf, und die alten Frauen hinter den Vorhängen durchschauen und sofort wieder zumachen, wenn sie mich sehen, dann ist das auch keine schönere Welt.

Entwickelt sich da bei Dir ein Kulturpessimismus hinsichtlich des Internets, Facebooks?

Ich bin sicher kein Kulturpessimist. Es geht darum, wie der Fortschritt begriffen wird, wie er verwendet wird. Der Fortschritt hat eine sehr emanzipatorische Seite, kann aber ins Gegenteil verkehrt werden. Das ist wie der Adorno-Klassiker mit der Aufklärung, dass die Aufklärung in einseitiger Handhabung auch in die Barbarei zurückfallen kann.
Man muss in jedem Moment fragen: Wem nützt es? Warum passiert es? Wie wird es angewendet? Sich diese Fragen zu stellen, schützt einen davor zu einem bornierten Kulturpessimisten zu werden.
Die Befreiungs- und Unterdrückungsmethoden sind sich wahnsinnig ähnlich. Mir geht’s um die Verwendung von Dingen, also ums wie.

Generell arbeiten Deine Texte oft mit Zitaten und Referenzen. Läuft das auf einer bewussten Ebene, dass du Lieder hörst, Bücher liest und Dir denkst, genau die Stelle will ich in einen meiner Songs einbauen? Oder verarbeitest du in Deinen Texten einfach unterbewusst, was Du vorher aufgenommen hast?

Spechtl: Früher habe ich mir arg alles aufgeschrieben, war sehr akribisch. Bei dieser Platte wollte ich das gerade ändern, ich wollte sehen, was eigentlich bleibt, wenn ich mir nichts aufschreibe. Wollte sehen, was mich prägt, beeinflusst, was ich gefiltert wieder ausstoße ohne mir wie früher pedantisch eine Notiz mit einem „Einbauziel“ zu machen.
Bei den alten Platten hatte ich mir vorher in einem Hefterl alles aufgeschrieben, was mir gefallen hat und habe beim Texteschreiben dann nachgesehen, was zu dem jeweiligen Song passen würde. Wobei es sehr wenige 1:1 – Zitate bei Ja Panik gibt, ich erlaube mir fast immer eine Änderung, oft sogar eine Umkehrung des Inhalts, wo nur noch Satz und Wörter als Assoziation bleiben.

Baust Du die Referenzen dann bewusst ein, dass der Hörer sie wahrnehmen kann, damit sie Assoziationen bei ihm auslösen?

Spechtl: Einerseits macht es natürlich Spaß, Referenzen durch den Kontext ins Gegenteil zu verkehren, das hat eine humoristische Seite. Manchmal ist es auch ein Fährtenlegen: wenn Du – gerade bei alten Ja Panik – Songs, die inhaltlich etwas vage waren – eine Referenz als Hörer erkannt hast und weißt, wo es hergekommen ist, war darin der Schlüssel, zu erkennen, wie das Lied eigentlich gemeint war. Der Inhalt des Liedes wurde also durch den Kontext der Referenz erst verständlich. Wie eine Überschrift für einen Song.
Meine Arbeitsweise war früher, dass ich den halben Tag gelesen, dann einen Joint geraucht und mich dann ans Texten gemacht habe – so dass in den Lyrics das vorher gelesene wieder auftaucht. Bei der neuen Platte habe ich versucht so zu tun als wäre alles von mir – was natürlich eh eine Lüge ist – um danach selbst zu schauen, was sich eigentlich in einem festsetzt, im Gegensatz dazu dass ich mich vorher gezielt damit gefüttert habe, um einen Kommentar in Liedform dazu abzugeben.

Da ich gerade Der Kommende Aufstand lese, stolpere ich immer wieder über Stellen, die mich an Deine Texte erinnern. Zum Beispiel „So ruft man einerseits die Gespenster ins Leben, und lässt andererseits die Lebendigen sterben“ in Der Kommende Aufstand bzw. „Man ruft Geister hier ins Leben, die Lebendigen, die gräbt man ein und schimpft sie Terroristen, Deserteure, nichtsnutzige Tagediebe“ in DMD KIU LIDT. Ich nehme an, du hast das Buch auch gelesen?

Spechtl: Ja, stimmt, das habe ich gelesen. Und der Text von DMD KIU LIDT beruht auf einer ähnlichen Idee wie das Buch. Ich fand es aber auch lustig, weil ich schon in „Die Luft ist dünn“ (vom The Angst & The Money – Album, Anm.) Bezug nehme auf eine Stelle aus dem Sophokles-Drama Antigone, in dem der Bruder unbeerdigt im Freien liegt und Antigone bittet, die Toten einzugraben, aber letztenendes sie ins Kellerverlies geschlossen wird. Bei Sophokles gibt es also auch eine Stelle, in der es darum geht, dass man die Toten ein- und die Lebendigen ausgraben soll – das ist eine sehr ähnliche Idee und ein schöner Gedanke, der sich auch gesellschaftlich anwenden lässt.

Wie ist deine Meinung denn zu Der Kommende Aufstand?

Spechtl: Ich stehe jetzt nicht inhaltlich völlig hinter dem Buch, aber es hat mich eine ganze Zeit lang beschäftigt. Es ist interessant, aber ich war auch belustigt wie viel Aufmerksamkeit es jüngst bekommen hat, weil es ja eigentlich schon so wahnsinnig alt ist…

… eigentlich wurde es 2006/2007 geschrieben…

Spechtl: …und ist 2007 in Frankreich herausgekommen, dann in England erschienen. Es gab ja auch schon ein Jahr vor der hiesigen Veröffentlichung eine deutsche Übersetzung, die ich damals schon aus dem Internet hatte.
Ich war überrascht, wie ernst das Buch genommen wurde. Ich kann da viel Humor aber auch viel falsche Romantik, viel Situationismus, aber auch wahnsinnig viel „ich weiß es besser“ – Bürgerlichkeit herauslesen. Auch viel Optimismus, an den ich leider nicht glaube. Einerseits rufen sie ja zum kommenden Aufstand auf, andererseits sagen sie aber auch, wir müssen ja gar nichts tun, es wird alles von selbst passieren. Das Buch sagt ja, dass alles den Bach hinuntergeht und wir deshalb sowieso vor einer neuen Weltordnung stehen. Der Kommende Aufstand hat viel von Foucault und sie haben natürlich ihren Marx gelesen.
Prinzipiell ist das schon eine mir nahe Denkform, denn als die Waffe der Kritik funktionieren ja noch immer Marx und die Poststrukturalisten. Was angestrebt wird, erliegt dagegen schon einer romantischen Verklärung. Einer ihrer selbst praktizierten Lösungen, der Rückzug aufs Land, ist einfach kein Ausweg und das kann man dem Kommenden Aufstand auch ankreiden. Seine Autoren, Das unsichtbare Komitee, hatten eine Landkommune, einen Biobauerhof – das ist natürlich auch wahnsinnig bürgerlich, das musst du dir erst einmal leisten können. Das ist nicht anders als wenn die Frau vom österreichischen Finanzminister sagt: „In der Wirtschaftskrise sollen die Bürger doch auf ihrer Dachterasse Gemüse anbauen“…

…was ja fast schon was von Marie-Antoinette hat…

Spechtl: …sie meint das auch wirklich ernst. Sie, im ersten Bezirk in Wien, auf ihrer 120 Quadratmeter Dachterasse kann sich natürlich schön ein paar Radieschen und Erdäpfel anbauen und dann bequem die anderen dazu aufrufen, auch ihre „Dachterrassen“ für die Selbstversorgung zu nutzen…
Am Kommenden Aufstand merkt man, dass es ein Buch eines rich kids ist. Er hatte Zeit sich zu bilden, sich zurückzuziehen. Die Antihaltung des Buches, das Fuck Me, das Sich-Neben-Die-Ordnung-Stellen weckt immer Skepsis in mir. Ich frage mich immer, warum kann der- oder diejenige das so hart behaupten? Warum ist er oder sie nicht in diesem wahnsinnigen Verwertungskreislauf gefangen? Und leider Gottes ist es wahnsinnig oft so, dass das eben die gutsituierten Kindern sind. Marx hatte seinen Engels, der ihm die Scheinchen zugesteckt hat, Walter Benjamin stammt aus einer „guten Familie“, die ganze Frankfurter Schule waren alles „bessere Kinder“. Im Musikerumfeld ist es nicht anders, die ganzen Bohèmen genauso: du brauchst die finanziellen Mittel, um überhaupt auf die utopischen Auswege zu kommen. Ich habe grundsätzlich Sympathie dafür, aber vor dieser Frage gehen alle in die Knie.

Aus welchem familiären Background kommst Du eigentlich?

Spechtl: Ich bin zwar kein „Arbeiterkind“, aber mein Vater ist semi-erfolgreicher Künstler, meine Mutter Lebenskünstlerin – finanziell ging sich da also nie viel aus…

Aber Du kommst vom Land?

Spechtl: Meine Eltern sind zwar beides Wiener, sind aber ins Burgenland gezogen als sie Kinder bekommen haben, nur um sich dann gleich scheiden zu lassen. Ich hatte eher diffuse Familienverhältnisse, wurde von meiner alleinerziehenden Mutter oder eben den Großeltern aufgezogen.

Seit unserem letzten Interview zu Beginn des Jahres hat sich politisch einiges verändert, zugespitzt. Die Krise des Kapitalismus verschärft sich, in Spanien und Griechenland geht die Jugend auf die Straße, um zu demonstrieren. Kommt das herrschende System zu einem Ende oder bleibt es doch nur wie ‘68 bei einem kurzen Aufschrei der Jugend?

Spechtl: Ich stelle mir 68 wilder und kompromissloser vor – wobei ich das sicherlich auch verkläre. Schau nach Spanien, worum es der „Bewegung der Empörten“ eigentlich geht: sie wollen einen Teil vom Kuchen, ohne dass sie das System derart in Frage stellen wie es noch die 68er getan haben. Spanien ist doch ein Schrei nach einer menschlicheren Ausbeutung!

Du meinst, als ob sie sagen würden: „Wir haben alles getan, um fürs System nutzbar zu sein – und jetzt wollt ihr uns nicht nutzen?!“

Spechtl: Genau: „Jetzt habt’s ihr mich zugerichtet! Ich bin das Werkzeug, als das ihr mich haben wollt und jetzt gibt es keine Schraube mehr für mich, die ich drehen darf, um entlohnt zu werden“. In Griechenland war es dagegen gleich von Anfang an – egal wie man dazu jetzt steht – gewalttätiger, oppositioneller. Ich hatte dort mehr das Gefühl, dass es zwei Fronten gab.
In letzter Zeit habe ich mir auch einige Polit-Talkshows angesehen, woran man wirklich verzweifeln kann. Alles ist so sinnlos, alles dreht sich im Kreis. Es wird eine Strategie gesucht, wie „gerettet“ werden kann. Aber ich will ja gar nicht, dass gerettet wird, ich will ja, dass es untergeht! So eine Meinung kommt natürlich gar nicht vor.
Meine Furcht ist, dass die Krise unserer Zeit, die materielle und finanzielle Sorge, in eine andere Richtung losgeht, in den Totalitarismus, faschistische Tendenzen, eine Aufgabe der Toleranz.
Wenn Du Dir die 30er Jahre anschaust, so etwas siehst Du jetzt auch wieder in Europa. Zwar ist es nun wieder mögliche, auch genuin linke Positionen im Medienmainstream zu vertreten und zu hören, aber andererseits schaut man Europa dabei zu, wie es immer rechter wird.
Ich weiß nicht, wie dieses System zu Ende gehen wird, aber ich bin so großer Pessimist, dass es auch „falsch“ zu Ende gehen kann – wenn ein Stein ins Rollen kommt, kann das auch schnell gehen. Ich habe das Gefühl, man sucht schon wieder nach einem „starken Mann“, weil sich niemand an ein Ende denken traut, weil niemand so weit gehen will, dass er sagt „unsere Weltordnung ist gescheitert“ – solange man noch „retten“ will, wird immer der Schrei nach eben einem Retter, einem Führer aufkommen.

Selbst bei Angela Merkel geht ja auch die vorgebliche „Alternativlosigkeit“ in diese Richtung, weil das eigentlich urdemokratische Prinzip der Diskussion und des Ideenwettstreits damit ausgehebelt wird.

Spechtl: Das ist die schrecklichste Form eines Positivismus. Diese Alternativlosigkeit ist sowas Dummes! Da werde ich zu einem Pessimisten, zu einem … weiter lesen

20.10.2011 von Christian Ihle
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Interview mit Ja, Panik (1): “Wenn ich zu Stefan Raab gehe und ihm dort auf seine blöde Ledercouch scheiße, ist das vielleicht subversiv, aber wir werden trotzdem mehr Platten verkaufen”

von Christian Ihle

Die Gruppe Ja, Panik hat das wohl beste, mit Sicherheit aber interessanteste Album des Jahres veröffentlicht. Die gebürtigen Österreicher und jetzigen Wahlberliner sehen die eigenen Befindlichkeiten im Gegensatz zu den meisten deutschsprachigen Indierockbands nicht als Herzstück ihrer Texte, sondern arbeiten sich auch an politischen Themen ab.

Mit dem neuen Album haben Ja, Panik eine etwas größere Bekanntheit erreicht und stehen nun vor der Frage, wie sie mit ihren eigenen Ansprüchen umgehen sollen. Kompromisse machen, um von noch mehr Menschen gehört zu werden? Oder sich lieber dem „Mainstream“ verschließen und nur zu den bereits Bekehrten predigen? Ist eine Teilnahme an einer Stefan-Raab-Sendung heutzutage ein Muss für eine Indieband – oder kann man auch ohne Raab ein Auskommen finden? Im Interview beschäftigt sich Ja, Panik -Sänger und -Songwriter Andreas Spechtl mit dieser Problematik und überlegt, welcher Weg der „richtige“ sein kann.

TAZ Popblog: Euer viertes Album DMD KIUweiter lesen

18.10.2011 von Christian Ihle
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Die Österreicher! Kreisky, Ja Panik und Stars For The Banned im Plattenregal

von Christian Ihle

Kreisky – Trouble

Vielleicht ist man als Deutscher auf dem österreichischen Auge blind, jedenfalls habe ich Kreisky trotz ihrer schon längeren Karriere erst in diesem Herbst wahrgenommen. Dann aber wie!
Musikalisch sind Kreisky erheblich sperriger als Indierock-Landeskollegen wie Killed By 9 V Batteries oder Naked Lunch und erinnern eher an Kristof Schreufs alte Großtaten zu Brüllen und Kolossale Jugend – Zeiten oder gleich an den bösen Onkel aus Manchester, Mark E. Smith und seinen The Fall. Kreisky räumen zudem mit dem Vorurteil auf, dass der sprichwörtliche österreichische Schmäh lakonisch-melancholische Züge hätte, denn auf diesem Album wird vielmehr mit aller Härte und in alle Richtungen geschmäht. Titel wie „Scheisse, Schauspieler!“ seien als Beweis herangezogen. In diesem Stück findet sich allerdings auch eine der schönsten Stellen der Platte: „Wo Musik ist, lass dich nieder, da ist meistens auch Bier!“. Ok, zugegeben, Lakonie können sie auch.

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11.10.2011 von Christian Ihle
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Es gilt nach wie vor, eine Welt zu zerstören. Ein Ja, Panik – Portrait.

von Christian Ihle

KOLLEKTIV-POP Die österreichische Band Ja, Panik arbeitet an der Repolitisierung von Indierock und setzt zum Sprung über die bisherige Nischenkultur an – es gilt nach wie vor, die Welt zu zerstören

VON CHRISTIAN IHLE

Von mir aus sollen sie Bomben hintragen zu der grauslichen Bagage
ich werde nicht daran denken, eine Träne zu zerdrücken
nicht für Angela und erst recht nicht für Nicolas…

…heißt es im Titelsong des aktuellen Albums “DMD KIU LIDT” von Ja, Panik, und man ist erstaunt, dass diese fünf so harmlos aussehenden Mittzwanziger Politik in den Indie-Rock zurückbringen. Auch wenn man ihrer Absage an Pazifismus nicht zustimmen mag, allein die Tatsache, dass sich überhaupt wieder eine Indieband mit mehr als den eigenen Befindlichkeiten befasst, ist schon bemerkenswert.

Zuletzt war in den 90ern dank des Diskurs-Pop der Hamburger Schule im deutschsprachigen Indierock auch politisch Stellung bezogen worden. Doch so einfach als deren Nachfolger sind Ja, Panik auch wieder nicht zu fassen, weichen sie doch beispielsweise vom recht vagen Ansatz der Hamburger-Schule-Überleber Tocotronic ab, die sich auf ihren letzten Platten immer mehr in einem romantisierten Zauberwald verloren haben, sondern sind vor allem im Titelstück ihrer neuesten Platte schmerzlich konkret.

Die Gruppe ist zunächst gemeinsam vom Burgenland nach Wien und dann nach Berlin gezogen. Die Band wohnt seit Beginn zusammen, veröffentlicht auf dem kleinen Berliner Independent-Label Staatsakt ihre Musik und sieht sich darüber hinaus auch als kollektives Projekt, wie Sänger und Songschreiber Andreas Spechtl erläutert: “Die Band soll eine Möglichkeit sein, den Mund aufzumachen, viele Leute zu erreichen – sonst könnte ich mich auch in mein Wohnzimmer setzen und dort alleine Gitarre spielen.”

Die Musik von Ja, Panik ist stark von der Gitarre getragen, aber im Vergleich zu ihren beiden früheren Alben sind die Songs auf “DMD KIU LIDT” abwechslungsreicher arrangiert. “Run From The Ones”, der Höhepunkt ihres neuen Albums, setzt auf Handclaps statt Schlagzeug und lebt von einer trockenen Funkyness, die tatsächlich an einen anderen österreichischen Popstar, Falco, denken lässt. Auf ihrer jüngst erschienenen Single „Nevermind“ glänzen sie mit einem minimalistischen Arrangement und auch an anderer Stelle des Albums ist immer deutlicher der Wille zu Reduktion und Repetition herauszuhören.

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Nachdem ihre zweite Platte “The Taste and the Money” die Österreicher auch in Deutschland bekannt gemacht hatte, wurde nun mit dem 2011er Album “DMD KIU LIDT” ein weiterer Schritt vollzogen: “Wir haben bei Konzerten gemerkt, dass wir aus der Indie-Nische heraus sind und unser Publikum nun von 18 bis 48 reicht.” An diesem Punkt stellt sich für Bands aber auch immer das Problem, wie weit ein – laut Spechtl – “antikommerzielles Projekt” sich den Verwertungszwängen des Musikbusiness unterwerfen muss, wenn der Anspruch kommt, eben nicht nur das eigene intellektuelle Ghetto zu bedienen, sondern seine Botschaften auch außerhalb des vertrauten Kreises an die Hörer zu bringen.

Es ist interessant zu sehen, wie Ja, Panik auch in ihren Stücken diesen Widerspruch thematisieren. Wie sie einerseits Kommunikationsplattform für ihre Slogans sein wollen, wie sie das umstrittene linksradikale Manifest von “Der kommende Aufstand” wieder und wieder in ihre Texte einweben, aber im gleichen Moment auch darüber singen, dass das Politische im Pop keinen Platz habe.

Deutlich wird diese Gleichzeitigkeit aus Mitteilungsdrang und dem Hinterfragen der Möglichkeiten im anfangs zitierten Song, der das aggressivste, politischste Statement der Bandgeschichte ist, sich aber wenige Zeilen später zu einem Abgesang auf die Möglichkeit, Politik in der Popkultur zu transportieren, wandelt: “Nur, dass ich finde, es wär an der Zeit, aufzuhören / Das bisschen Klingbim, das bisschen Lalala für so wichtig zu halten / Gilt es doch nach wie vor, eine Welt zu zerstören.”

Andreas Spechtl ist ein wandelnder Widerspruch, will er doch einerseits immer mehr sein als ein Sänger, der nur Popsongs schreibt. Andererseits sagt er, dass jede künstlerisch-politische Regung lediglich ein Ersatz für tatsächliches Aufbegehren sei: “Kunst kann dir höchstens das Gefühl … weiter lesen

01.10.2011 von Christian Ihle
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Reeperbahnfestival 2011: Tell Me Something I Don’t Know

von Christian Ihle

Als schönen Abschluß der Festivalsaison hat sich in der Zwischenzeit das Reeperbahnfestival in Hamburg etabliert. Dabei handelt es sich im Gegensatz zu den klassischen Sommerfestivals von Immergut über Haldern zu Hurricane und Berlinfestival um eine Indoor-Veranstaltung – man nutzt also vorhande Clubs und Spielstätten statt große Bühnen aufzubauen. Folge ist eine heimelige Atmosphäre auch bei kleineren Bands, was einen enormen Vorteil zu den großen Festivalbühnen und den immer recht unverdient traurigen Auftritten am Frühnachmittag vor ein paar hand voll Unentwegter bedeutet.

Im Gegensatz zu dem einen oder anderen Vorjahr wurde der Zeitplan so aufgestellt, dass kaum Überfüllungen zu beklagen waren, man also tatsächlich all die geplanten Bands sehen konnte, auch wenn wir beim allerersten Act, Pelle Carlberg, doch ein – für die Hafenstadt Hamburg vielleicht nicht unpassendes – Sardinendosenfeeling inklusive bekamen. Carlberg trat allein und nur mit Gitarre auf, was den Songs aber sogar nützt. Das manchmal allzu Süssliche bei voller Bandformation wird so zugunsten eines verhuschten Früh – Belle & Sebastian – Auftritts zurückgedrängt.

Etwas kräftiger instrumentiert und in Dreimannformation, aber ebenfalls dem immer leicht twee-igen … weiter lesen