Frankfurter Rundschau

Was die Anzeigenabteilung bei meiner verdeckten Recherche sagt

„Im Prinzip, vielleicht wenn man das mal so darstellen kann, im Prinzip sind wir für alles offen“, sagt mir der Mitarbeiter bei unserem Gespräch im Verlagsgebäude in Frankfurt-Sachsenhausen. „Wir wollen Anzeigenumsatz generieren und insofern – wenn Sie heute mit dem Thema ,Solarenergie‘ kommen, dann machen wir halt nächste Woche das Thema Solarenergie.“

Ich erzähle, zu meinen Kunden würde auch ein Reiseveranstalter zählen. Ich blättere die Reiseseiten auf. Der Mitarbeiter der Anzeigenabteilung sagt, es sei eigentlich „reine Redaktionsentscheidung“, was dort erscheint, „wenn Sie aber sagen, Sie wollen diese Seite haben, geht das natürlich auch“. Es komme dabei auf unseren Etat an. „Womit kann man denn rechnen für diese Seite?“, frage ich. Er sagt: „Wenn ich eine ganze Seite buche, dann kann man schon über die zweite Seite redaktionell reden. So als Hausnummer.“ Man muss also im samstäglichen Reiseteil eine ganzseitige farbige Anzeige für gut 23.000 Euro schalten, damit auch ein Artikel über die Reise erscheint. Für die Autoseiten gelte „das Gleiche“, sagt der Mitarbeiter.

Er zeigt mir ein paar Beispiele für Texte aus der Zeitung, die erkauft seien. Auf den entsprechenden Seiten steht nicht „Anzeige“, sondern oben rechts „Anzeigensonderveröffentlichung der Frankfurter Rundschau“. Der Name des Auftraggebers, der für die Texte bezahlt hat, erscheint nicht.

Alternate

Titelseite des Magazins

In dem Großstadtmagazin Mainsign, das die Frankfurter Rundschau den Abonnenten in ihrer Region alle zwei Monate beilegt, steht bei den gekauften Beiträgen nicht einmal das Wort „Anzeigensonderveröffentlichung“. Die Texte erscheinen völlig ohne jede Kennzeichnung. Der Mitarbeiter blättert in dem Magazin. „Hier haben wir dann auch noch mal einen redaktionellen Bericht, der mit dem ägyptischen Fremdenverkehrsbüro entsprechend abgestimmt ist“, sagt er. Es ist ein Werbetext, der Ägypten mit vielen positiven Adjektiven anpreist. Unter dem Bild steht etwa: „Inmitten stattlicher Dünen haben Top-Designer international beliebte Golfplätze angelegt.“

Jetzt, wo wir langsam warm geworden sind, komme ich zu einem besonders heiklen Punkt. Zur Steuerhinterziehung. Ich behaupte, zu meinen Kunden zählten auch mehrere Banken aus Österreich. Die wünschten sich eine Berichterstattung über ihre Angebote. Ich sage: „Man hört ja immer von einem Nummernkonto, was ist das eigentlich genau?“ In der Zeitung solle auch der hohe Datenschutz bei einem österreichischen Konto beschrieben werden: „Welche Informationen erhält die Finanzbehörde in Deutschland automatisch, und welche muss ich per Hand angeben?“ Ich gebe ihm den Themenplan für die Seiten, in dem der Inhalt der Artikel auf den Seiten beschrieben wird:

Geldanlage in Österreich

Innerhalb des Bundesgebiets zieht sich das Informationsnetz von Betriebsprüfern und Steuerfahndern immer dichter. Mehrfach sind die Informationspflichten und Informationsrechte ausgeweitet worden. Eine Identifikationsnummer begleitet jeden Steuerbürger ein Leben lang. Zahlungen von Finanzinstituten, privaten Lebens- und staatlichen Rentenversicherern sowie von Sozialleistungsträgern lassen sich dann noch besser überprüfen und abgleichen. Und je höher das deklarierte Einkommen ist, umso größer fällt der Prozentsatz der besonders gründlich abgeklopften Steuererklärungen aus.

Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung scheint in Deutschland nur noch für Menschen zu gelten, die kein Bankkonto haben: Das gewünschte Ziel der Bundesregierung ist der gläserne Bankkunde. Da auch viele Kunden mit dem Service ihrer Heimatbank nicht zufrieden sind, ist es kein Wunder, dass sich immer mehr Sparer nach Alternativen in Österreich umschauen. Viele Institute dort haben sich mit ihren Angeboten auf die Bedürfnisse der Bundesbürger eingestellt.

Die Themenseiten „Geldanlage in Österreich“ sollen dem Leser bei der Wahl der richtigen Geldanlage begleiten. Ziel ist es, den Leser praxisnah und serviceorientiert über die Rechtslage in Österreich und über häufig angebotene Geldanlage-Produkte informieren.

Alle zwei Wochen stellt die Zeitung das Thema „Geldanlage in Österreich“ vor. Das schafft ein Stück Aufklärung beim Leser und baut Berührungsängste ab.

Der Themenplan (PDF) beschreibt auch, wie diese Themen in der Serie mit insgesamt drei Seiten verteilt werden sollen. Wenn das erscheint, dann wäre es eine kaum verhohlene Anleitung zur Steuerhinterziehung.

Der Mitarbeiter schweigt, und er schweigt lange. Schließlich sagt er: „Grundsätzlich kein Problem.“

Nach dem Gespräch will der Mitarbeiter mir unbedingt noch das Großraumbüro der Redaktion zeigen, das in einem ehemaligen Straßenbahndepot untergebracht ist und auf das die Zeitung sehr stolz ist. Mein Herz schlägt höher. Vor Angst. Erst vor ein paar Jahren habe ich ein Praktikum in der Redaktion gemacht. Garantiert würde mich jemand wiedererkennen. Ich stammele irgendwas von einem nächsten Termin und dass ich leider ganz dringend losmuss.

Einen Monat lang höre ich nichts mehr von der Zeitung. Dann kommt ein schriftliches Angebot für eine Seite mit dem Titel „Geldanlage in Österreich“. Die Seite ist schon im fertigen Layout beigelegt (Foto rechts), auch die Überschriften passen schon zu meinem Themenplan. Doch die Artikel bestehen noch aus sinnfreiem Wortsalat. „Die entsprechenden Informationen und die Grundinformationen würden von Ihnen geliefert“, steht in dem Begleitschreiben (Download als JPG). Die Zeitung schreibt, die Texte würden dann „von unserer Service-Redaktion entsprechend aufbereitet“. Der Preis für eine Seite am Samstag: gut 15.600 Euro. Hier kann man offenbar wirklich alles kaufen, denke ich mir. Sogar Artikel mit einer Anleitung zur Steuerhinterziehung.

Was die Chefredaktion auf meine offizielle Anfrage sagt

Nichts. Trotz vieler Anrufe und vieler Rückrufversprechen des Sekretariats erhalte ich keine Stellungnahme zu der Frage, wie die Zeitung die Trennung von redaktionellen und gekauften Texten handhabt.

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