Protokoll des Super-GAUs: Was am Tag X passiert

Von Sebastian Heiser

Um 07:14 MESZ hat sich im Kernkraftwerk Moorland südwestlich von Lingen (Emsland) ein auslegungsüberschreitender Kühlmittelverluststörfall ereignet; radioaktive Stoffe sind bislang nicht in die Atmosphäre freigesetzt worden. Der Reaktor wurde abgeschaltet und ist unterkritisch, die Notkühlsysteme sind aufgrund fehlender Energieversorgung außer Betrieb. Die Aufheizung des Kerns hat begonnen. Eine gefilterte Druckentlastung wird vorbereitet. Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit hat seinen Notfallstab einberufen.

architektenSo beginnt das Fax, mit dem das Umweltministerium die Alarmkette auslöst. Es ist Dienstag, der 17. September 2013, und die deutschen Behörden simulieren den Super-GAU. Während im echten Reaktor in Niedersachsen alles ruhig ist, werden überall im Land die Krisenstäbe zusammengerufen. Die mehr als 200 Beamten üben, welche Entscheidungen sie treffen, welche Notverordnungen sie in Kraft setzen und wann sie die Öffentlichkeit informieren.

Ein halbes Jahr hatten die Behörden Zeit, sich auf die Übung vorzubereiten. Trotzdem geht sie gründlich schief: Bund und Länder streiten sich um Kompetenzen, die Koordinierung der Beteiligten untereinander dauert viel zu lange und dann gibt es auch noch technische Probleme bei den Telefonkonferenzen. Die Folge: Die Bevölkerung wird erst über den Austritt von Radioaktivität informiert, als die Wolke schon Millionen Menschen erreicht hat.

Bisher war nicht öffentlich bekannt, dass es diese Übung überhaupt gab. Die taz veröffentlicht jetzt mehr als 1.000 Seiten mit internen Unterlagen – E-Mails, Protokollen, Karten, Auwertungsberichten. Anhand der Dokumente lässt sich Minute für Minute verfolgen, was in Deutschland passiert, wenn es zum Super-GAU kommt.

31 Minuten nach Beginn des Störfalls werden die Bundesländer informiert. Deren 16 Lagezentren sind rund um die Uhr besetzt. Der Alarm wird per Fax übertragen, was nicht im ersten Anlauf klappt: Zwischendurch bricht der Versand ab.

alarmierungsverfahrenIn Berlin befindet sich das Lagezentrum in der Senatsverwaltung für Inneres. Der Plan lautet wie folgt: Die Senatsverwaltung für Inneres informiert die Strahlenmessstelle der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt. Diese bespricht sich mit der „Fachvertretung Strahlenschutz“ beim Landesamt für Gesundheit und Technische Sicherheit sowie der Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen. Und dann werden schließlich die Personen alarmiert, die im Strahlenschutz-Krisenstab sitzen. 17 Handynummern stehen auf der Liste.

Der Plan scheitert schon bei der zweiten von vier Behörden: Dem stellvertretenden Leiter der Strahlenmessstelle liegt kein Einsatzplan vor. „Genaugenommen ist der Alarm nach Gutdünken weitergegeben worden“, heißt es in einem internen Vermerk.

Um 9.30 Uhr, 2 Stunden und 16 Minuten nach Beginn des Störfalls, informiert das Bundesumweltministerium erstmals die Öffentlichkeit: „Am 17. September 2013 trat gegen 7.14 Uhr MESZ im Kernkraftwerk Moorland südwestlich von Lingen (Emsland) ein auslegungsüberschreitender Kühlmittelverluststörfall ein; radioaktive Stoffe sind bislang nicht in die Atmosphäre freigesetzt worden. Zurzeit besteht für die Bevölkerung keine Gefahr und damit kein Anlass für eigene Maßnahmen.“

pm1In der Pressemitteilung fehlen vier Informationen: Dass der Strom im Reaktor ausgefallen ist, dass die Notkühlsysteme versagt haben, dass der Kern sich aufheizt und dass bald radioaktiver Dampf in die Luft abgelassen wird.

Wie schlimm es wirklich ist, wissen bisher nur die Personen, die in den Strahlenschutz-Krisenstäben der Länder und des Bundes sitzen, ausdrücklich zur Geheimhaltung verpflichtet sind und beraten, was sie jetzt entscheiden sollen.

Lehre aus Tschernobyl

Es gilt, jetzt das Chaos und Durcheinander zu vermeiden, das nach dem Unfall in dem Reaktor von Tschernobyl in der BRD aufkam. Der hessische Umweltminister Joschka Fischer schildert in seinem Tagebuch die Situation am 1. Mai 1986, als die radioaktive Wolke am späten Nachmittag das südliche Hessen erreichte. Am Telefon forderte der Abteilungsleiter der Landesanstalt für Umwelt ihn auf: „Die Landesregierung muß jetzt handeln, Herr Minister!“ Die Kinder sollten unverzüglich in die Wohnungen geholt werden, sorgfältig gereinigt und vor allem die Haare gewaschen werden. Gras und Milch seien zu überprüfen, die Bauern zu warnen. Fischer schreibt: „Ich rufe den Sozialminister in dessen Wochenendhaus an, werde aber auf einen Rückruf verwiesen, denn er will sich erst mit dem Krisenstab rückkoppeln. Nach zehn Minuten erfahre ich, daß die Experten noch tagen. Nach zehn Minuten rufe ich ihn erneut an, er sagt: Wir seien beide keine Strahlenexperten, und die allein hätten die Entscheidung zu treffen. Er denke nicht dran, sich hier Kompetenzen anzumaßen, die er nicht habe, und ich möge mich gefälligst raushalten. Und im übrigen, wieso mache der zuständige Katastrophen-Minister, der Innenminister, nichts? Kompetenzdebatten, während die Zeit davonläuft.“

Bildschirmfoto - 22.10.2014 - 18:25:35

Der Deutsche Wetterdienst – eine Bundesbehörde – erklärt die Messwerte für Radioaktivität zur Verschlusssache: „Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, daß den Wetterämtern übermittelte Werte der gemessenen Radioaktivitäten den Geheimhaltungsgrad VS/NFD haben und ausschließlich als Unterlagen für die von den jeweiligen Landesregierungen zu gebenden Beratungen dienen. Eine Weitergabe an die Öffentlichkeit ist untersagt.“ Als die Werte doch an die Öffentlichkeit gelangen, weiß niemand, was zu tun ist. In Wiesbaden werden alle Sandkästen und Spielplätze gesperrt, auf der anderen Rheinseite in Mainz bleiben sie offen. Der Grenzwert für einen Liter Milch liegt in Hessen bei 20 Becquerel, in Schleswig-Holstein bei 50, im Rest der BRD bei 500.

Die Regierung Kohl entscheidet, eine neue Behörde zu schaffen: Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit erhält viele Kompetenzen, die bisher bei den Ländern lagen. Der erste Minister, Walter Wallmann (CDU), sagt 1986 im Bundestag: „Meine Damen und Herren, die Bundeszuständigkeit ist die notwendige und unverzichtbare Konsequenz aus der tiefgreifenden Verunsicherung der Bevölkerung, die vor allem auf die Tatsache zurückzuführen ist, dass sehr stark voneinander abweichende Grenzwerte und Empfehlungen gegeben worden sind.“

Nach Wallmann spricht Hans-Christian Ströbele, er kritisiert die Zentralisierung: „Ich lehne dieses Strahlenschutzvorsorgegesetz ab, weil es einen Paragraf 6 enthält, der dem Bundesumweltminister die unbeschränkte Befugnis einräumt, Dosiswerte im Verordnungswege festzulegen, und zwar auch ohne Zustimmung der Bundesländer und des Bundesrates.“ Die Grünen fordern die dezentrale Erfassung und Bewertung der Messdaten, ein Akteneinsichtsrecht für die Bevölkerung und die Abschaltung aller Kernkraftwerke der BRD.

Im Dezember 1986 beschließt der Bundestag das Strahlenschutzvorsorgegesetz, das bis heute gilt. Es legt fest: Der Bund baut ein flächendeckendes System zur Messung der Radioaktivität auf und übermittelt die Daten an die Länder. Bei einem Reaktorunfall „kann das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit der Bevölkerung bestimmte Verhaltensweisen empfehlen. Die Empfehlungen sollen im Benehmen mit den zuständigen obersten Landesbehörden ergehen.“ Der Bund soll sich also mit den Ländern abstimmen: Damit ist der Grundstein gelegt für die Probleme, die im September 2013 bei der Übung für den Ernstfall auftreten.

Die erste Prognose

lagedarstellungUm 9.45 Uhr trifft die Lagedarstellung des Bundesamtes für Strahlenschutz ein. „Prognose: Infolge westlicher Luftströmung überquert eine radioaktive Wolke den nördlichen Bereich der Bundesrepublik Deutschland in Richtung Osten. Nach Freisetzungsbeginn wird die radioaktive Wolke Deutschland in ca. 12 Stunden überqueren. Wahrscheinlich betroffene Gebiete sind Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Hessen, Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Bayern. In diesen Gebieten können sich aus der Luft radioaktive Stoffe am Boden ablagern.“

Das Bundesamt für Strahlenschutz empfiehlt, unter anderem folgende Warnungen zu veröffentlichen: „Die Bevölkerung wird aufgefordert, Fenster und Außentüren geschlossen zu halten sowie Belüftungs- und Klimaanlagen möglichst abzuschalten. Ernährung und Landwirtschaft: Unverzügliche Ernte aller erntereifen Produkte, sofern möglich und die Freisetzung noch nicht erfolgt ist. Verschließen von Gewächshäusern und Frühbeeten beim Gemüseanbau. Abdecken von Gemüse-, Kräuter- und Obstkulturen. Verschließen von Stallungen, Lüftung reduzieren. Gemüse und landwirtschafliche Kulturen nicht mit Oberflächenwasser (kontaminierten Regenwasser) beregnen.“

10:24 Uhr: Das Bundesumweltministerium verschickt die Einladung an die Krisenstäbe der Länder zur Telefonkonferenz.

10:40 Uhr: Die Telefonkonferenz beginnt. Es gibt technische Probleme: „Ton- und Verständigungsqualität waren sehr schlecht“, heißt es in einem Vermerk. Die Länder werden alphabetisch sortiert aufgerufen, machen Anmerkungen, führen Diskussionen. Die Zeit verrinnt. Noch immer ist seit der ersten Pressemitteilung, laut der es für die Bevölkerung „keine Gefahr und damit kein Anlass für eigene Maßnahmen“ gibt, keine anderslautende Information aus den Krisenstäben gedrungen.

Der Druck im Reaktor steigt

Im Reaktor Emsland hat zwar die Schnellabschaltung des Reaktors funktioniert und die Kettenreaktion in den Brennelementen gestoppt. Aber es entsteht noch erhebliche Nachzerfallswärme, wie in jedem Atomkraftwerk. Im Reaktor Emsland sind es eine Stunde nach der Abschaltung noch rund 60 Megawatt Wärme – das reicht, um damit ein paar tausend Haushalte zu heizen.

Im Normalbetrieb wird Wasser in den Reaktor geleitet und dort auf 325 Grad erhitzt. Das Wasser verdampft allerdings nicht, sondern bleibt flüssig, da es unter extrem hohem Druck von 157 Bar steht.

Kernkraftwerk_Emsland_2010-1Jetzt zischt das radioaktive, heiße Wasser durch ein Leck in der Leitung und verdampft sofort. Die einzige noch verbliebene Sicherheitsbarriere ist die große Betonkuppel, die von außen weit sichtbar ist und innen mit einer mehrere Zentimeter starken Stahlschicht gesichert ist. Doch Dampf benötigt sehr viel mehr Volumen als Wasser – das Volumen erhöht sich beim Verdampfen um den Faktor 1.600. Daher steigt der Druck in der Kuppel langsam – und sie darf nur mit einem Druck bis zu 6 bar belastet werden, sonst droht sie zu bersten.

Bei der Planung der Atomkraftwerke in der BRD wurde berücksichtigt, dass es zu einem solchen Leck im Kühlkreislauf kommen könnte: Es ist der größte Unfall, von dem man annahm, dass er passieren könnte. Die Anlagen sind daher darauf ausgelegt, auch noch diesen massiven Verlust an Kühlmittel als größten anzunehmenden Unfall (GAU) zu beherrschen und den Reaktor mit Wasser aus Ersatztanks über Ersatzleitungen zu kühlen.

Die dafür benötigten Pumpen funktionieren allerdings nur mit Strom. Das der Wasserkreislauf ein Leck hat und gleichzeitig der Strom ausfällt, wurde bei der Planung nicht berücksichtigt. Doch genau das passiert jetzt: Ein Störfall durch einen Verlust an Kühlmittel, der das überschreitet, wofür die Anlage ausgelegt ist. Der Super-GAU.

Die Mannschaft im Reaktor kann jetzt nicht mehr verhindern, dass Radioaktivität austritt. Sie kann nur noch beeinflussen, wann und wie viel. Sie kann entweder sofort ein Ventil öffnen, mit dem radioaktiver Dampf aus dem Sicherheitsbehälter in die Luft geblasen wird. Das hat den Vorteil, dass der Behälter intakt bleibt und wieder eine zeitlang neuen Druck aufnehmen kann, bevor erneut Luft über einen Filter abgeblasen wird, der einen großen Teil der Radioaktivität zurückhält.

Die andere Option: Das Ventil bleibt zu, bis der Sicherheitsbehälter bricht. Man gewinnt dadurch einerseits Zeit, die Bevölkerung zu warnen, Der Nachteil ist, dass Radioaktivität dann unkontrolliert und ungefiltert in die Atmosphäre gelangt. Die Strahlenbelastung kommt später, ist dann aber um ein Vielfaches höher.

1987 ordnet Klaus Töpfer als CDU-Bundesumweltminister an, Ventile zur Druckentlastung in allen Reaktoren nachzurüsten. Die offizielle Vorgabe ist seitdem: Eine niedrigere Gesamtbelastung ist wichtiger als eine längere Vorbereitungszeit.

Um 11 Uhr erreicht der Druck im Reaktorraum 6 Bar. Da der Strom ausgefallen ist, mit dem man das Ventil fernsteuern kann, öffnet ein Mitarbeiter es manuell per Hand.

11:10 Uhr: Die erste Station im bundesweiten Radioaktivitäts-Messnetz schlägt Alarm: Erhöhte Radioaktivität südöstlich des Kernkraftwerkes Emsland.

11.20 Uhr: Die Telefonkonferenz der Krisenstäbe endet. Keiner der Teilnehmer weiß, dass bereits Radioaktivität freigesetzt wird.

Die Wolke weht auf Bielefeld zu

11:45 Uhr: Das Bundesumweltministerium veröffentlicht die mit den Ländern abgestimmte Pressemitteilung: „Am 17. September 2013 trat gegen 7:14 Uhr MESZ im Kernkraftwerk südwestlich von Lingen (Emsland) ein auslegungsüberschreitender Kühlmittelverluststörfall ein; radioaktive Stoffe sind bisland nicht in die Atmosphäre freigesetzt worden. Nach erster Einschätzung des Bundesumweltministeriums sind aufgrund von Trajektorien- und Prognoserechnungen voraussichtlich folgende Länder von einer möglichen Freisetzung betroffen: Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Bremen, Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Berlin, Bayern, Hessen, Baden-Württemberg. Nach dem jetzigen Erkenntnisstand besteht keine Notwendigkeit, die Gebiete während des Durchzugs der Wolke zu verlassen.“ Was in der Pressemitteilung nicht steht: Dass eine Freisetzung radioaktiver Stoffe nicht nur „möglich“ ist, sondern schon vor Stunden konkret geplant wurde. Außerdem fehlt jeder Hinweis, wie sich die Bevölkerung schützen könnte.

11:51 Uhr: Erst jetzt erreicht die Nachricht aus dem Atomkraftwerk Emsland die Krisenstäbe: „Meldung – Freisetzung hat begonnen“.

kuehe212 Uhr: Es gibt eine neue Lagedarstellung des Bundesamtes für Strahlenschutz: „Innerhalb von 12 Stunden wird die radioaktive Wolke voraussichtlich folgende Gebiete erreichen: Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Hessen, Sachsen-Anhalt, Thüringen. Zwischen 12 und 24 Stunden wird die radioaktive Wolke voraussichtlich die folgenden Gebiete erreichen: Sachsen, Bayern, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz.“ Eine Karte zeigt eine Prognose, in welche Richtungen sich die Radioaktivität verteilen wird.

Das Bundesamt für Strahlenschutz rät erneut, die Bevölkerung zu warnen. Zum Schutz vor den Strahlen solle den Bürgern empfohlen werden, sich „bei Regen möglichst wenig im Freien aufzuhalten“ und „Fenster und Außentüren geschlossen zu halten“.

Es ist auch höchste Zeit für eine Warnung. Die Wolke weht direkt auf Osnabrück zu, 150.000 Einwohner. Danach wird sie Bielefeld erreichen, 330.000 Einwohner. Das einzige, was den vorsorglichen Schutz von der Strahlung jetzt noch verhindert, ist das Strahlenschutzvorsorgegesetz mit seinen Vorschriften zur Abstimmung zwischen Bund und Ländern. Um 13 Uhr kündigt das Umweltministerium daher an, es werde eine erneute Telefonkonferenz mit den Ländern geben.

Unterdessen arbeiten im Umweltministerium zwei Stäbe parallel an den Vorschlägen, welche Maßnahmen jetzt genau empfohlen werden sollen. Die Empfehlungen für Flora und Fauna sind zuerst fertig, um 14 Uhr. „Viel sollte umgehend in die Ställe gebraucht werden“, heißt es dort etwa, außerdem empfohlen wird die „unverzügliche Ernte aller erntereifen Produkte“. Um 14.30 Uhr ist auch der Stab mit den Empfehlungen für Menschen fertig: Bei Regen nicht ins Freie, Fenster und Türen geschlossen halten.

14:48 Uhr: Das Bundesumweltministerium lädt zur Telefonkonferenz für 15 Uhr.

15 Uhr: Die Telefonkonferenz ist ein Desaster. Es gibt zwischen Bund und Ländern viele Unstimmigkeiten. Zwar sind sich alle einig, dass die Bevölkerung über die inzwischen schon seit vier Stunden austretende Radioaktivität informiert werden sollte. Auch über die sonstigen Empfehlungen gibt es im Prinzip Einigkeit. Streit gibt es nur um die Zuständigkeiten. Der Bund findet, die Länder seien zuständig. Unter anderem Hessen findet, der Bund sei zuständig. Es gibt zeitraubende Diskussionen, die das Bundesumweltministerium zu lange laufen lässt.

Die Telefonkonferenz dauert fast eineinhalb Stunden. Erst um 16.20 Uhr gibt das Umweltministerium schließlich bekannt, dass ab 11 Uhr Radioaktivität aus dem Reaktor entwichen ist, und dass man „vorsorglich“ in den „wahrscheinlich betroffenen Gebieten“ die Fenster und Türen geschlossen halten und Regen meiden sollte.

Genau diese Empfehlungen hatte das Bundesamt für Strahlenschutz schon um 9.45 Uhr vorgeschlagen. Die Zeitverzögerung bis zur Veröffentlichung sehen auch die Teilnehmer der Übung kritisch: „Die Empfehlung kam für einige Regionen fünf Stunden zu spät“, heißt es in dem Auswertungsbericht aus Rheinland-Pfalz. Berlin: „Die Maßnahmen – vor allem vor Durchzug der radioaktiven Wolke – hätten allerdings wesentlich zeitnäher per Rundfunk/Fernsehen und vor allem Presse publiziert werden müssen.“ Niedersachsen schägt vor: „Ziel sollte es sein, 30 Minuten nach einem Vorschlag zu einer Pressemitteilung des Bundesumweltministeriums an die Länder die besprochene Pressemitteilung zu veröffentlichen.“ Und nochmal Berlin: „Für die Empfehlung von Maßnahmen, deren Publizierung und Umsetzung war bei diesem Szenario eine viel zu kurze Zeit angesetzt. Es ist davon auszugehen, dass im Ernstfall die dafür notwendigen Zeiten noch sehr viel kürzer sein werden.“

Fortsetzung: Warum das System zur Bewältigung eines Super-GAUs nicht funktioniert

Kommentare (8)

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  4. @Kim Kabahn
    Das einzige, was hier abartig ist, ist die Bösartigkeit und Ignoranz, mit der Sie sich hinter einer vermeintlichen Sachlichkeit verstecken und gar nicht zu merken scheinen, wie Sie damit die Opfer dieser Katastrophe verhöhnen. Gehen wir es mal vernünftig durch:

    – Mehr als 1.700 Tote in Verbindung mit der Katastrophe wurden offiziell anerkannt (http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2014/09/22/tote-ueber-die-keiner-spricht-fukushima-kostete-bereits-1-700-menschenleben/ – habe mal bewusst eine Wirtschaftspresse gewählt, damit es nicht wieder „linke Verschwörung“ heißt)
    – „Einspruch“, höre ich da sogleich. Das sind ja keine Strahlentote, von denen Sie eigentlich sprachen. Stimmt, dann „gelten“ diese Toten wohl nicht. Das wäre zynisch.
    – Aber zu den Strahlen: Es ist natürlich wohlfeil, nach zwei Jahren (das ist der Zeitraum, den der UN-Bericht, auf dem die Null-Tote-Behauptung beruht, erfasst) festzustellen, dass es keine Krebstoten gibt. Krebs ist leider eine fiese und langwierige Angelegenheit. Wenn 10 Menschen vor ihren Augen ins Wasser springen, stellen Sie doch auch nicht nach 20 Sekunden fest: es leben ja noch alle, man muss sich offensichtlich keine Sorgen wegen eines möglichen Ertrinkens machen.
    – Es ist bekannt, dass der erwähnte UN-Bericht seine Prognosen maßgeblich an den vom Betreiber Tepco (der nachgewiesenermaßen und wiederholt alles tat, um das tatsächliche Ausmaß der Katastrophe zu verschleiern) zur Verfügung gestellten Messwerten ausrichtete und man sich weigerte, unabhängige Institutionen einzubeziehen. (http://www.n-tv.de/panorama/UN-sehen-keine-erhoehte-Krebsgefahr-article12587131.html). Das hat zu massiver Kritik nicht nur bei Umweltverbänden, sondern auch bei Ärzteverbänden geführt („Vertuschung, Verharmlosung“, http://www.n-tv.de/panorama/Der-erstaunliche-UN-Bericht-zu-Fukushima-article12588996.html). Aber diese Kritik ist in ihren Augen sicherlich auch nur die Folge einer verbohrten Ideologie und keine berechtigte Frage bei der vernünftigen Suche nach der Wahrheit.
    – dass die Schilddrüsenkrebsrate bei Kindern in der betroffenen Region und das 30-fache gestiegen ist, ist natürlich auch reiner Zufall (zumindest solange das Gegenteil nicht bewiesen ist; die Argumentation hat ja auch bei der Tabakindustrie sehr lange sehr gut funktioniert, http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2014/03/09/fukushima-dramatische-anstieg-von-krebs-bei-kindern-2/)
    – auch die ungewöhnlich große Zahl an Krebserkrankungen bei Marines auf dem beim Unglück in der Gegend eingesetzten amerikanischen Militärschiffs USS Ronald Reagan ist bloß Zufall (http://nypost.com/2013/12/22/70-navy-sailors-left-sickened-by-radiation-after-japan-rescue/)
    – Wir wollen auch nich vergessen, dass durch die Katastrophe weit über 100.000 Menschen Hab, Gut und Heimat dauerhaft verloren haben. Und auch nicht die über 25.000 Arbeiter die seit dem GAU ihre Gesundheit aufs Spiel setzen (und es noch lange werden tun müssen), um die Scheiße aufzuwischen.

    Zur Abschätzung des Einsatzes von potentiell gefährlichen Technologien gehört das sorgfältige Abwägen des Risikos mit dem Nutzen. Das Spektrum der Interpretation bewegt sich dabei zwischen dem jahrzehntelangem Mantra „bei uns ist Atomkraft sicher“ und dem Anwurf „ihr habt gar nichts im Griff“. Ich habe mich lange Jahre etwa in der Mitte dieser beiden Extreme gefühlt. Je mehr Informationen man sich jedoch zu diesem Thema besorgt, desto mehr rutscht man zwangsläufig in die zweite Ecke. Wenn ich nun in den im Artikel verlinkten Protokollen lesen muss, dass die zuständigen Behörden im Ernstfall nicht einmal eine Telefonkonferenz technisch auf die Reihe bekommen, geschweige denn es schaffen, ihr Kompetenzgerangel beseite zu legen um die nötigen Entscheidungen zu treffen oder auch nur die Öffentlichkeit halbwegs flott zu informieren, dann wird mir schlecht. Es ist gut und richtig aus einer Technologie auszusteigen, die man nicht sicher beherrscht, zu deren Bewältigung (Krisen, aber auch Abfall) man keine funktionierenden Pläne hat, die nicht-konkurrenzfähig teuer ist, nur durch massive Subventionen am Leben erhalten wird und zu der es wirtschaftlich und ökologisch sinnvolle Alternativen gibt.

    Vernunft heißt eben auch, sich dem Offensichtlichen nicht zu verschließen.

  5. Es ist so abartig peinlich wie hier die Angst geschürt wird.

    Wer sich sachlich Informiert wird feststellen das nach 3 Kernschmelzen bis heute noch niemand in Fukushima aufgrund der Strahlung gestorben ist!

    Wie ich diese ideologische Panikmache verachte! Das basiert alles nur auf Emotionen, es kommen kaum fundierte Informationen. Es ist mir wirklich peinlich ein Deutscher zu sein wenn ich im Ausland darauf auf den Ausstieg und der Energiewende werde. 1 – 3 Billionen € für eine Ideologie! Armes Deutschland.

    Vernunft statt Ideologie!

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