Besuchertag und warum es keine Vegetarier im Waldcamp gibt (Tag 7/10)

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Sonntag im Waldcamp bedeutet viel Besuch: Viele Neugierige, die sich das Camp ansehen, zum sonntäglichen Küchenstand der Bürgerinitiativen gehen, sich beim Jonglieren probieren oder einen Vortrag hören wollen. Heute waren ungefähr einhundert Menschen vor Ort. Ein Teil der Camp-Bewohner nimmt noch an einem Kletterworkshop teil, die anderen bauen die Hütten weiter aus. Ich habe mit einigen Robin Wood-Kletterern eine Holzplattform in einer großen Eiche befestigt.

Was und wie wird im Waldcamp gegessen, und warum? Gestern beim Plenum wurde noch einmal darum gebeten, die Lebensmittel und das zubereitete Essen zu kennzeichnen mit „k“ für gekauft, „v“ für vegan und „f“ für „freegan“.

Fotografierte Menu-Karte

Die herkömmliche Aufteilung in Vegetarier und Fleichesser gilt hier nicht. Nicht mal das Wort Vegetarier ist bisher gefallen. Wie definieren sich die einzelnen Gruppen selbst?

Veganer verstehen sich als die „echten“ oder „strengen“ Vegetarier. Die Gründe, warum sich Menschen für eine vegane Lebensweise entschließen, sind vielfältig. Für eine große Zahl von Veganern sind Klimagesichtspunkte entscheidend oder mitentscheidend. Viele im Waldcamp leben konsequent vegan, genauso wie sie gegen den Flughafenausbau sind. Hintergrund dieser Haltung ist die Überlegung, dass nicht nur durch Verbrennung von Kerosin klimaschädliche Gase wie CO₂ freigesetzt werden, sondern auch durch die Produktion von Fleisch und anderen tierischen Produkten. Dazu kommen Methan-Emissionen und ein wesentlich größerer Flächenverbrauch. Man geht davon aus, dass ein weitgehender Verzicht auf tierische Produkte es erlauben würde, den derzeitigen Bedarf an Anbauflächen auf ein ein Siebtel der zu senken. Daraufhin müssten keine neuen Felder und Wiesen auf Kosten von Urwald (der wiederrum als CO₂-Speicher gilt) erschlossen werden.

Was soll aber „freegan“ bedeuten? Neben gespendeten und gekauften Lebensmitteln finden sich auf dem Speiseplan der Campbewohner noch sogenannte „containerte“ Lebensmittel. Die einfachste Form des „Containerns“ besteht darin, am Ende eines Markttages nach den meist sehr reifen Lebensmitteln zu fragen, die nicht verkauft wurden und sonst weggeworfen würden. Einige Marktbeschicker sind bereit, diese Lebensmittel auf Nachfrage zu verschenken.

In Deutschland werden heute wahrscheinlich so viele Lebensmittel weggeworfen wie noch nie zuvor. Seit dem Film „We feed the World“ wissen wir bescheid: „Tag für Tag wird in Wien genau so viel Brot vernichtet, wie Graz verbraucht“.

Die meisten Supermärkte geben leider ihre Lebensmittel, die sie nicht verkaufen, nicht einfach ab, sondern entsorgen sie selbst, um Preisverfall zu vermeiden. In den Containern der Supermärkte findet man originalverpackte Lebensmittel, auch noch haltbare tierische Lebensmittel. Lebensmittel aus diesen Containern zu fischen ist die zweite Form des Containerns, daher auch der Begriff.

Als „Freeganer“ bezeichnen sich Veganer, die dann tierische Lebensmittel essen, wenn sie containert wurden, also nicht mehr Teil des Konsumkreislaufs sind. Hintergrund ist der Gedanke, dass der Nährwert dieser Lebensmittel, der unter hohem Flächen-, Wasser- und Energieverbrauch erreicht wurde, völlig verloren ist, wenn sie achtlos weggeworfen werden. Sie doch noch zu essen, macht aus dieser Perspektive noch am ehesten Sinn.


6 Kommentare zu "Besuchertag und warum es keine Vegetarier im Waldcamp gibt (Tag 7/10)"

  1. mensch sollte noch anmerken, dass ein großteil der veganerInnen (auch im waldcamp) nicht hauptsächlich aus Klimagründen vegan lebt. Die meisten VeganerInnen entscheiden sich aus Tier-ethischen Gründen für diese Ernährungsform. Sie essen keine (oder nur containerte) Tierprodukte weil sienicht wollen, dass für sie Tiere Gefangen gehalten, gequält oder gar getötet werden, und sie tierausbeutung nicht mitfinanzieren wollen. Nur ein geringer Teil der VeganerInnen entscheidet sich hauptsächlich wegen Menschrnrechts- oder Umweltschutzgründen zu diesem Schritt. Diese sind ein erfreulicher nebeneffekt und können auch ein starker Mitgrund sein. Der hauptgrund bleibt aber meist die ablehnung von Tierausbeutung.

  2. Danke Waldbewohner für die Richtigstellung – mir war aufgefallen, dass Klimawandel und hoher Konsum von tierischen Produkten immer häufiger in Zusammenhang gebracht werden..

  3. Veganer sehen “Freeganer” nicht als Veganer, sondern als Pseudoveganer und Fetischisten, die, über die absonderliche Rechtfertigung, dass man das ja sowieso weggeschmissen hätte, Tierprodukte konsumieren.

    Fetischisten deshalb, weil sich in Krankenhaus-Mülleimern nun so gar kein “Freeganer” rumtreiben will, auf der Suche nach einer saftigen Platzenta z. B., die Gier nach Fleisch und andere Tierprodukte richtet sich ausschließlich auf andere Spezies.

    Ein Wort zu den Ökoveganern, zu denen in der endlosen Liste der Adjektiv-Veganer auch die Klimaveganer gehören. Der Ökoveganismus kommt auffallend oft bei Männern vor, eine Gruppe die bei Veganern eher in der Minderheit ist. Die ethische Basis des Veganismus ist vielen Männern peinlich, sie brauchen dann diese Krücke der Ökologie, um nicht als softer Schlappschwanz dazustehen, sondern halt als ein Naturbursche.

    Das gleiche gilt für Antiherrschaftsveganer, bei denen kommt die Testosteronkrücke aus dem “anarchistischen” Kampf für Gleichheit und Herrschaftsfreiheit. Hängt mir persönlich genauso zum Halse heraus wie die Ökoveganer.

    Nervig ist das für uns “veganen Veganer”, denn es folgt aus allen Ecken und Eckchen eine rhetorische Kolonisation des Veganismus, eine Verwässerung der ethischen Prämisse, von Leuten die ironischer Weise *glauben*, Ethik hätte was mit religiösen Fantasien zu tun.

    Auffallend auch wie viele von denen, die den Veganismus mit ihren subjektiven Emotionalien besetzen, sich schlicht fehl ernähren, es gibt da eine ganz deutliche Korrelation. Gerade der Typus Ökoveganer ist genau der, der aus einem neopantheistischen Impuls heraus agiert und kein Vitamin B12 in seine Ernährung integriert, obwohl im Markt zur Zeit keine fermentierten Lebensmittel angeboten werden, in denen die richtigen Bakterien zur B12-Bildung benutzt werden. Da kommt als erste Reaktion eigentlich fast immer das “ich fress doch keine Chemiepillen”, obwohl auch das B12 in Reinform aus Bakterien (den richtigen) fermentiert wurde.

    Auch zum Waldbewohner noch eine kurze Anmerkung. Beim Veganismus geht es nicht um “Tierethik”. Höchstens in dem Sinne, dass Menschen eben auch (Säuge)tiere sind. Der Mensch ist integrativer Bestandteil veganer Ethik, demzufolge ist der Veganismus auch keine Tierethik, denn mit “Tier” sind hier ganz deutlich eben lediglich Nichtmenschen gemeint.

    Die Kategorien Mensch/Tier als *Werte*dichotomie sind sowieso fiktiv und kulturell stark ins Irrationale hinein verzerrt mir religösen Ursprüngen. Sie sagen nichts über *ethische Rechte* aus. Für das ethische Recht auf Unversehrtheit ist es vollkommen irrelevant ob der Rechteinhaber zur Gruppe der Säugetiere oder zur Gruppe der Fische oder Vögel gehört. Einzig relevant sind die Fähigkeiten und Eigenschaften, für die der Rechteinhaber eben solche Rechte genießt.

    Schade dass ich gerade keine Zeit hatte mit in den Wald zu gehen, es wäre sicher spannend gewesen zu beobachten, wie lange es gedauert hätte bis die Grüppchen und Cliquen der Adjektiv-Veganer, mein Anliegen etwas Substanz zu verbreiten weggemobbt hätten.

  4. Ava,

    gut gemacht. Dem Führer zum Wohlgefallen. Und nun zurück ins Glied!

    MAQI hat immer Recht!

    War on Adjektiv-Veganismus.

  5. Ich bin nicht assoziiert mit Maqi noch einer anderen politischen Gruppe und war es auch noch nie. Die Qualität meiner Argumente ist daher bitte mir zuzuordnen.

    Dass meine Qualität hier genau einen der Richtigen getroffen hat, ist offensichtlich. Aber viel mehr als ein Godwin und das übliche Verunglimpfungsreflexgeseier ist von euch Heckenschützen auch nicht zu erwarten. Na wartet.

  6. Hmm… Ich finde es ja etwas engstirnig, nur “containertes” nichtveganes Essen zu essen.
    Nichts tierisches zu kaufen macht natürlich Sinn. Aber man kann ja auch auf andere Weise als durch “Containern” an nichtveganes Essen kommen, das schon fertig und der Natur entrissen ist. Zum Beispiel kann man es geschenkt bekommen von gutwilligen Menschen, die nichts böses dabei im Sinn hatten.
    Ist mir leider auch schon vom Waldcamp in Kelsterbach zu Ohren gekommen, dass dort sowas abgelehnt wird.
    Ich will ja gar nicht alle über einen Kamm scheren, aber von manchen Menschen werden lobenswerte Motive oft so ideologisiert und zum persönlichen Ego-Ausbau zweckentfremdet, dass es einfach traurig ist und der guten Idee nur schadet.
    @ Ava: Ich bin Fleischfresserin. Ich finde es aber sehr lobenswert, wenn jemand sich dazu entschließt, keine tierischen Nahrungsmittel mehr zu kaufen, herzustellen oder von seiner Mama kaufen zu lassen, grundsätzlich egal aus welchen Motiven.
    Für mich macht das Motiv des Umweltschutzes mindestens genauso viel Sinn wie der Aspekt, Tierquälerei vermeiden zu wollen.
    Ich bin eine Frau, aber wahrscheinlich hab ich einfach zu viel Testosteron und will nur mal den dicken Macker raushängen lassen mit meinem Statement.
    Du bist die beste.

    Für mehr Gemeinschaft und weniger kleine Egos.

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