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19.03.2010

Leipziger Buchmesse: Heimat, Heimweh, Heimsuchung

von Heiko Werning

Gemeinsam mit Karsten Krampitz, dem Ingeborg-Bachmann-Preisträger der Herzen, habe ich die schöne Anthologie “Heimat, Heimweh, Heimsuchung” herausgebracht, die wir heute Abend um 20 Uhr im Asisi-Panometer vorstellen werden – alles sieht danach aus, als könnte das (nach dem Reptilium in Landau und dem Leopoldplatz im Wedding) der exotischste Auftrittsort meiner bisherigen Laufbahn werden.
Mit dabei sind:
Der singende Tresen mit hübscher Musik
Uwe von Seltmann, Markus Liske, Manja Präkels, Carmen Winter, Frank Sorge, Anselm Neft, Volker Surmann & ich mit hübschen Texten.

Heimat, Heimweh, Heimsuchung – Karsten Krampitz & Heiko Werning (Hrsg.)

Kaum ein Roman, der nicht davon handelt: “Woher komme ich?” Und: “Wohin gehe ich?” Sei es die Bibel oder die Buddenbroocks – erzählt wird die gleiche Geschichte: die Vertreibung aus dem Paradies. Um das Weh mit der Heimat geht es in dieser Anthologie, nicht um 2000 Jahre Deutschland (Varusschlacht), 60 Jahre Bundesrepublik und auch nicht um 20 Jahre Mauerfall.

Mit Beiträgen von 38 Autoren:

Teil 1 – Bestandsaufnahme:

Jakob Hein: Dafür nicht; Heiko Werning: Wenn die Mauer noch stünde; Karsten Krampitz: Erich ist ein Schwein; Ahne: Erinnerungen; Manfred Maurenbrecher: Offene Grenze; Andreas Gläser: Heimweh nach dem Kurfürstendamm; Jürgen Witte: In Rastatt gibt es keine Raststätte; Markus Liske: Giftige Erdstrahlung?

Teil 2 – Vaterland:

Henry-Martin Klemt: Heimat ist…; Uli Hannemann: Der Hase – im Felde unbesiegt; Uwe von Seltmann: Großvater war kein Seeräuber – eine Odyssee von der Sieg an die Weichsel; Paul Bokowski: Ein eigenes Denkmal; Thilo Bock: Heldenklo; Ahne: Wohin auch immer; Heiko Werning: Tag der Heimat; Markus Liske: Einer für Einen, alle für Deutschland.
Teil 3 – Standortsuche:

Harry Pross: Heimat auf den Begriff gebracht; Manfred Maurenbrecher: Heimat; Anselm Neft: Die schönste Blume des Allgäus; Martin Hyun: Koreanische Küche; Manfred-André Werner: Hinter den Türen wohnen die Skelette; Sebastian Krämer: Die Venusfalle; Manja Präkels: Djewotschka will heim; Volker Surmann: Siebzehnn Hektar Kindheit; Peter Wawerzinek: Dort, wo wir nie sein werden; Falko Hennig: Heimweh.

Teil 4 – Unbehaust:

Annett Gröschner: Mangelndes Weh; Bov Bjerg: Schinkennudeln; Robert Weber: Klebezettel; Claudia Guelzow: Unter uns; Robert Rescue: Das Klassentreffen; Donata Rigg: Die Sprache der Fische – Ein Nachruf; Jochen Reinecke: Fear is the only darkness; Carmen Winter: Krähennest; Mario Wirz: Wintervision; Karsten Krampitz: Aktion “Findeltrinker: keine Fragen – keine Zeugen – keine Polizei”; Ahne: Der normale Vorgang; Manfred Maurenbrecher: Überholen, ohne einzuholen.

Teil 5 – Im Hinterland:

Helmut Höge: Über Heimat und Heimweh; Bernd Kramer: Der Staat und die Deutsche Ameisenschutzwarte e.V. oder Platon und die leptothorax acervorum; Karsten Krampitz: Mitropa; Erik Steffen: Heimat Hahn – Ein Leben in der Geisterbahn; IKA: Heimweg; Heiko Werning: Das Heiligabendprogramm; Frank Sorge: Lieferfahrer Frank; Daniela Böhle: Karl ist wieder in Berlin; Robert Weber: Wenn ich schnell da bin, bin ich schnell wieder dort; Bov Bjerg: Kreisverkehr; Udo Tiffert: Zaun zum Aufstützen

Zu bestellen direkt beim Karin-Kramer-Verlag oder z. B. beim Internetkraken.

18.03.2010

Frisch zur Leipziger Buchmesse: Mein wunderbarer Wedding

von Heiko Werning

Heute ist die taz mit der literataz erschienen, der Literaturbeilage zur soeben eröffneten Leipziger Buchmesse, und in ihr sollen die wichtigsten Neuerscheinungen vorgestellt werden. Das ist natürlich Unsinn, denn die wichtigste Neuerscheinung ist ja gestern erst aus der Druckerei gekommen und strahlt mich heute auf meinem Schreibtisch in lebensfrohem stadtbezirksnotorischen Kackbraun an: “Mein wunderbarer Wedding” von, Achtung!, von mir.

Schön ist es geworden. Eine Geschichtensammlung mit Texten rund um den Berliner Problembezirk, wo goldkettchenbehängte, in makellosem Weiß gekleidete Jungtürken breitbeinig den Bürgersteig einnehmen und auf gefährlich machen, aber einem dann doch nur helfen, die gesuchte Adresse zu finden, wo ein türkischer Wirt mit deutschem Essen eine Marktlücke entdeckt zu haben glaubt, wo Friedrich der Große in voller Montur herumläuft, ohne dass jemand Anstoß daran nimmt, wo sich Dönerverkäufer, Kleinkriminelle, Säufer, Finanzbeamte und religiöse Spinner aller Irrglaubensrichtungen tummeln.

Der Verlag, die altehrwürdige Edition Tiamat von Klaus Bittermann, schreibt dazu: “Werning, von Haus aus Reptilienforscher, hat das gemacht, was er gelernt hat: seine Umgebung und ihre Geschöpfe beobachtet und seine Beobachtungen aufgeschrieben, die geprägt sind von schöner Selbstironie und Lakonie.” Und dem würde ich ja im Leben nicht widersprechen.

Man kann das Buch für 14  € kaufen. In der ein oder anderen Buchhandlung womöglich, ganz sicher aber beim Verlag, beim Internetkraken und seinen zahlreichen Nachahmern sowie am besten eigentlich direkt vom Erzeuger, nämlich ab heute jeden Donnerstag bei den Brauseboys und jeden Sonntag bei der Reformbühne Heim & Welt in Berlin. Außerdem kann man sich daraus vorlesen lassen und es dann kaufen, und zwar zu folgenden Gelegenheiten (siehe auch die stets aktualisierten Termine):

21.3., Sonntag: Leipzig, Buchmesse (solo), 10.30 h, Halle 5 D 321

25.3., Donnerstag: München, Münchener Kammerspiele, Neues Haus, 20 Uhr (mit Franz Dobler & Carl Weissner)

28.3., Sonntag: Stuttgart, im “Literarischen Wohnzimmer“, 20 Uhr, Merlin, Augustenstr. 72 (mit Nils Heinrich)

29.3.: Montag, Heilbronn, im “Literarischen Wohnzimmer“, 20 Uhr, Stadtbibliothek, Berliner Platz 12  (mit NilsHeinrich)

2.4., Freitag: Berlin-Wedding, Eschenbräu, 21 Uhr (mit Frank Sorge & Doc Schoko)

8.4., Donnerstag: Kassel, Solo beim “Leuchtenden Pfad”, Caricatura, Galerie für komische Kunst

10.4.: Berlin-Prenzlauer Berg, Kulturbrauerei, Alte Kantine, 20 Uhr (Kantinenlesen, mit Lea Streisand, Volker Surmann, Dan Richter & Micha Ebeling)

16.4.: Berlin-Wedding, La Luz, Buchpremierenfeier, 20.30 Uhr (siehe unten)

21.4.: Berlin-Wedding, Mastul, Liebenwalder Str., 21 Uhr (mit Robert Rescue)

8.5.: Berlin-Kreuzberg, 22.30 h, Blauhaus bei Hille (solo, Lange Nacht der Bücher)

Und schließlich sei schon jetzt auf die große Buchpremierenfeier im La Luz hingewiesen, am Freitag, 16.4.2010,  im, natürlich, Wedding, wo die Kollegen Ahne, Nils Heinrich, Daniela Böhle, Hinark Husen, Uli Hannemann, Paul Bokowski, Robert Rescue, Falko Hennig, Frank Sorge, und wo es schöne Musik geben wird, von Manfred Maurenbrecher, Nils Heinrich und dem Latino-Duo Dos Amapolas aus dem Nachbarblog Latin@rama. Kommt alle!

Und weil ich von der Caricatura-Galerie in Kassel den Auftrag erhielt, zu Werbezwecken einige griffige Sätze aus dem Buch zu picken, möchte ich diese hier abschließend in die Menge werfen:

„Papa, der Osterhase!“, ruft mein dreijähriger Sohn begeistert, als er in den Garten guckt. Verdammt, es ist nicht zu leugnen. Das Rattenproblem im Hinterhof ist wieder schlimmer geworden.

Mein Tresennachbar guckte den Mann am Tisch entgeistert an und meinte, er wäre ja wohl voll der Spinner, er wäre auch nur so ein gutgläubiger Trottel, der sich von den Mächtigen jeden Scheiß erzählen ließe, Telefonfirmen an die Weltherrschaft, das sei ja lächerlich, das sei ja geradezu eine Verschwörungstheorie, dabei sei doch völlig offensichtlich, dass die nur von ihrem Vorhaben ablenken wollen, mit der angeblichen Erderwärmung die Macht an sich zu reißen.

Das junge Paar schlägt sich tapfer. Es trägt Getränkekisten nach oben, Tannenzäpfle-Pils, Weinflaschen, sogar diese kleinen grünen Fruchtsaftkisten. Ich werde ganz nostalgisch. Ich war ja auch mal jung. Ich habe auch mal Müll getrennt. Habe auch mal Fruchtsaftkisten getragen. Fast gerührt blicke ich den beiden nach, wie sie im Hauseingang verschwinden.

Zunächst die üblichen Versatzstücke über meine Figur, wobei ich „Moby Dick“ sogar ganz originell finde. Offenbar habe ich es mit intellektuellen Ghetto-Bewohnern zu tun.

Wie überhaupt mal eine Wahrheit festgehalten werden muss: Frauen, die sich vor Kriech- und Krabbeltieren ekeln, sind schlecht im Bett.

Merkwürdig zusammengekauert hocken wir auf den winzigen Kita-Stühlchen, die Knie praktisch vor der Nase, ein winziger Druckpunkt am Gesäß, einer Pinguinkolonie nicht unähnlich, als wollten wir alle unsere Eier auf den Füßen bebrüten und mit unserem Bauchspeck vor den tobenden Elementen schützen.

Der Typ wird nachdenklich: „Wasn? Erst hörste Jesus und dann Klaus Meine? Ey, was ist denn das für`n Trip?“

17.03.2010

Jakob Hein über die Jugendkultur: Mixer der Musik von morgen

von jhein

Das Beste, was ich über die Jugend von heute sagen kann ist, dass ich mir Sorgen um sie mache. Das ist doch mal etwas Normales, dass sich die mittelalte Generation Sorgen um die Jugend macht. Aber sonst?
Im Magazin der Süddeutschen Zeitung haben sie Fotografien gezeigt von Jugendlichen, deren Idol der CSU-Außenminister Karl Theodor zu Guttenberg ist. Nun bin ich ja ein großer Freund des Zeichners Manfred Deix, ein böser Österreicher, der immer feiste Spießbürger in unmöglichen Posen des Daseins gezeichnet hat. Aber diese Fotos waren so, dass sich der Deix wahnsinnig geärgert haben muss über den Aufwand, den er immer mit Pinsel und Staffelei getrieben hat, wo er heutzutage einfach nur ein paar bayerische Jugendliche knipsen müsste. Jugendliche, die Lodenjacken und Steckfrisuren tragen und aktiv in ihrer Jungen Union mitarbeiten.
In der Zeitung haben sie jetzt geschrieben, das sei die Gegenkultur von heute, darüber regen sich die Eltern wieder auf, was – siehe mein Fall – natürlich stimmen kann. Natürlich kann man auch Widerspruch durch Überangepasstheit hervorrufen bei den Generationen, deren Jugend durch Unangepasstheit geprägt war. Aber war es das gewesen? Ist das nicht so ähnlich, als würde ein zum Tode Verurteilter die Henker dadurch austricksen, dass er sich kurz vorher selbst tötet? Irgendwie auch eine Art, persönliche Freiheit zu leben, aber eben auch herzzerreißend sinnlos.
Vielleicht ist es an der Zeit, langsam die Arbeit am Abschlussbericht zu den Jugendkulturen anzufangen. Deren Anfänge waren die studentischen Burschenschaften, die sich schon hundert Jahre vor dessen Verwirklichung für „Deutschland einig Vaterland“ einsetzten. Dass die Burschenschaften heute sehr konservativ sind, kann nicht verwundern und soll nicht ablenken. Wenn man etwas Frisches konserviert, darf man sich nicht wundern, ein paar hundert Jahre später Konserviertes in der Dose zu finden.
Den eigentlichen Anfang nahmen die Jugendkulturen nach dem Ende des zweiten Weltkrieges. Die Rocker waren in ihrer Kleidung noch deutlich an Uniformen angelehnt, die 1948 gegründeten Hell Angels entlehnten ihren Namen einer Flugstaffel der US Air Force, in der ein Gründungsmitglied im Zweiten Weltkrieg gekämpft hatte. So militärisch die Rocker auch waren, symbolisierten sie doch das Ende der Menschen als Teil ihres Nationalkörpers. Die Staaten der Welt hatten gerade gegeneinander den schrecklichsten Krieg verloren, die jungen Menschen konnten sich nicht mehr vorstellen, für abstruse Ideale in den nächsten Krieg zu ziehen. Nationalismus und Patriotismus wurden zugunsten individueller Freiheiten aufgegeben.
Die Mods verkörperten in den Sechzigerjahren die individuelle Aufstiegschance des Individuums im Gegensatz zu einem fest gefügten System von Adel oder Stallgeruch, das über obere oder untere Klassenzugehörigkeit entschied. Dazu passten die Sozialdemokratie und die sozialen Marktwirtschaften der Welt.
Jetzt war vieles geklärt: Das Individuum konnte sich selbst verwirklichen und dadurch einen Aufstieg schaffen. Dafür musste es nur ein paar gesellschaftliche Normen befolgen. Die Hippies stellten dann die protestantische Ethik von Ora et Labora, die angebliche Notwendigkeit ewiger Verdrängungswettbewerbe und die Notwendigkeit sexueller Konventionen in Frage. „Tune in, drop out“, hieß es. Man nahm Drogen und machte einfach mal gar nichts, außer sich seinem erweiterten Bewusstsein hinzugeben.
Doch wie frei das Individuum sich auch immer fühlte, letztendlich blieb es doch vor allem ein im Kapitalismus funktionierender Konsument. Diese Konvention griff die Punkbewegung mit ihrer radikalen Verweigerung von Schönheit, Normalität und Zukunft auf, wenn auch selbst der Punk letztlich gierig vom Meer des Konsumismus verschluckt wurde.
Die vermutlich letzte Jugendbewegung war dann Techno, eine Bewegung, die interessanterweise die Ziele ihrer Vorgänger radikal in Frage stellte. Zunächst wurde der Konsum begrüßt: Markenkleidung, teure Getränke, teure Clubs, Türsteher waren gut. Dann wurde die Individualität verabschiedet: Es kam nicht mehr darauf an, eigene Lieder zu schreiben, tagelang im Proberaum zu verbringen. Nein, Stars waren die Plattendreher, die Mixer der Musik von anderen. Es ging auch nicht mehr darum, sein Bewusstsein mit Drogen zu erweitern. Es ging darum, Drogen wie Medikamente, nicht selten auch gemeinsam mit Medikamenten einzunehmen, um den Zustand zu erreichen, den der Doktor verordnet hatte, um angepasst zu sein an die Disko, in der man tanzen wollte, den Leistungssex, den man zusammenbumsen wollte, und am Montagmorgen noch an die Arbeit, die man leisten wollte.
Und das war’s. Klar, es gibt immer noch mal ein Punk-Revival oder eine angedeutete Hippie-Renaissance, all dies aber nur als kaufbare Mode und nicht annähernd als Bewegung. Selbst die Musik, jahrzehntelang der wichtigste Mörtel jeder Jugendbewegung, wird mittlerweile nicht mehr von der Jugend getragen, sondern von den jungen Dreißig- bis Fünfzigjährigen, die die Konzertkarten kaufen, die Radioprogramme machen und die überhaupt noch wissen, was CDs sind. Die echten Jungen leben hingegen verschiedene Exzesse des Konsumismus. Ihre Freizeit verbringen sie mit Shoppen oder Chatten, was letztendlich heißt, dass sie sich in verschiedenen von der Konsumwelt der Erwachsenen vorgegebenen Matrizen bewegen und von diesen Matrizen sogar noch das Gefühl vermittelt bekommen, sich unkonventionell und locker zu verhalten. In Wirklichkeit stellen sie ihre Seelen zum Zwecke der langfristig besseren Verfügbarkeit als Mitarbeiter im Projekt Turbokapitalismus der Öffentlichkeit zur Verfügung. Sogar für die, die ausbrechen wollen, gibt es schon vorgefertigte Ausbruchslöcher mit abgefeilten Kanten: Beteilige dich doch an einem Forum über Unkonventionalität, stelle ein Wiki gegen Angepasstheit ins weltweite Netz.
Ein wenig Bewegung kommt noch von den gesellschaftlichen Rändern: Migranten oder Minderheiten. Aber leider geht es hier vor allem darum, die verschlossenen Türen zum Mainstream aufzustoßen und mitspielen zu können im großen Stadion, in der Bundesliga der Angepasstheit. Vielleicht ist es auch nicht so, ich lasse mich gern eines Besseren belehren.
Nun gut, so ist es nun mal. Es gibt derzeit keine Jugendkultur. Eigentlich könnte man sich ja als Erwachsener darüber freuen, dann kann man endlich ungestört seine Erwachsenen-Sachen machen: Politik, Banking, Häuserbauen und so. Klar, für die Presse ist das schade, dadurch fehlen die vierteljährlichen Berichte über neue Jugendkulturen, von denen man immer so schön Fotos und schauerliche Übertreibungen bringen konnte: „Sie trinken morgens schon Bier und essen abends kleine Kinder: Punks – Jugendliche am Rand der Gesellschaft“. Aber vielleicht geht das Problem auch über die Presse hinaus.
Natürlich freut sich der Tennischampion, wenn sein Gegner im Wimbledon-Finale erschöpft aufgibt. Aber was, wenn er überhaupt keinen Gegner mehr findet? Ist das Schlagen gelber Bälle über das Netz überhaupt noch Tennis? Und: Wird sich sein Spiel nicht notwendigerweise verschlechtern? Wird er die Bälle nicht zunehmend irgendwie über das Netz lupfen, da es ohnehin keinen gibt, der sie zurückspielen könnte, sondern nur die Balljungen und -mädchen, die sie emsig wieder aufsammeln und zu ihm bringen? Durch die Aufgabe von Widerspruch gibt die Jugend auch Teilnahme auf. Sie macht natürlich nicht in Parteien mit und natürlich nicht bei langweiligen und langatmigen Meinungsbildungsprozessen und überlässt dadurch leichtfertig die unvollkommenen Grundpfeiler unserer Grundordnung dem Lauf der Gezeiten. Selten hat das Pfeilern gut getan.
Was ich sagen will: Wir sind in den letzten Jahrzehnten besser geworden durch Widerspruch. Durch den Widerspruch konnte die Richtung der Gesellschaft verändert und nicht selten verbessert werden. Ohne Widerspruch wäre es irrational, wesentliche Verbesserungen zu erwarten. Ohne Widerspruch kommen wir nicht umhin, unsere Fehler endlos zu wiederholen und schließlich eine zugeschissene Welt voller Fehler den nachfolgenden Generationen zu hinterlassen. Ich mache mir Sorgen um die Jugend von heute.

16.03.2010

Nach dem Erdbeben – Verwüstungen in Chile

von Heiko Werning

Das Erdbeben vom 27. Februar hat in Chile über 800 Menschen das Leben gekostet und großflächige Verwüstungen von Santiago und Valparaíso bis in die Araukarien- und Bíobío-Regionen des Landes angerichtet. Das Epizentrum lag bei der Stadt Concepción. Mit der Fachzeitschrift REPTILIA und dem Zoo Leipzig haben wir in Zusammenarbeit mit der Universität von Concepción ebendort eine Schutzstation für die bedrohten chilenischen Darwinfrösche (Rhinoderma darwinii) aufgebaut. Glück in der Katastrophe: Weder unsere wissenschaftlichen Mitarbeiter noch die Station selbst kam zu Schaden. Die chilenische Zoologin Johara Bourke, deren Doktorarbeit am Zoologischen Forschungsmuseum Alexander Koenig in Bonn von unserem Projekt finanziert wird, war zu einem Feldaufenthalt während des Bebens vor Ort und hat uns nun einige Bilder geschickt, die vielleicht eine etwas weniger abstrakte Vorstellung von der Situation vermitteln, während Chile weiterhin von heftigen Nachbeben erschüttert wird.

Zu einer Spendenmöglichkeit samt -aktion: siehe das Nachbarblog Latin@rama.
Dort auch weitere Einschätzungen und Beobachtungen jenseits der allgemeinen Nachrichtenlage von Claudius Prößer: Seismische Kultur, Nach dem Beben.

Instituto Barros Arena, Concepción

Auseinandergebrochenes Mehrfamilienhaus, Concepción

Plaza de la independencia, Concepción

Café Astoria, Concepción

Puente viejo, Concepción

Straßenansicht, Santiago

Straßenansicht, Santiago

Beschädigte Gebäude und Nachbeben treiben die Menschen selbst noch in Santiago auf die Straße.

Palacio de Bellas Artes, Santiago

13.03.2010

Brüder und Westerwelle

von jhein

Friends und Family – Sie kennen es von der TUI, Sie werden es lieben beim Auswärtigen Amt! Guido Westerwelle verreist mit Freunden und Familie, na und? Vielleicht ist sein Lebensgefährte zufällig der bester Sport-Event-Manager (was auch immer das sein soll) und sein Bruder ein ausgewiesener Wirtschaftsexperte für Asien. Das Problem geht doch weit über die persönlichen Kreise Westerwelles hinaus, auch wenn er im Zentrum der Debatte verbleibt. Das Problem der Günstlingswirtschaft in Deutschland ist heute noch am wenigsten an verwandtschaftlichen Beziehungen festzumachen, vielmehr droht der Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung mit einer neo-feudalen Schicht zuzuwuchern, ein Phänomen von weitaus größerer Bedeutung als der Bruder vom Schwager eines Cousins des Außenministers.

Von allen OECD-Staaten ist Deutschland das Land mit der geringsten sozialen Mobilität. Ob die Eltern der Mittel- oder Oberschicht angehören, entscheidet in Deutschland wie in keinem anderen westlichen Land über Schulabschluss, Aufstiegschancen, späteres Einkommen. In logischer Folge vollzieht sich die Entwicklung einer weitgehend abgekoppelten Unterschicht, ohne Abschluss, ohne Chancen. So entwickeln sich Parallelgesellschaften. Wer aus der dritten Generation des Wohlstands kommt, kann natürlich in jungen Jahren „Geld in die Hand nehmen“, um eine Geschäftsidee auszuprobieren. Wenn die Idee vollständig scheitert, muss eines der Ferienhäuser verkauft werden, in der Regel behilft man sich durch einen Kredit vom ehemaligen Banknachbarn, Golfpartner, Nachbarn. Bis zu zwei Millionen ist alles regelbar. Ein absolut nachvollziehbares wirtschaftliches Agieren, jedoch kein Modell für jemanden, dessen fünfköpfige Familie seit Jahren vergeblich darum kämpft, Schulden von fünftausend Euro zu überwinden.

Achtzig Prozent der heutigen Bundestagsabgeordneten stammen aus wohlhabenden Verhältnissen, zum Anfang der Bundesrepublik war das einmal vollkommen anders. Bei aller Verantwortung und auch bei Grundannahme von Redlichkeit für die Parlamentarier, kann es der überwiegenden Mehrheit der Volksvertreter nicht leicht fallen, die Probleme des so genannten Prekariats zu verstehen. Das zeigen die wenig einfühlenden, auf Einzelfälle gerichteten Anmerkungen zu den Empfängern staatlicher Transferleistungen. Und der Vorschlag, den Abstand zwischen einfacher Arbeit und Hartz-IV dadurch zu verringern, dass man letzteres noch absenkt, führt zu Einbußen für beide Gruppen. Denn schließlich verdienen die arbeitenden Geringverdiener ohnehin schon so wenig, dass sie ergänzende Hilfeleistungen regelhaft in Anspruch nehmen müssen. Und natürlich motiviere ich einen arbeitslosen Rechtsanwalt durch schärfere Regeln dazu, sich Arbeit zu suchen. Aber einen mittellosen Erwachsenen mit Migrations- dafür ohne Bildungshintergrund kann ich durch Verschärfungen nur quälen. Ihm fehlen die Modelle, seine Chance auf Integration hat man womöglich schon dadurch verpasst, dass man seiner Mutter Geld dafür bezahlte, dass sie ihren Sohn nicht in den Kindergarten gegeben hat.

So beschränken sich Freiheit und Chancengleichheit zunehmend auf eine Bevölkerungsminderheit. Für ein paar Tausend Euro kann man mit dem Ministerpräsidenten sprechen, mit größeren Summen einiges Aufsehen als Parteispender erregen. Wie aber kann man sich als Wachschützer im Drei-Schicht-Dienst mit ergänzender Sozialhilfe Gehör verschaffen? Es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn zufällig der Mann am Nachbartisch der Beste für einen Job ist. Aber wenn die Mehrzahl der Menschen draußen stehen und noch nicht einmal an die Tür klopfen können, dann ist das ungerecht und langfristig gegen unsere Demokratie gerichtet.

03.03.2010

Biodiversitätsjahr 2010 – Amphibien und Reptilien auf dem Marsch an die Spitze

von Heiko Werning

Männchen des Chamäleons Furcifer timoni aus Madagaskar Foto: Jörn Köhler



Die venezolanische Tafelbergkröte Oreophrynella seegobini Foto: Philippe Kok

Niemand weiß, wie viele Tierarten es weltweit gibt. Nicht nur die Zahl der vielen Millionen unbeschriebener Insekten liegt völlig im Dunkeln, auch bei den Wirbeltieren werden ständig neue Arten entdeckt und wissenschaftlich beschrieben. Wie das Fachmagazin TERRARIA für seine März-Ausgabe durch eine aufwändige Erhebung der wissenschaftlichen Fachliteratur ermittelt hat, betragen die Zuwachsraten „neuer“ Spezies bei den Amphibien und Reptilien rund 150 Arten pro Jahr. 2009 wurden genau 310 Arten und Unterarten neu beschrieben: 163 Amphibien und 147 Reptilien. Lurche und Kriechtiere sind damit innerhalb der Landwirbeltiere die beiden am schnellsten wachsenden Gruppen. Im internationalen Jahr der Biodiversität 2010 sind nun etwa 6.600 Amphibien- und 9.100 Reptilienarten bekannt.

Westafrikanische Unterart des Prachtskinks: Lepidothyris fernandi harlani Foto: Philipp Wagner

Während die Amphibien in punkto Artenzahlen schon vor vielen Jahren die Säugetiere übertroffen haben, sind die Reptilien nun ganz nah dran an der bislang artenreichsten Landwirbeltiergruppe, den Vögeln mit rund 10.000 Arten. Vielleicht haben sie diese auch schon überholt, denn unter den vielen Reptilien finden sich noch Hunderte von Unterarten, die genetisch so verschieden sind, dass sie nach modernen Artkonzepten wohl eher als eigenständige Arten gewertet werden müssen.

Der Iberische Laubfrosch, Hyla molleri Foto: Axel Kwet

Einerseits zeigen Amphibien und Reptilien von allen Landwirbeltieren also den größten Zuwachs an neuen Arten, doch andererseits sind diese beiden Tiergruppen auch am stärksten gefährdet. Nach Angaben der Weltnaturschutzunion IUCN gelten 30 % der Amphibien- und 20 % der Reptilienarten als vom Aussterben bedroht. Nach dem Ziel der Biodiversitätskonvention (CBD) sollen die Länder Europas den Verlust ihrer Artenvielfalt im Internationalen Jahr der Biodiversität 2010 gestoppt und andere Unterzeichnerstaaten ihren Artenverlust deutlich verlangsamt haben. Ob dieses Ziel erreichbar ist, wenn man die zu schützenden Arten und ihre Zahl noch nicht einmal annährend kennt, bleibt fraglich.

Eine madagassische Blindschlange, Typhlops andasibensis Foto: Frank Glaw

Der Nacktfingergecko Cyrtodactylus cattienensis aus Süd-Vietnam Foto: Peter Geißler

27.02.2010

Erdbeben in Chile

von Heiko Werning

Wir sind umzingelt von Leid, Katastrophen, Tod und Schmerz. Das ist keine besonders originelle Erkenntnis. Man kann wohl nur so halbwegs durchkommen, wenn man das alles in vernünftigem Maß verdrängt. Irgendwo in den westdeutschen Einfamilienhaus-Vororten geht das vielleicht am besten, hier im Wedding wird einem hier und da schon mal etwas nachdrücklicher auch ungewollt bewusst gemacht, dass es mehr gibt als hübsche Kaktusgärten und Sonnenterrassen, und wenn man mal richtig nach draußen kommt, in Länder, in denen es – bei allem Genörgel über den hier endemischen Wahnsinn – weit weniger kuschelig zugeht, und wenn man in diesen Ländern auch wirklich draußen rumkommt, wie man das als Reisender in Sachen Reptilien und Amphibien automatisch macht, dann muss man zwangsläufig seine Weltsicht ein wenig modifizieren und diversen Widersprüchlichkeiten sehr direkt unterwerfen.

Was aber nutzt das ständige Relativieren? Wenn Haiti zum Maß aller Dinge werden müsste, weil mehr Katastrophe wohl hoffentlich für eine Weile nicht vorstellbar sein wird, dann dreht man ja durch. Mich jedenfalls berührt das Erdbeben in Chile heute sehr, weil ich das Land gut kenne und mich ihm sehr verbunden fühle. Ich habe mehr als ein halbes Jahr dort verbracht, ich habe Freunde und Bekannte dort und von da, und ich habe ein Schutzprojekt für chilenische Frösche mit ins Leben gerufen, in das ich seither bis heute viel Mühe investiert habe.

Ich habe selbst in Chile ein kleines Erdbeben erlebt. Ich fand das durchaus beeindruckend. Wir lagen morgens, in einem kleinen Nest in der Atacama-Wüste, noch im Bett, als plötzlich alles vibrierte. Der große Geschirrschrank, der in den Wohnzimmer stand, in dem wir gastierten, wackelte, und das aneinander schlagende Geschirr sorgte für eine Geräuschkulisse, die die Dramatik ziemlich steigerte. Für uns zumindest. Aufgeregt rannten wir nach draußen auf den Hof, wo unsere Gastgeberin schon auf dem Hof unterwegs war, um die Hühner zu füttern. Sie lachte. Wohl auch, weil wir praktisch nackt waren, vor allem aber, weil wir weit hektischer als ihr aufgescheuchtes Federvieh über den Hof hüpften, und das wegen, wie sie uns versicherte, nichts. Solche Beben seien doch ganz alltäglich. Immerhin, “unser” terremoto schaffte es dann doch in die Nachrichten, in einigen Dörfern hatte es erheblichen Schaden angerichtet, aber die Aufregung hielt sich insgesamt sehr in Grenzen.

Das dürfte diesmal anders sein. Zum Glück ist Chile nicht Haiti, man spielt da schon in einer anderen Liga, was auch in der Bausubstanz Ausdruck findet. Trotzdem wird es wohl kaum bei den derzeit gemeldeten 122 Toten bleiben, und wäre ich gläubig, ich würde jetzt zu jedem verdammten Gott oder Allah oder Elefantenkopf beten, dass keiner unserer Freunde und Projektmitarbeiter betroffen ist. Denn das Epizentrum befand sich vor Concepción, was exakt der Standort unserer Nasenfrosch-Schutzstation ist, die der Leipziger Zoo und die REPTILIA gemeinsam mit der Universität von Concepción im letzten Jahr dort errichtet haben. Neben unseren dauerhaften wissenschaftlichen Mitarbeitern ist auch gerade die von unserem Projekt finanzierte Doktorandin vor Ort, und ich warte ungeduldig auf Nachricht von ihr. Es wird schon nichts Schlimmes passiert sein, und die Station dürfte auch alles heil überstehen, sie besteht aus Außenanlagen und Fertigcontainern, und in der Uni wird ja nachts hoffentlich auch niemand gewesen sein. Aber ein Scheißgefühl ist es doch, hier vor dem Rechner zu sitzen und das Internet nach Neuigkeiten zu durchwühlen.

Blick auf den Rohbau der Nasenfroschstation von REPTILIA, Zoo Leipzig und Universidad de Concepción auf dem Gelände der Universität Foto: A. Gutsche

26.02.2010

Jakob Hein: Wieder ein Text über den Augsburger Bischof, der einen weiten Bogen um den nahe liegenden Schulhofreim macht, mit dem der Bub bestimmt früher immer gefoppt worden und mutmaßlich deshalb heute so speziell ist

von jhein

Walter Mixa hat wieder zugeschlagen. Der Aufhetzer von Augsburg wurde befragt zu der derzeitigen Aufklärungswelle einer offenbar guten jahrzehntelangen Tradition des Missbrauchs von Kindern durch ihr Lehrpersonal an katholischen Schulen. Natürlich ist das gemein, ihn dazu zu befragen, dass ist so, als würde man einen Kölner fragen, warum denn die Düsseldorfer so eine schlechte Meinung haben, als würde man einen Nazi fragen, was denn die Juden an seiner politischen Einstellung zu bemängeln haben. Von Bruder Walter wird da nie eine Antwort zu hören sein, die verschiedene Aspekte der Diskussion besonnen abwägt und schließlich auch einen Teil der Schuld seiner eigenen Organisation zuschreibt.

Aber im Fall der jahrzehntelangen Serienmissbräuche von katholischen Geistlichen an Minderjährigen hat er eine besonders originelle Erklärung gefunden: „Die so genannte sexuelle Revolution, in deren Verlauf von besonders progressiven Moralkritikern auch die Legalisierung von sexuellem Kontakt zwischen Erwachsenen und Minderjährigen gefordert wurde, ist daran sicher nicht unschuldig.“

Wow! Das ist doch mal ein Satzmonster, das man unmöglich im ersten Durchlauf verstehen kann. Also wir verstehen: Die sexuelle Revolution ist schuld an dem Missbrauch der Kinder. Weil offensichtlich im Verlauf der sexuellen Revolution eben ein solcher Missbrauch gefordert wurde. Nun war ich ja nicht dabei, als die sexuellen Revolutionäre auf die Barrikaden gingen, sexuelle Konterrevolutionäre an die Laternen hängten und den Palast des Sexualpräsidenten einnahmen. Aber dass die sexuelle Revolution im Kern Sex mit Minderjährigen gefordert hätte, war mir bisher weitgehend entgangen. Ich hatte sie als einen Prozess wahrgenommen, der die sexuelle Selbstbestimmtheit des Individuums in den Vordergrund stellte und viele alte Sexualnormen abschaffen wollte, wie das Verbot des außerehelichen, des homosexuellen und des polyvalenten Sex. Aber dass „besonders progressive Moralkritiker“ Sex zwischen Erwachsenen und Minderjährigen gefordert hätten – für mich neu. Es gibt nur zwei Schlussfolgerungen: Entweder ich habe einen wesentliche Strömung der sexuellen Revolution nicht verstanden, oder der Bischof hat eine so genannte selektive Wahrnehmung, hat also Botschaften, in denen diese Forderung enthalten war, mit besonderem Interesse verfolgt. In diesem Zusammenhang sehr interessant, dass W. Mixa die Verfechter von Sex mit Minderjährigen als „besonders progressiv“ bezeichnet. Nun ist Progress ja nicht unbedingt ein positives Wort in der katholischen Kirche, aber echte Verwünschungen sehen anders aus, insbesondere der gute Hirte hat ja schon mehrfach nachgewiesen, dass er mehr bieten kann.

Aber selbst, wenn man annimmt, dass der Bischof Recht hat, ist in jedem Fall das Ergebnis der sexuellen Revolution nicht die Legalisierung oder massenhafte Verbreitung von Sex mit Minderjährigen gewesen. Die weitere Schwächung der Ehe, die Akzeptanz von Homosexualität in der Gesellschaft – ja. Aber Pädophilie – nein. Die Institution jedenfalls, wo die sexuelle Revolution erkennbar am wenigsten Wirkung gezeigt hat, nichts Wesentliches an der geistigen Verfasstheit verändern konnte, ist aber, nun ja, man will ja nun nicht immer gleich, aber trotzdem: die katholische fucking Kirche!

Und nun ist Mixas Erklärung also, dass eine gesellschaftliche Veränderung, der sich die Kirche widersetzt hat wie der Teufel sich geweihtem Wasser widersetzen würde, Schuld ist an Taten dieser Kirche, die aber nicht einmal Ergebnis dieser gesellschaftlichen Veränderung waren. Ich sag mal so: Vor Gericht würde man damit nicht durchkommen. „Ich habe meine Frau umgebracht, weil die immer so viele Krimis gesehen hat“, wird auch in Zukunft keine sehr erfolgreiche Verteidigungsstrategie sein.

Und gänzlich mit Grausen lässt einen erschaudern, welche zukünftigen Schweinereien die katholische Kirche in Vorbereitung hat, wenn gesellschaftliche Veränderungen solche Auswirkungen haben. „An der massenhaften genitalen Verstümmelung der Teilnehmer unserer Priesterseminare ist sicherlich die Frauenbewegung, deren fortschrittlichste Vertreterinnen ja die Kastration von Männern eingefordert haben, nicht ganz unschuldig.“

„An dem Tod Tausender Gläubiger durch vergiftetes Weihwasser sind sicherlich Bevölkerungsforscher, deren wagemutigste Vertreter ja ein Massenableben von Alten gefordert haben, nicht ganz unschuldig.“ Mensch Mixa! Wie viele Jahre hast Du schon auf Gottes schöner Erde verbracht? Wäre das Letzte nicht auch was für Dich?

25.02.2010

Gunnar Heinsohns Welt: ein Uterus

von Heiko Werning

Gunnar Heinsohn ist Demograph. Das ist wahnsinnig praktisch, weil er damit praktisch alle relevanten Probleme der Welt erklären kann.
Kriege beispielsweise. Jahrhunderte lang grübelten Philosophen und Politiker über die Ursachen, Heinsohn erklärt es uns ganz einfach: Krieg entsteht nämlich durch einen Überschuss an Jungmännern in der Gesamtbevölkerung („youth bulge“), für die es keine gesellschaftliche Verwendung gebe und die deshalb halt in den Krieg zögen. Nun könnte man einwenden, dass es sich mit solchen statistischen Zusammenhängen verhalte wie mit den berühmten Drogensüchtigen, die sich alle einstmals mit Zahnpasta die Zähne putzten, aber das wäre unangebracht, vor allem deswegen, weil Heinsohns Kernthese schon bei oberflächlicher Prüfung einfach falsch ist, denn die Geschichte kennt reichlich Kriege ohne auffälligen „Jungmännerüberschuss“. Weshalb die Theorie auch vor allem Anhänger unter jenen findet, die auf Plausibilität und Logik ohnehin nichts geben, wie etwa der Popphilosoph Sloterdijk.
Nach dem gescheiterten Anschlag eines im Jemen zum Terroristen trainierten Nigerianers auf eine amerikanische Passagiermaschine an Weihnachten erklärte Heinsohn uns, dass das ja alles gar kein Wunder sei – denn auch Terrorismus ist durch seine tolle Gebärtheorie zu erklären. In der „Welt“ ernannte er daher vier islamische Staaten mit entsprechend zahlreichen Jungmännern – nämlich Somalia, Pakistan, Afghanistan und Jemen – zum „Killer-Quartett“ mit einer besonders argen „demographischen Aufrüstung“. Es ist schon ein Grauen: Da haben sich diese Moslems also Verhältnisse von 1000:3000, 1000:4010, 1000:4080 oder gar 1000:5950 „Knaben zwischen 0 und 4“ auf „Männer zwischen 40 und 44 Jahren“ zusammengerammelt, womit sie klar in Führung gehen gegen uns, also die USA, Deutschland und andere Gebärverweigerer. Das ist tragisch, weil es bedeutet, dass es bei den Moslems einfach gar nicht drauf ankommt, wie viel sie vom überschüssigen Menschenmaterial verbraten, denn „wenn zwei Drittel dieser Jungen fallen sollten, gäbe es für jeden Hof und jede Werkstatt immer noch einen männlichen Erben.“ Bei uns dagegen: „Mit jedem Gefallenen verlöscht eine Familie.“
Womit Gunnar Heinsohn seinen offenbar subjektiven Eindruck, dass einer von uns halt einfach erheblich wertvoller ist als einer von diesen Moslems, quasi objektiviert hätte. „Diese Information sollte bei der westlichen unaufhörlichen Suche nach ´tiefer liegenden´ Problemen nicht immer wieder unter den Tisch fallen“, findet er entsprechend. Wobei man so genau gar nicht wissen möchte, wie er als im Nebenberuf tätiger Genozidforscher sich denn eine adäquate Berücksichtigung dieses Befundes vorstellt.
Aber nicht nur Krieg und Terror lassen sich dadurch erklären, dass die Falschen zu viele Kinder kriegen, auch das angebliche Scheitern des Sozialstaates. Die diskutierte Erhöhung der Hartz-IV-Sätze für Kinder hält er für falsch, weil sie sich direkt auf die Vermehrungsfreudigkeit der Beschenkten auswirke. Denn je mehr und je länger Bedürftige Geld für Kinder bekommen, desto mehr Kinder produzieren sie, die dann aber leider strunzdumm bleiben müssen, weil die Mütter ihnen vor lauter Reproduktion nichts beibiegen können. Wörtlich wiederum in der „Welt“: „Die aber hören dann mit dem Kinderkriegen nicht auf, um es für die bestmögliche Erziehung der schon vorhandenen einzusetzen, sondern bekommen weitere Kinder. Zugleich verschlechtern sich die Entwicklungschancen der bereits vorhandenen Kinder und die der neuen gleich mit. Um der wachsenden Bildungsferne zu begegnen, werden die staatlichen Hilfen erhöht, was noch mehr Neugeborene nach sich zieht. Hilfe gibt es am Ende vor allem für Frauen, die durch Vermehrung nach Einkommen streben.“
Dementsprechend muss man nur den Geldhahn nach unten zudrehen, schon sinkt die Produktionsrate für dumme angehende Hartz-IVler. Als Beleg führt Heinsohn die USA an, wo die Sozialhilfe 1996 per Gesetz auf fünf Jahre begrenzt wurde. Mit, wie er begeistert berichtet, beeindruckendem Erfolg: „Obwohl Amerika seine Ausgaben gegen Armut herunterfährt, nimmt die Zahl der Armen nicht etwa zu, sondern ab. Erhalten am Vorabend des Gesetzes im Jahre 1996 noch 12,2 Millionen Bürger Sozialhilfe, so sind es 2005 nur noch 4,5 Millionen.“ 12 Millionen Sozialhilfeempfänger bekommen also nur noch fünf Jahre lang Unterstützung, und zehn Jahre später sind es – voilá! – nur noch 4,5 Millionen. Das ist natürlich ein gleich doppelt schlagender Beweis dafür, dass durch Beschränkung der Sozialhilfe die Armut abnimmt. Aber, möchte man Gunnar Heinsohn fragen, wäre es dann nicht noch erfolgversprechender, die Sozialhilfe auf, sagen wir: ein Jahr zu begrenzen? Wäre dann nicht nach, sagen wir: bereits zwei Jahren damit zu rechnen, dass es praktisch überhaupt keine Sozialhilfeempfänger mehr gäbe? Oder noch besser: die Sozialhilfe gleich ganz streichen, denn dann gibt es ja auch keine Armut mehr?
Die Welt kann so einfach sein, wenn man sie durch eine Gebärmutter betrachtet.

23.02.2010

Jakob Hein: Wie „Aloe vera mondstill“ entstanden ist

von jhein

Wie sah der Arbeitsprozess an „Aloe vera mondstill“ denn aus? Morgens erst mal eine Runde joggen – hat sie ja ihrem Onkel Harald erzählt – dann an den Schreibtisch setzen und am Buch arbeiten. Was macht eine Minderjährige eigentlich morgens am Schreibtisch? Hat sie etwa vorzeitig das Streber-Abitur abgelegt und wartet auf einen Studienplatz an einer Elite-Uni? Oder hat sie die Schule abgebrochen und muss bis zur Volljährigkeit warten, bevor sie einen Job als Alkoholausschenkende antreten darf? Warum hat ihr niemand eine Lehre empfohlen oder irgendetwas Normales? Warum sitzt sie überhaupt am Schreibtisch?

Wie sie da jedenfalls so sitzt, da denkt sie sich: „Jetzt mal Schriftstellerin, das würde ziemlich gut kommen. So – was’n jetzt? Ach so, was über das eigene Leben. Klar, das kann ich machen: Mutter gestorben, Abitur abgebrochen. So – lass mal sehen. Zwei Seiten.

Kling, kling. Hallo. Ja! Verlag? Ich wollte mich melden, weil ich habe einen Roman geschrieben. Ja! Einen Roman. Wie? Zwei Seiten. Ach? Na ja, es könnten auch drei sein, ich habe ziemlich eng … Ah, drei wäre auch zu wenig. Ach je! Was soll ich denn da die ganze Zeit schreiben? Sex – aha. Drogen – aha. Gut, ich schreib’s mir dann mal auf und melde mich wieder.

Sex und Drogen – dann wollen wir mal überlegen. Besoffen war ich ja schon vier Mal. Einmal bei Biancas Geburtstag, eigentlich zwei Mal bei Bianca, dann noch ein Mal auf dieser Disko und einmal auf Klassenfahrt. Und Sex? Na ja, ich helfe mir mindestens zweimal in der Woche selbst und habe mit dem Stefan mal ziemlich herumgeknutscht. Übrigens auch auf Biancas Geburtstag. Sex und Drogen! Ich kenne mich eigentlich aus.

Kling, kling. Hallo, Verlag? Ich bin’s noch mal. Wegen dem Roman. Ja, Sex ist jetzt drin und Alkohol. Reichlich. Die Hauptheldin masturbiert jeden Tag und fummelt mit älteren Jungs auf Geburtstagspartys herum. Was? Noch nicht das Wahre? Drogen außer Alkohol? Und richtiger Sex, Stichwort: Darf’s ein bisschen mehr sein? Aha. Ich melde mich wieder.

Mehr Sex. Und Drogen. Wäre ja eigentlich eine gute Sache, aber wo bekommt man so was her? Am besten wäre vielleicht, mal wegzugehen, aber ich komme ja noch nirgendwo rein.

Kling, kling. Hallo? Ja, ich will sie nicht nerven, aber ich wollte Bescheid sagen, dass ich dann jetzt erst mal zwei Jahre warten würde, bis ich achtzehn bin und tatsächlich ein bisschen Erfahrung mit Drogen und so … Was? Ach, das wäre ganz schlecht? Je jünger, je besser? Aber wo soll ich denn … Ja, ne, ist gut. Ich kümmere mich.

So eine Scheiße! Na, ich kann das ja mal googeln. Drogen, Sex – suchen. Himmel! Da geht ja was ab! Von hinten, von unten und sogar von vorn! Drogen: rauchen, schlucken, spritzen. Interessant! Total interessant! Das wäre doch mal richtig spannend. Mann, wenn ich mal groß bin und nicht mehr ständig am Schreibtisch hocke, dann muss ich das auch mal machen. Aber ein bisschen umschreiben muss man das schon: Er lag nackend auf ihr, weil sie beide Haschisch geraucht hatten. Sein erigierter Penis penetrierte ihre – ich schreib einfach mal – Muschi und er bewegte sich hin und her. Himmel, jetzt bin ich erregt. Das ist der Knaller.

Kling – Verlag? Sie werden staunen! Sex, Drogen, hemmungslos. Ja! Ich sage Ihnen! Bitte? Muschi und erigierter Penis schon die richtige Richtung aber noch nicht die Endhaltestelle? Haschisch. Was? Ja, als Thema schon ein bisschen durch. Verstehe. Also ich melde mich wieder.

Schade. Ich hätte mir so gewünscht, dass er auf ihr liegt und sein erigierter Penis … Was soll ich denn sonst? Mal googeln. Faust in den Po – das ist ja widerlich! Irgendwo im Dunkelzimmer irgendwelche Penisse irgendwohin stecken – na Prost Mahlzeit! Da würde ich aber auch lieber vorher irgendwelche Drogen nehmen, sonst muss das ja schrecklich sein, wenn man das noch merkt. So – mal nachsehen. Crystal Meth, MDMA, Koks – kommt alles rein. Geht doch ganz gut voran, eigentlich. So, jetzt noch was über Clubs und so. Über das Going easy wollen die bestimmt nichts lesen, da muss ich nicht beim Verlag anrufen. Die wollen natürlich den härtesten, angesagtesten und gleichzeitig abgefahrensten Club der ganzen Hauptstadt. Angesagt, Club, Hauptstadt – Google. Ach ja, davon habe ich schon mal in der Zeitung gelesen. Da kommt man erst ab einundzwanzig rein. Und das beginnt auch richtig spät, da schlafe ich schon längst, sonst kann ich morgens nicht joggen. So dann schauen wir mal nach … Hier, das sind doch schöne Sätze: Ficken, Club, klingt hart. Das nehme ich auf jeden Fall. So, dann hier, hier und hier. Auch noch so was. Himmel! Also wenn ich später mal erwachsen bin, will ich mit so etwas aber absolut nichts zu tun haben!

Hallo? Verlag? Ja, ich bin jetzt fertig. Sinnentleerter Drogensex ohne Gefühle zu Elektromusik. Was? Authentisch? Ja, das finde ich auch.