11.02.2012 von Jakob Hein

Seit 1989 sind in Berlin Dutzende von Lesebühnen entstanden: Ensembles von Autorinnen und Autoren, die in Kneipen und Clubs ihre neuen Geschichten vorlesen.Berlin schmückt sich gern mit diesen Veranstaltungen, die jedes Jahr von Tausenden von Berlinern und Touristen besucht werden und die inzwischen etliche namhafte Kabarettisten und Schriftsteller hervorgebracht haben.
Leider interessiert sich die Berliner Politik nicht dafür, was für die Entstehung einer solchen lebendigen Szene notwendig ist: Cafés, in denen die Getränkepreise so niedrig sein können wie der Eintritt. Kneipen, in denen Künstlerinnen und
Künstler einfach etwas ausprobieren können, ohne dass es Geld abwerfen muss. Clubs, deren Betreiber sich nicht ständig sorgen müssen, wie sie die grotesken Renditen für die Hausbesitzer erwirtschaften können.
Nun soll auch der Schokoladen schließen und von der Polizei geräumt werden.
Ohne Orte wie den Schokoladen wären die Berliner Lesebühnen nie entstanden!
Bis vor wenigen Jahren konnten wir uns leicht trösten,… weiter lesen
10.02.2012 von Jakob Hein

Die Festung Flensburg fällt: Endlich wieder große "Autoholowanie", wie man so schön in Polen sagt.
Welches Glück! Endlich unternimmt mal jemand etwas gegen das Zentralproblem der Welt! Freiheitskämpfe, Finanzkrise, Filmfestspiele – klar, alles auch Sachen, die einem den Tag verhageln können. Aber, wie wir an so vielen Abenden geknechtet zwischen den Zähnen hervorpressten, was war mit dem großen, dem wahren “F”, das unsere Herzen drückte, unsere Sinne trübte. Flensburg! Die Behörde, deren Krakenarme in jede Ecke unseres Landes reichten und den Freiheitswillen aller Bürger unterdrückten, das Fundament unserer Demokratie zermürbten. Nur eine einzige zügige Zielfahrt durch ein Gebiet, in dem wildgewordene Feinde der Freiheit stets völlig grundlos irgendwelche Schilder mit aus dem Zufallsgenerator gefallenen Zahlen aufgestellt hatten – oder waren es häufig auftretende Lottozahlen?, weil sie immer so niedrig waren – und schon bekam man Punkte. Punkte, Punkte, Punkte! 2, 3, 4 – 18! Gequält und geknechtet wurde… weiter lesen
04.02.2012 von Jakob Hein

Don't we all like the Wurst: Vielleicht ist nachher sogar noch Platz für ein hot dog?
Der Wissenschaftsteil der Süddeutschen Zeitung berichtet gestern über ein psychologisches Experiment zum Menschenbild von Fleischessern gegenüber Vegetariern. Die Wissenschaftler befragten Fleischesser zu ihren Assoziationen über Vegetarier. Diese wurden von 47% der Fleischesser mit negativen Begriffen wie “nervend” und “arrogant” beschrieben. Wurden die Fleischesser zum Bild der Vegetarier über sich selbst befragt, waren sie überzeugt, dass die Vegetarier ein schlechtes Bild von ihnen hätten. Die Wissenschaftler interpretieren diese Studie übrigens nur als ein Beispiel dafür, wie sich Mehrheiten durch Minderheiten moralisch bewertet fühlen können.
Die Erkenntnisse der Wissenschaftler könnten nicht schöner bestätigt werden als durch die Leserkommentare auf sueddeutsche.de. Der Artikel ist momentan der am meisten kommentierte und der Ton ist scharf.
So schreibt henrytheeighth: “Blöde Witzchen sind nichts gegen die verbrecherische menschenverachtende Ideologie der Hardcore-Veganer. Im Internet finden sich widerlichste… weiter lesen
01.02.2012 von Jakob Hein

Robert Lembke für Fortgeschrittene: Welches Schweinderl soll eigentlich was bedeuten?
Schon mehrfach mussten wir darauf hinweisen, dass die Krise des Euros auch eine Krise der Karikatur bedeutet. Aufgabe der Karikatur ist es ja witzig zu sein, Sachverhalte zuzuspitzen, interessante Parallelen aufzuzeigen, Missstände bloßzulegen.
Die heutige Karikatur in der Süddeutschen versteht es, wohl keine dieser Aufgaben zu erfüllen. Irgendwer schüttet aus einem Riesensack Euros in einen Schweinekoben voller – Witz lass nach! – Sparschweine. Die Szenerie wird beobachtet von den EU-Regierungschefs und Anzugträgern, die die Schilder “Ban”, “ken”, “Speku” und “lanten” bei sich führen.
Was soll das bedeuten? Die Bauern, die in Milliardenhöhe über Jahrzehnte EU-Subventionen bekommen haben, schütten diese nun als Investitionen in die Sparschweine? Wer sind die Sparschweine? Der nicht zustandegekommene griechische Sparkommissar oder wir alle? Wenn es aber wir sind, warum fressen wir dann die Investitionen, die doch aus uns herauskommen müssten, um den Sack zu… weiter lesen
31.01.2012 von Jakob Hein
Die Genregrenzen lösen sich zunehmend auf, hätte man früher gesagt, als die Menschen noch etwas mit dem Begriff des Genres anfangen konnte. Heute, da kann man sich sofort Schauspieler nennen, wenn man nur ausreichend hysterisch ist, sofort Musiker, wenn man ein Instrument gerade halten kann, sofort Maler, wenn jemand Geld dafür bezahlt und sogar wenn man die Musik anderer Leute zu Gehör bringt, gilt man heute als Musikschaffender.
Klar, dass in so einer Welt auch Köche längst nicht mehr die Erfüllungsgehilfen irgendwelcher Traditionen sind, sondern kreative, wilde, freie Menschen, die aus dem, was der Planet so hergibt, Essen zaubern. Und wie schön ist es da, wenn DJ Cooker am Abend nicht die “Symphonie aus Sauerkraut” oder die “Arien über Apfelrotkohl” herunterleiert, sondern einfach mal ein paar frische “Hits mit Hack” auflegt. Wer freut sich nicht, wenn er ein paar “Asia Hack Muffins und mehr” appetitlich angerichtet auf seinem Tellerchen findet?… weiter lesen
22.01.2012 von Jakob Hein

Die Grenze zwischen Qualität und Quantität ist mitunter hauchdünn.
Es gäbe soviel, was man im Fernsehen zeigen könnte: Alle Folgen von “Monthy Python’s Flying Circus” oder die sehr lustige Serie “Extras” über Nebendarsteller, in der sich die Creme de la Creme englischer Filmstars als komplette Ekelpakete darstellt (legendär: David Bowie) oder ein paar alte Folgen von “Pinky und der Brain” über zwei Mäuse auf dem Weg zur Weltherrschaft. Es wäre auch in Ordnung, einfach mal zwei Stunden lang nur ein schwarzes Bild zu senden, aus Solidarität mit Wikipedia und als Fanal gegen die allerorten verbreitete Geschwätzigkeit.
Aber der gebührenfinanzierte Sender “arte” hat all dies gestern nicht gemacht. Statt dessen zeigten sie lieber fast zwei Stunden lang Werbung im Abendprogramm. Auf der Berliner Textil-Messe “Fashion Week” gibt es eine Veranstaltung namens “Style Nite”. Dort zeigen Models Mode während Bands Musik spielen. Natürlich war die Choreographie perfekt, klar dass die… weiter lesen
21.01.2012 von Jakob Hein

Guck mal, da oben! (Abgebildete Person ist übrigens absichtlich unkenntlich, war aber auch keine Bundespolitikerin, mit der sie minimale Ähnlichkeit zu haben schien)
Ist es eigentlich eine Art Behinderung, wenn man nicht versteht, was ein durchgestrichenes Mobiltelefon und daneben das Piktogramm einer Person, die mahnend ihre Lippen mit dem Zeigefinger verschließt, bedeuten soll? Oder ist es einfach eine Art Extremsportart, wo man sich Schilder aussucht und dann ganz konkret gegen sie handelt? In den meisten Fällen ist es ja tatsächlich so, dass Schilder lügen. Zum Beispiel “Keine Beförderung ohne gültigen Fahrschein möglich” – totaler Quatsch, wie die meisten wissen, die das schon mal ausprobiert haben. Genauso wie das Schild “Hier kein Durchgang”. Das ist in komplexen Gebäuden ein sicherer Hinweis dafür, dass genau an dieser Stelle ein einwandfrei funktionierender Durchgang ist, die Leute dahinter bloß nicht wollen, dass da Hinz und Kunz durchlatschen.
Aber wenn man schon gern… weiter lesen
20.01.2012 von Jakob Hein
Es ist schön, im Bioladen Quellen der Inspiration zu finden. So ist hier zum Beispiel die Inspiration für den sehr funkigen, mit knalligen Bläsersätzen gespielten Smash-Hit “Diagnose Funk”:
“Ich ging einmal zum Doktor
Und sagte: Ich habe ein Problem:
Meine Füße wollen immer tanzen,
und können nicht still stehen.
Der Doc, er sah mich an
Und sagte: Mann, Du bist wirklich krank!
Und das, woran Du leidest
Ist die Diagnose Funk!
(Chor: Diagnose Funk, Diagnose Funk – ein Leben lang!)”
Klar: Schwarze Anzüge auf der Bühne, Sonnenbrille, Frauen im Abendkleid.
16.01.2012 von Heiko Werning
Als im Februar letzten Jahres der tunesische Präsident Ben Ali von seinem wütenden Volk aus dem Land gejagt wurde, löste das Schockwellen aus, die die ganze Region erschütterten. Ein Regime nach dem anderen geriet ins Wanken: erst Mubarak und Gaddafi, und heute, ein Jahr nach dem Beginn der Aufstände: Assad und Wulff.
Wie gelähmt schien das deutsche Volk lange Zeit unter der Schreckensherrschaft des Niedersachsen, der seine Untertanen systematisch mit seiner schwiegersohnesken Ausstrahlung, seinem an ungezählten Pixi-Büchern geschärften Intellekt und seiner Rauflust, die selbst einen unter Beruhigungsmitteln stehenden Pandabären erschaudern lässt, rundum paralysierte und in tiefe Agonie trieb. Doch hinter der Fassade des leicht irren, aber im Grunde harmlosen Exzentrikers, des schillernden Paradiesvogels Christian Wulff, plünderte der Bundespräsident sein Land in nie gekannter Rücksichtslosigkeit aus und führt ein luxuriöses Lotterleben, das jeglichen Moralvorstellungen höhnt. Er hatte in den letzten Jahrzehnten nachweislich Sex mit zwei verschiedenen… weiter lesen
14.01.2012 von Jakob Hein

Feine Doppelmoral: Bei Medikamenten für kranke Vögel meckern, aber wenn man ihnen Drogen gibt, nichts sagen.
„Keime aus dem Hühnerstall“ und „Nicht scharf auf Antibiotika“ mit solchen und ähnlichen Schlagzeilen wird in unverantwortlicher Weise durch die Journaille wieder die nächste Sau – pardon, das nächste Masthenderl durchs Dorf gejagt. Nachdem man keine Feder mehr findet, die man noch beim Bundespräsdialhahn, bzw. –Wulff rupfen kann, geht es nun zum nächsten Pseudoskandal. Wie üblich wird das Problem dabei aus einer völlig eingeengten, reißerischen Perspektive betrachtet, die journalistische Ausgewogenheit entspricht der Besonnenheit eines Lynchmobs im Alabama.
Unbestritten ist es, dass jährlich etwa 900 Tonnen Antibiotika in der Tiermast eingesetzt werden, davon aber entfällt nur ein Teil auf die knusprigen Henderl, schließlich muss auch noch für die Ochsen und Sauen etwas übrig bleiben. Klar, dass hier die üblichen Vegetarier wieder einen Grund sehen, auf die fleischverarbeitende Industrie einzuteufeln, aber das sind… weiter lesen