Miami Vice im Wrangelkiez

von Heiko Werning

Zustände wie einstmals in der Bronx verspricht uns der SPIEGEL für Berlin ja schon seit geraumer Zeit. Nun weiß ich aus eigener Anschauung nicht, wie es dort so zuging, aber ob solche Schreckensszenarien wie das Folgende aus dem Kreuzberger Wrangelkiez dort auch an der Tagesordnung waren?

Letzten Dienstag: Vier Kinder im Alter von 12 Jahren klauen einem anderen, etwas älteren Kind einen MP3-Player – nein, halt, falsch, zum Glück kam es nicht zum Äußersten: dem 15-jährigen gelang es erfolgreich, den brutalen Raub abzuwehren, die Dreikäsehochs mussten die Flucht antreten. Der Staatsmacht gelang es, in einer dramatischen Polizeiaktion immerhin zwei der Grundschüler zu stellen. Einer der Augenzeugen, Herr Yüksel (Name ausdrücklich nicht geändert), vor dessen Lotto-Toto-Shop die kriminalistische Großtat gelang, berichtet: „Es war wie bei Miami Vice. Die Polizisten sind mit Schlagstöcken und gezogenen Waffen über die Begrünung auf die Kinder zugestürmt.“ Eine deutsche Augenzeugin: „Die kamen in 1.-Mai-Montur an und haben die Zwölfjährigen in Handschellen vor die Wand geschubst.“ Ein Hoch auf diesen Fahndungserfolg, für den die Beamten sich fraglos die große Berliner Tapferkeitsmedaille vom Innensenator persönlich verdient haben.

So also geht es zu in den deutschen Innenstadtghettos. Furchtbare Verbrechen, furchtlose Ordnungshüter, es ist ein einziger Kampf da draußen in diesem Dschungel. Aber irgendetwas hat diesmal nicht so richtig geklappt: Obwohl also die Beamten die dreisten Verbrecher – man vergegenwärtige sich noch einmal: fast hätten zwei Kinder einem anderen Kind seinen MP3-Player geklaut – zur Strecke gebracht und dabei trotz der rasend gefährlichen Situation ihren berühmten Berliner Humor nicht verloren haben, wobei ihre sicherlich vortrefflichen Scherze sich naheliegenderweise in vermutlich feinsinnig-ironischer Art mit dem Migrationshintergrund der Eltern oder Großeltern der Kinder auseinandergesetzt haben, trotz dieses erfolgreichen „Herz und Schnauze“-Einsatzes also waren die Bewohner der Gegend offenbar nicht etwa dankbar, dass dieses Nest des Verbrechens ausgehoben wurde, bevor die  Küken richtig flügge werden konnten, sondern, sagen wir mal: sie brachten ihr Unverständnis zum Ausdruck. Ein 23-jähriger namens Mehmet hat nach eigener Aussage „die Beamten zur Rede stellen wollen“ und ihnen unverfroren an den Kopf geworfen: „Ihr seid doch alle gleich, nur weil ihr Uniformen anhabt, glaubt ihr, ihr könnt euch alles erlauben.“ Was für eine haltlose Unterstellung! Konsequenterweise wurde er mit einem weiteren launischen Spruch (nach Zeugenaussagen: „Geh dahin wo, du herkommst, du hast in Deutschland nichts zu suchen.”) bedacht und anschließend wegen versuchter Gefangenenbefreiung festgenommen. Laut Berliner Morgenpost sagte Mehmet übrigens wörtlich (ein weiteres erschütterndes Beispiel des sprachlichen Verfalls der Migranten): „Meinem Freund wurde gesagt, er soll sich in sein Heimatland scheren. Wir empfanden das rassistisch und haben es auch gesagt.“ Das alles missfiel weiteren hinzugekommenen Kiezbewohnern, es kam zu einer Massenrangelei zwischen laut Polizei 80–100 Kindern und Jugendlichen und den eilig herbeigerufenen Kampfkameraden, die mit Gummiknüppeln und Tränengas dem Recht letztlich zum Sieg verhalfen. Mehrere Jugendliche und Polizisten wurden dabei verletzt.

Angesichts dieser ungeheuren Vorfälle ist es nur logisch, dass SPIEGEL-online sie zur Top-Meldung des Tages macht unter dem Titel „Eskalation im Kiez – Krawalle alarmieren Polizei“ und dem Teaser-Text: „Jugendliche gehen auf Polizisten los, arabische und türkische Anwohner behindern Feuerwehr und Sanitäter: Drohen in Berlin Zustände wie in Pariser Vorstädten?“ Und gleich der erste Satz des zugehörigen Artikels lässt es unheilvoll brodeln: „Die Stimmung im Kreuzberger Wrangelkiez, einem zugigen Altbauviertel mit hohem Ausländeranteil, ist aufgeladen.“ Ein zugiges Altbauviertel? Was soll denn das sein? Machen die alle ihre Fenster nicht zu, diese Türken und Araber? Weht den Journalisten hier ein besonders strenger Wind entgegen? Oder will die Reporterin andeuten, dass das ganze Viertel einfach eingezäunt und abgedichtet gehört, was aber noch nicht hinreichend gelungen ist, es gibt noch Durchschlupfe und Fugen zum Rest der Stadt, weshalb es eben leider als zugig zu bezeichnen ist? Um anschließend festzustellen: „Nach einem Hoffnungsschimmer muss man in Gegenden wie der Wrangelstraße lange suchen.“ Da ist es auch nur logisch, wenn SPIEGEL-online bang konstatiert: „Französische Verhältnisse mitten in Berlin“, um dann zu fragen: „Entgleitet der Polizei in Deutschland jetzt die Kontrolle über ganze Straßenzüge wie den Flics in Frankreich schon lange die Kontrolle in den Vorstädten? Zustände wie in der Pariser Banlieue, wo im letzten Jahr nach dem Tod zweier Jugendlicher heftige Unruhen entbrannten – die Kinder maghrebinischer und schwarzafrikanischer Einwanderer ganze Stadtteile terrorisierten, Busse anzündeten, Angst und Schrecken verbreiteten? Wo die Staatsgewalt zum machtlosen Beobachter verkam?

Wir rechnen mit dem Schlimmsten. Schon überschlagen sich die Meldungen über weitere Krawalle, wie ein Lauffeuer breiten sie sich aus, die Stadt scheint am Rande eines Bürgerkriegs zu stehen.

In Neukölln, so vermeldet ein Sprecher des Polizeipräsidenten, haben zwei 10-jährige einen Kaugummiautomaten geknackt und seien mit dem Diebesgut, Hubbabubbas im Wert von geschätzten 3,90 €, über die Herrmannstraße geflohen. Erst einem Großaufgebot der Polizei gelang es schließlich, die Kriminellen in ihrem Kinderzimmer zur Aufgabe zu bewegen. Besonders bedenklich in diesem Zusammenhang sei, dass die Eltern aktiven Widerstand geleistet hätten, nachdem die Wohnungstür aufgesprengt worden war. Die Polizisten seien mit Ausdrücken wie „Huch! Was´n nu los?“ provoziert worden, der Vater habe sogar, wie die Beamten übereinstimmend bestätigten, angeboten, die 3,90 € zu begleichen, wenn die Kinder dafür in Ruhe gelassen würden. Er wurde wegen versuchter Gefangenenbefreiung und Bestechung festgenommen.

Trotz dieses Teilerfolges konnten andere Brandherde noch nicht gelöscht werden. Im Wedding kam es zu einem Raubüberfall im Humboldthain. Das polizeibekannte türkischstämmige Gangster-Duo Erkan und Tarek (anderthalb und zwei Jahre – von der Polizei später als schlecht integrierte Intensivtäter charakterisiert: „Sie konnten nicht mal richtig Deutsch!“) hat einem anderen Kind (Kalle, 2) brutal ein Tigerenten-Förmchen entrissen, nachdem sie ihm zuvor mit der Plastikschippe auf die Hand geschlagen und ihn mit Sand beworfen hätten. Zwar sei ein Sondereinsatzkommando des LKA rechtzeitig zur Stelle gewesen und habe alle Parkeingänge mit Scharfschützen umstellen können, den Tätern sei aber dennoch die Flucht geglückt, weil sie, so der Einsatzleiter, „einfach unter dem Zaun durchgekrabbelt sind, diese Miststücke, sie werden immer trickreicher.“ Ein Polizist habe versucht, sie zu verfolgen, sei aber aufgrund seines Leibesumfangs unter dem Zaun stecken geblieben und musste von seinen Kollegen befreit werden. „Sie haben ihn heimtückisch in die Falle gelockt“, beklagte der Einsatzleiter, „und das Schlimme ist ja, selbst wenn wir sie erwischt hätten – bei der Gesetzeslage hätten wir sie spätestens nach einigen Tagen ja doch wieder krabbeln lassen müssen.“


3 Kommentare zu "Miami Vice im Wrangelkiez"

  1. Launig und gut geschrieben (wie fast immer).
    ABER: Mir macht es schon Sorgen, wenn Kinder (12 Jahre) andere Kinder bestehlen. Dafür müssen diese zur Rechenschaft gezogen werden. Das “Abziehen” (was für ein Euphemismus) von Handys, MP3-Playern, Schuhen, etc. ist ein großes Problem und sollte nicht so einfach bagatellisiert werden.
    Just my 10 cent.

  2. Ich neige bestimmt nicht zur Bagatellisierung von Raub. Auch ABER: Wenn Polizisten bewaffnet und mit Handschellen gegen Kinder vorgehen und Medien mit aller Gewalt versuchen, daraus bürgerkriegsartige Zustände herbeizuschreiben, dann bereitet mir das noch mehr Sorgen, und darauf bezieht der Text sich. Abgesehen davon: Auch zu meiner Kinder- und Jugendzeit im ruhigen Westfälischen waren Gemeinheiten, Prügel und “Abziehen” durchaus nichts Ungewöhnliches, und da hätten wir auch ganz schön geguckt, wenn plötzlich irgendein Polizist mit gezückten Handschellen über die Hecke gehüpft wäre. Ich will nicht bestreiten, dass der Ton und Umgang in vielen Gegenden heute deutlich rauer ist – aber andererseits glaube ich nicht, dass der jugendinterne versuchte Diebstahl eines z. B. Walkman es damals auch nur in die Lokalpresse geschafft hätte, geschweige denn in die nationalen Nachrichten.

  3. Pingback: [i:rrhoblog] » links for 2006-11-21

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