Darwins schönstes Mitbringsel: der Nasenfrosch

von Heiko Werning

M. Solé

Als Charles Darwin 1840 auf der südwestchilenischen Insel Chiloe ankam, war er ziemlich gar: Die Umsegelung von Kap Hoorn galt damals als eine der gefährlichsten Passagen der gesamten Schifffahrt, und auch die Beagle wurde ordentlich durchgeschüttelt und schaffte es erst im zweiten Anlauf. Die südchilenische Pazifikküste dann ist über endlose Streckenabschnitte unbesiedelt, nur kalte Regenwälder, Eisfelder, Fjorde. Und Chiloe bot den Forschungsreisenden zwar erstmals seit Wochen wieder menschliche Zivilisation, aber das Wetter ist in dieser Region Chiles permanent regnerisch und kühl, entsprechend ist einfach alles durchnässt, klamm, kalt, unangenehm. Genau hier stieß Darwin auf kleine, außergewöhnliche Fröschchen, die in großer Zahl über den Waldboden huppelten.

Seltsam sahen sie aus, die nur etwa daumennagelgroßen Tiere. Überall am Körper hatten sie kleine Verwachsungen, Nöppel auf der glitschigen Haut, kantige Hautsäume und einen spitzen Schnauzenfortsatz, der wie eine kleine Nase aussah.

M. SoléM. Solé

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Die Tiere waren knallig grün oder braun oder beides gemischt, keines glich dem anderen. Fasziniert betrachtete Darwin die Winzlinge und brachte einen Schwung als Belegexemplare mit nach Europa, wo sie im Pariser Naturkundemuseum genauer untersucht wurden. Den Wissenschaftlern dort war sofort klar, dass sie es hier mit einem recht außergewöhnlichen Frosch zu tun hatten, und sie stellten ihn daher in eine eigene Gattung: Rhinoderma, auf den Hautfortsatz der Nase Bezug nehmend, und die Arten nannten sie ihrem Entdecker zu Ehren darwinii.

BellBell

Mir begegneten die Nasenfrösche zuerst im Zoologischen Forschungsmuseum Alexander Koenig in Bonn. Ein auf den ersten Blick recht verschroben wirkender Wissenschaftler, Klaus Busse, hielt dort eine kleine Kolonie und beobachtete das faszinierende Verhalten der Tiere. Ich beobachtete aber zunächst das Verhalten des nicht minder faszinierenden Froschforschers. Busse stammt aus Chile, ist im Alter von 30 Jahren 1972 nach Deutschland gekommen, um auf einer Insel im Wattenmeer Vögel zu erforschen und blieb dann nach Abschluss seiner Arbeit einige Jahre als Vogelwart dort hängen, um dann als Ichtyologe, also Fischkundiger mit Nebenforschungsgebiet Frösche im Bonner Museum anzuheuern. Busse weiß, wie ein Wissenschaftler auszusehen hat: das schlohweiße Haar korrespondiert perfekt zu seinem weißen, rauschenden Vollbart, und als ich ihn kennen lernte, trug er eine Brille, deren rechtes Glas mit Silikon zusammengehalten wurde. Er war einige Wochen zuvor versehentlich draufgetreten, das Glas zerdepperte, aber er hat es einfach wieder zusammengeklebt. Klappte. Wozu also eine neue Brille. Der äußere Eindruck wird durch sein etwas zerstreut wirkendes Wesen noch unterstützt, und Busse scheint das bis zu einem gewissen Grad auch zu gefallen. Jedenfalls genießt er eine Art Narrenfreiheit, wenn er mit seinem Fahrrad samt selbst zusammengebauten Bollerwagen-Anhänger durch Bonn radelt, unterwegs an Sperrmüllhaufen anhält, um nach verwertbarem Material für seine Bastel-Leidenschaft zu suchen, und sein kleines Häuschen inmitten einer typischen bürgerlichen Bonner Einfamilienhaussiedlung dürfte auch stadtbekannt sein.

Böhme ZFMK

Vollkommen zugewachsen ist es mit irgendwelchen chilenischen Ranken, während alle Häuser ringsum gepflegte Fassaden und gestriegelte Gärten haben. Bei Busse dient ein dicker Plastikfisch als Klingel, der, wenn man einen Knopf drückt, „always look on the bride side of life“ singt und dazu merkwürdige Bewegungen macht. Im Haus ist es auch im Winter schon schön warm, wenn man hereinkommt, denn Busse hat irgendeine wahnsinnige Konstruktion gebastelt, die es ihm ermöglicht, per Telefonanruf den Ofen anzuwerfen, denn in der alten Hütte gibt es keine Zentralheizung. Einen Keller gab es auch nicht, den buddelt Busse mit dem Spaten aber gerade selbst. Die Lampen hat er sich aus alten Autoscheinwerfern gebastelt, und so sitzen wir im Abblendlicht an seinem hölzernen Küchentisch und essen Brote mit selbst gemachter Marmelade irgendwelcher chilenischer Beeren, die sehr schmackhaft sind. Dabei boxt einem immer ein dicker Hase ans Bein, der auch etwas abhaben oder einfach nur gekrault werden will. Oder raus in den Garten, in dem auch noch chilenische Frösche leben, deren bemerkenswert laute Rufe wohl schon längst massive Proteste der Nachbarn zur Folge gehabt hätten, wenn sie nicht so verdammt gar nicht nach Fröschen klingen würden, eher nach startenden Düsenjägern, und dabei einfach nicht zu orten sind, weil sie diesen Krach unter Wasser fabrizieren. Vermutlich ahnen die Nachbarn, dass der verschrobene Wissenschaftler hinter dem Lärm steckt, aber sie können es ihm nicht beweisen.

Klaus Busse

Und so sitzt Caudiverbera caudiverbera am Grund der kleinen Wasserlöcher in Busses Garten, veranstaltet eine bemerkenswerte Geräuschkulisse, und sollte mal ein Entenküken dort unvorsichtigerweise landen, hätte der fette Frosch einen kleinen Extrahapps.

Ganz anders die Nasenfröschchen. Die ernähren sich nur von winzigsten Insekten und meiden das Wasser. Was sollten sie dort auch, es ist ja ohnehin alles nass um sie herum. In ihrer Heimat regnet es an über 350 Tagen im Jahr, so kommen stellenweise bis zu 5000 mm Niederschlag zusammen. Nur zum Vergleich: im Amazonasbecken bei Manaus, mitten im tropischen Regenwald, ist es nicht einmal die Hälfte. Da muss man als Frosch ja nicht noch extra ins Wasser springen. Nicht mal zur Fortpflanzung, die Busse in jahrelanger Forschung bis ins kleinste Detail entschlüsselt hat. Und da hat der Nasenfrosch sich einiges einfallen lassen, damit es dem Forscher nicht langweilig wird. Wenn das Froschmännchen geil ist, ruft es nach einem willigen Weibchen, das dann einfach angehoppelt kommt. Es gibt Momente, in denen könnte man durchaus neidisch werden, wie gut andere es sich so eingerichtet haben in der Welt. Das Weibchen kommt also zum Nasenfroschmännchen, der sich vor seiner kleinen Höhle im Moos positioniert hat, aber ganz so einfach ist es dann natürlich auch nicht. Auch der Darwinfrosch will Darwinismus, und natürlich soll nur Topmännchen die Ehre der Genweitergabe zuteil werden. Das Männchen muss sich nun also ordentlich anstrengen. Dazu kommt es zum Weibchen und grabbelt an ihm herum. Mit den Vorderbeinchen knufft es ihm in die Seite, und mit der Nase macht es auch irgendwelche komische Sachen. Genau ist diese Art der Kommunikation noch nicht entschlüsselt, aber Busse arbeitet dran. Klar ist jedenfalls, dass, wenn das Männchen die angelockte Dame nun einigermaßen von sich überzeugen konnte, diese nun den Galan ernsthaft checkt. Nämlich ganz unkonventionell, in dem sie ihm mit voller Kraft in die Seite tritt, und zwar dermaßen wuchtig, dass das Männchen in hohem Bogen davonfliegt. Das ist der Moment, wo man dann doch froh ist, dass Menschen sich andere Paarungsrituale ausgedacht haben. Aber das Nasenfrosch-Weibchen braucht jetzt nur noch zu gucken, wie weit das Männchen so geflogen ist, und schon hat sie einen Top-Test, ob es auch wirklich taugt.

Klaus Busse

Mickermännchen nämlich fliegen entsprechend weit, und an solche Murkel will die Froschdame ihren wertvollen Laich nicht verschwenden. Ein schönes, stattliches, rundliches, ordentlich bauchiges Männchen dagegen rumpelt nur etwas über den Boden und kann dann direkt zurück zum Weibchen kullern. Das taugt. Das Weibchen probiert´s sicherheitshalber noch zwei-, dreimal aus, und wenn das Männchen sich als angemessenes Schwergewicht bestätigt, ist es ausgewählt. Hier wiederum würde mir der Vergleich mit Menschen durchaus … – na ja, lassen wir das.

Das Beharren auf kräftige Männchen hat neben dem Üblichen – kräftig = Super-Gene – auch einen ganz praktischen Grund: Für die Aufzucht der Kaulquappen ist nämlich allein das Männchen verantwortlich. Aber jetzt kommt es erst mal zur aufregenden Sex-Orgie. Die Frage „zu dir oder zu mir“ ist bei Nasenfröschen eindeutig geklärt: Das Männchen braucht eine ordentliche Höhle. Darin verschwindet das Weibchen mit ihm, und nun kommt es zum hemmungslosen Frosch-Sex. Der darin besteht, dass das Weibchen seinen Laich auf den Boden klatscht und wieder weggeht. Das Männchen kann nun seinen Samen draufspritzen – und fertig. So geht Amphibienerotik. Auch das Männchen verschwindet.

Ungewöhnlich ist aber, was dann zwei Wochen später passiert. In den Wabbeleiern haben sich die Kaulquappen entwickelt, die nun aus ihrer Gallertumhüllung schlüpfen. Nun taucht das Männchen pünktlich wieder auf und schluckt die Quappen einfach runter. Diese finden sich daraufhin im Kehlsack des Männchens wieder, also jenem Hautsack, mit dem andere Frösche die üblichen Froschkonzerte oder eben den Lärm eines Flugzeugs produzieren. Bei den Nasenfröschen dient diese Hauttasche hingegen als Brutkammer.

Klaus Busse

Die Kaulquappen liegen dort dicht an dicht aufgereiht, raspeln speziell für diesen Zweck gebildete Schleimhaut ab und wachsen so vor sich hin, bis sie schließlich die Metamorphose durchlaufen. Nun wird es Zeit für die Geburt. Die sieht von außen betrachtet so aus, als bekäme das Nasenfroschmännchen einen schlimmen Schluckauf, ein Anblick, wie man ihn auch von Volltrunkenen ja gut kennt, nur dass die Säufer halt im Regelfall keine fertigen kleinen Fröschlein auf den Boden entlassen. Der junge Frosch sitzt noch etwas verdattert da nach dieser Begrüßung auf der Welt, aber was soll er sich weiter wundern – da hüpft er gleichgültig davon. Das war´s.

Klaus BusseKlaus BusseKlaus Busse
Viele Details sind noch ungeklärt, erläutert Busse begeistert. Er wird noch viel zu tun haben, wenn er jetzt in den Ruhestand geht und sich verstärkt um seine Frösche kümmern kann. Fraglich allerdings ist, ob seine Forschungsobjekte dann noch in freier Natur verfügbar sein werden. Denn es gibt zwei Nasenfroscharten in Chile: die nördliche ist bereits seit 20 Jahren nicht mehr gefunden worden, und der südlichen scheint es auch nicht besonders zu gehen. Ein Umstand, den wir nicht auf sich beruhen lassen mochten. Wäre doch ein Jammer, wenn diese spektakulären Tierchen vom Planeten verschwinden würden. Deshalb riefen wir ein Schutz- und Forschungsprojekt ins Leben, um den Nasenfröschen ein wenig unter die glitschigen Arme zu greifen.

Davon mehr im zweiten Teil.

(Fotos: Mirco Solé & Klaus Busse; Zeichnungen: Klaus Busse)
Klaus Busse


Ein Kommentar zu "Darwins schönstes Mitbringsel: der Nasenfrosch"

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