Ein Herz für Afrika

von Heiko Werning

Man braucht schon gute Nerven, um diese Tage zu überstehen. Dass es Afrika schlecht geht, ist ja keine top-aktuelle Neuigkeit, aber nun ließ die „Bild“-Zeitung passend zum G8-Gipfel, auf dem ja auch über Afrika parliert werden soll, Bob Geldof einen Tag als Chefredakteur arbeiten – womit sie den Hauptstadttrend zum Praktikum in den Medien um eine interessante Möglichkeit erweitert hat. Bob Geldof ist ein bisschen dumm, aber ehrenwert. Sein Afrika-Engagement darf man ihm als grundehrlich abnehmen, und sicherlich hat er sogar einiges bewirkt. Was könnte also daran kritikwürdig sein, wenn er nun eine ganze Ausgabe der „Bild“ zu einem Appell für Afrika umwandelt? Schauen wir uns das Ausnahmeprodukt doch mal genauer an.

Auf der Titelseite ist das Seite-1-Girl wie immer mehr oder weniger nackt, nur diesmal ist es ein kleines Kind, das gerade stirbt. Bob Geldof schreibt dazu:Die Deutschen blicken auf dieses kleine Mädchen. Oder ist es ein Junge? Wir wissen es nicht. Sterbende Kinder haben kein Geschlecht.“ Da ist die Zeitung noch keine vier Sätze alt, und schon stehen wir vor einem ersten Mysterium. Sterbende Kinder haben kein Geschlecht? Was um Himmels Willen will der Autor uns damit sagen? Da das kaum als biologisch fundierte Aussage gemeint sein dürfte, will es wohl irgendwie metaphorisch verstanden werden. Nämlich in der Art, dass das Kind halt ein Mensch ist. Aber sind Jungen und Mädchen denn sonst keine Menschen? Sterbende Kinder haben also kein Geschlecht. Da hat der Bild-Leser auf jeden Fall schon mal ordentlich was zum Nachdenken für den Rest des Tages. Wozu er allerdings kaum Gelegenheit haben dürfte, denn Geldorf lenkt den Blick auf wahrlich Historisches: „In dieser historischen BILD-Ausgabe wendet sich heute eine einmalige Koalition aus Künstlern, Unternehmern, Politikern, Journalisten, Sportlern, Staatsmännern und den Völkern aller Nationen direkt an die deutsche Regierung. Und wir fragen die Mitglieder der deutschen Regierung: Wird Ihnen bei diesem Foto nicht auch übel? Schämen Sie sich nicht genauso wie wir? Wollen Sie diesem schreienden Unrecht nicht ein Ende setzen? Der Unterschied zwischen den Lesern und Ihnen, der Regierung, ist: SIE KÖNNEN etwas daran ändern und die Menschen WOLLEN, dass Sie das tun. Das ist Ihr Job! In Gottes Namen und im Namen Deutschlands – machen Sie Ihren Job! Machen Sie endlich Schluss mit dem Elend!“

Dann gucken wir doch mal, wer da die deutsche Regierung so alles auffordert, ihren Job zu machen. Aha: zum Beispiel Wirtschaftsminister Michael Glos. Oder Umweltminister Sigmar Gabriel. Das ist ja gut, dass die sich mal direkt an die deutsche Regierung wenden. Gabriel sagt: „Afrika ist das beste Beispiel dafür, dass Umweltschutz kein Luxusthema ist.“ Ein Satz wie in Granit gebissen. Auch Bundesentwicklungsministerin Wieczorek-Zeul wendet sich an die Regierung und fordert sinnvolle Entwicklungshilfe: „Mit unserer Hilfe können wir dazu beitragen, dass weniger Kinder sterben.“ Hoffentlich hört der zuständige Teil der Regierung das auch. Etwas eigennütziger wirkt das Statement von Finanzminister Peer Steinbrück, der womöglich schon mal für die Zukunft vorbauen und sich um einen neuen Job bewerben möchte: „Auch Afrika braucht eine solide Finanzpolitik. Steuersysteme und Haushaltspläne müssen dort effizient und transparent organisiert werden.“ Ähnlich glaubwürdig wirkt auch Uli Stielike, der derzeit als Nationaltrainer der Elfenbeinküste arbeitet und fordert: „Das Wichtigste ist, dass Geld dort ankommt, wo man es haben will.“

Zwar sicher ehrlich gemeint, aber doch etwas wenig überzeugend wirkt es, wenn Groß- und Außenhandelspräsident Anton Börner zu Protokoll gibt: „Handel ist die beste Entwicklungshilfe.“ Denn zu welcher Entwicklung der Welthandel Afrika so verholfen hat, dass dürfte doch inzwischen hinreichend bekannt sein. Originell dagegen der Vorschlag der „Volksmusik-Stars“ Marianne und Michael: „Entwicklungshilfe halbieren und pensionierte Lehrer, Ingenieure, Landwirte dorthin schicken.“ Eine Super-Idee. So spart man gleich doppelt: Weniger Geldverschwendung an die Negerlein, die damit ja eh nicht umgehen können, und wir werden gleich noch die ganzen überflüssigen und nutzlosen Alten los. Aber vielleicht auch etwas kurz gedacht: Wer soll dann noch Marianne und Michael hören? Da werden sie wohl mitfahren müssen. So etwas in der Art hat wohl auch der afrodeutsche Fußballspieler Gerald Asamoah befürchtet. Der Mann kennt die Deutschen, und ihm scheint an seiner ehemaligen Heimat zu liegen, sodass er entsetzt fordert: „Nicht jeder soll sofort als Entwicklungshelfer nach Afrika düsen.“ Ein wahrlich verständlicher Wunsch.

Eine echte Sensation und Bild-Schlagzeile wert wäre es gewesen, wenn Bischof Huber nicht im bunten Reigen dabei gewesen wäre, aber so weit ist es natürlich nicht gekommen, der Ober-Evangele sagt uns: „Im Engagement für Afrika wird die vorrangige Option für die Armen konkret, die im ökumenischen Gespräch zum Leitmotiv für die gesellschaftliche Verantwortung der Kirchen geworden ist“, und nur Gott kann ahnen, was das bedeuten soll.

Bei soviel Wahnsinn fehlt nur noch einer, natürlich Franz Josef Wagner, und wieder einmal hat er es geschafft, die mit Abstand schillerndsten Äußerungen als einen seiner berüchtigten Briefe aus der Anstalt zu versenden, diesmal adressiert an das „liebe Afrika“: „Liebes Afrika. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass die ersten Menschen Afrikaner waren, folglich Afrika das Paradies und Adam und Eva schwarz.“ Oha. Und was mag daraus folgen? Logisch: „Ich bin gemischten Blutes. Ich bin ein Halb-Weißer und ein Halb-Schwarzer.“ Eine verblüffende Selbsterkenntnis von bemerkenswerter Stringenz. Die allerdings geht dann doch im Folgenden ein wenig verloren: „Was spüre ich von meiner Urheimat? In meiner Heimatstadt Berlin sind Afrikaner Tellerwäscher, Taxifahrer, und im Berlin-Marathon gewinnen sie immer.“ Aber Wagner spürt nicht nur, er denkt auch: „Wenn ich an Afrika denke, dann denke ich auch an Brandenburg. Viele schöne Menschen Afrikas sind Nutten und Kellner geworden.“ Sind das aber die einzigen denkbaren Karrieren für Afrikaner? Nein, keineswegs: „Natürlich gibt es Stars wie Kofi Annan und Naomi Campbell in Vogue. Aber der Rest Afrikas verhungert. Kein Regen, nichts blüht mehr. Die Geier sitzen auf den toten Ästen.“ Hoffentlich sägen sie nicht auch noch dran.

Dann darf sich in Geldofs „Bild“ auch noch George Bush als großer Afrika-Freund präsentieren, und Geldof selbst interviewt Angela Merkel zum schwarzen Kontinent. Dabei zeigt sich überraschend Merkel als weitgehend Einzige noch einigermaßen zurechnungsfähige Mitwirkende dieser “historischen” Zeitung. Von Geldof wird sie gleich zwei Mal doof-sexistisch bedrängt. Der Sir fragt die Kanzlerin: „Wie wird das sein beim G8-Gipfel in Heiligendamm – als einzige Frau unter all den Herren im grauen Anzug? Setzen Sie eigentlich Ihre Weiblichkeit ein? Ist es anders, als Frau mitzureden?“ Was diese treffend pariert mit:Da ich nie ein Mann war, kann ich nicht vergleichen, ob es als Frau anders ist.“ Und dann erzählt Geldof eine Anekdote über Margaret Thatcher: „Bei einem Treffen von Staats- und Regierungschefs 1984 schaute sie nachts eine TV-Dokumentation über die Hungerkatastrophe in Äthiopien an. Am nächsten Morgen bat sie ihre Kollegen, als Erstes eine halbe Stunde über eben dieses Äthiopien zu beraten. Dazu spielte sie ihre Weiblichkeit in einem Raum voller Männer aus und sagte: „Ich habe gestern geweint, als ich diese Bilder aus Äthiopien gesehen habe.“ Und natürlich fragt Geldof seine Gesprächspartnerin: „Werden auch Sie für Afrika weinen, Frau Bundeskanzlerin?“ Ein kleiner Dank an Frau Merkel für die Antwort: „Ich glaube nicht, dass das ein erfolgversprechender Weg wäre.“

Was also, um zur Ausgangsfrage zurück zu kommen, könnte gegen so viel versammelte Prominenz und Aufmerksamkeit für Afrika sprechen? Wenn alle, aber auch wirklich alle Afrika helfen wollen – George Bush, Angela Merkel, die deutsche Bundesregierung, die Deutschen insgesamt: Wer könnte denn dann noch verantwortlich sein, wenn es doch nicht klappt mit dem afrikanischen Wirtschaftswunder? Wenn auch weiterhin die Geier auf den toten Ästen sitzen? Wenn auch zukünftig geschlechtslose afrikanische Kinder sterben? Wenn „Bild“ wieder ganz normale Ausgaben macht? Wir ja wohl nicht! Wir haben ja alles versucht. Da werden sie wohl selbst …

Harald Staun brachte es heute in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung auf den Punkt: „Aber wer weiß: Vielleicht half die Aktion ja tatsächlich, ein paar Leute zu überzeugen, die Armut bisher für eine gute Sache hielten.”

Ansonsten ist die Ausgabe wohl eher als historische Unappetitlichkeit abzubuchen.


Ein Kommentar zu "Ein Herz für Afrika"

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