Ganz nah am Gipfel
von Heiko WerningJa, das ist natürlich albern, aber wenn ein Schreibtischtäter wie ich sich zum „Moove against G8“ aufmacht, nach dem blockschwarzen Wochenende, mitten in der allgemeinen Gipfelhysterie, ach – da bin ich glatt ein bisschen nervös. Lieber nicht den üblichen Leserucksack mitnehmen, denn mich quält die Sorge, die Staatsmacht könnte ihn filzen wollen, und dann säße ich womöglich über Stunden fest, bei den Papierbergen, die ich gewöhnlich mit mir herumschleppe. Also eine Handvoll Texte eingesteckt, überschüssiges Geld aus dem Portmonee genommen, denn die Protestler könnten hungrig sein oder die Umverteilung des Kapitals sehr direkt einfordern, dafür den Ausweis eingesteckt, um nicht gleich in Gransee aussortiert zu werden, dann geht es los.
Uli Hannemann hat die Vorhut am Südbahnhof gebildet, denn wir rechnen mit einem überfüllten Zug und fühlen uns zu alt, ohne Sitzplatz bis Rostock zu reisen. Falko Hennig fühlt sich kurzfristig sogar zu alt, im Sitzen zu reisen, und bleibt aufgrund körperlicher Gebrechen (Uli: „Dem schmerzt der Arsch“) gleich in Berlin. Ich treffe mich mit Ahne und Jakob Hein am Hauptbahnhof. Zwei besorgniserregende Zeichen: Der Zug hat zehn Minuten Verspätung, und es ist gar nicht so sehr voll am Bahnsteig. Warum hat der Zug Verspätung? Wieso ist es nicht sehr voll? Was stimmt hier nicht? Was haben die vor?
Tatsache ist: Es passiert überhaupt nichts. Der Zug bleibt leer, kein Mensch interessiert sich für uns, keine Polizei weit und breit, verschlafen wie immer tuckert der Regionalexpress durch die brandenburgische Steppe und mecklenburgische Wüste.
Wir sind fast erleichtert, dass wenigstens am Rostocker Bahnhof ein ordentliches Polizeiaufgebot bereitsteht. So fühlen wir uns wenigstens ein bisschen ernst genommen, wenn sich auch weiterhin niemand für uns interessiert.
Der Weg zum Protestcamp ist etwas verwirrend, da die Organisatoren zwar eine komplette Landkarte mitgeschickt haben, aus der aber kaum verwertbare Informationen zu entnehmen sind; so etwas Triviales wie eine Anfahrtsbeschreibung scheint der typische G8-Gegner nicht zu benötigen, vermutlich, weil er sich mit der Machete und GPS-gesteuert querfeldein direkt zum Ziel durchschlägt.
Wir dagegen bevorzugen öffentliche Verkehrsmittel. Die Straßenbahn fährt im gesamten Stadtgebiet nicht, wegen Demonstrationen. Endlich! Ein Hauch von Atmosphäre! Ein Hubschrauber steht am Himmel und sorgt für eine angemessene Geräuschkulisse. Also mit der S-Bahn zum Hafen. Unterwegs dann allerdings doch beeindruckende Bilder bei der Überfahrt einer Brücke: unten auf der Straße rollen Wasserwerfer auf einen menschlichen Protestzug zu, aber ehe wir Näheres erkennen können, ist schon wieder alles um uns herum grün. Pflanzengrün.
Ankunft in Gottweißwo, wir schauen uns zweifelnd an. Spätestens hier hätten wir ja vielleicht mal ein Hinweisschild erwartet, immerhin sollen 6.000 Leute in diesem Camp nächtigen, aber der Platz vor der S-Bahnstation sieht aus wie hunderte andere trostlose Industriebrachen im Osten. Kein einziger Polizist. Immerhin ein Passant. Er weist uns den Weg, und schließlich finden wir auch tatsächlich so etwas wie einen Wegweiser, fast DIN-A5-groß weist er nach links.
Eine Allee aus Dixie-Klos signalisiert uns, dass wir am Ziel sind. Die haben tatsächlich eine Art Fort vor ihr Camp gebaut, mit einem Aussichtsturm, auf dem ein Späher über die verlassene Straße blickt. Die nun doch unübersehbaren „No G8“-, „No Nazis“- und „No Cops“-Schriftzüge auf den Transparanten am Rand weisen uns darauf hin, dass wir hier richtig sind. Wir irren ein durch ein Meer aus Zelten, Infozelten, Schlafzelten, Treffpunktzelten. Handgeschriebene Plakate weisen auf ein Widerstandstraining hier und eine Anti-Trauma-Gruppe dort hin. Die Kollegen Hannemann und Hein leiden unter fortgeschrittener Witzelsucht, was mich mehrfach fürchten lässt, dass irgendein Politaktivist uns aufs Maul geben wird. Aber niemand hier sieht so aus, als könnte er überhaupt irgendetwas Böses tun, außer vielleicht am Lagerfeuer schlecht Gitarre spielen. Das ganze Camp erinnert mich an eine Großausgabe der Zeltlager der katholischen Gemeinde, wo ich mit 15 mal sterbenslangweilige Sommerferien verbracht habe. Und wegen dieser Mischung aus Gebetskreis und Kindergeburtstag haben die einen 10-Millionen-Euro-Zaun gebaut und 16.000 Polizisten in Stellung gebracht, durchfährt mich ein hässlicher Gedanke. Irgendwo müssen sie doch sein, die Steinewerfer. Hier aber vermutlich nicht. Hier wären eher Legosteine das Mittel der Wahl.
Wir finden die Organisatorin. Ob es okay sei, wenn eine singende Ausdruckstheatergruppe schnell noch eine 15-minütige Aktion vor uns einschiebe? Lustig. Genau so hätte ich es erwartet. Eine Punkerin schmettert inbrünstig irische Volkslieder und tanzt dabei über den Rasen.
Ahne und Uli lassen sich Suppe aus einem Kessel geben, in den Obelix noch als Adoleszent hätte hineinfallen können. Es ist sicher nicht leicht, für ein paar hundert Leute vegan zu kochen. Die Aufgabe ist immerhin insofern gelungen, dass da irgendetwas auf die Teller kommt. Die folgenden Minuten höre ich viele Theorien, was es denn sein könnte. Ahne vermutet eine Kartoffelschalensuppe, Uli tippt auf gekochte Fußnägel. Ich habe zum Glück Reserven und bin auf Nahrungszufuhr von außen nicht angewiesen, bin sozusagen autonom. Sehr komisch. Fast so gut wie der, den uns ein bärtiges bebrilltes Alternativen-Abziehbildchen im nächsten Moment unaufgefordert erzählt: „Die Autonomen sind doch gar nicht autonom! Die hängen doch alle von Aldi ab. Wegen dem Wodka.“ Ein Wahnsinns-Witz! Das findet auch eine Frau am Nebentisch: „Das ist ja lustig! Das sollte unbedingt in die Zeitung. Das wäre doch was für die taz.“ Verwirrenderweise der Bärtige daraufhin: „Ich habe ja jetzt keine eigene Seite mehr bei der taz. Aber das wäre schon was für die Wahrheits-Seite.“ Die Frau: „Ja, unbedingt, lass denen das doch gleich zukommen.“ „Ich habe ja kein Handy.“ „Ich leihe Dir meines.“ „Ja, ich kenne ja den stellvertretenden Chefredakteur gut.“ Dann nimmt er das Handy, ruft jemand an, womöglich, und spricht in das Gerät: „Du, wir sitzen hier im Protest-Camp, und da haben wir doch was für Euch, für die Wahrheit, nämlich, dass die Autonomen gar nicht autonom sind, weil die ja immer den Aldi brauchen. Wegen dem Wodka.“ Wir machen uns sicherheitshalber lieber aus dem Staub.
Nun beginnt unsere Lesung. Im Zelt hat sich auf den Bierbänken eine Handvoll Publikum eingefunden. „Seid Ihr die G8?“, witzeln wir, dann eröffnet Jakob den Reigen. Immerhin, die Zahl der Zuhörer steigt auf ca. 30, und es scheint ihnen wirklich zu gefallen. Am meisten freuen sie sich, als Uli sich über Politaktivisten lustig macht und als ich über Verwicklungen durch lautstarkes Ficken in Zelten berichte. Man muss die Leute eben da abholen, wo sie liegen. Nach einer Dreiviertelstunde machen wir Schluss, denn gleich ist Plenum. Von wem auch immer.
Vor dem Zelt steht Markus Liske und wirkt noch orientierungsloser als sonst, in seinem schlecht sitzenden Anzug passt er ungefähr so gut in die Umgebung wie ein GSG-9-Beamter in voller Kampfmontur. Wir gucken mitleidig und lassen ihn stehen.
Auf dem Weg zurück zur S-Bahn-Station kommt uns ein großer Schwung Protestierer mit diversen roten und schwarz-roten Fahnen entgegen. Abendessenzeit.
An der Station dann die Überraschung: Die S-Bahnen fahren nur noch bis Warnemünde, nicht mehr in die Stadt. Wohl damit kein Nachschub auf die dort wegen Überfüllung umgeleitete oder abgesagte Demo gelangen kann. Wir haben Glück und ergattern ein Taxi. Das kämpft sich durch die Stadt, nun wird es doch noch eindrucksvoll: Jede zweite Straße ist von ganzen Polizeieinheiten abgeriegelt, dutzende Wagen mit Blaulicht fahren ständig irgendwo lang, der Hubschrauber steht wie festgetackert am Himmel über der Stadtmitte. Der Taxifahrer hört plattdeutsche Literatur im Radio und ist sehr gelassen. Hier und da fragt er einen Polizisten, wo denn noch was offen sei. Man weiß es nicht genau, versuchen Sie es mal über die Südstraße. Wir kommen rechtzeitig am Bahnhof an. So rechtzeitig, dass wir noch Döner, Chinapfanne und Dosenbier kaufen können. Die Frau im Kiosk wirkt sehr zufrieden, ihre Kühlschränke sind fast ausgeräumt, aber ein bisschen Bier ist für uns noch da. Sie macht Witze mit den schwarz Gekleideten. Auch die Türken sind gut gelaunt und verkaufen an die Globalisierungsgegner, die artig Schlange stehen, ihre letzten Chicken-Döner. Die Polizeipräsenz im Bahnhof hat sich allerdings deutlich erhöht, einige vereinzelte Demonstranten sind von Polizisten eingekesselt und warten offenbar darauf, von anderen Beamten abgeholt zu werden, der Großteil der anderen Demonstranten steht oder sitzt erschöpft direkt daneben oder kauft Frühlingsrollen ein.
Im Zug schließlich fahren wir mit einem bunt gemischten Häufchen Globalisierungsgegner zurück nach Berlin. Die Stimmung ist fröhlich, ein bisschen wie Klassenfahrt. In unserem Abteil wird hauptsächlich Spanisch gesprochen, nebenan Englisch. Ahne fragt die Schaffnerin nach dem Zugbistro oder Getränke-Automaten, die antwortet, dass sie während des Gipfels nur mit den alten Wagen fahren, die haben so was nicht, das gibt´s erst nächste Woche wieder, wenn alles vorbei ist.
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Bin ich wirklich schon so berühmt, dass mein Name keiner Erklärung bedarf, um als Figur verstanden zu werden? Wie Goethe? Grass? Hitler?
Es fühlt sich geschmeichelt,
Markus Liske
http://www.markusliske.de
Na hör mal, jemand, auf dessen Homepage man beim ersten Aufruf unter dem Starfoto direkt die beiden Anzeigen “Sexy-Singles treffen” und “Hundeschule Berlin” sieht – den muss man doch nun wirklich nicht weiter vorstellen.
Beste Grüße,
Heiko Werning
Pingback: Handy-Tipps » Re: Warum heißt ein Handy Handy? - Erstes Handy-Gespräch vor 30 Jahren