Florida Diaries (1): Unzumutbare Arbeitsbedingungen
von Heiko WerningJetzt endlich, fast pünktlich zum einjährigen Geburtstag des “Reptilienfonds”, wollte ich mal so richtig bloggen, so als Problogger, wie man das eben macht. Durch die Gegend fahren, Fotos und Eindrücke und Informationen aufnehmen, und alles brühwarm ins Netz stellen, total aktuell und direkt und ungeschminkt und interaktiv und überhaupt. Was böte sich dazu besser an, als eine Reise, eine Reise, die dazu dienen soll, Reptilien und andere Tiere zu finden und zu fotografieren, Informationen für Buchprojekte zu sammeln (von morgens bis nachts übrigens, nur falls jemand vom Finanzamt hier mitliest), die mich vor allem endlich die sagenumwobene Florida Scrub Lizard, Sceloporus woodi, finden lassen soll. Laptop, Digitalkamera, Ladegeräte, Speicherdingens samt DVD-Brenner, Bestimmungsbücher – mein Reisegepäck lässt an den Umzug einer Bürogemeinschaft denken.
Und dann das: Es ist warm, es ist sehr warm. Und, hey, es gibt WLAN-Zonen an jedem zweiten Stadtstrand. Aber habt ihr sie noch alle? Will man denn wirklich irgendwo sitzen, wo es der Vorstellung von paradiesischen Zuständen, zumindest was die natürlichen Rahmenbedingungen angeht, recht nahekommt, um dann wie zu Hause ständig irgendwas in den oder das Laptop zu tippen und in den oder das Blog zu stellen? Bei Sonnenschein, Schwüle, 33 °C im Schatten, einem türkisblauen Meer mit bunten Fischlein drin vor mir, Echsen und lustigen Vögeln um mich herum, und der Stand mit den wunderbaren Milch-Shakes ganz in der Nähe … ich bin doch nicht bekloppt.
Also habe ich schön Bilder und Ideen gesammelt. In meinem Köpfchen. Tag für Tag. Und dann alles sorgfältig aufgeschrieben, also mit noch mal lesen vorher und korrigieren und all dem. Und jetzt, jetzt kommt´s – ins Netz, Tag für Tag. Wie tagesaktuelles Blog, aber eben ausgearbeitet, überprüft, schriftstellerisch bearbeitet. Das ist Web 3.0, mindestens. Früher hieß das mal Tagebuch.
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