“Klimahysterie”: Dschihad in der FAZ

In der FAZ tobt eine Art Kulturkampf um die Deutungshoheit über den Klimawandel. Dort ließ man erst den Klimaforscher Prof. Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimaforschung wie Don Quijotte gegen die schicke neue Medienphalanx der so genannten Klimaskeptiker anargumentieren und sich fast verzweifelt mit Sachargumenten gegen die gezielte Desinformation der Gegenseite abmühen. Kurz war ich geneigt, der FAZ dafür Respekt zu zollen, geht doch Rahmstorf auch auf die unrühmliche Rolle der Medien ein, die jeden Unsinn selbst von Gestalten wie Matthias Horx, Josef Reichholf u. Ä. drucken. Nun aber lässt die FAZ genau diese mit geballter Kraft zurückschlagen. Geschlagene sieben von der Sorte rotten sich zu einer Antwort auf den Klimaforscher zusammen, sieben Verbalhooligans, namentlich Christian Bartsch, Günter Ederer, Matthias Horx, Wolf Lotter, Dirk Maxeiner, Josef Reichholf und Wolfram Weimer, von denen selbstverständlich kein einziger aus der Klimaforschung stammt – wie auch, die Fachwelt ist sich in den wesentlichen Punkten ja einig.

Bei diesem Frontalangriff reibt man sich verblüfft die Augen und fragt sich sehr intensiv, ob bei der FAZ eigentlich nur noch Rechtschreibprogramme die redaktionelle Prüfung von Texten verantworten. Wie sonst können es folgende Passagen bis zur alten Tante nach Frankfurt schaffen: „„Kein ernsthafter Wissenschaftler“ konnte in den achtziger Jahren leugnen, dass der Wald auf breiter Front stirbt. Heute wissen wir, dass dies eine Fata Morgana war, gezüchtet aus den Bedürfnissen einer subventionsfröhlichen Lobby und einer deutschen Angst-Naturromantik.“ Das Waldsterben war eine Fata Morgana? Eine gezüchtete zumal? Von einer „Angst-Naturromantik“ gezüchtet? Aber mal jenseits von diesem sprachlichen Totalschaden: Das Waldsterben war alles andere als eine Fata Morgana, wie bis heute in jedem Waldschadensbericht nachzulesen ist, und hätte man damals nicht durch geeignete Maßnahmen gegengesteuert, hätte die deutsche Angst-Naturromantik wohl zwischenzeitlich ganz andere Bedürfnisse.

Wie Horx & Co. argumentieren, zeigt schön auch ein weiterer Abschnitt: „Rahmstorf kümmert es wenig, wie die Medien hysterische Stimmungen produzieren. Schlimmer noch: Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung befördert aktiv und wider besseres Wissen Katastrophenmythen. So beschwören seit einigen Jahren deutsche und internationale Untergangspropheten die Gefahr einer Eiszeit, die Europa als Folge des Ausbleibens des Golfstromes schon bald bevorstehen soll.“

Schaut man auf Rahmstorfs Homepage beim PIK, stößt man dagegen auf den Text: Die Eiszeit kommt! – und andere Presse-Irrtümer, in dem er gleich unter Punkt 1 schreibt: „Nach dem jetzigen Kenntnisstand spricht nichts für eine kommende Eiszeit“. Ein Satz, den selbst FAZ-Redakteure eigentlich erfassen können sollten.

Auch persönliche Verleumdung ist kein Problem in der FAZ: „Rahmstorf ist seit Jahren unter Journalisten dafür bekannt, dass er über Chefredaktionen oder Herausgeber versucht Druck auszuüben und ihm nicht genehme Berichterstattung zu unterbinden. Er führt, das hat er in der Wochenzeitung „Die Zeit“ stolz zu Protokoll gegeben, eine „schwarze Liste“ von Journalisten, die sich nicht seiner Meinung unterordnen, sondern ihren Beruf ernst nehmen: eigenständig recherchieren.“

Den entsprechenden Zeit-Artikel kann man ganz leicht online einsehen. Darin steht: So wie viele Kollegen habe auch ich etliche Kämpfe mit Zeitungsredaktionen gegen deren Hang zur Dramatisierung des Klimawandels ausgefochten. (…) öfters erreicht man gar nichts und kann nur auf der eigenen Internetseite etwas klarstellen. Ich habe dort seit vielen Jahren eine Liste klassischer “Medienirrtümer” zu meinem Fachgebiet, die ich jedem Journalisten vor einem Interview zur Pflichtlektüre gebe. Damit kann man Übertreibungen (“Der Golfstrom reißt ab”) zwar nicht immer verhindern; zumindest weiß ich aber dann, dass es kein Missverständnis sondern Absicht war. Solche Journalisten kommen auf meine schwarze Liste.“

Zusammengefasst: Die Vollhorxe erwecken beim Leser den Eindruck, Rahmstorf dramatisiere die Folgen des Klimawandels, unterdrücke die Meinung der so genannten Klimaskeptiker und übe zu diesem Zweck mittels einer „schwarzen Liste“ Druck auf die Medien aus. In Wirklichkeit dagegen wehrt Rahmstorf sich gegen Übertreibungen der Folgen des Klimawandels durch die Medien und mag nicht mehr Journalisten zur Verfügung stehen, die bewusst falsche Tatsachen behaupten. Würden mehr Wissenschaftler, Schauspieler, Sportler u. a. so reagieren, wäre die Welt ein gutes Stück besser und Bild und FAZ schnell pleite.

Neben den geradezu lehrbuchhaften Techniken der Verunglimpfung, Desinformation und Demagogie des Horx-Mobs geht das eigentlich Absurde fast unter: Dass die Autoren nämlich herbeifantasieren, der politische Mainstream ergehe sich plötzlich im strikten Klimaschutz aufgrund der Übertreibungen der Forscher, während sie so eine Art kleine, von der Mehrheit nicht beachtete Widerstandsgruppe seien: „Der Klimaforscher Stefan Rahmstorf ist ein sehr erfolgreicher Mann. Sein Sieg auf allen Kanälen der öffentlichen Meinungsbildung ist total.“ Der totale Sieg. Auf allen Kanälen. Der Endsieg praktisch. Klar, im Grunde spricht ja jeder auf der Straße und am Stammtisch nur noch von Prof. Rahmstorf und seiner ozeanographischen Klimaforschung. „Stefan Rahmstorf könnte seine heilige Mission in der Klimafrage also für beendet und gelungen erklären.“ Denn bekanntlich überschlägt sich die Politik ja in effektiven Klimaschutzmaßnahmen, man kann ja kaum so schnell gucken, wie das ganze CO2 verboten ist. Aber das reicht noch nicht: „Aber es reicht noch nicht. Noch sind da draußen ein paar Störer am Werk, Nörgler, Querulanten, Miesmacher, Zweifler.“ Wir ahnen es – die Autoren meinen sich. „Dieses hoffnungslos verirrte und verwirrte Häuflein, so Rahmstorf, könnte durch Verharmlosung und Widerrede womöglich den großen, den ganz großen Konsens verhindern. Den Endsieg in der Klimadebatte.“ Ah, da ist er ja endlich, der Endsieg. Wovon alte, kranke Männer halt so fantasieren.

Und um den zu erreichen, kann auch ein Klimaforscher nicht zimperlich sein. Die Autoren dieser Zeilen: „Die Autoren dieser Zeilen werden in dem Beitrag als Teil einer finsteren Verschwörung geoutet, die Klimaschutzmaßnahmen verhindern. Es ist ein heiliger Krieg, ein Dschihad, den Rahmstorf da führt. Und es werden keine Gefangenen gemacht.“ Offenbar fühlt Matthias Horx sich als Salman Rushdie der Klimaforschung. Steht Rahmstorf denn mit dem Hackebeil bei ihm vor der Tür? Es scheint fast so, denn die Horxies haben eine „fanatische Verfolgung Andersdenkender“ erfahren. Und dabei sind sie doch nur ganz normale Bürger! „Wir sind ganz normale Bürger (…),Publizisten, Wissenschaftler, Medienschaffende, Intellektuelle. (…) Deshalb nehmen wir uns das Recht zu zweifeln. Unsere Position ist aussichtslos, nicht gerade sexy und derzeit hoffnungslos in der Minderheit. Aber irgendjemand muss die Türen eines skeptischen Weltverständnisses gegen die praktisch gleichgeschaltete öffentliche Meinung offen halten.“ Und das sind die Autoren, natürlich. Während des Professors Äußerungen „auf ein bizarres Geltungsbedürfnis hinweisen.“ Ein bizarres Geltungsbedürfnis – das ist diesen andersdenkenden, in einem fanatischen Dschihad verfolgten normalen Bürgern, die die Türen eines skeptischen Weltverständnisses gegen die gleichgeschaltete öffentliche Meinung offen halten, natürlich vollkommen wesensfremd. Das verstehe ich gut. Aber trotzdem noch eine Frage: Wer von diesen Pappnasen soll eigentlich der Intellektuelle sein?

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P.S.: Dass das alles andere als ein rein akademischer Streit ist, sondern schlimme intellektuelle Verheerungen anrichtet, lässt sich gut z. B. in den Endlos-Kommentaren bei Herrn Niggemeier besichtigen.

Kommentare (10)

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  1. Die Argumentationsstrategie von Horx (& Co.) habe ich schon früher anhand eines von ihm verfassten Klima-Essays in der “Welt” detailliert analysiert [Horx! Horx! Heiße Luft gegen heißes Klima! (Und ich wär’ beinah’ drauf reingefallen!) – http://beltwild.blogspot.com/2007/04/horx-horx-heie-luft-gegen-heies-klima.html

    Das zwar nicht in gleicher Weise wortmächtig wie oben Heiko Werning, aber dafür etwas mehr in jener “nitty-gritty” Dimension, in welcher für wolkiges Ausweichen oder Ironisieren kein Platz mehr bleibt.

  2. Danke für dieses (gerade bei diesem Thema) seltene Beispiel redlichen Journalismus. Werde, dobald ich wieder flüssig bin, die taz abonnieren.

  3. Meine Vorstellung über einen taz-Leser entsteht erstens aus meiner eigenen ganz persönliche Vergangenheit, zum anderen aus obigem Text.

  4. Interessant, wie sich der gemeine Faz-Leser den taz-Leser in seiner Beschränktheit so vorstellt. Vermutlich etwas einäugig.
    Es grüßt sehr freundlich Polyphem.
    P.S.: Unter Blinden ist der Einäugige ein König.

  5. Soso, Begriffe wie “Verbalhooligans”, “zusammenrotten” und “Vollhorxe” tragen also zur Sachlichkeit bei.

    Für mich ist an diesem Artikel vor allem interessant, was für eine Vorstellung von Presse- und Meinungsfreiheit hier zum Ausdruck kommt. Wenn eine Zeitung eine ganze Seite für Ramstorf zur Verfügung stellt und die angegriffenen Tage Später in einem Zweispalter antworten lässt, so handelt es sich um einen “Frontalangriff”, “Nun aber lässt die FAZ genau diese mit geballter Kraft zurückschlagen.” Ah ja.

    Die Diskussion in der FAZ ist weit vielfältiger, als man sich das als taz-Leser vielleicht vorstellen kann. Als Einstieg könnte folgender Link gewählt werden:
    http://www.faz.net/s/RubC5406E1142284FB6BB79CE581A20766E/Tpl~Ecommon~SThemenseite.html

  6. Ein sehr guter und aufschlußreicher Artikel, der alles wesentliche sagt, was zu dem Thema gesagt werden kann. Man sollte die Kommentatoren oder selbsternannten Expertenrunde bei Herrn Niggemeier zwangsweiseauf diesen Text umleiten, dass würde m.E. nach der Sachlichkeit dienen!

  7. Vollhorxe wird sicherlich in meinen Sprachgebrauch eingehen. Vielen Dank dafür! :-)

  8. Vollhorxe… LOL! Vielen Dank für einen deutlichen und unterhaltsamen Artikel über den Kampf der Kulturen in der FAZ. Ich war auch versucht mich in die intellektuellen Verheerungen bei Herrn Niggemeyer zu stürzen. Leider gab es da diesen Artikel noch nicht, sonst hätte man drauf verweisen können, dass hier alles wesentliche zum Thema* gesagt wird, und sich wieder wichtigeren Dingen zu wenden könnnen.

    * Ich meine natürlich die Klimatologophoben in der FAZ und nicht die Klimaforschung.

  9. Aber, lieber Wörterfreund, dass der Wald nicht in toto gestorben ist, stand ja auch nirgends zur Debatte, das sieht man ja auch vor lauter Bäumen doch noch ganz gut. Dass der Wald aber nach wie vor in einem alles andere als zufriedenstellenden Zustand ist, weiß jeder, der sich ein bisschen mit Naturschutz auskennt, und dass das alles noch viel, viel schlimmer wäre, wenn damals eben nicht entsprechend gegengesteuert worden wäre (Reduktion von Schadstoffen, Abschaffung der DDR, Bodenaufbesserungsmaßnahmen etc.), wird auch niemand vom Fach ernsthaft in Zweifel ziehen.
    Es ist schlicht unredlich, aus den Übertreibungen Einzelner dann den großen Gegenschluss zu ziehen. Und dass politaktivistische Demonstranten nun nicht gerade differenziert den state of the art der wissenschaftlichen Forschung auf ihren Transparenten spazieren tragen, darüber müssen wir uns doch auch nicht wirklich unterhalten.

    Im aktuellen Fall: Rahmstorf wehrt sich ja gerade gegen mediale Übertreibungen. Auch mich hat es gegruselt bei Schlagzeilen der Art “Die Welt geht in 15 Jahren unter”. Das wird sie schon nicht. Und das ist halt das Schlimme an diesen reißerischen Darstellungen: Die Leute werden alarmiert, sehen dann in ihrer Alltagserfahrung, dass die Welt sich ja doch weiterdreht, und dann kommen schlichte Gemüter eben zu dem Schluss, dass ja doch alles nur Unsinn ist. Wer zu oft fälschlich “Das Haus brennt” ruft, darf sich halt nicht wundern, wenn dann keine Feuerwehr mehr kommt, wenn es wirklich mal brennt.

    In diesem Sinn bin ich übrigens auch sehr unglücklich über die taz-Story vom Freitag über das Ozonloch. Ein bisschen weniger “Die Welt wäre untergegangen” hätte die Sache weit wirkungsvoller gemacht, mit diesen – ja im Interview selbst widersprochenen – GAU-Szenarien bringt man alles wieder in Misskredit.

    Und dann kommen eben bösartige Gestalten wie Horx et al. in jeder Beziehung auf ihre Kosten.

  10. Können wir uns, werter Kollege, zumindest darauf einigen, dass der deutsche Wald nicht gestorben ist?
    Ich habe selbst ca. 1983 eine Demonstration in Heidelberg mitorganisiert, bei der einer der Redner – nach den damals vorliegenden Daten völlig korrekt – feststellte, dass bei einer weiteren Zunahme der Waldschäden im Tempo der vergangenen Jahre bereits drei Jahre später die ersten kahlen Stellen rund um das Heidelberger Schloss auftauchen würden. “Der Wald geht, die Ruinen bleiben”, stand auf dem Demo-Plakat.
    Natürlich ist der Heidelberger Stadtwald auch ein Vierteljahrhundert später immer noch da.
    Es handelte sich hier um einen klassischen Trendfortschreibungsfehler – und damals ging es nur um eine Prognose für die kommenden drei Jahre! Insofern halte ich es für völlig korrekt, alle Prognosen für die kommenden drei bis neun Jahrzehnte jeder auch nur erdenklichen Kritik zu unterziehen.