Ein Schritt weiter – zum Tod von Michael Stein

So, jetzt habe ich für den gestrigen Reformbühnenabend (eine kurze Zusammenfassung samt Gästebuch-Reaktionen habe ich hier nachgetragen) doch noch selbst was geschrieben zu Stein. Hat ein bisschen gedauert, anders als bei den Fernsehsendern liegen bei mir die Nachrufe nicht vorbereitet in der Schublade. Andererseits, wozu die Eile. Stein ist ja noch was länger tot.

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Einen Schritt weiter

Als ich 1991 aus dem westfälischen Münster zum Studieren nach Berlin zog, war ich 21 Jahre alt, und ich wurde nicht recht warm mit der neuen Stadt. Die Szene! Die Kultur! Ja, schön. Aber was nutzt die tollste Szene, wenn man merkt, dass man nicht dazu gehört? Und auch gar nicht dazu gehören will? Wozu die ganze Kultur, wenn man sich von Theatervorstellung zu Museumsbesuch mehr langweilt? Durch Zufall stieß ich auf eine Ankündigung, dass Wiglaf Droste in der Volksbühne auftrat. Das interessierte mich. Von Droste kursierten bei den verruchteren, wilderen, trinkfreudigeren Adoleszenten in Münster Aufnahmen, die wir im trunkenen Zustand gerne begeistert laufen ließen, es war eine für mich völlig neue Kunst: lustig, scharfsinnig und brutal gegen die Richtigen, aber freundlich, wo es gut tat, ich war begeistert. Und noch begeisterter, als ich herausfand, dass es sich nicht um einen einzelnen Auftritt handelte, sondern eine monatliche Reihe: das Benno-Ohnesorg-Theater. Als Gastgeber fungierte neben Droste ein Michael Stein, und gemeinsam luden die beiden jedes Mal einen oder zwei Gäste ein. Das also war das erste Mal, dass ich in meinem Leben zu einer Veranstaltung ging, auf der Texte vorgelesen wurden: mit Michael Stein. Klar, Zufall. Oder war es doch ein morphisches Feld? Jedenfalls gefiel es mir gut, ich kam regelmäßig wieder, es gefiel mir immer besser. Es war gut besucht, und das bei einer Anfangszeit von 24 Uhr! Undenkbar in Münster. Endlich spürte ich, dass ich jetzt in einer richtigen Stadt wohnte. In der Folgezeit entwickelte ich erstmals so etwas wie Verbundenheit mit Berlin, ich hatte etwas gefunden, wegen dem ich froh war, hier zu wohnen, das es in meiner alten Heimat nicht gab und das ich nicht mehr missen mochte. Dass es parallel dazu auch mit Freundschaften und Frauen aufwärts ging, trug natürlich nicht unbedeutend dazu bei, dass ich meine anfänglichen Überlegungen, wie ich möglichst schadlos möglichst schnell wieder nach Westfalen zurück käme, immer tiefer begrub. Meine Begeisterung jedenfalls war entfacht für die für mich völlig neue Form des Texte-auf-der-Bühne-Vorlesens, bald darauf entdeckte ich Dr. Seltsams Frühschoppen, eine weitere monatliche Instanz, ich begann, mich regelrecht wohlig zu fühlen. Also doch noch eine Szene, die mir gefiel.

Es war ganz offensichtlich, dass die Mehrzahl der Besucher beim Benno-Ohnesorg-Theater wegen Wiglaf Droste kam. An besseren Abenden lief Stein einfach so mit, und er und seine Texte wurden freundlich bis höflich mit Beifall bedacht. An ungünstigeren Abenden zeigte das Publikum recht deutlich, wegen wem es gekommen war. Darunter hatten nicht nur die geladenen Gäste zu leiden, sondern auch Stein. Könnte man so schreiben. Ich war mir damals schon nicht ganz sicher, ob es nicht aber vielleicht in Wirklichkeit genau andersherum war: An schlechteren Abend lief Stein einfach so mit, und er und seine Geschichten wurden freundlich bis höflich mit Beifall bedacht, an den besseren Abenden dagegen reizte er das Publikum zur Selbstentblößung: Sie wollten Witze, sie wollten hören, wie allgemein als Doofiane anerkannte Doofiane von Grönemeyer über Schlingensief bis Claudia Roth möglichst treffend runtergemacht wurden, und wenn Stein mit Kommissar Schulz die Polizei ins Lächerliche zog, wurde das auch noch gerne goutiert. Aber wehe, es kam jemand wie z. B. Danny Dziuk und sang einfache schöne, nicht lustige Lieder, dann gab es Gebrumme und manchmal auch Gebrülle, und als Stein plötzlich die Erfahrungsberichte von jüdischen Deportationsopfern vortrug – 10 Minuten, eine Viertelstunde, 20 Minuten, 30 Minuten – und sich nicht im geringsten davon beeindrucken ließ, dass der Unmut sich mehr und mehr steigerte, dass immer mehr von diesen Knallchargen den Raum verließen, da war ich mir nicht so ganz sicher, was ich davon halten sollte. Das war, zugegeben, auch nicht das, weshalb ich gekommen war. Aber ich spürte auch, dass da etwas Bemerkenswertes geschah, dass einer einen Schritt weiter gegangen war. Wir blieben bis zum Schluss.

1994 erklärte Stein bei einer großen, vollkommen chaotischen Überlänge-Veranstaltung mit einem geschätzten Dutzend Mitwirkender aus irgendeinem Anlass, den ich längst vergessen habe, dass dies der letzte Abend des Benno-Ohnesorg-Theaters sei. Ich erschrak: Die Reihe war ein wesentlicher Zuträger meines sich gerade erst entfaltenden Berlinwohlfühlgefühls, und nun sollte einfach Schluss sein? Wiglaf Droste sagte dagegen, nach der Sommerpause gehe es ganz normal weiter, aber Stein verkündete später erneut, dies sei das letzte Benno-Ohnesorg-Theater. Ich war verwirrt. Wussten die denn selbst gar nicht, was sie wollten? Sprachen die sich etwa gar nicht vorher ab? Oder war das wieder so ein Das-Publikum-irgendwie-irritieren-wollen-Dingens, das ich nicht recht verstand? Das Benno-Ohnesorg-Theater ging dann doch weiter, aber ohne Stein.

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Diese Verwirrung angesichts von Steins Auftritten sollte mich dauerhaft weiter begleiten. Bei der Reformbühne, als Zuschauer im Schokoladen,  sah ich ihn später wieder und freute mich darüber. Allerdings merkte ich auch schnell, dass er in seinem Verlangen, es dem Publikum möglichst nicht recht machen zu wollen, noch mal einen deutlichen Zacken zugelegt hatte. Einerseits. Andererseits schien sich im Schokoladen ein Publikum herauszubilden, dass gerade die Ausfälle von Stein bewunderte und bejubelte, was ich ebenso irritierend fand wie Steins Darbietungen selbst.

Dann starb 1996 mein Vater, ich musste für zwei Jahre nach Münster zurück, organisierte mein Leben neu, begann, selbst Lieder zu schreiben und verlor die Reformbühne und mit ihr Stein aus den Augen.

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Erst viel später begegnete er mir wieder, 2003, als ich erstmals wieder zur Reformbühne ging. Nicht mehr als Zuschauer, sondern als geladener Gast. Da habe ich mich sehr gefreut, Stein wiederzusehen, es berührte mich, plötzlich mit einem alten Helden gemeinsam aufzutreten. Als ich bald darauf, im Januar 2004, zum festen Mitglied der Reformbühne wurde, stellte ich rasch fest, dass Stein in der Zwischenzeit konsequent weiter gegangen war. Er schien mehr ein irrlichterndes Moment der Reformbühne zu sein als ein regulärer Mitwirkender, einer, für den keine Regeln galten, von dem keiner wusste, ob er an dem Abend kam oder nicht, es schien auch niemand groß zu kümmern. Der seinen Auftritt vor der Pause hatte, weil, so die anderen, „nach Stein eh niemand mehr etwas machen könne“. Der mal völlig wirres Zeug predigte, mal Peinliches, mal offensichtlich Ärgerliches, dem man deutlich hätte widersprechen müssen, aber bis auf ein paar Zwischenrufe duckten wir uns eher weg und hofften, dass es bald vorbei sein würde. Oder riefen von vornherein so viel dazwischen, dass Stein gar nicht dazu kam, überhaupt etwas zu Ende zu formulieren und wie eine Flipperkugel zwischen den Einwürfen hin und her geschossen wurde. Stein, der offensichtlich provozieren, Konventionen verletzen wollte, aber anscheinend nicht immer so recht wusste, weshalb eigentlich, der Grenzen überschreiten wollte und dem es dabei egal war, wenn sich auf der anderen Seite des Grenzzauns doch nur Feindesland befand. Der in teils nervtötender Redundanz monatelang dasselbe erzählte, mal mehr, mal weniger geordnet. Der oft keine Jubelstürme aus dem Publikum mehr erntete, sondern eher Entrüstung, Ablehnung, Unverständnis, hasserfüllte Gästebucheinträge – vor der 10-jährigen Jubiläumsveranstaltung, im Backstage der Volksbühne, brachte Jakob es ironisierend auf den Punkt: „Stein, wenn heute am Ende der Vorstellung auch nur ein verdammter Jude, Neger oder Araber noch im Saal sitzt, hast du’s vermasselt.“ Stein grinste breit. „Politisches Tourret-Syndrom“, hat er selbst einmal bei sich diagnostiziert. Ein über alle Zweifel erhabener Lesebühnenkollege sagte einmal, dass er Stein schon wichtig fände, dass er aber heilfroh sei, keine gemeinsame Veranstaltung mit ihm zu haben. Und trotz seines immer wieder zu Tage tretenden offenkundigen Irrsinns gab es immer wieder auch den anderen Stein, oft in einem derart schnellen Wechsel während ein und desselben Auftritts, dass man kaum hinterher kam: Der andere Stein, der es verstand, eine schier überbordende Herzenswärme von der Bühne auszustrahlen, der blitzgescheite Überlegungen plötzlich pointiert auf den Punkt bringen konnte, der einen wirklich zu berühren vermochte. Und dann gab es natürlich vor allem auch den Stein, der nach der Veranstaltung mit diesem schwer fassbaren, entrückten Lächeln in seinem merkwürdigen Overall an der Theke stand, der sich, wenn man ihm seinen Anteil an der Gage überreichte, in einer demütigen Freundlichkeit bedankte, als habe man für ihn gerade das eigene letzte Hemd zerteilt. Der mir kleine ausgerissene Zettelchen aus BZ oder Bild mitbrachte, in denen irgendwas über Tiere stand, was er mir zeigen oder wozu er mich etwas fragen wollte. Der in einer inneren Ruhe wie aus sich selbst heraus leuchtend über die Tanzfläche schwebte, selbst wenn er der Einzige dort war.

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Nein, Freunde sind wir nicht geworden, Stein und ich, trotz über drei Jahren gemeinsamen wöchentlichen Auftretens, dafür waren wir einfach viel zu weit voneinander entfernt. Und doch wundere ich mich jetzt, wo es vorbei ist, wir nahe mir das alles geht.

Offenbar nicht nur mir. Am Mittwoch, dem Tag seines Todes, finde ich in den Referrern dieses Blogs erste vereinzelte Suchanfragen mit den Begriffen „Stein“ und „Lungenkrebs“ oder „Stein ist tot“. Nachdem Lt. Surf die Nachricht per Rundmail verbreitet hat, wird es allmählich eine kleine Welle, die sich am Freitag zu einem regelrechten Tsunami steigert, im Minutentakt schlagen neue Stein-Google-Referrer auf, hinzu kommen Hunderte von über andere Seiten weitergeleitete Leser, am Ende sind es einige tausend, ich habe längst den Überblick verloren. „Ich glaube, er war bei den Kollegen beliebter als beim Publikum“, schrieb Bov, aber so viele Kollegen kann er gar nicht gehabt haben, ganz offensichtlich hat er doch viele Menschen in besonderer Weise beschäftigt, man fahndet ja nicht bei jedem, den man irgendwann mal wo auf der Bühne gesehen hat, per Google nach weiteren Informationen zu seinem Tod. Vielleicht war Stein bei einem größeren Teil des Publikums nicht unbedingt beliebt – beeindruckt hat er aber in jedem Fall.

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Am Mittwoch hatte ich meine Buchpremiere. Ausgerechnet am Mittwoch, ausgerechnet im Burger, ausgerechnet ich, der ich Stein nicht nah genug stand, um deswegen die Veranstaltung abzusagen oder ganz in sein Gedenken zu stellen, der aber auch nicht entfernt genug ist, um einfach darüber hinweggehen zu können. Ich lese vor der Pause, denn nach Stein kann ja niemand mehr was machen, einen älteren, langen, traurigen Text über meine Ratlosigkeit angesichts des Krebstodes eines Freundes. Manfred Maurenbrecher singt in die Stille hinein sein altes Lied „Hafencafé“, das er schon in den 80ern, als er noch mit ihm in einer Band war, häufig mit Stein am Bass gespielt hat. Das war sehr schön, sehr rührend. Nach der Pause stößt Sebastian Krämer zu uns, der zuvor noch einen Auftritt hatte. Ich bitte ihn auf die Bühne, er setzt sich nichts ahnend ans Klavier und singt sein Lied „Raucher sterben früher“. Dieser Moment der Irritation, die kurze Fassungslosigkeit, das Bizarre des Augenblicks lässt den Knoten bei mir platzen, da hätte Stein auch sein Stein-Grinsen zu gegrinst, denke ich, das Betretene weicht bei mir zumindest für den Rest dieses Abends einem leicht beschwingten Erinnern.

Zwei oder drei Stunden nach der Veranstaltung, längst ist die Disco im Burger in vollem Gange, gehe ich zum Pinkeln nach hinten und wundere mich, während ich am Pissoir stehe, etwas über eine schluchzende, auf dem Boden kauernde Gestalt direkt in meinen Kniekehlen. Ich bin sonst eigentlich nicht so der große Ansprecher, aber nach diesem Tag, nach diesem Wechselbad der Gefühle, frage ich ihn einfach, was los sei und ob ich irgendwas für ihn tun könne. Der Junge ist vielleicht 18, 19 Jahre alt. Nein, schluchzt er, ich könne nichts für ihn tun, es sei nur so, dass ein guter Freund gestorben sei. Das scheint ja heute in der Luft zu liegen, bemerke ich, dann erst fällt mir ein, dass es womöglich derselbe Trauerfall sein könnte. Ja, Michael Stein, er habe es gerade erst erfahren, nichts ahnend sei er bei den Surfpoeten gewesen, und dann das, Stein sei eng mit seinem Bruder befreundet gewesen, und ihn habe er oft überall mit hingenommen, ihm sei er fast selbst wie ein großer Bruder gewesen. Er bricht in Tränen aus. Ich frage lieber nicht, wohin Stein den Jungen wohl mitgenommen hat, ich versuche ihn lieber zu trösten, er fragt nach einer Zigarette. Ich eile an die Bar und organisiere zwei von irgendwelchen Mitte-Schicksen, die sich kurz empören wollen, aber ich wirke offenbar entschlossen genug, dass sie sie dann doch rausrücken, samt Feuerzeug. Ich eile aufs Klo zurück, hocke mich zu dem Jungen auf den Boden, wir rauchen. Eine von geschätzten bisher 20 Zigaretten in meinem Leben geht also auf Stein. Danach mache ich mich wieder auf zu den anderen, der Junge bleibt noch etwas sitzen und guckt betrunkenen Discogästen beim Pullern zu.

„Ich bin Buddhist, und Sie sind eine Illusion“, war einer von Steins Lieblingssätzen, den ich in meiner Reformbühnenzeit mehrere dutzend Mal von ihm gehört habe. Was immer Stein letztlich auch alles war – es gibt eine Menge Menschen, für die die Welt nun um einige Illusionen ärmer ist.

Kommentare (2)

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  1. Pingback: Reptilienfonds » Blog Archive » Wie Michael Stein mich noch ein letztes Mal gerettet hat

  2. Hallo Heiko,
    habe deinen text soeben nochmal gelesen, obwohl ich ihn schon aus der reformbühnenveranstaltung kenne.Wirklich sehr schön – besonders der Schluss. Habe an diesem Mittwoch selbst meinen text zum thema Stein bei den surfpoeten gelesen, und mit dem „18,19 jährigen Jungen“ um den großen
    Meister der philosophischen Charmeoffensive getrauert.
    Aber – das leben geht weiter, auch ohne stein.
    Dir viel spaß in Argentinien.

    Bong Boeldicke