Wie Michael Stein mich noch ein letztes Mal gerettet hat
von Heiko Werning
Das war schon beeindruckend: Das SO 36 war rammelvoll auf der Langen Buchnacht in der Oranienstraße zur Stein-Gedenklesung. Ahne, Daniela Böhle, Falko Hennig, Bong Boeldecke, Klaus Nothnagel und ich lasen unsere Erinnerungen an Stein, Klaus Bittermann trug einen alten Stein-Text vor. Das war, insgesamt, nicht gerade ein spritziges Showkonzept, sondern eher tatsächlich eine Gedenklesung. Hätten wir sicher auch anders, unterhaltsamer machen können, vielleicht wäre es der etwas rummeligen Stimmung im SO36 angemessener gewesen, etwa mehr Texte von Stein zu lesen, vielleicht hätte ich statt meines eher persönlichen Nachrufes lieber den Text vom Kollegen Nils Heinrich über den ersten Kampftag der Arbeitslosen vortragen soll, der dann doch etwas mehr Pepp hat. Aber nun war es, wie es war, verblüffenderweise waren die geschätzten 100 Zuschauer im vorderen Bereich des SO36 ganz Ohr, und die Störgeräusche aus dem Barbereich hielten sich in Grenzen. Vielleicht war es auch gerade gut so, wie wir es gemacht haben. Wer weiß das schon.
Auf jeden Fall sind noch einmal viele Menschen zusammengekommen, um an Stein zu denken. Und das ist ja auch schon schön. Und das Stein-Buch „Ich bin Buddhist und Sie sind eine Illusion“, anlässlich dessen Erscheinens wir lasen, ist wirklich schön geworden. Möge es sich gut verkaufen, denn die Erlöse kommen Steins Kindern zugute. Insgesamt konnte man also zufrieden sein.
Viele Kollegen waren gekommen, darunter auch der geschätzte Musiker Danny Dziuk, seine Freundin sowie einer der beiden Teile von Rattelschneck, die ich irgendwie nie auseinander halten kann, und so standen wir nach der Lesung noch eine ganze Weile zusammen und tranken Bier. Ich hatte sogar schon ziemlich viel Bier getrunken, denn vor der Stein-Lesung hatte es gegenüber bei Feinkost Hillmann die traditionelle Buchnacht-Brauseboys-Lesung gegeben, und davor einen Auftritt von Konrad Endler, kurz und gut: Der Abend war lang, voll und trinkfreundlich gewesen, oder anders: Ich war schon ganz schön betütert.
Als Danny kurz mal austreten war und ich mich in entspannt-beduselter Haltung aus dem Gespräch der anderen ausgeklinkt hatte, trat plötzlich ein kahl rasierter Typ, etwa mein Alter, drahtig und grimmig guckend von der Theke auf mich zu, hielt mir seine geballte Faust vor die Nase und sagte irgendetwas. Erstaunt blickte ich ihn an. Er hielt mir die Faust noch etwas näher vor die Nase und sagte wieder etwas, was ich erneut nicht verstand. Es ist laut im SO36 und ich war nicht mehr ganz frisch. Ich versuchte zu orten, ob er mich gezielt ansprechen wollte, oder ob seine Annäherung ungerichtet, ich also nur zufällig sein anvisierter Kommunikationspartner war, ob er letztlich überhaupt reden oder einfach nur irgendetwas sinnlos der Welt im Allgemeinen mitteilen wollte, was ja wiederum samstagnachts um 2 Uhr in Kreuzberg auf der Oranienstraße nun auch keine allzu große Überraschung wäre. Ich konnte es nicht verorten und fragte also nach: „Was?“
Eine etwas lautere Äußerung, leider wieder unververständlich. Ratlos schaute ich auf seine Faust. Hatte er darin was umschlossen, was er mir zeigen wollte? So wie mein 2-jähriger Sohn manchmal, der dann auch nicht versteht, dass er die Faust schon irgendwann mal öffnen müsste, damit man sieht, was sich darin befindet.
Also setzte ich noch mal nach: „Was? Ich hab dich nicht verstanden.“
„Angst!“, brüllte der Typ nun, „hast du Angst?“
Ich sah ihn fassungslos an. „Wieso sollte ich Angst haben?“
Er funkelte mich an, jetzt zuckte seine Faust ein bisschen, was hatte er denn da bloß? „Jetzt haste Angst, wa!“, brüllte er mir ins Ohr, während die Faust nun praktisch direkt vor meiner Nase kreiste. Ich verstand beim besten Willen nicht, was er wollte. Erstaunt blickte ich ihn mit großen Augen an und fragte zurück:
„Aber was meinst du denn? Wovor sollte ich Angst haben? Es gibt doch gar keinen Grund, hier vor irgendetwas Angst zu haben!“ Dabei sah ich ihm mit ehrlichem Unverständnis direkt ins Gesicht.
Jetzt changierte sein Gesichtsausdruck zwischen Fassungslosigkeit und ohnmächtiger Wut. Er brüllte mir wieder etwas ins Ohr, ich verstand nur Bruchstücke: „Aufs Maul … dein erbärmliches Lesen vorhin … jetzt haste Angst!… das war jämmerlich.“ Dazu zuckte kreiste Faust erneut vor mir herum. Ganz allmählich zog ich die Möglichkeit in Erwägung, dass ich es hier nicht mit einem normalen Besucher der Buchnacht zu tun hatte oder einem Zuhörer unserer Veranstaltung, der nur mal so nett mit mir plauschen wollte. Wenn ich betrunken bin, reagiere ich allerdings manchmal ziemlich verlangsamt. Ich konnte die neuen Informationen nicht richtig verarbeiten, daher erwiderte ich wahrheitsgemäß: „Was? Ich hab dich nicht verstanden. Kannst du das noch mal sagen, bitte?“
Jetzt guckte er ganz komisch. Irgendwie – enttäuscht. Entnervt. Dann zischte er plötzlich ein verächtliches „Ach!“, machte eine wegwerfende Handbewegung und verschwand im Gewühl.
Verblüfft blickte ich ihm hinterher und versuchte, mir einen Reim auf die kurze Begegnung zu machen. Und ganz allmählich sickerte es bei mir durch … Tja, in der Tat. Man konnte es drehen und wenden, wie man wollte: Ganz offensichtlich wollte dieser Typ mir was aufs Maul geben. Gut, dass ich diese Möglichkeit während unserer Begegnung gar nicht erst in Betracht gezogen hatte. Aber wenn ich mir die Szene noch mal vergegenwärtigte, war es doch wohl eindeutig. Der wollte mich hauen. Offenbar wegen meinem Text. Nun war das sicher keine Sternstunde der Vortragskunst, aber so schlecht habe ich dann doch nicht gelesen, dass man deswegen aus ästhetischen Gründen zuschlagen müsste. Also musste die Motivation wohl eher im inhaltlichen Bereich liegen. Besonders kontrovers ist die Geschichte allerdings eigentlich auch nicht. Jedenfalls habe ich noch keine Kritik an ihr gehört. Das heißt – gut, jetzt hatte ich Kritik an ihr gehört, wenn auch etwas unkonventionell angeführt. Was um Himmels Willen war denn das Problem? Gut, ein Ausnahmekünstler wie Stein hat wohl auch viele Geistesgestörte aller Art angesprochen, vielleicht hatte es ihm einfach nicht gefallen, das jemand wie ich, was immer jemanden wie mich in den Augen eines solchen Arschlochs auch auszeichnen mag, es wagte, etwas zu Stein zu sagen. Oder an seinem tollen Szene-Ort in seinem tollen Szene-Bezirk auch nur aufzulaufen. Wer weiß schon, was solchen Dummbeuteln durch den leergefegten Kopf rumpelt. Ich war noch erheblich irritiert, als Danny zurückkehrte und fragte, was los sei. Ich berichtete ihm, und er fragte kurz nach: „Kopf kleiner als du? Glatze? Schwarzes T-Shirt? Los, den schnappen wir uns“, und stürmte Richtung Tanzfläche. Ich war gerührt. Andererseits wollte ich eigentlich mit dem Typ gar nichts weiter zu tun haben, nicht einmal im beschleunigten Dialog. Ich stürzte Danny hinterher, der schon mehrere rasierte Schädel fixierte. „Welcher denn?“, fragte er mich, aber ich konnte es nicht mal sagen. Ich habe eh ein katastrophales Personengedächtnis, und unter den Umständen ist es nicht besser geworden. Und außerdem, wie Danny richtig anmerkte, ist es mit diesen Glatzköpfen ja irgendwie wie mit den Chinesen – kann man einfach nicht auseinanderhalten. Wir bestellten noch ein Bier und stellten uns wieder zu den anderen, wenn ich auch bei jedem glänzenden Schädel, der an mir vorbei Richtung Klo oder Ausgang huschte, kurz aufsehen musste.
Erst jetzt bekam ich dann doch sogar noch etwas weiche Knie. Ich war offenbar nur knapp daran vorbeigeschrammt, was auf die Fresse zu kriegen, und das, wo mir physische Auseinandersetzungen doch völlig zuwider sind, besonders, wenn ich der Empfänger der Schläge bin. Der Typ hatte es wirklich ganz darauf angelegt, warum auch immer. Wieder und wieder ließ ich die Situation vor meinem inneren Auge ablaufen – ganz klar. Gerettet hatte mich ganz offenkundig bloß, dass ich ihn einfach nicht einen Moment lang als Bedrohung wahrgenommen habe, dass ich vollkommen arglos mit ihm umgegangen bin. Es muss bei ihm so etwas wie eine Schlaghemmung ausgelöst haben, dass ich weder verängstigt noch gegenaggressiv reagiert habe. Dass ich ihn praktisch einfach gar nicht als aggressives Element akzeptiert habe. „Ich bin Buddhist und Sie sind eine Illusion“ – so hat Stein immer auf Kontrolleure in der U-Bahn reagiert, sie dabei freundlich angelächelt und damit aggressives Potenzial im Keim erstickt. Mensch, Stein. Ich glaube, jetzt habe ich es endgültig begriffen. Ein letztes Dankeschön.
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