Invasion der Recherchefehler bei SPIEGEL-online
von Heiko WerningEinmal mehr versucht SPIEGEL-online sich am Thema Reptilien & Co., und einmal mehr geht es gründlich schief. Diesmal dokumentiert Nicole Serocka ihre Ahnungslosigkeit zum Thema sowie ihren Unwillen, daran durch Recherche etwas zu ändern.
Schon im Teaser geht es in die Vollen: 200.000 Würgeschlangen sollen in Deutschlands Haushalten leben. Das klingt schön schaurig. Nun ist eine Würgeschlange allerdings jede Schlange, die ihre Beute durch Umschlingen tötet (ein Klick auf den angegebenen SPIEGEL-Wissen-Link „Würgeschlange“ hätte gereicht, um das herauszufinden). Dazu gehören also auch allerniedlichste kleine Nattern, die die übergroße Mehrheit der privat gehaltenen Schlangen stellen. Und die werden nirgends gemeldet, wir wissen also schlicht nicht, wie viele „Würgeschlangen“ in deutschen Haushalten leben. Die Schätzung der zitierten „Aktion Tier“ entbehrt jeder Grundlage.
Dann folgt das dramatische Einstiegsszenario in das Thema „Reptilienboom“ und „Invasion der Echsen“ mit der These: „Immer öfter tauchen sie [also die Gift- und Würgeschlangen] auch außerhalb ihrer Heime auf.“ Geschildert wird der Fall einer – tja: Ringelnatter. Die ist nicht nur harmlos, wie die Autorin einräumt, die ist vor allem kein Exot. Die lebt hier ganz regulär. Würde es sich dabei tatsächlich um „ein zunehmendes Phänomen in deutschen Städten“ handeln, wäre das ein schöner Erfolg für den Naturschutz. Und hätte sich die Szene auch nur näherungsweise so abgespielt, wie die Autorin schreibt, wäre sie zudem noch eine bemerkenswerte neue wissenschaftliche Erkenntnis: „Als Julia Ott an einem der sonnigeren Tage dieses Sommers über ihre Hofeinfahrt im fränkischen Rottenstein geht, bekommt sie einen ziemlichen Schrecken: Nur wenige Meter von ihr entfernt liegt eine 120 Zentimeter lange, zusammengerollte Schlange. Während Ott abrupt stehen bleibt, richtet sich das schwarz-gelbe Reptil plötzlich s-förmig auf und fixiert die junge Frau. Die Drohgebärde erinnert Ott an eine gefährliche Kobra.“ Genau so reagieren Ringelnattern gerade nicht auf Bedrohung. Die kriechen entweder ganz fix davon, oder sie stellen sich tot, lassen die Zunge raushängen und quetschen zur Not noch einen Tropfen Blut aus dem Maul, damit es auch wirklich echt aussieht. Die Szene im fränkischen Rottenstein dürfte mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit schlicht frei erfunden sein.
Vollends daneben greift die Autorin dann ausgerechnet im am leichtesten zu recherchierenden politischen Teil: „Hessen und Schleswig-Holstein haben deshalb im vergangenen Jahr die Haltung exotischer Wildtiere außerhalb von Zoos und Zirkussen in ihren Ländern gesetzlich verboten.“ Toll, an diesem Satz ist so ziemlich alles falsch. Erstens geht es nicht um „exotische Wildtiere“, sondern um „gefährliche Tiere wild lebender Arten“, was ein ziemlich großer Unterschied ist. Die in Terrarien gepflegten Tiere sind nämlich durch die Bank „exotische Wildtiere“, wie übrigens auch z. B. Zebrafinken, Wellensittiche und Aquarienfische, und deren Haltung ist selbstverständlich selbst in Hessen weiter erlaubt (abgesehen davon, dass viele der Arten auf der hessischen Liste auch nicht gefährlich sind, aber das nur am Rande). Zweitens gilt das Verbot in Hessen merkwürdigerweise nur für den privaten Bereich, nicht für den gewerblichen. Die Haltung ist also nicht nur „Zoos und Zirkussen“ erlaubt, sondern jedem, der das beruflich macht (Züchter, Zoohändler, Wissenschaftler etc.). Und drittens hat nur Hessen “im vergangenen Jahr” ein solches Verbot erlassen, in Schleswig-Holstein gilt es schon viele Jahre.
Dann behauptet die Autorin: „Die CDU-Fraktion im nordrhein-westfälischen Landtag plant ebenso ein Verbot der privaten Haltung von exotischen Tieren, die unter Artenschutz stehen und Menschen gefährden können.“ Was immer das „und“ hier bedeuten soll, ob also alle unter Artenschutz stehenden Arten und alle dem Menschen gefährlichen Arten verboten werden sollen oder nur alle unter Artenschutz stehenden Arten, die gleichzeitig auch noch gefährlich sind – es stimmt beides nicht, so blöd ist ja nicht mal die NRW-CDU. Von geschützten Arten jedenfalls war in der Presseerklärung nicht die Rede, deren Haltung ist ohnehin über Bundesrecht geregelt.
Dass dann auch unvermeidlicherweise von „die Python“ die Rede ist (es heißt alternativlos „der Python“, hier würde schon ein Blick in den Duden genügen), ist bei soviel geballter Unkenntnis fast schon eine genauso lässliche Petitesse wie die Benennung des Kaimans auf dem zugehörigen Foto als Alligator.
Vielleicht sollte SPIEGEL-online sich demnächst lieber auf seine Berichterstattung über Britney Spears et al. konzentrieren.
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Wie passend, dass der Beitrag im “Panorama” und nicht unter “Wissenschaft” veroeffentlicht wurde…
Das hast Du hoffentlich auch dem SPIEGEL so mitgeteilt …und was sagen diese
VollpfostenJournalistendarsteller dazu?Ich mochte die Stelle, wo 5000 Liter aus einem Schwimmbecken gepumpt werden mussten, um eine Ringelnatter zu bergen, und das von den Feuerwehrleuten, die gemäß ein paar Zeilen drüber permanent Spezialwerkzeug zum sicheren Einfangen von Reptilien dabei haben… Kescher waren wohl aus.
Sehr lustig! Das ließt sich quasi genau wie BILDblog, nur halt über SPON. Davon sollte es mehr geben!
>Ich mochte die Stelle, wo 5000 Liter aus einem Schwimmbecken gepumpt
>werden mussten, um eine Ringelnatter zu bergen, und das von den
>Feuerwehrleuten, die gemäß ein paar Zeilen drüber permanent
>Spezialwerkzeug zum sicheren Einfangen von Reptilien dabei haben…
>Kescher waren wohl aus.
Ja, in der Tat bizarr. Wenn die demnächst alle Teiche leer pumpen, in denen sich Ringelnattern tummeln, wird Brandenburg endgültig zur Wüste. Hübsch bei der Gelegenheit auch, dass Ringelnattern ja besonders geschützte einheimische Tiere sind, die gar nicht gefangen, eigentlich nicht mal angefasst werden dürfen. Muss die Feuerwehr dann eigentlich auch Ordnungsgelder zahlen?
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Hm. 5000 Liter sind ja nicht die Welt. Aber interessanter finde ich die Frage, wieso man eine Ringelnatter aus einem Gartenteich bergen muss. Die kann doch schwimmen.
na wahrscheinlich ging es eher um die Rettung der letzten Nachzuchten der sauteuren Kois.
PS:nicht ganz ernst gemeint
Au weia, es lebe die Dummheit des Homo sapiens!
Da braucht man sich über Hessen nicht wirklich wundern.
Heiko Werning hat offensichtlich ein Problem mit professionellen Journalisten, die in renommierten Medien Artikel über Reptilien schreiben. Denn bei genauerem Hinsehen lassen sich die meisten seiner Argumente widerlegen.
Zu den „200 000 Würgeschlangen“: Die Zahl ist – wie der Blogger selbst zugibt – eine Schätzung des Vereins „aktion tier – menschen für Tiere e.V.“ Sie beruht auf einer aktuellen Statistik des Bundesamts für Naturschutz, wonach sich der Import von exotischen Tieren in den letzten zehn Jahren von 44 506 auf 63 300 Tiere erhöht hat. Dass auch Nattern zur Gruppe der Würgeschlangen gehören, wurde dabei bedacht – eine Dunkelziffer, durch die sich die geschätzte Zahl lediglich erhöht.
Julia Ott gibt es wirklich, sie lebt in Rottenstein und steht im Telefonbuch. Sie hat die Szene mit der Natter genauso erlebt und das nicht nur dem Spiegel, sondern auch der Mainpost geschildert: „Das sonnenbadende Prachtexemplar einer Ringelnatter ging erst mal in Angriffshaltung, bevor es sich dann schnell davon schlich.“
Zur Gesetzeslage in den genannten Bundesländern: Hessen hat im Oktober 2007 ein Gesetz erlassen, das die private Haltung gefährlicher exotischer Wildtiere verbietet. Ein ähnliches Verbot gilt in Schleswig-Holstein seit dem Herbst 2003.
In einem Artikel der WAZ vom 21.06.2008 mit dem Titel „CDU-Fraktion will Verbot von Schlangen in Wohnungen“ wird der umweltpolitische CDU-Fraktionsexperte, Friedhelm Ortgies wörtlich zitiert: „Wir wollen die private Haltung von Tieren, die unter Artenschutz stehen und Menschen gefährden können, verbieten.“
Außerdem antwortete die NRW-Landesregierung auf eine kleine Anfrage der Grünen (Drucksache 14/80): „Problematisch ist meist der Bereich der Haltung von nicht artgeschützten exotischen Tieren. Hier sind häufig unzureichende Sachkenntnis der Halter und schlechte Unterbringung und Pflege der Tiere anzutreffen. [...] Insgesamt beurteilt die Landesregierung die Problematik des Handels mit und der Haltung von exotischen Tieren als kritisch.“
Kaimane (Caimaninae) sind übrigens eine Unterfamilie der Alligatoren (Alligatoridae). Deshalb kann man ihn durchaus als Alligator bezeichnen.
Übrigens: Es heißt unumstritten „der Python“, was wahrscheinlich nicht auf die Unkenntnis der Journalistin, sondern lediglich auf einen Tippfehler zurück zu führen ist.
Liebe(r) Lussekat,
Ja, habe ich, weil sie eben so viel Stuss schreiben. Zum Thema “professionelle Journalisten” – ich bin seit 12 Jahren hauptberuflicher Fachredakteur für Reptilien und Amphibien und verstehe von der Thematik naturgemäß etwas mehr als die meisten “Normal-Journalisten”, weshalb ich das ganz gut beurteilen kann. Im Übrigen schreibe ich durchaus für “renommierte Medien” im Print, Sie können sich ja mal durchgooglen, ganz so einfach können Sie es sich also nicht machen. Vor allem aber schreibe ich für “renommierte Medien” im Fachgebiet, und dort in praktisch allen, auch wissenschaftlichen.
Ich gehe im Folgenden im Einzelnen darauf ein, aber schon diese Aussage ist ja eine Verneblung, denn die eigentlichen Kernkritik-Punkte greifen Sie ja erst gar nicht auf, wie z. B. eben die krude Vermischung von Ringelnattern, die ja nun wohl unbestritten kaum für einen alarmistischen “Exoten-Invasion”-Artikel taugen.
Das ist aber schlicht absurd – gemeint sind hier natürlich Riesenschlangen (denn nur die werden vom BfN überhaupt erfasst) und machen halt nur den deutlich geringen Teil der “Würgeschlangen” aus. Die Zahl ist substanzloser Quatsch. Im Übrigen “gibt der Blogger nicht zu”, sondern zitiert.
Jeder Feldherpetologe wird Ihnen bestätigen, dass Ringelnattern sich so nicht verhalten. Was sehr nahelegt, dass die Geschichte erfunden ist oder, wie ich ja durchaus als Möglichkeit erwähnte, das eine wissenschaftlich bemerkenswerte Beobachtung wäre. In jedem Fall, und das ist der Kern der Kritik, taugt eine heimische Ringelnatter nicht als Beleg für eine “Exoten-Invasion”, da sie nun einmal kein Exot ist.
Ach nee. Das ist schon ausführlich von mir z. B. hier im Blog (und in der Fachpresse) analysiert worden. Es gibt aber einen erheblichen Unterschied zwischen exotischen Tieren, von denen die “professionelle Journalistin” schreibt (zu denen gehören nämlich vom Wellensittich bis zum Guppy praktisch alle Haustiere, die eben nicht domestiziert sind und hier ursprünglich nicht vorkommen), und eben “gefährlichen exotischen Tieren”, das werden Sie ja wohl kaum in Abrede stellen wollen.
Eben. Wie ich ja schrieb. 2003 ist aber nicht 2007.
Tja, das hat die “professionelle Journalistin” aber nicht als Zitat gekennzeichnet. Dumm, denn das Zitat ist inhaltlich falsch. Da hat entweder die WAZ, eben noch so ein “renommiertes Medium”, Stuss wiedergegeben. Oder, wenn das Zitat so stimmen sollte, der Herr Ortgies. Die NRW-CDU jedenfalls hat sich, das können Sie sowohl in den Presseerklärungen als auch im Parteitagsbeschluss einfach nachlesen, natürlich mit gefährlichen Tieren beschäftigt.
Ja und? Davon habe ich nicht geschrieben und Frau Serocka auch nicht. Inhaltlich halte ich die Aussage für falsch, aber wie gesagt – die stand hier doch gar nicht zur Diskussion.
Klar. Schön, dass Sie das einem Lektor von Fachbüchern über Panzerechsen erklären. Aber: Man kann auch einen Wolf als Hund bezeichnen, weil er zur Familie der Hunde (Canidae) gehört. Besonders sinnvoll ist das aber nicht, zumal die deutschen Trivialnamen in diesem Fall erfreulich klar sind, Sie sich hier aber mit taxonomischer Nomenklatur behelfen müssen. Ein wissenschaftlicher Artikel ist dieser Schmarren aber ganz sicher nicht.
Ganz bestimmt. Typischer Tippfehler. Sonst geht’s Ihnen aber gut?
Mit freundlichen Grüßen,
Heiko Werning
auf was haut der spiegel jetzt drauf? hier wird die aversion der christianer gegen alles was im staube zu kriechen hat geschürt. hier werden einheimische ringelnattern genauso wie exotische schlangen dämonisiert und durcheinandergewürfelt. bisher ist in deutschland ausser der einheimischen kreuzotter noch keine giftige schlange ausserhalb ihres kuscheligen terrariums gesichtet worden. terrarianer sind sachkundegeschult und verantwortungsvoll. die terraristik ist eine humanistisch bildende kulturleistung zum wohl der reptilien nicht zuletzt in ihren gefährdeten biotopen. die dght (deutsche gesellschaft für herpetologie und terrarienkunde) vermittelt sachkunde und verständnis für diese kreaturen seit jahrzehnten. i have a dream: die ringelnatter wird geliebt und ohne aufsehen über die strasse gehievt und nicht erschlagen. der spiegel steht doch für eine aufklärungsgesellschaft nicht für eine verbotsgesellschaft! die spiegel meldung hätte mehr bewirken können. welche sachkenntnis hat Nicole Serocka? keine: hier wird nur noch stimmung gemacht. sie sollte bei ihren leisten bleiben. gut das die stellungnahme von heiko werning dem entgegenwirkt. gx henrybrames
fachtierarztpraxis für reptilien
dr henry brames