Schon wieder eine Reptilien-Invasion
von Heiko WerningScheint ja gerade Saison zu sein: Nachdem SPIEGEL-online schon letzte Woche mit einem aus Falschaussagen und frei erfundenen Elementen zusammengeschusterten Artikel zum angeblichen „Exotenboom“ gezeigt hat, was man dort von Recherche hält, wollte die Hamburger Morgenpost die Sache offenbar nicht auf sich sitzen lassen und beweisen, dass sie es auch nicht kann. Hier wurde eine Stephanie Lamprecht an die Tastatur gesetzt, die ihr journalistisches Unvermögen heute demonstrieren durfte.
„Immer mehr Exoten – Experten warnen“ heißt das schlampig wie kenntnisfrei zusammengeschluderte Stück. Zu Beginn muss diesmal ein Grüner Leguan herhalten, der aus dem Fenster gefallen ist und daher von der Feuerwehr aus einem Baum gefischt werden musste. Vergleichbare Einsätze mit Katzen führen eher selten zu „Expertenwarnungen“, hier aber wird der Unfall zum Anlass, darüber zu berichten, dass „Tierschützer seit Jahren ein Haltungsverbot für Schlangen und Co. fordern“. Denn: „Alle paar Monate kommt die Meldung, dass eine Giftschlange oder eine Würgeschlange aus ihren Terrarien entkommen sind und die Nachbarn in Angst und Schrecken versetzen.“ So, so. Alle paar Monate erschrecken also Giftschlangen die Hamburger Nachbarn. Erstaunlich eigentlich, dass so eine Meldung dann aber nie an die Öffentlichkeit dringt, während wir mit Ringelnattern und Leguanen gelangweilt werden.
Na ja, die übliche Sensationsheischerei eben. Und auch hier wieder garniert mit ein paar handfesten Sachfehlern, die mit ein paar einfachen Google-Anfragen hätten vermieden werden können (mehr traut man sich ja schon gar nicht mehr zu fordern). Jeder Satz ein Treffer: „Und während bei bestimmten Hunderassen automatisch von einer Gefahr für die Mitmenschen ausgegangen wird, müssen Exotenfreunde nur die legale Herkunft ihrer Lieblinge nachweisen.“ Es wird Frau Lamprecht erschrecken, aber Exotenfreunde müssen nicht einmal das. Die Aussage ist schlicht falsch. Keine Ahnung, was Frau Lamprecht da im Hirnkasterl durcheinander gebracht hat, vielleicht geschützte Arten, vielleicht gefährliche Tiere, Herkunfsnachweise für Exoten gibt es jedenfalls nirgends, auch nicht in Hamburg. Empört setzt die „Journalistin“ nach: „Ob der Laie seinen Tigerpython oder den Leguan ausbruchsicher und artgerecht untergebracht hat, wird in Hamburg nicht durch Behörden kontrolliert.“ Das wiederum wäre ein kleiner Behördenskandal. Denn Tigerpythons fallen unter das Washingtoner Artenschutzabkommen, sie müssen deshalb (und nicht wegen ihres „Exotentums“) behördlich gemeldet werden, selbstverständlich auch in Hamburg, und ebenso selbstverständlich überprüfen auch die Behörden in Hamburg bei Bedarf die Haltung, wie in jedem Bundesland. (Theoretisch gälte das auch für den Grünen Leguan, der aber 2005 in die Anlage 5 von § 7 der Bundesartenschutzverordnung aufgenommen wurde, weil er so massenhaft nachgezüchtet wird, dass er trotz seines internationalen Schutzstatus in Deutschland nicht mehr gemeldet werden muss.)
Und auch im nächsten Satz geht’s schief: „Fast überall müssen die Halter von Giftschlangen eine Genehmigung beim Ordnungsamt beantragen. Nur in Hamburg und Bremen dürfen sogar hochgiftige Königskobras (…) gehalten werden, ohne dass eine offizielle Stelle davon erfährt.“ Nur in Hamburg und Bremen. Und in fünf anderen Bundesländern, möchte man ergänzen: Brandenburg, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Thüringen und Sachsen haben auch keine diesbezüglichen Regelungen. Aber die liegen wohl außerhalb des Hamburger Horizontes. Zum Ausgleich praktisch gibt es dafür in Bremen allerdings sehr wohl eine entsprechende Verordnung.
Und dann darf wieder irgendeine Tierschutzvereintante den hunderttausendfach widerlegten Unsinn behaupten, dass „diese Tiere“ (welche jetzt eigentlich? Königskobras? Grüne Leguane? Oder die den Artikel zierende Kornnatter, die inzwischen gleich Goldfischen oder Kaninchen in Hunderten von künstlichen Farbformen gezüchtet wird?) „grundsätzlich nicht artgerecht gehalten werden können“. Und gleich darauf gleich noch ein Tierschützerzitat, diesmal von Thomas Schröder vom Deutschen Tierschutzbund: „Menschen, die sich aus Geltungsbedürfnis Giftschlangen oder andere Exoten halten, sollten ihr Selbstwertgefühl überprüfen. Es gibt keinen vernünftigen Grund, diese Tiere zu halten.“ Das ist dann wohl eher Thomas Schröders Problem, dass er sich gar keinen anderen Grund als Geltungsbedürfnis vorstellen kann. Wird wohl irgendwas mit seiner Persönlichkeit zu tun haben. Gut, dass sein Geltungsbedürfnis ihn nicht zum Kobrahalter gemacht hat, sondern nur zum Bundesgeschäftsführer des Deutschen Tierschutzbundes.
Zum Abschluss dann aber doch noch die Frage: Wer sollen eigentlich die Experten sein, deren Warnungen uns in der Überschrift des Artikels versprochen werden?
P.S.: Lustig auch der „Info-Kasten“ unter dem Artikel (in der Online-Ausgabe etwas zerrupft). Natürlich ist die Aussage „Skorpione: Ihre Stiche können einen Menschen töten“ nicht falsch, weil es durchaus eine ganze Reihe dieser Tierchen gibt, die das können. Die Mehrzahl der bei uns gehaltenen Skorpione allerdings ist völlig ungefährlich. Bizarr dann aber die Aussage: „Skorpione sind schwierig zu halten“. Ich kenne eine ganze Menge Skorpionhalter, und ich würde mich zu der Aussage versteigen, dass viele Skorpione sogar noch ein kleines bisschen schwieriger zu halten sind als – sagen wir: Plüschtiere. Oder Briefmarken.
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Als kleiner Hinweis … in Bremen gibt es sehr wohl ein entsprechendes Polizeigesetz bzw. eine Gefahrtierverordnung nach der Gefahrtiere (Giftschlangen, Giftspinnen, Skorpione und Krokodile) eine Haltungsgenehmigung benötigen. Deren Kontrolle obliegt dem Ordnungsamt und dem Amtsveterinär. Und das ist auch gut so.
Grüße aus Bremen
Stimmt, noch ein weiterer Fehler im Mopo-Artikel, hatte ich vergessen mit aufzuführen. Danke für den Hinweis, ich baue es noch ein.
Konfrontierst Du diese Schreiberlinge eigentlich mit dem von Ihnen verzapften Bockmist? Und wenn ja, was sagen die eigentlich dazu? Dass muss denen doch eigentlich total peinlich sein.
Na ja, im Fall der Mopo ist es ja so: Da stehen ja schon zwei Dutzend empörte Leserkommentare drunter, in denen alles richtig erwähnt wird (Inkl. des “aggressiven” Färberfroschs, den ich in dem Textchaos am Ende des Beitrags glatt übersehen habe und der eine besondere Komik hat, wenn man diese Winzlinge mit dem Bedrohungspotenzial einer Kellerassel kennt). Man kann wohl getrost davon ausgehen, dass das dort einfach niemand interessiert. Sonst hätte man vielleicht zumindest die allergröbsten Sachen (Giftanakonda, Mamba als Riesenschlange, südamerikanisches Chamäleon) schnell korrigiert. Und sonst würde es zu solchen Beiträgen ja gar nicht kommen. Der Aufwand, aus diesem Stück Dreck zumindest ein Artikelchen ohne gravierende Schnitzer zu machen, betrüge für jemand Fachfremden schätzungsweise 15 Minuten, man müsste einfach nur ein paar Sachen durchgooglen bzw. wikipedien. Wenn man nicht mal das will, ist einem entweder alles egal, oder hier wird sogar absichtsvoll Stuss verbreitet, was mich auch nicht wirklich wundern würde.
Ich muss hier aber auch nochmal loswerden, dass der aggressive Färberfrosch mein absoluter Favorit ist. Ich sehe schon den neuen Horror-Thriller-Blockbuster kommen – “Der Amoklauf der Killerfröschchen”: Tausende der mutierten Kampfamphibien stürzen sich wild quäkend auf die ahnungslosen Südamerika-Touristen und verbeißen sich in deren Eingeweide… Oh Mann, ich kriege diese Bilder nicht mehr aus dem Kopf. Naja, man sollte Dendrobaten als Terrarientiere aber auch nicht unterschätzen. Wer sie nicht vernünftig kaut und dann runterschluckt, kann immer noch dran ersticken.