http://blogs.taz.de/reptilienfonds/wp-content/blogs.dir/1/files/2018/01/taz-Hauswand_Fallback.png

vonHeiko Werning 12.02.2009

Reptilienfonds

Heiko Werning über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

Mehr über diesen Blog

Es können durchaus auch Bagatellen sein, die tiefe Einblicke in wichtige Systeme ermöglichen. Der „Fall Wilhelm“ ist ein schönes Beispiel. Nur für jene, die es noch nirgends mitgekommen haben, kurz zusammengefasst: Ein anonymer Autor hat am Abend vor der Verkündung des Herrn Guttenberg zum neuen Wirtschaftsminister dessen beeindruckende Vornamenssammlung in der Wikipedia um einen „Wilhelm“ ergänzt. Tags darauf tauchte eben jener Wilhelm flächendeckend in den Medien auf, besonders prominent auf der Titelseite der Bild-Zeitung. (Nebenhandlung: In der Wikipedia stieß die Namensflut auf Skepsis, wurde dann aber aufgrund der Medienberichte, die ja aber nur aus der Wikipedia abgeschrieben hatten, schließlich als belegt gewertet.) Drüben bei der Titanic hatten wir den zugrunde liegenden Mechanismus schon vor einiger Zeit treffend illustriert (kann man schön als E-Postkarte versenden):

Der Vorfall bestätigt zunächst mal nur, wenn auch recht eindrucksvoll, was man im Grunde ja eh schon wusste. Noch eindrucksvoller wird es aber jetzt: Stefan Niggemeier fasst die Reaktionen der betroffenen Medien (leider ebenfalls wenig ruhmvoll: die taz) zusammen, und da kommt man schon arg ins Stirnrunzeln. Einen ganz tiefen Blick in den Abgrund kann man dann aber in den Kommentaren zu dem Artikel werfen: Dort argumentieren sich Leute, die ganz offensichtlich den Beruf des Journalisten ausüben, um Kopf und Kragen, indem sie den Fall (nicht die Namenssache selbst) als belanglos runterstufen, den aufklärerischen Fälscher runtermachen und natürlich Niggemeier und das Bildblog beschimpfen. Mein alter Deutschlehrer hat mal gesagt: „Am widerlichsten ist es, wenn Dummheit und Dreistigkeit sich paaren.“

Dabei ist es doch ganz einfach:

  1. Natürlich kann man als Journalist nicht jedes Detail aufwändig recherchieren. Aber wenn man idiotischerweise schon Artikel macht, die sich ganz oder teilweise mit den vielen Namen des Herrn beschäftigen, wenn also die an sich nebensächliche Vornamensfrage zur Hauptsache wird, dann sollte die Hauptsache vielleicht auch stimmen.
  2. Wenn man mit der Wikipedia arbeitet, dann sollte man den Umgang mit ihr vielleicht auch näherungsweise beherrschen. Die Artikel-Historie ist immer nur einen Mausklick entfernt, und hätte man gesehen, dass praktisch in dem Moment, in dem Herr Vonundzu plötzlich überregional bekannt wurde, ein neuer Name auftauchte, hätten die Alarmglocken aber schon klingeln können. Vermutlich ahnen die meisten Zusammenschreiber in den Redaktionen aber gar nichts von so Details wie eben dieser Artikel-Historie – Geschwindigkeit kann da ja jedenfalls eher nicht der Grund sein, ein solcher Check kostet keine Minute.

Interessant, wie sie jetzt alle jammern: Die Namen seien doch nur Nebensächlichkeiten (wieso machen sie dann Artikel drüber?), der Fälscher mache die Wikipedia kaputt (als hätte diese vollumfängliche Detailgetreue je für sich reklamiert und als böte sie eben genau deshalb nicht so hübsche Zusatzfunktionen an), es sei ja auch so schwer gewesen, das richtig herauszufinden (als gäbe es nur noch das Internet zur Recherche), es hätte ja auch so schnell gehen müssen (als ob die geschätzten 10 Minuten, die für eine solide Überprüfung gebraucht hätte, da irgendwas ausmachen würden), und überhaupt, der Fälscher und der Niggemeier, das sind zwei ganz Gemeine. Wenn Dummheit und Dreistigkeit sich eben paaren …

Als jemand, der seit nunmehr 12 Jahren mehrere Fachzeitschriften mit einem sehr kleinen Team und relativ wenig finanziellen Mitteln betreut, kann ich mich immer nur darüber wundern, wie „die Großen“ so arbeiten. Mit solch zusammengeschludertem Zeug dürfte ich unseren Lesern nicht kommen. Da sitzt immer jemand, der im Zweifelsfall weiß, dass der Giftzahn der Gabunviper doch einen halben Zentimeter länger ist oder das Verbreitungsgebiet vom Braunen Schlammfrosch nun einmal auch den Benin mit einschließt. Und trotzdem kriegen wir es so einigermaßen sachlich richtig hin. Und wenn, was natürlich immer mal vorkommt, eben doch ein Fehler passiert, dann stellt man es richtig und entschuldigt sich dafür, aber man jammert nicht über die Umstände der Welt und die Gemeinheit derer, die Fehler oder fehlerhafte Arbeitsweisen aufdecken.

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/reptilienfonds/2009/02/12/getroffene_wilhelms_bellen/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • Schöner Kommentar, einer der Besten den ich zu der Angelegenheit gelesen habe. Er trifft den Kern – einige wenige (wie beispielsweise die taz oder handelsblatt.com) haben ihren Fehler zum Anlass genommen sich zu entschuldigen und die „Lapallie“ zum Anlass genommen die Arbeitsweisen des Journalismus kritisch aber auch gewitzt unter die Lupe zu nehmen.

    Die aberwitzigen Rechtfertigungsalbernheiten einer „SpiegelOnline“-Redaktion treffen allerdings schon eher Bild-Niveau.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.