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Beiträge von März 2009

28.03.2009

Tatort: Gesang der toten Dinge

von Heiko Werning

Uff, was für ein Wochenende: Am Donnerstag der schöne, aber tränen- und wodkareiche Abschied vom Laine-Art nach sechs wunderbaren Jahren mit den Brauseboys dort, am Freitag die große Umzugsfeier im La Luz, zu der sage und schreibe an die 250 Leute kamen – mehr als doppelt so viel, wie wir (und das La Luz) in unseren optimistischsten Schätzungen erwartet hatten. Und: Trotz Warteschlangen zum Bier, der Abend war großartig! Ein perfekter Start am neuen Ort. Ab jetzt also, jeden Donnerstag, 20.30 Uhr: die Brauseboys im La Luz, Osram-Höfe, Oudenarder Str. 13-15, Berlin-Wedding. Kommt alle.

Und morgen wieder Reformbühne Heim & Welt, um 20.15 Uhr im Kaffee Burger, Torstr. 60, Berlin-Mitte. Jakob Hein, Ahne, Falko Hennig, Jürgen Witte und ich begrüßen morgen eine illustre Gästerunde: Rayk Wieland vom Toten Salon in Hamburg ist da, außerdem die schräge CloOzy und dazu Sebastian Block von der Band Mein Mio.

Den zeitgleich laufenden Tatort muss man dafür nicht mal aufnehmen, wenn man zur Reformbühne kommt. Der taugt nicht. Obwohl vom eigentlich ja fast immer treffsicheren Münchener Team, ist das Ganze diesmal ein großer Esoterik-Quark. Der Bösewicht wird letztlich über seine Aura ausgemacht und von einem seherisch begabten Köter gestellt. Das wäre ja nun wirklich nicht nötig gewesen. Ausführlich rezensiert habe ich den Film für den Tatort-Fundus:


Aufklären gegen die Aufklärung
„Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als eure Schulweisheit euch träumen lässt“, so wetterte schon Shakespeares Hamlet gegen den Geist der Aufklärung, und selbst als hartnäckigster Gegner von jedem Glauben an Übersinnliches muss man jetzt die Waffen strecken und zugeben: Ja, nämlich der TATORT „Gesang der toten Dinge”.

Die Handlung lässt zunächst noch nichts Böses ahnen, denn warum nicht mal eine Geschichte im Esoterik-Milieu ansiedeln? Also: Doro Pirol, die – nun ja – Moderatorin einer jener durch die hinteren TV-Kanäle marodierenden Astro-Shows wird tot aufgefunden. Alles sieht erst so aus, als hätte die Dame ihren schon zu Lebzeiten recht direkten Weg zu den Engelchen eigenmächtig abgekürzt und sich erschossen. Eine Freundin glaubt das aber nicht, sie hält den Abschiedsbrief für gefälscht. Batic, Leitmayr und die gerade gastierende Kriminalerin Gabi Kunz aus Basel finden zudem Indizien, die eher auf Mord schließen lassen.
Mit dem Ehemann der Getöteten, der vor der Kamera auf du und du mit Erzengel Gabriel parliert, ist rasch ein Verdächtiger gefunden, denn offenbar war das Ehe-Karma der beiden durch ziemlich irdische Dinge wie Fremdgehen gestört. Wie überhaupt die Stimmung unter den Esoterikern gespannt ist: Der Stiefvater, der selbst mit einer zweifelhaften Professur an wahrsagerisch mehr oder minder begabten Personen forscht, verstand sich nicht gut mit seinem Schwiegersohn, offenbar hält jeder in der Szene den anderen für einen Scharlatan.Die Kommissare finden in Doros Nachlass den Hinweis auf eine Fefi, eine Art moderner Kräuterhexe, die Auren sieht, damit Krankheiten und das Wetter vorhersagt und ansonsten Teechen zusammenstellt. Und die außerdem noch den „Gesang der toten Dinge“ auf Band aufnimmt, woraus ein befreundeter Mediziner Symphonien knarzender Türen arrangiert. Dazu kommt – ohne geht’s im TATORT anscheinend nicht mehr – ein kuscheliger Hund und eine entführte Katze.

Das Personal dieses Films ist also eine ziemliche Freakshow, der Krimi eine Komödie. Das Zusammentreffen der rational denkenden Kommissare mit den schrägen Anhängern des Übersinnlichen und Astrologischen bietet natürlich allerhand Munition für schöne, geschliffene Wortgefechte, und das in Sachen Humor ja bestens bewährte Münchener Team sorgt dafür, dass das Ganze phasenweise wirklich komisch ist. Und auch das Ermittlerteam selbst lässt sich nicht lumpen: ein Gerichtsmediziner mit zwanghaftem Tick und die taffe schweizerische Gastermittlerin, die sich mühevoll zwingen muss, für deutsche Ohren überhaupt verständlich zu sprechen, sorgen für zahlreiche weitere komische Effekte. Es ist ein bisschen, als wollte der BR dem Münsteraner TATORT-Team mal zeigen, was ´ne Harke ist. Wenn man Gefallen an gehobenem Humor und komödiantischen Krimi-Handlungen findet, dann wird man seine Freude haben an diesem hervorragend besetzten, atmosphärisch dichten Film. Allerdings sollte man sich dann auch das eingangs angeführte Shakespeare-Zitat zu eigen machen. Jene Zuschauer aber, die auf dem naturwissenschaftlichen Boden der Tatsachen stehen und sich eher der Tradition der Aufklärung verpflichtet fühlen, brauchen schon wirklich gute Nerven, um das alles wohlwollend zu betrachten. Man reibt sich zunehmend verwundert die Augen, denn ganz allmählich wird es einem klar: Dieser Film spielt gar nicht zweideutig mit dem Übersinnlichen – er setzt es, trotz einiger Hintertürchen, ziemlich eindeutig als real gegeben voraus. Oder um es mit Regisseur Thomas Roth zu sagen: “Ich glaube nicht dran, aber der Film glaubt schon ein bissl dran!”
Wirkt es nach dem recht brachialen Einstieg mit all den Verrückten noch so, als wolle das Buch sich vom allzu einfachen Draufhauen auf die Esoterik-Spinner mit der Einführung der fraglos faszinierend zwischen Erdigkeit und Seherei schwebenden Figur Fefi distanzieren und so etwas wie Tiefe in die Charaktere bringen, die allein sonst zu klischeehaft ausgefallen wären, ist es bald schon umgekehrt: Vorgeführt werden die „G’scheiten“ – hier Leitmayr und Kunz –, die engstirnig und verrannt an so was Triviales wie Indizien und Beweise glauben und daran, dass es für alles eine vernünftige Erklärung geben muss, während Batic längst übergelaufen ist und sich lieber an gereimte Spökenkiekereien hält.
Denn es gibt ja mehr Dinge zwischen Himmel und Erde usw. Der strikte Glaube an die Rationalität wird aber nicht nur hinterfragt, er wird schlicht dekonstruiert. Denn in diesem Film ist das Übersinnliche letztlich unangezweifelte Tatsache. Ohne würde die Handlung irgendwann nur noch schwer funktionieren, ohne könnte der Täter nur wenig glaubhaft überführt werden. Da ist es auch nur folgerichtig, dass die nüchterne Schweizer Kollegin am Ende bekehrt wird und sich zur Sprechstunde bei Fefi einfindet.Und da darf man ja ruhig mal fragen: Brauchen wir ganz unbedingt ausgerechnet weniger Rationalität in der Gesellschaft, brauchen wir ein größeres Verständnis für Esoterisches, Übersinnliches, Unerklärliches? Wenn uns die Pressemappe darauf hinweist, dass um die 40% der Deutschen irgendwelchem Aberglauben anhängen – muss ausgerechnet der TATORT sie darin auch noch bestärken? Müssen die Ermittlerteams demnächst um Wahrsager und Sternengucker ergänzt werden?

Da bleibt einem schon die Spucke weg. Dieser TATORT stößt uns also – zwar komödiantisch luftig und leicht, in der Sache aber unerbittlich – mal richtig zurecht, dass man eben nicht alles erklären kann. Natürlich, das BR-TATORT-Team ist derart hochklassig, dass letztlich immer ein irgendwie ansehnlicher und diesmal phasenweise auch recht lustiger Film dabei herumkommt, zumal die Figuren, vor allem Fefi und Gabi Kunz, ganz wunderbar gespielt werden. Und, ja, das besondere Qualitätsmerkmal der Reihe ist ja gerade, dass hier auch Experimente gewagt werden können, dass man den üblichen Rahmen verlassen kann. Ob man aber unbedingt das Experiment eingehen musste, allerlei Hokuspokus das Wort zu reden? Ich zumindest hätte auf eine Überführung mittels der Aura des Täters und sein Dingfestmachen durch einen paranatürlich begabten Köter gut und gerne verzichten können.

26.03.2009

Die Brauseboys: 6. Geburtstag & Umzug ins LaLuz

von Heiko Werning

Freitag, 27.3., mit Manfred Maurenbrecher & Jan Koch

und ab 2.4.2009 jeden Donnerstag im:

LaLuz, Osramhöfe, Oudenarder Str. 13-15, Berlin-Wedding

U6 Seestr. / U9 Nauener Platz / Tram Osramhöfe

26.03.2009

Mit Herz auf die Schnauze

von Heiko Werning

Berlin soll freundlicher werden! Wowi will’s! Und ich kommentiere es. Drüben, bei der jungle world: Bitte lächeln!

21.03.2009

Der SPIEGEL und die Opfer von Winnenden

von Heiko Werning

Das muss man ja auch erst mal bringen. SPIEGEL-online macht groß auf mit dem offenen Brief der Opferfamilien von Winnenden und fasst diesen dann zusammen. Schlagzeile: “Opferfamilien aus Winnenden verlangen Killerspiel-Verbot”.

Außerdem, so erfahren wir auf SPIEGEL-online, fordern die Unterzeichner auch Einschränkungen im Waffenbesitzrecht sowie weniger Gewalt im Fernsehen. Denn, so SPIEGEL-online: “”In unserem Schmerz und in unserer Wut wollen wir nicht untätig bleiben”, schreiben sie, und “wir wollen wissen, an welchen Stellen unsere ethisch-moralischen und gesetzlichen Sicherungen versagt haben.”"

Und interessanterweise haben die Opferfamilien in ihrem Schmerz und ihrer Wut doch eine ziemlich präzise Vorstellung davon, wo die “etisch-moralischen Sicherungen” so versagt haben:

Berichte über Gewalttaten

Wir wollen, dass der Name des Amokläufers nicht mehr genannt und seine Bilder nicht mehr gezeigt werden. Am aktuellen Beispiel von Winnenden zeigt sich, dass die derzeitige Berichterstattung durch unsere Medien nicht dazu geeignet ist, zukünftige Gewalttaten zu verhindern. Auf nahezu jeder Titelseite finden wir Namen und Bild des Attentäters. Diese werden Einzug finden in unzählige Chatrooms und Internet-Foren. Eine Heroisierung des Täters ist die Folge.

Bei Gewaltexzessen wie in Winnenden müssen die Medien dazu verpflichtet werden, den Täter zu anonymisieren. Dies ist eine zentrale Komponente zur Verhinderung von Nachahmungstaten.

Dieser Punkt des offenen Briefes ist SPIEGEL-online keiner Erwähnung wert, nachdem das Heft diese Woche mit einem ganzseitigen Foto des Amokläufers aufmachte. Und am Schluss des Opferbriefartikels lesen wir:

Der 17-jährige Tim Kretschmer hatte bei seinem Amoklauf am 11. März 15 Menschen erschossen und sich anschließend selbst getötet.

Nachtrag 12.56 h:

FAZ, SZ, ARD und sogar BILD berichten ebenfalls über den Brief und erwähnen mehr oder weniger ausführlich die Forderung nach einer Reglementierung der Berichterstattung. Einzig heute.de unterschlägt sie, anonymisiert aber immerhin den Täter.

Nachtrag 22.03.

Oha, jetzt hat SPon reagiert und die Kritik an den Medien doch noch nachträglich in den Artikel eingebaut, sogar mit eigener Zwischenüberschrift. Der ganze Passus von der Zwischenüberschrift bis “Der 17-jährige Tim …” ist neu und war weder am Samstagmorgen, als die Nachricht noch im Aufmacherblock der Seite stand, noch am Mittag, als sie in die Panorama-Rubrik wanderte, vorhanden. Ein Hinweis auf diese nachträgliche Korrektur fehlt.

[mit Dank an die Hinweisgeber in den Kommentaren]

19.03.2009

TV-Tipp: Nicht der Süden (3sat Do/Fr 20.15 Uhr)

von Heiko Werning

Ich hatte ja schon mal kurz davon berichtet, und nun, ein gutes Dreivierteljahr später, ist es so weit: „Nicht der Süden“, die Geschichte von Volker Strübing und Kirsten Fuchs, zwei Berliner Lesebühnenkünstlern und Schriftstellern, die auszogen, auf einem Schiffchen in die Arktis zu fahren, ist fertig: die vierteilige Fernsehserie, die ab heute auf 3sat (20.15 Uhr) ausgestrahlt wird (Teil 2: morgen, Freitag; Teil 3 & 4: nächste Woche Donnerstag und Freitag) und das zugehörige Buch.

Zunächst mal die dringende Anguck-Empfehlung: Teil 1 habe ich schon vorab gesehen, und aus den anderen Teilen einige Ausschnitte – das lohnt sich ganz unbedingt. Man muss deswegen aber keineswegs auf die Brauseboys heute Abend verzichten: Wir zeigen die Sendung heute (und nächsten Donnerstag) im Laine-Art vor der Show – schließlich ist Kirsten ja unser Stamm-Brausegirl, und Volker ist unser uneingeschränkter Meister im Beteuern, auch mal als Gast kommen zu wollen, es dann aber doch nie zu tun. Eine Diva war er also schon bevor er zum Fernsehstar wurde.

Verblüffend finde ich bei „Nicht der Süden“ neben dem wirklich aufregenden Abenteuer an sich vor allem, dass die das praktisch alles selbst gemacht haben: Das Drehbuch ist von Volker und Kirsten, Regie führte Volker, und Hauptdarsteller sind sie auch noch.

Die Idee war es, einen dokumentarisch-literarischen Reisebericht zu verfassen, und die Wahl fiel auf die zwei in der Hoffnung, dass sie für ein ebenso unterhaltsames wie ungewöhnliches Ergebnis sorgen. Und das hat allemal geklappt.

In Teil 1 wird das Projekt vorgestellt, und es geht von Dänemark zu den Färöer-Inseln. Die beiden besuchen einen Windpark mitten im Meer und eine Aquakultur, außerdem werden sie ziemlich durchgeschaukelt auf hoher See. Die Bilder von der Reise sind äußerst beeindruckend, die Kamera fängt die epische Wildheit des Nordens in wunderbaren, stimmungsvollen Aufnahmen ein. Die Gespräche bemühen sich, die eingetretenen Wege zu verlassen, was insgesamt erstaunlich gut gelingt. Und die Berichte von unterwegs sind schön direkt und sehr unterhaltsam. Alles sehr gelungen also. Einige der Scherze wirken auf mich etwas zu gezwungen, ein bisschen so wie: „Wir sind hier ja schließlich als humoristische Literaten gebucht, jetzt muss es also auch mal lustig werden“. Manchmal. Manchmal ist es aber auch wirklich sehr komisch. Am besten gefallen mir die Passagen, wo die beiden tatsächlich gerade „in Aktion“ sind und sich auf die Situation einlassen können, die also nicht nachgespielt sind, was teils ein wenig gekünstelt wirkt. Und ein bisschen fehlte vielleicht noch der Mut, ganz die üblichen Wege der TV-Reportagen zu verlassen, schließlich ist es ja „richtiges“ Fernsehen. Ein paar mal meinte ich, da eine gewisse Hemmung angesichts dessen zu spüren. Ist vielleicht aber auch Quatsch.

Das Buch zum Film ist ebenfalls die Empfehlung wert, obschon ich es noch gar nicht gelesen habe. Aber in Auszügen gehört, und das klang schon sehr vielversprechend. Teil 1 ist eine durchgehende Erzählung von Kirsten, eine Zukunftsreportage über die Suche nach dem letzten Eisbären in der Mitte der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts. Teil 2 des Buches ist ein Interview von Volker mit sich selbst, wo er praktisch das ganze „behind the scenes“ ausplaudert. Dazu gibt es einen Fototeil im Buch, der leider nur in Teilen gelungen ist, weil irgendein Design-Trottel vermutlich auf der Fachhochschule gelernt hat, dass viele Freiflächen toll sind. Bei dem kleinen Buchformat aber führt das dazu, dass manche Bilder kaum wirken bis gar nicht erkennbar sind, das ist ein bisschen ärgerlich. Aber andererseits auch nicht so schlimm, weil dem Buch nämlich noch eine DVD beiliegt, auf der Teil 1 der Serie zu sehen ist, was natürlich weniger spannend ist, wenn man es eh im Fernsehen sieht oder aufzeichnet, aber der eigentliche Clou ist das als Diashows getarnte Herzstück des Projekts, zumindest für mich: Großartige Fotos, hinterlegt mit von Volker und Kirsten eingelesenen Texten, und das können sie halt letztlich immer noch am allerbesten: selbst geschriebene Texte vorlesen. Das allein lohnt den Buchkauf ganz unbedingt.

Zusammengefasst also: tolle Bilder, tolle Reise, tolles Projekt. Ich wünsche ihm viel Erfolg. Damit das vielleicht demnächst Mode wird und wir alle mal wegfahren dürfen. Ich erwähnte ja schon, ich kann gerne mal mit einem Kamerateam durch die Karibik dümpeln auf der Suche nach Wirtelschwanzleguanen. Oder nach Feuerland auf der Spur des südlichsten Reptils der Welt.

Fotos: ZDF/Alexander Lembke & Sabine Streckhardt

Nachtrag 22.03.

Robert Weber hat’s nicht so gut gefallen. Ich sehe das weit weniger streng, wie oben ausgeführt, aber lesenswert ist es doch: Nicht das Gelbe.

19.03.2009

Ist der Papst am Ende auch noch gegen den Teufel?

von Heiko Werning

Große Aufregung, weil der Papst Kondome disst. Darüber habe ich mir heute in einem Kommentar für die taz so meine Gedanken gemacht.

18.03.2009

Stadt Heidelberg tötet hunderte streng geschützter Eidechsen

von Heiko Werning

BUND Heidelberg

Mauereidechse Foto: NABU Heidelberg

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Die Stadt Heidelberg schmückt sich gern mit dem Titel „Bundeshauptstadt im Naturschutz“, ist aber gleichzeitig der Austragungsort einer absurden Provinzposse auf dem Rücken des Naturschutzes. Auf einem 45 ha großen ehemaligen Bahngelände soll dort ein ganz neuer Stadtteil entstehen, mit dem sinnigen Namen „Bahnstadt“. Nun ist genau dieses Gelände allerdings der Lebensraum einer der größten deutschen Populationen der streng geschützten Mauereidechse. Und da darf man, diverser Naturschutzgesetze sei Dank, halt nicht einfach Häuschen drauf bauen. Deswegen musste ein Ausgleichsbiotop für die Mauereidechsen angelegt werden. Und da hätte man mal besser Fachleute befragt. Denn zum einen hat man bei einer ersten Populationsabschätzung wohl ziemlich schlampig gearbeitet: 510 Mauereidechsen ermittelte die Stadt bei ihren Erhebungen, in Wirklichkeit sind es 3.000–5.000. Dementsprechend ist das Ausgleichshabitat mit 2 ha viel zu klein für den großen Bestand. Das hat die Heidelberger nicht daran gehindert, in stoischem Gleichmut die Tierchen einzufangen und umzusiedeln. Ohne dabei zu bedenken, dass so ein neu angelegter Lebensraum erst einmal Zeit braucht, um überhaupt bewohnbar zu sein. Die Eidechsen müssen ja auch von irgendwas leben – von Insekten und anderen Krabbeltieren nämlich. Und die brauchen eine Weile, bis sie sich dort ansiedeln. Denn zuvor muss auch erst mal die Vegetation richtig sprießen. Nach Schätzungen von Fachleuten von NABU und DGHT (Deutsche Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde) kann der neue Lebensraum derzeit eine Population von „nur wenigen dutzend Tieren Nahrung bieten“. Die Stadt Heidelberg hat im ersten Rutsch aber satte 1000 umgesiedelt – und damit um die 900 der streng geschützten Reptilien „in den sicheren Tod geschickt“, so NABU-Landeschef Andre Baumann.

N. Lutzmann

Die angebliche “Ausgleichsfläche”: Diaspora für Eidechsen Foto oben: N. Lutzmann; Foto unten: S. Panienka

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Aber damit nicht genug: neben den Mauereidechsen lebten im angehenden Bahnstadt-Areal auch Zauneidechsen, die ebenso geschützt sind. Die sind von der „Naturschutz-Hauptstadt“ gleich mal ganz übersehen worden. Und nicht nur das – die funktionsuntüchtige Ausweichfläche für die Mauereidechsen wurde wo errichtet? Genau: in einem funktionstüchtigen weiteren Zauneidechsenbiotop.
Den Planungen der „Bahnstadt“ tut das bislang keinen Abbruch – dort wird fröhlich weitergebaut, als wäre nichts. Damit auch die restlichen paartausend Mauereidechsen noch gezielt ins Jenseits übergesiedelt werden können (nachdem man sie mit Naturschutzgeldern fein säuberlich einzeln eingefangen hat).
Der schuppige Bodycount: zwei Zauneidechsenbiotope vernichtet, ein Mauereidechsenbiotop für 3.000–5.000 Tiere vernichtet, ein Mauereidechsenbiotop neu geschaffen, in dem vielleicht 100 Tiere überleben können. Und damit geben wir von der Bundeshauptstadt im Naturschutz zurück in die Bundeshauptstadt für den Rest.

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Umsiedlung ins Jenseits: Junge Mauereidechsen Foto: N. Lutzmann

N. Lutzmann

13.03.2009

Die beste Rezension aller Zeiten …

von Heiko Werning

… ist von mir, natürlich über den “beste Roman aller Zeiten” von Oliver Maria Schmitt. In der aktuellen jungle world. Oder im Internet.

08.03.2009

Der Wochenendkrimi: Tatort – Mauerblümchen

von Heiko Werning

Wieder bat mich der Tatort-Fundus um eine Vorab-Rezension des heute ausgestrahlten Films, und wieder bin ich dem gern nachgekommen.

Mein Tipp: Lieber zur Reformbühne Heim & Welt kommen und dort Ahne, Jakob Hein, Falko Hennig, Jürgen Witte und mir sowie unseren Gästen Thilo Bock und Hagen Damwerth lauschen; Aufnahme des Tatorts nicht unbedingt erforderlich. Film taugt nur so mittel. Ausführlich hier:

Wie Popcorn
Ein starker Einstieg: Der TATORT beginnt damit, dass ein mittelalter Herr im strömenden Regen nachts ein junges Mädchen im Auto zu sich nach Hause fährt, die recht attraktive junge Dame lässt sich ein Bad ein und die Hüllen fallen, tunkt den Fuß aufreizend spitz ins Wasser, die Kamera folgt ihm unter die Schaumschicht, das Bild wird wässrig-trüb-grau, und im nächsten Moment rennt eben jene junge Frau panisch durch den Regen und barfuß über einen Acker. Sie reißt ihren kleinen, durchnässten Fummel von sich, um schneller laufen zu können, und dann sehen wir, wie auf der einsamen Feldstraße daneben bei einem Auto die Rückfahrscheinwerfer aufleuchten. Leider ist die Anfangsszene letztlich auch gleich die beste im ganzen Film.
Aber der Reihe nach: Wir sehen das Haus aus der nächtlichen Szenerie am nächsten Morgen wieder, darin wimmeln die Damen und Herren von der Spurensicherung sowie die Kommissare Saalfeld und Keppler umher, die Wanne ist noch voll, auf dem Boden liegt der Herr aus der Eingangsszene in einer Blutlache. Niedergeschlagen und fachgerecht abgestochen – “so schlachtet man Tiere”, bemerkt Kommissarin Saalfeld wenig geistreich, und geradezu rätselhaft zur ländlichen Lage des Einfamilienhauses: “Ganz schön einsam für ein Paar ohne Kinder”. Aha. Der Dialogfeinschnitzer hatte wohl Urlaub, da musste der Schreiner mit dem großen Hobel ran.
Aber was soll’s, zurück zum Fall: Das Opfer war einer der Bürgermeister Leipzigs und zuständig u. a. für das notorische Bauwesen. Die Spuren des nächtlichen Damenbesuchs sind rasch gefunden und erstaunen nun etwas, da das Opfer nämlich mit der Ehefrau im gemeinsamen Haus lebte. Hat er seine Geliebte mit nach Hause geschleppt, während seine Frau oben nichts ahnend schlief – ein Eifersuchtsdrama also?
Oder war es der grobschlächtige Bauunternehmer Stefan Rose, der prompt während der Befragung der Kommissare auf dem Amt hereinpoltert und einen Brief aus dem Posteingang stibitzt, mit dem er sich selbst diskreditieren würde, weil er dem Bürgermeister darin wegen eines entzogenen Auftrags droht? Und der, Überraschung, ganz passend nicht nur Jäger ist, sondern auch gleich ein ähnlich abgestochenes Reh im Kofferraum hat? Wir erinnern uns: “So schlachtet man Tiere.” Natürlich, das wissen wir abgeklärten TATORT-Zuschauer, wenn nach ein paar Minuten schon eine derart penetrante Indizienlage aufgetischt wird, wird der es wohl nicht sein, und so beginnt es sich dann zu drehen, das Verdächtigenkarussell, und schnell geht es weiter zum Besitzer des Hotels, an dem der Bürgermeister am Abend zuvor tagte, von dort zu den tschechischen Zimmermädchen, die von der fiesen Chefin einer Zeitarbeitsagentur unter miesen Bedingungen verliehen wurden, die aber womöglich auch als Prostituierte geliebesdient haben, und bald schon wird so gut wie jedes Verbrechen, mit Ausnahme vielleicht der Vorbereitung eines Angriffskrieges, in den Fall involviert: Misshandlung, Folter, Zuhälterei, Sex mit Minderjährigen, illegale Beschäftigungsverhältnisse, illegale Entlohnung vulgo Ausbeutung, Leben mit falschen Pässen und unter falschen Namen, Amtsmissbrauch, Dokumentenfälschung, Bestechung, Tierquälerei, Diebstahl, Geiselnahme, Körperverletzung und Mord ja sowieso.
Erstaunlich fast, dass die von Rose zur Strecke gebrachten Enten nicht gewildert wurden. Auch die gesellschaftlichen Problemzonen, die angerissen werden, sind artenreich wie ein Quadratkilometer tropischen Regenwaldes: Auswüchse des modernen Arbeitsmarktes, Leiharbeit, Billigarbeiter aus dem Osten, Prostitution, Sexfilmchen im Netz, Korruption in der Baubranche, Tablettenmissbrauch, Fluglärm, Organhandel, ganz zu schweigen von der bekannten Problemlage, dass gutes Personal halt schwer zu finden ist.

Es ist also, kurz gesagt, genug Stoff vorhanden für 90 Minuten, zumal auch noch Platz sein muss für mal wieder eine kleine Hunde-Nebengeschichte, für ein posteheliches Eifersuchtsdrama zwischen Keppler und Saalfeld, für viel Gerenne (Keppler mit dem treffendsten Satz der Folge: “Warum rennen die denn alle weg?”), für ein ausuferndes Hin-und-Her-Whodunnit und für einen wüsten Showdown samt einem wirklich idiotischen Telefontrick.

Nach dem punktgenauen, hervorragend recherchierten “Schwarzen Peter” zuvor ist “Mauerblümchen” eher ein Rückfall in die Leipziger Startfolgen: Offenbar will man unbedingt alles richtig machen beim MDR und einen wirklich zeitgemäßen, gesellschaftsrelevanten Großstadtkrimi abliefern, aber vergisst vor lauter Themen, Effekten und Personenmerkmalen die Seele einer Geschichte. So bleiben einem das Geschehen trotz aller Brisanz ebenso wie die handelnden Personen merkwürdig gleichgültig, zumal man gut damit beschäftigt ist, wenigstens grob den Überblick über die zahllosen Stränge zu behalten.
Was den Machern des Films offenbar ähnlich ging, sodass sie doch einige grobe Zufälle bemühen müssen, ebenso wie eine bizarre Suchmeldung: “Gesucht wird ein dunkelhaariges Mädchen, Schuhgröße 36,5, vermisst einen Ohrring.” Die führt interessanterweise dazu, dass Streifenpolizisten mal eben mit dem Suchscheinwerfer Leipzig ableuchten – ohnehin aber eine Handlungssackgasse, denn die Gesuchte liegt praktisch zeitgleich misshandelt und tot im Krankenhaus, was ja hoffentlich auch aufgefallen wäre, wenn sich der Taxi-Fahrer, der die Sterbende transportierte, sich nicht aufgrund eben jener präzisen Suchmeldung gemeldet hätte. Dagegen wirkt die auch nach 48 Stunden immer noch flüssig-glänzende Blutlache am Tatort direkt realitätsnah.
Insgesamt trotz aller Schwachpunkte kein wirklich schlechter Film, was nicht zuletzt vor allem dem wieder grandios nüchtern-distanzierten Keppler zu verdanken ist, der sich einmal mehr dem allgemeinen sinnlos-aufgesetzten Höflichkeitsgeplänkel widersetzt. Das Ganze ist auch gefällig inszeniert und ganz nett anzuschauen, aber letztlich erinnert “Mauerblümchen” ein bisschen an Popcorn: ziemlich aufgeblasen, der Geschmack aufgestreut, an sich aber geschmacksneutral, und wenn man es kräftig zusammendrückt, bleibt nicht viel davon übrig.
04.03.2009

Endlich stellt’s mal jemand fest: Ich bin sympathisch

von Heiko Werning

Und zwar in der Berlin-Ausgabe der taz, in einer (auch sonst) gelungenen Reportage von Saskia Vogel.

Und bei der Gelegenheit noch eine Info-Durchsage: Der alte Literaturschläger Andreas Gläser ist endlich wieder als DJ Baufresse regelmäßig zu sehen, und zwar in der Neuauflage des Wiener Berliner Waldes, zusammen mit den Slammern Wolf Hogekamp, Bas Böttcher, Yaneq, Gauner, Claudius Hagemeister und dem großartigen Frank Klötgen. Gast am Wiedergründungsabend: Ur-Wäldler Felix Römer.

Berliner Wald-Comeback im Oberbaum-Eck
Bevernstr. 5 (gegenüber vom U-Bahnhof Schlesisches Tor), Kreuzberg
Mittwoch, 4. März 2009, 20.00 h Einlass, 20.45 h Start.