Jakob Hein: Nur kurz was zu „Axorotl Totkill“ – erst habe ich lange überlegt, ob ich überhaupt was zu diesem Quatsch mache, aber letztendlich war es dann für mich einfacher und schneller, den Text zu schreiben, als ihn mit einem Dutzend Texte zu unterdrücken

Einige schimpfen jetzt mit der Frau Hegemann herum, weil sie ihr Buch kopiert hat. Einige, die das Buch besonders intensiv gelobt haben, müssen nun bei diesem Lob bleiben, weil sie in den letzten Jahrzehnten keinen Fehler gemacht haben und nun nicht damit anfangen werden. Ihren Frust lassen sie lieber am nächsten Buch eines anderen jungen Autors oder noch besser am nächsten Buch von der Hegemann aus. Gemein ist das halt, insofern sie ja das Buch nicht einmal selbst geschrieben hat. Der Freund eines engen Freundes ihres 61-jährigen Vaters (gemeint sind der 48-jährige Rene Pollesch und der 53-jährige Harald Schmidt) holt die Siebzehnjährige zu sich ins Fernsehen, wo sie weiter so tun kann, als wäre sie wahnsinnig abgeklärt und nicht eine verunsicherte Jugendliche, die ihre letzten Reste von Babyspeck gern hinter ihren langen Haaren versteckt.
Was ja Helene Hegemann übersieht, ist, dass sie sich selbst verarscht. Wenn sie mit gefälschter Abgeklärtheit darüber lachen kann, dass andere ihr vorwerfen, dass sie ihre Berichte über erschütternde Abgestumpftheit nur kopiert hat. Nun, dass sie das kopiert hat, ist nicht überraschend. So sehr sich das Fräulein Hegemann das vielleicht sogar derzeit wünschen würde, so wenig gibt es Frauen unter vierzig, die tatsächlich abgeklärt gegenüber Analverkehr, Drogenexzessen und dem Töten von Kindern wären. Das heißt, dass ihre Abgeklärtheit notwendigerweise eine übergestreifte, eine angenommene, eine Wunschhaltung ist. Die Dinge, an die man noch nicht herankommt, kann man eben entweder als begehrenswert betrachten oder behaupten, man sei schon vor ihrer Erreichung über sie hinausgewachsen. Beschrieben ist das schon in der alten Fabel vom Fuchs und den Weintrauben. Begierig frisst ihr das Feuilleton aus ihrer Hand, weil dort schon seit langer Zeit auf eine Meldung gewartet wird aus dem Lager der Jugend, seit mehr als zehn Jahren ist keine Nachricht von dort gekommen.
Doch was genau ist die Funkmeldung? Die Funkmeldung ist, dass Frau Hegemann sich hingesetzt hat und möglichst lebenssatte Äußerungen aus einer Welt der Überflüssigkeit zu einem Buch zusammenkopiert hat. Dass sie außerdem eine Kurzgeschichte abgeschrieben hat. Dass das nun mal so sei, sie würde es gern Intertextualität nennen. Dass sie nichts Neues schaffen muss, weil alles schon da ist. Dass sie mit siebzehn schon fertig ist mit ihrem Leben.
Das ist toll, das ist in etwa das, was man erwarten konnte von der Jugend, was nicht verwunderlich ist, insofern sie ja auch das vorhandene Material aufgelegt hat, wie sollte da etwas entstehen? Die nächste Mitteilung kann nun von einer Zwölfjährigen erwartet werden, die noch nicht einmal Lust hat, sich in den Arsch ficken zu lassen, weil sie „Axolotl Roadkill“ gelesen hat und nun sicher ist, dass sie das auch nicht weiterbringt.
So erfolgreich solche Abgesänge sein mögen, so destruktiv sind sie doch. Sie weisen in keine Richtung, ihre letzte Konsequenz ist vorgezogener Selbstmord. Was ist toll daran, im ersten Drittel seines Lebens fertig damit zu sein? Was ist der nächste Song, den DJane Helene für uns auflegt, zusammengemixt aus Sätzen, die einer Welt entstammen, die sie nicht verstehen will, einer Welt, in der Menschen aus Motiven Texte schreiben? Denn auch nach Jahren intensivsten Luftgitarre-Spielens beherrscht man nicht einmal die Grundkenntnisse des echten Instruments.
Die Reportagen „Was macht eigentlich Helene Hegemann?“ können jetzt schon vorbereitet werden, wahrscheinlich wird die Dame schon in ein paar Jahren irgendwo unvorteilhaft zu fotografieren sein, wenn sie langsam ihren zur Schau getragenen Weltekel mit Substanz gefüllt hat.

Kommentare (18)

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  1. ich weiss gar nicht was das ganze debatkel soll? entlarvt hat sich der feuilleton und hat einige seiner übelsten markt-mechanismen enblösst. viele der autoren und kommentatoren die sich nach der “affäre” vor die autorin gestellt haben kommen entweder aus dem ullstein lager oder wie harald schmidt aus der hegemannschen theaterwelt. aber für wen wird diese posse inszeniert? für all diejenigen die sich nie selbst aufmachen können gute literatur zu entdecken – die darauf angewiesen sind von feuilleton an der nase herumgeführt zu werden .- von einem feuilleton der sich im kreis dreht. fazit: die gute literatur wird es weiter geben -verarscht wird wer es will auch weiterhin (es gibt da ja auch noch die FDP, den SPIEGEL, die GRÜNEN und wie sie alle heissen) – die anderen können nur ebenso fassungslos danebenstehen wie sie es immer tun (hoffentlich).

  2. … also ich frage mich dabei: hat so eine 17jährige (ja okay grad 18, aber als sie das schrieb war sie 16) also ein kind (!) nicht auch anspruch auf schutz? warum wird sie wie eine erwachsene behandelt? (und auch so durch den fleischwolf gedreht.) welche verantwortung hat ihr vater, hat ullstein, siv bublitz, das feuielleton, haben wir alle ggüber diesem mädchen…?

  3. Pingback: Oh, what a world. » Blog Archive » Totkill

  4. @Jörg Janzer
    Mit Haaren kenne ich mich nicht so aus. Aber was hat denn Carl H. Zynisches geantwortet?

  5. Für Plagiate sollte die straf-befreiende Selbstanzeige eingeführt werden. :-)

  6. @Ekkehard Knörer
    Lieber Herr Knörer,
    leider erreichen auch wir beide noch keinen Dissens. Ich stimme Ihnen weitgehend zu und fühle mich an einer Stelle falsch verstanden:

    >Was ich da recht vernehmlich höre, ist die Forderung nach einer >anständigen Führung des Erfahrungshaushalts. Da ist mir so ein >großmäulig-angemaßtes Inauthentizitätsmessietum allemal lieber.

    Nein, eine Erfahrungshausfrau erwarte ich nicht. Großmäulig und angemaßt finde ich schick. Problematisch finde ich die Haltung, die Frau H. einnimmt…

    >Besser, es kommt eine davon wieder runter, als dass sie so hoch erst >gar nicht hinausgewollt hat.

    … denn mein Eindruck ist, dass sie sich nicht selbst auf das Pferd gesetzt hat, sondern darauf gesetzt wurde und ihr nun die medienerfahrenen, abgeklärten Berater amüsiert beim Reiten zusehen, weil’s so drolig ausschaut.

  7. @rayk wieland
    Mag sein, ich weiß es ja nicht. und in der Tat will ich’s auch gar nicht wissen, weil ich nichts Großes vermute hinter der Hegemannprosa. Ordentliche Schöpfungshöhe sollte nicht heißen, dass ich glaube, dass es an sich großartig ist, sondern dass sie den Strobotext aufs nächsthöhere Sprachniveau versetzt hat. Immerhin. Ich glaube, wir beide haben leider gar keinen Dissens. das ging nur gegen andere rausgehörte Sachen, die auf öde Forderungen hinausliefen wie die, dass eine gefälligst nur schreiben darf über ihr widerfahrene Dinge; oder auch, dass sie gefälligst zu begreifen hat, was sie tut; dass andersherum ein gut zusammengemixter Sprach-Track keine Literatur sein könnte. Kraftausdruckstheater, mitreißendes allerdings, wär doch was.

  8. @ekkehard knörer
    das plagiat, da haben Sie recht, ist nicht das problem. schriftsteller machen nur selten die erfahrungen, die sie behaupten. abgeschrieben wird immer. mal mehr, mal weniger geschickt. mit der “ordentlichen schöpfungshöhe”, die Sie rühmen, ließe sich leben, wenn es da sonst noch etwas gäbe. das dilemma ist aber, daß es, abgesehen davon, daß ein plagiat ist oder kein plagiat ist, nicht viel ist, nicht viel mehr als ein, sagen wir, zähes und gewolltes oder meinetwegen gewollt-zähes kraftausdruckstheater.

  9. <<Forderung nach einer anständigen Führung des Erfahrungshaushalts. Da ist mir so ein großmäulig-angemaßtes Inauthentizitätsmessietum allemal lieber. <<
    Ich habe zwar J. Hein auch zugestimmt, aber der Begriff (das Potential eben) hier ist zu hübsch!
    100 Punkte!!

  10. Lieber Jakob Hein, wenn ich Deine Einlassungen zu H.H. bzw. Axolotl Roadkill richtig gelesen habe, sind diese literaturtheoretisch und gleichzeitig irgendwie auch “psychologisch” angehaucht.

    Als Auch-Neuro-Psychiater moechte ich eine eigene interpretation des den Hegemann-Plot mit Dir diskutieren. In dieser kommt Helene sehr gut weg.

    Helene Hegemann hat bekanntermassen einen Art Tick mit den Haaren. Bei Harald Schmitt hat sie das vorgefuehrt. Als er sie darauf ansprach, warum sie sich dauernd durch die Haare fahre, sagte sie – und deutete dabei auf eine Haarstraehne – “wenn diese Straehne so steht habe ich Hunger”.

    Es gibt Indianerstaemme, fuer die sind die Haare der Sitz der Seele. Deshalb wahrscheinlich auch das Ding mit dem Skalp. Wer seine Haare streichelt streichelt seine Seele und drueckt damit auf “indianisch” aus, dass seine Seele es liebt, gestreichelt zu werden.

    Die gleichen Indianer kennen auch den POTLACH. Ein Ritual, in dem sie in einen Rausch des Verschenkens geraten mit der Folge, dass manche von ihnen am Ende alles Hab und Gut wegegeben haben. Helenes literarische Klauerei kommt mir in ihrer Exzessivitaet wie ein umgekehrter POTLACH vor. Klau-Orgie versus Verschenk-Orgie.

    Helene Hegemann ist fuer mich eine alterslose Schamanin, die in einem total pathologischen pseudo-schamanistischen Umfeld aufgewachsen ist – ich sage nur Volksbuehne. Wie soll ein junger Kuenstler diese fleischgewordene Zerstoerungsanstalt der Illusionen ficken, gegen was soll er da noch aufbegehren? Der Kartoffelsalat ist doch laengst gegessen oder verschimmelt.

    Nie seit Rimbaud ist ein jugendlicher Autor ploetzlicher und strahlender am Firmament des literarischen Feuilletons aufgeleuchtet als H.H. Und wenn sie eine blutjunge Autorin aus der allgemeinen Bevoelkerung waere, haetten alle sie fuer ihre ebenso frechen wie inspirierten Klauerreien geliebt. Aber H.H. hat einen Vater mit Namen Carl Hegemann, der seine Helene so auf die Ueberholspur der feuilletonistischen Aufmerksamkeit gehieft hat, dass alle anderen jungen Autoren aus der allgemeinern Bevorlkerung nur noch sprachlos hinterher schauen koennen.

    Ich habe Carl Hegemann das geschrieben und er hat mir geantwortet. Darauf habe ich ihm geschrieben, dass ich seine Antwort fuer auesserst zynisch halte. Seither ist seine Mailbox fuer mich geschlossen.

    Bis Sonntag im Kaffee Burger.

    Herzliche Gruesse
    von
    Joerg Janzer

  11. @knörer Ja, mmmh, gut. Haben Sie schon recht. Nur fromm und im Rahmen der korrekten Klischees muss es ja auch nicht sein. Aber als “negative Ästhetik” taugt das Ullstein-Buch ja nun auch nicht recht. Geht weg wie warme Semmeln. Und dass der Künstler einen antibürgerlichen Hut aufhaben muss und überhaupt ständig so anti-bieder ist – das ist ja auch schon wieder ein biederes Klischee vom Künstlertum als dem leibhaftigen Anti-Bürger. Kafka und Pessoa – wie spießig die daherkamen. Hatten aber mehr revolutionäre Kraft als alle, die einen unanständig geführten Gefühlshaushalt zu ihrem Markenzeichen gemacht haben. Ich habe nichts dagegen, wenn den Kindern etwas einfällt, was die Wände der Museen erschüttert und im Feuilleton echten Schrecken auslöst. Gut möglich, dass die Kinder dafür nur eins tun müssten: glaubhaft aufschreien, wie kaputt sie sind, und leise sagen, was ihnen angetan wurde. Da würde dann einigen im Familienministerium die Kinnlade herunterfallen, kein Zweifel.

  12. Ich kenne vom Buch nur die Auszüge, die zum Vergleich neben den Auszügen aus dem anderen Buch, aus dem sie’s angeblich hat, standen. Jeder einzelne der Auszüge von der Hegemann-Seite war schlicht viel besser in Rhythmus und Formulierung als das angeblich Plagiierte. Da war für mich jeweils eine recht ordentliche Schöpfungshöhe erreicht. Und ehrlich gesagt klingt aus mancher der Äußerungen von Jakob Hein und Kommentatoren dann doch auch ein arg vorgestrig-biederes Kunst- und Lebensverständnis heraus. Was ich da recht vernehmlich höre, ist die Forderung nach einer anständigen Führung des Erfahrungshaushalts. Da ist mir so ein großmäulig-angemaßtes Inauthentizitätsmessietum allemal lieber. Besser, es kommt eine davon wieder runter, als dass sie so hoch erst gar nicht hinausgewollt hat.

  13. daß die jugend angelesene erfahrungen umformuliert, ist ja praktisch die definition von jugend. insofern ist dem hege-teenie nichts vorzuwerfen. das problem ist das buch, von dem keiner sagen kann, was drin steht, nicht mal sie selber (s. schmidt-show). ich habs gelesen und kanns auch nicht sagen. es “amorphelt” (g. polt) irgendwo zwischen wunschtagebuch und bigotten weltschmerz-blasen vor sich hin. es hat keinen anfang und kein ende. und keine mitte. der titel sagt ja schon alles, also nichts. “axolotl. roadkill” – “mein gott, ist das beziehungsreich. / ich glaub, ich übergeb mich gleich.” (r. gernhardt)

  14. @Giorgio Baumann
    Den Film hat sie schon vor drei Jahren gedreht. Am ehesten ist wohl eine Oper zu erwarten.

  15. “so wenig gibt es Frauen unter vierzig, die tatsächlich abgeklärt gegenüber Analverkehr, Drogenexzessen und dem Töten von Kindern wären. ” – Ich bin über vierzig und stolz darauf, immer noch nicht abgeklärt zu sein, immer noch die Welt verbessern zu wollen, an der bestehenden Realität zu leiden und eigene Gedanken zu haben… Arme Helene!!!! In ihrem Alter war ich voller Kreativität und glaubte daran, tatsächlich die Welt verändern zu können. Aus Trauer und Melancholie lässt sich auch heute noch mehr machen als das Abschreiben von Texten, die von Ficken und Scheiße handeln….

  16. “… dass ihre Abgeklärtheit notwendigerweise eine übergestreifte, eine angenommene, eine Wunschhaltung ist.” Da stimme ich zu, dass sich hier das eigentliche Drama abspielt, das sich allerdings für die Autorin völlig der Reflektierbarkeit entzieht. Die Sache ist aber zum einen doch typisch ist für den neuen, internet-gestählten Kindertypus. Und zum anderen eine Spur verwickelter. Die Schockresistenz gegenüber dem immer mysteriöseren “richtigen Leben”ist teilweise nur Show, teilweise auch real. Das Fell ist schon frühzeitig ziemlich dick. Es ist eine merkwürdige Mischung aus längst alles wissen und nichts richtig verdaut haben. Man wird bald die Kinder sexuell über gar nichts mehr aufklären müssen, dafür umso intensiver über das, was sie da eigentlich tatsächlich erwartet, wenn sie achtzehn sind. Im Marketing ist jetzt von “kidults” die Rede. An der Oberfläche gar nicht weiter zu schockieren durch die Dinge, die vor langer Zeit nicht mal “ab 21″ verbreitet werden durften. Dadrunter aber eine Verstörung und Ratlosigkeit, was es nun eigentlich mit dem Leben auf sich hat. Ich würde allerdings keine Mutmaßungen anstellen, wie’s mit der unfrommen Helene weitergeht. Man weiß es nicht. An dieser Generation wird ein offenes Experiment mit einer – wie mir scheint – relativ brutalen Versuchsanordnung vollzogen. Das nächste Werk könnte ein Film sein. Das kommt der Bastel- und Team-Ästhetik entgegen. Wenn sie ein bisschen hin macht, wird es ein Kassenschlager und Gruselschocker für die Leute über 30. Mal sehen.

  17. Hat doch schon geklappt, Mike Schmidt: Ihre Maske ist heruntergerissen und die Fratze ist leider klar sichtbar.

  18. soviel frust über ein schauspiel, dass jeder taeglich im tv sehen koennte wenn er denn moechte? – muss doch nicht sein!
    wir leben in einer angstgesellschaft, die besser zu regieren ist, wenn die angst immanent bleibt. warum nun auch in dieses horn tuten?
    das ist focus-like (fakten-fakten fuck) von der taz haette ich zumindest erwartet, dass die maske heruntergerissen wird und die fratze sichtbar wird. ich sehe das so: eine maske “hegewald” wird uns vorgefuehrt, damit wir nicht stutzen, wenn der atomkonsens kippt, wenn die umwelt weiter geschreddert wird usw.